26.01.2022

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24.02.01 Ein teures Auslandsprojekt, das Werte und Familie nicht ersetzen kann

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 24. Februar 2001


Kinder- und Jugendkriminalität:
Die letzte Chance – Auszeit in Afrika
Ein teures Auslandsprojekt, das Werte und Familie nicht ersetzen kann

Sie sind längst keine Seltenheit mehr in Deutschland: Kinder und Jugendliche, die ins kriminelle Milieu abrutschen, die mit Drogen handeln, Gleichaltrige erpressen oder auf der Straße leben. Jugendliche, mit denen keiner mehr fertig wird.

Ein Beispiel dafür sind André (16 Jahre) und Nicole (15 Jahre) aus dem Landkreis Hildesheim. Psychologen, Betreuer, Therapeuten sind ratlos. André droht der Knast, Nicole das endgültige Abgleiten ins Rotlichtmilieu. "Die sind aus jeder Gruppentherapie herausgeflogen und haben mit uns völlig abgeschlossen. Das Mädchen ging auf den Strich. Die Therapeuten kamen überhaupt nicht an sie ran", sagt Karl-Heinz Hagen, stellvertretender Fachdienstleiter des Jugendamtes Hildesheim.

Was macht man, wenn alle gängigen Mittel versagen und niemand mehr eine Lösung weiß? Bei André und Nicole scheiterte auch die stationäre Unterbringung in Heimen.

Als allerletzte Möglichkeit in dieser verfahrenen Situation fiel den Mitarbeitern des Hildesheimer Jugendamts ein sogenanntes Auslandsprojekt ein. André und Nicole werden nun für ein Jahr nach Südafrika geschickt – stolze 276 000 Mark kostet den Steuerzahler dieser Versuch. Ob der "letzte Strohhalm" allerdings etwas bringen wird, weiß niemand.

Um an solch einem Projekt teilzunehmen, müssen folgende Tatbestände und Voraussetzungen erfüllt sein: gutachterliche Stellungnahme, mehrfache vergebliche Versuche von stationären Hilfen, massive Verstöße gegen das Gesetz, Abgleiten in die Drogenszene, Obdachlosigkeit oder Prostitution. Allein in Niedersachsen nehmen zur Zeit 37 Jungen und zwölf Mädchen an solchen Auslandsbetreuungen teil.

In Südafrika warten auf Nicole und André völlig andere Verhältnisse, als sie bisher in Deutschland kennen: Arbeit auf dem Bauernhof und ein streng geregelter Tagesablauf sollen ihnen helfen, sich "auf sich selbst zu besinnen".

Ziel des Ganzen ist die Wiedereingliederung der jungen Menschen in die Gesellschaft. Fragt sich nur, in welche. Denn wenn die Jugendlichen nach einem Jahr intensiver Einzelbetreuung zurückkommen, befinden sie sich mit einem Mal wieder in einer völlig anderen Lebenssituation. Sie haben vielleicht gelernt, auf einer Farm in Afrika zurechtzukommen, also in einer Art "heiler Welt", wohlbehütet und fernab von Drogenszene, Rotlichtmillieu und Kriminalität. Aber bedeutet das auch, daß sie nach ihrer Rückkehr nicht mehr ihrem früheren Umfeld verfallen? Was, wenn Alkohol, Drogen und kriminelle Szene plötzlich wieder vor der Haustür sind? Auch wenn sie sich auf dem Bauernhof im Süden Afrikas bewähren, heißt das noch lange nicht, daß sie auch in Deutschland ein konfliktfreies Leben führen werden.

Das Auslandsprojekt, das dürfte klar sein, ist nicht der Weisheit letzter Schluß. Viel eher ein hilfloser Versuch zu retten, was kaum noch zu retten ist. Ein Aufenthalt in Afrika mit dem Ziel, die Integration in die – bundesdeutsche – Gesellschaft zu lernen, erscheint fragwürdig.

Auf die Frage, wer versagt hat – seien es nun Eltern, Pädagogen oder das gesamte Umfeld –, wird man sicherlich keine schlußendlichen Schuldzuweisungen machen können. Doch geht man dem Übel an die Wurzel, so wird man erkennen, daß das eigentliche Problem in der Konsum- und Spaßgesellschaft liegt und in einer Zeit, in der Wertvorstellungen sich auflösen, in der menschliche Wärme zum immer selteneren Gut wird.

Das traditionelle Familienbild befindet sich im Umbruch: Intakte Familien im klassischen Sinne gibt es immer seltener. Individualismus wird immer mehr zu Egoismus, und das Miteinander, sei es in der Familie oder Nachbarschaft, bleibt auf der Strecke. Die Leidtragenden sind allzuoft Kinder und Jugendliche. Ihnen fehlen die Liebe und die Geborgenheit, die sie bräuchten, um eine seelische Stabilität zu finden.

Solange es nicht gelingt, in unserer Gesellschaft wieder traditionelle Werte und die Bedeutung der Familie zu festigen, haben Jugendliche wie André und Nicole wenig Chancen – mit und ohne Auszeit in Afrika. Caroline v. Gottberg