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24.02.01 Verplappert

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 24. Februar 2001


Verplappert
Die Deutschen aus Alexandrow

Selten hat ein Artikel die Polen so entzweit wie derjenige des polnischen Magazins "Polityka". Um was ging es? Der Reporter hatte lediglich, wie die Berliner Ausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" berichtete, Geschehnissen nachgeforscht, die unter internationalen Historikern längst unumstritten sind, nämlich denen der Mißhandlung Deutscher auch in Inner-Polen. Die Wahl des Journalisten fiel auf eine beliebige Kleinstadt. Aleksandrów Kujawski heißt das Nest, das etwa hundert Kilometer nordwestlich von Warschau liegt. Und sein früherer "Stadtkommandant", eine Art Bürgermeister, kommt zu Wort: "Ich trage in mir das Gefühl der Schuld, denn meine Generation der heute Sechzigjährigen hat sich nicht zur rechten Zeit mit der Geschichte der eigenen Stadt auseinandergesetzt, und heute sind die Spuren schon verwischt. Die Zeugen sind gestorben, die Dokumente verschwunden."

Einst hätten in dem kujawischen Dorf Polen, Deutsche, Russen und Juden friedlich zusammengelebt; nach dem Ersten Weltkrieg seien noch etwa acht Prozent der Bevölkerung (etwa eintausend Menschen) Deutsche gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben etwa hundert; solche, die meinten, sie hätten keine Rache der Polen zu befürchten gehabt. Zwischen Februar und Oktober seien aber auch diese hundert Deutschen verschwunden: "Sie hinterließen Häuser, Möbel, Kleider und lösten sich wie in Luft auf", berichtete der ehemalige Stadtkommandant.

Der Journalist der "Polityka" forschte nun den Verschwundenen von Aleksandrów-Kujawski nach. Er stößt zunächst auf eine Mauer des Schweigens. Die Tür wird ihm vor der Nase zugeschlagen. Eine Ehefrau, die sich "verplappert", wird von ihrem Mann mit einem Blick zum Schweigen gebracht. Ein anderer fürchtet Racheakte, wenn er redet.

Aller Wahrscheinlichkeit, so fand der Reporter jetzt heraus, seien die hundert verbliebenen Deutschen in einer Mühle nahe der Stadt umgekommen. Man habe ihnen zunächst Hakenkreuze auf den Rücken gemalt, und sie hätten Sklavenarbeit für die Miliz getan. Der alte Tadeusz Bakalarczyk erinnert sich: "Sie wurden geschlagen, erniedrigt, die deutschen Frauen vergewaltigt."

Die hier geschilderte Geschichte sei keineswegs eine Ausnahme, meint der polnische Historiker Jerzy Kochanowski vom Deutschen Historischen Institut in Warschau. Die Deutschen, die nicht fliehen konnten oder wollten, oft seit vielen Generationen dort ansässig, seien von ihren polnischen Nachbarn nach Kriegsende aus ihren Häusern gejagt und oft auch getötet worden. Mehr als eintausend Internierungslager für Deutsche seien inzwischen bekannt geworden, so Kochanowski. Die Erforschung sei allerdings schwer, denn, so der polnische Historiker: "Das menschliche Gedächtnis behält leichter von anderen zugefügtes Unrecht als umgekehrt." OB