28.05.2023

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03.03.01 Freiburger Gespräche über Osteuropa

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 03. März 2001


Freiburger Gespräche über "Osteuropa":
Zaren, Zinsen, Zumutungen
Auch Akademiker leiden unter geschichtlicher Kurzsichtigkeit
von Martin Schmidt

Eigentlich hat diese niveaulose Freiburger Podiumsdiskussion vom 13. Februar nicht viele Worte verdient. Andererseits ist sie als Abschluß der Vortragsreihe "Zaren, Zinsen, Zeitenwechsel – Wie sehen wir Osteuropa?" bezeichnend dafür, wie heute in deutschen Landen der östliche Teil unseres Kontinents wahrgenommen wird. In ersterLinie wird er nämlich gar nicht wahrgenommen, manchmal auch einseitig negativ und meistens eingezwängt in Weltbilder, die noch immer in der Zeit des Kalten Krieges wurzeln.

Das Desinteresse gerade jüngerer Leute an dem Thema war auch in Freiburg feststellbar, denn nur wenige Studenten ließen sich in der Aula blicken, obwohl das Podium namhaft besetzt war und es an Werbung seitens der neben der Universität mitveranstaltenden "Badischen Zeitung" nicht gefehlt hatte.

Einer der Diskutanten, der polnische Botschaftsrat Dariusz Laska, berichtete in diesem Zusammenhang von einem Erlebnis aus seiner Zeit als Konsul in München. Bei einem Gespräch mit einer Gymnasialklasse hatte er vor wenigen Jahren festgestellt, daß kein einziger der Schüler jemals in der Republik Polen gewesen war und – was erschreckender ist – auch keiner dies beabsichtigte. Im Gegenteil: Dort sei doch "alles grau und langweilig", lautete die Antwort, weshalb man viel lieber nach England oder Amerika reisen wolle.

Der Leiter des Werbefeldzugs "Polens Platz in Europa", der in der siebenköpfigen Gesprächsrunde noch mit den besten Eindruck hinterließ, bezweifelte angesichts dieser Erfahrung, daß die deutsche Politik genug gegen den Mißstand tue. Elisabeth Cheauré, Professorin für Slawistik in Freiburg, konnte ihm nur beipflichten, indem sie auf die seit dem Mauerfall an den Universitäten und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen "systematisch abgebaute" Osteuropa-Forschung hinwies sowie auf den schlechten Beigeschmack, der schon dem Begriff "Osteuropa" anhaftet.

Die West-Ost-Teilung gehört - der zuversichtlichen Annahme Laskas zum Trotz – geistig-politisch eben noch nicht der Vergangenheit an. Allzu oft hat sie nur eine neue Gestalt angenommen, die dann so aussehen kann, wie in den Augen des Gesprächsmoderators Johannes Willms, seines Zeichens Leitender Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung" und Preußen-Verächter. Für Willms endet Europa zwar nicht mehr wie zu Kalten-Kriegs-Zeiten an der Elbe (wo damals sozusagen Sibirien anfing), sondern an den Außengrenzen der Europäischen Union.

Da es ihm offensichtlich an genauer Kenntnis des Themas mangelt, versuchte er seine Ahnungslosigkeit durch flapsige Bemerkungen und eine unangemesse Talk-Show-Moderation zu überspielen. So erwog er beispielsweise die Möglichkeit, den Staaten der "Luxemburg-Gruppe" (Polen, Estland, Slowenien, Zypern), die die EU-Beitrittsbedingungen am ehesten erfüllen, schon jetzt einen "Platz in Europa" zuzubilligen.

Dem Hinweis von Elisabeth Cheauré, daß die Kürzungen bei der Osteuropaforschung allein schon wegen der bedeutenden Zukunftsmärkte im Osten "extrem unklug" seien, stellte er seine Behauptung entgegen, daß man mit Rußland, Weißrußland und der Ukraine keine Geschäfte machen könne, da dort "allenfalls bei der Mafia" genug Kaufkraft vorhanden wäre. Von den zweistelligen Rekordzuwächsen der deutschen Exportwirtschaft im Ostteil des Kontinents hatte er offenbar ebensowenig gehört wie von den infolge der Rohstoffausfuhren reichen Deviseneinnahmen Moskaus.

Der polnische Vertreter sah in den Worten von Willms, wer wollte es ihm verdenken, eine "Provokation" und wies auf die türkischen EU-Ambitionen hin, die ja wohl nicht gleichbedeutend mit einer Zugehörigkeit zu Europa sein könnten. Statt dessen bemühte er sich als einziger neben dem Freiburger Geographie-Professor Stadelbauer sowie Thomas Urban, dem Osteuropa-Korrespondenten der "Süddeutschen Zeitung", um eine halbwegs schlüssige Zuordnung der Begriffe "Europa", "Mittelosteuropa/Ostmitteleuropa" und "Osteuropa".

Insbesondere Polen, Tschechien, die Slowakei und Ungarn sind für Laska geographisch nicht zuletzt hinsichtlich ihrer Wertvorstellungen eindeutig "mittelosteuropäische" Länder, während er Weißrußland und die Ukraine sowie unverständlicherweise auch das Baltikum "Osteuropa" zuordnet.

Stadelbauer gebrauchte die Bezeichnungen "Mitteleuropa" und "Ostmitteleuropa" als geographische Spezifizierungen, ohne diesen Räumen dazugehörige Staaten zuzuweisen. Dies tat dafür der Schlesier Thomas Urban, der seinen Umzug als Korrespondent von Moskau nach Warschau als Rückkehr nach Europa empfunden hat und aus seiner Vorliebe für Polen und der Skepsis gegenüber Rußland keinen Hehl macht.

Im Hinblick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und solche Stichworte wie Pluralismus, Gewaltenteilung, Minderheitenpolitik oder Bestechlichkeit sieht er eine klare Trennung zwischen der EU und den ostmitteleuropäischen Reformstaaten einerseits und Rußland, Weißrußland und der Ukraine andererseits. Für Urban beginnt Osteuropa am Bug, was mit der Osterweiterung der EU in "vier bis fünf Jahren" (an das Stichjahr 2003 glaube seiner Meinung nach niemand mehr) unterstrichen würde.

Allerdings sei es gerade wegen der engeren Verbindungen zwischen dem Westteil Europas und den ostmitteleuropäischen Reformländern um so bedauerlicher, daß sich die öffentliche Aufmerksamkeit in Deutschland viel stärker auf Rußland als beispielsweise auf Polen richte. Neuesten Studien zufolge seien nur 8-12 Prozent der Zeitungsleser an Artikeln über Polen interessiert, während 60 Prozent die viel häufigeren Katastrophen-, Kriegs- und Skandalberichte über Rußland konsumierten.

Kaum weniger peinlich als die Äußerungen von Willms fielen die der Osteuropaexpertin der "tageszeitung" (taz), Barbara Oertel, und die des Berlin-Korrespondenten der "Badischen Zeitung", Johannes Schradi, aus. Letzterer disqualifizierte sich mit dem Einwurf, daß man seit 1989 nicht mehr sagen könne, "Osteuropa beginnt an der Mauer". Und Frau Oertel offenbarte in Umkehrung der totalen Westausrichtung à la Willms eine Menge Ost- und Rußlandschwärmerei. So zeigte sie sich erfreut, daß nach der Wende "der Osten zu uns und besonders nach Berlin gekommen" sei, obwohl die deutsche Hauptstadt doch schon immer eine östliche (auch ostdeutsche) Prägung aufwies, die sich mit westlichen Einflüssen mischte und zum einzigartigen Charakter dieser mitteleuropäischen Metropole verschmolz.

Später verstieg sich Oertel in eine von dümmlichen Wortmeldungen aus dem Publikum unterstützte Kritik an den massiven Grenzsicherungen Polens gegenüber Weißrußland bzw. Rumäniens gegenüber Moldawien, die im Falle eines EU-Beitritts unkontrollierbare Flüchtlings- und Warenströme aus dem Osten verhindern sollen. Laska wie Urban bremsten die Gefühlswallungen der taz-Redakteurin, indem sie auf die Vorgaben des Schengener Abkommens hinwiesen, die die Warschauer Politik durch erleichterte Visabestimmungen und ein dichteres Netz von Konsulaten zu ergänzen trachte.

Was in Freiburg bezeichnenderweise nicht zur Sprache kam, waren kulturgeschichtliche Anworten auf die Frage "Wie sehen wir Osteuropa?" Diese hätten eines tieferen historischen Bewußtseins bedurft, das auch namhaften Journalisten und manchen Professoren abgeht. Von jenen jungen Deutschen, denen schon die 1950er Jahre ebenso weit weg erscheinen wie das Mittelalter, ganz zu schweigen.

Doch Wirtschaftsinteressen und Demokratiekonsens reichen nicht, um für eine konfliktträchtige und kostspielige Aufgabe wie das Zusammenwachsen Europas nach jahrzehntelanger Spaltung und die EU-Osterweiterung eine breite Zustimmung der Völker zu schaffen.

Im Falle Deutschlands setzt dies die Erinnerung an die geschichtliche Mittellage der Deutschen zwischen West und Ost voraus, die für das Verhältnis zu den anderen Völkern der Mitte – allen voran den Tschechen, Slowaken, Polen und Ungarn –, aber auch für die Beziehungen zu den Russen in Osteuropa bekanntlich nicht nur positive Folgen hatte, jedoch einen regen Austausch bedingte, bei dem die deutsche Kultur über lange Zeit hinweg weithin ausstrahlte.

Diese Leistung darf dem kollektiven Gedächtnis nicht verlorengehen und auch nicht der Verlust der ostdeutschen Gebiete samt Anerkennung der bleibenden Mitverantwortung für deren Gedeihen. Ähnliches gilt für das Wissen um die Bedeutung Preußens für das Verhältnis zu Rußland oder die Österreichs für die Beziehungen zwischen den Deutschen einerseits und Ungarn, Tschechen, Slowaken, Polen und Ukrainern andererseits.

Wer heute als Entscheidungsträger oder Meinungsmacher an der "mitteleuropäischen Aufgabe" der Bundesrepublik Deutschland (und Österreichs) vorbei redet, sei es aus Unkenntnis oder aus ideologischer Abneigung, schadet den Interessen der Deutschen und ebenso denen der Nachbarvölker im Osten.