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03.03.01 Der Historiker Frank-Lothar Kroll über das geistige Preußen

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 03. März 2001


Preußenjahr 2001:
Ideengeschichte eines Staates
Der Historiker Frank-Lothar Kroll über das geistige Preußen

Am 18. Januar 1951 wurde im Auditorium maximum der Erlanger Universität von dem dortigen Professor für Religions- und Geistesgeschichte Hans-Joachim Schoeps anläßlich des 250. Jahrestages der preußischen Königserhebung ein Vortrag "Die Wahrheit über Preußen" gehalten. Dieser Vortrag war die einzige Gedenkveranstaltung an die preußische Staatsgründung in der damaligen Bundesrepublik.

50 Jahre später, im Jahre 2001, zeigt sich ein gänzlich anderes Bild: Angesichts des abermaligen Jubiläums der Königserhebung gibt es eine Fülle von Veranstaltungen, Ausstellungen, Fernsehdokumentationen und -diskussionen sowie eine Reihe von Neuveröffentlichungen auf dem Büchermarkt zum Thema. Der von den Alliierten 1947 offiziell aufgelöste Staat Preußen erlebt – so scheint es – im Deutschland von 1989 eine Art Neuentdeckung.

Eines der neu auf den Markt gekommenen Bücher ist die hier zu besprechende Aufsatzsammlung "Das geistige Preußen. Zur Ideengeschichte eines Staates" von Frank-Lothar Kroll. Kroll hat sich innerhalb der historischen Preußen-Forschung bereits seit einigen Jahren als engagierter und kenntnisreicher Interpret ausgewiesen, der mit einem durchweg ideengeschichtlichen Ansatz in seinen Arbeiten auch die Diskussion über Preußen in vielerlei Hinsicht bereichert. Er bezeichnet sich selbst im Vorwort seines Buches als Vertreter einer "programmatischen Sicht" innerhalb der Geschichtswissenschaft, die – nach seinen Worten – "davon überzeugt ist, daß geistige Determinanten den politisch-historischen Entwicklungsgang langfristig genauso maßgeblich bestimmen wie soziale, ökonomische oder demographische Faktoren".

In diesem Sinne hat er sich im zurückliegenden Jahrzehnt mehrfach zu Wort gemeldet; die verstreut und oftmals an entlegenen Stellen erschienenen Beiträge legt er nun erstmals gesammelt vor und macht sie damit über den engen Kreis von Fachvertretern hinaus richtigerweise einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.

In insgesamt 14 Aufsätzen, von denen übrigens fünf bisher unveröffentlicht sind, bietet Kroll eine facettenreiche Auswahl unterschiedlichster Teilaspekte preußischer Geschichte, welche die Erkenntnismöglichkeiten, allerdings auch die Grenzen, einer ideengeschichtlichen Herangehensweise eindrucksvoll belegt. Die behandelten Themen umfassen dabei eine zeitliche Spannbreite von Friedrich dem Großen bis zum gegenwärtigen Stand des Preußendiskurses und sind chronologisch in vier Großkapiteln geordnet, von denen das erste der friderizianischen Zeit und der Reformära gewidmet ist, die beiden darauffolgenden sich mit dem Zeitalter Friedrich Wilhelms IV. bzw. Bismarcks beschäftigen, während das letzte Studien zum gerade zu Ende gegangenen 20. Jahrhundert versammelt.

Eines der nicht wenigen Glanzlichter dieser Sammlung ist zweifelsohne das Lebensbild über den eingangs erwähnten Religions- und Geisteshistoriker Hans-Joachim Schoeps, dessen persönlicher wie beruflicher Werdegang in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich ist und – wie Kroll zu Recht bemerkt – ein bisher "wenig beachtetes Ka- pitel deutsch-jüdischer Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts dokumentiert".

Der 1909 in Berlin geborene Schoeps stammte aus einer assimilierten jüdischen Familie, die bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Westpreußen bzw. – mütterlicherseits – in der Altmark ansässig war. Deutschnational gesinnt erkannte Schoeps, der sich noch in den ersten Jahren nach Hitlers Machtantritt ernsthaft um eine deutsch-jüdische Symbiose bemühte, erst spät die Ausweglosigkeit seines Unternehmens und die Gefahr, welche deutschen Juden im Deutschland der Nationalsozialisten drohte; zwar gelang ihm selbst am Heiligabend des Jahres 1938 in letzter Minute noch die abenteuerliche Flucht nach Schweden, seine Familie jedoch – darunter sein Vater und seine Mutter – wurde fast ausnahmslos in deutschen Konzentrationslagern ermordet.

Dennoch kehrte Schoeps, der die Jahre in Schweden zu ausgiebiger wissenschaftlicher Arbeit genutzt hatte, nach Kriegsende schon im Herbst 1946 zurück in seine Heimat. Dem Unverständnis, das ihm dafür von manchen Freunden und Bekannten zuteil wurde, entgegnete er: "Auch die Untaten seiner Bewohner können daran nichts ändern, daß ich mir durch die Asche der Generationen, die hier zu Staub geworden ist, dieses Land … zu eigen erworben habe…" Ein Jahr später trat er den extra für ihn – auch als eine Art geistiger Wiedergutmachung – in Erlangen eingerichteten Lehrstuhl für Religions- und Geistesgeschichte an. Die dort von ihm betriebene wertfreie Betrachtungsweise der Weltreligionen war und blieb bis heute ein Unikat in der deutschen Universitätslandschaft, und es ist Kroll nur zuzustimmen, wenn er die Auflösung des Lehrstuhls nach der Emeritierung von Schoeps 1980 als einen großen und nicht nur aus heutiger Sicht unverständlichen Verlust darstellt.

Der Beitrag über Schoeps ist aber abgesehen von seiner wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutung auch noch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Schoeps nämlich hat sich neben der Religionswissenschaft verstärkt mit zwei weiteren Themengebieten beschäftigt: Zum einen stellte er methodologische Überlegungen zur Geistesgeschichte an, deren Hauptaufgabe er darin sah, "durch Sichtbarmachung geistiger Grundstimmungen der Vergangenheit dem jeweiligen ,Zeitgeist‘ – und damit den bestimmenden Handlungsvorgaben einer Epoche – auf die Spur zu kommen"; zum anderen widmete er seine restliche Zeit der Erforschung der Geschichte Preußens, des Staates, für den er zeit seines Lebens eine ungebrochene Zuneigung besaß. Beides nun, Schoeps geistesgeschichtlicher Ansatz sowie seine Affinität zu Preußen, führt uns zurück zum Verfasser des Buches "Das geistige Preußen", und dem Leser kommt der Verdacht, daß Kroll ein Stück weit das geistige Erbe Hans-Joachim Schoeps angetreten haben könnte. Doch der naheliegende Vergleich erhellt vor allem einen signifikanten Unterschied in den Ansätzen der beiden Forscher: Schoeps war in seiner Zeitgeistforschung bemüht, auch alltägliche Quellen wie etwa Trivial- und Unterhaltungsliteratur, Schulbücher, Moderichtungen oder das Freizeitverhalten von Gesellschaften in seine Studien einzubeziehen; er reagierte damit auf den oft gegen die Geistesgeschichte erhobenen und von ihm zugestandenen Vorwurf, sie würde sich zu sehr auf die geistigen Höchstleistungen einer Epoche konzentrieren und dadurch den Blick auf die in einer Gesellschaft sonst noch prägenden mentalen Kräfte verlieren.

Genau hier liegt nun der Schwachpunkt des Krollschen Ansatzes. Im zweiten Teil etwa erfahren wir zwar viel Erhellendes über den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. – sei es über seine romantische Auffassung von Monarchie und Gottesgnadentum, seine schriftstellerischen Versuche oder seine architektonischen Begabungen –, über die sonstigen geistigen Kräfte in seiner Zeit dagegen nur wenig.

Freilich hat Kroll ja auch keine Monographie über die Geistesgeschichte Preußens vorgelegt und er erhebt an keiner Stelle Anspruch auf irgendeine Vollständigkeit. Doch die Mosaiksteine, die er erstellt hat, lassen einige Rückschlüsse auf sein Verständnis von Ideengeschichte zu. Kroll begibt sich in seinen Studien meistens auf die Suche nach den Ideen der "großen Männer" der jeweiligen Zeit. Nun wird nach den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts niemand ernsthaft bezweifeln mögen, daß die Weltanschauungen politisch oder geistig einflußreicher Köpfe nachhaltige Wirkungen auf den Gang der Geschichte haben. Aber genausowenig ist die gestalterische Macht zu verhehlen, die durch allgemein verbreitete Auffassungen und Denkweisen gesellschaftlicher Gruppen – in Schoeps Worten eben durch den "Zeitgeist" – ausgeübt wird.

Frank-Lothar Kroll führt dies dem Leser selbst in seinem beeindruckenden Aufsatz über Politik und Moral im Zeitalter Wilhelms II. vor Augen, eine der wenigen Studien des Bandes, in der er sich explizit um die Klärung des Mentalitätsgefüges einer ganzen Gesellschaftsschicht, in diesem Fall der des Bürgertums, bemüht, um seine Fragestellung zu beantworten. Hier gelingt es ihm, die Moralvorstellungen einer Epoche in kurzer, prägnanter Darstellung überzeugend auf den Punkt zu bringen; spätestens nach der Lektüre dieses Beitrages verlangt es einen nach ähnlichen Studien zu den anderen Zeitepochen.

Freilich soll dieser Befund nicht etwa den Wert der vorliegenden ideengeschichtlichen Forschungen mindern, sondern er zeigt im Gegenteil nur, daß es noch vieler weiterer bedarf, um Krolls Auffassung von der Macht der Ideen über den Gang der historisch-politischen Entwicklung mit aussagekräftigem Beweismaterial zu unterfüttern. Denn die von Kroll betriebene Form von Geschichtsschreibung ist nachahmenswert: Nicht nur weil sie unsere historischen Erkenntnismöglichkeiten erweitert; auch ist die von ihm beispielhaft vorgeführte Auswertung von kunst-, literatur- und kulturgeschichtlichen Erzeugnissen einer Epoche ein Beitrag zum fächerübergreifenden Diskurs und darüber hinaus eine äußerst anschauliche Form der Historiographie.

So vermag er es beispielsweise durch die Bildanalyse eines Porträts Friedrich Wilhelms IV. die zeitgenössischen Herrscherauffassungen eindringlich vor Augen zu führen; in anderen Beiträgen zieht er bisweilen auch architektonische Zeugnisse als Quellen heran – diese Ausführungen leiden allerdings darunter, daß dem Leser nicht wie bei dem Krügerschen Porträt eine Abbildung im Buch zur Verfügung steht, um die Gedankengänge des Verfassers noch besser nachvollziehen zu können. Schließlich spricht für die Ideengeschichte genau das, was man ihr anders gewendet auch zum Vorwurf machen kann: Sie vermag es, Auffassungen Gehör zu verleihen, die sich eben gerade nicht durchgesetzt haben – im vorliegenden Band gilt das etwa für die Aufsätze über Friedrich Wilhelm IV., Helmuth v. Moltke oder Hans-Joachim Schoeps. Eine Geschichtsschreibung, die sich auch den politisch einflußlos gebliebenen Menschen zuwendet, ist heute wichtiger denn je, denn sie emanzipiert sich in gewisser Weise von der Geschichte selbst, indem sie – wie Hannah Arendt es in anderem Zusammenhang einmal gesagt hat – deren Recht auf das letzte Urteil leugnet und es in die Hand der Menschen zurückgibt.

Letzteres sollte sich freilich auch der Leser des "Geistigen Preußen" vor Augen führen, vor allem wenn Frank-Lothar Kroll zu offensichtlich von der um Objektivität bemühten Darstellung in die subjektive Bewertung der von ihm geschilderten Auffassungen abzugleiten droht. So erscheint es doch fragwürdig, ob Friedrich Wilhelm IV. wirklich zutreffend als tragische Gestalt bezeichnet werden sollte oder aber ob es im deutschen Kaiserreich unter Wilhelm II. wirklich ein "insgesamt intaktes System öffentlicher gesellschaftlicher Kontroll- und Korrektivinstanzen" gab; die Zabern-Affäre 1913/14 etwa, welche Kroll hier als Beispiel für funktionierende Kontrollinstanzen anführt, endete schon in den Augen manches Zeitgenossen, stellvertretend sei hier der Diplomat Hans-Heinrich Dieckhoff zitiert, mit der "Desavouierung der Zivilverwaltung und mit einem Siege des Militärs". Solche Diskussionen erhalten ihre Brisanz bekanntlich durch den angeblich vollzogenen Brückenschlag zwischen Preußentum und Nationalsozialismus. Dieser allerdings erscheint nach der Lektüre des Bandes noch mehr als bisher fragwürdig und sollte in der Tat immer wieder neu überdacht werden. Zu viele "unpreußische" Geisteshaltungen waren im Nationalsozialismus und übrigens auch schon im Kaiserreich spätestens nach 1890 am Wirken – ein Befund, der zu der Frage führt, ob jener Brückenschlag vielleicht ein Teil der NS-Propaganda ist, die sich hartnäckig bis in unsere Zeit hinein hält.

Auch Kroll lenkt zum Ende seines abschließenden Beitrages über Sehnsüchte nach Preußen seit 1945 den Blick auf eine der oftmals vergessenen Ideen des preußischen Staates: Jener nämlich hatte sich niemals als Nationalstaat, "sondern stets als ein die Ethnien übergreifendes, ja sie unter einer … Idee … integrierendes Staatswesen" verstanden. Preußentum und Nationalismus scheinen wenig gemeinsam zu haben. Da könnte ja sogar die politische Integration innerhalb der Europäischen Union noch von "preußischen Ideen" profitieren. Kompetent, anschaulich und sprachlich äußerst gewandt vorgetragen findet man diese jetzt im Sammelband "Das geistige Preußen" zusammengefaßt. Sylvia Taschka

Frank-Lothar Kroll: Das geistige Preußen. Zur Ideengeschichte eines Staates, Ferdinand Schöningh-Verlag, Paderborn 2001, München, Wien Zürich 2001, 305 Seiten und 1 Abb., 48 Mark