26.01.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
07.04.01 Die polnische Kollaboration während des Zweiten Weltkriegs (Teil II)

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 07. April 2001


Der Mythos der Reinheit
Die polnische Kollaboration während des Zweiten Weltkriegs (Teil II)
von Michael Foedrowitz

Am 12. Februar 1944 traf sich Christiansen erneut mit "Wilk" in einer Villa. Der Abwehroffizier übergab nun seinerseits "Wilk" ein Papier mit neun Punkten, die den militärischen Charakter unterstrichen: keine polnische Angriffe mehr gegen die Wehrmacht und deutsche Verwaltung; gemeinsame Säuberung des Gebietes von kommunistischen Banden, militärische Ausrüstung der Partisanen und deren Kampfunterstützung durch Wehrmachtseinheiten. Ein politischer Kurswechsel sei hingegen nicht beabsichtigt. Probeweise sollte die 3. Partisanenbrigade unter deutsches Kommando gestellt werden, von der man bereits zwei Gruppen befehlige.

Wenige Tage später trug "Wilk" Komorowski in Warschau vor, der ihn instruierte, aus Rücksicht auf die Exilregierung den kommunistischen Gruppen gegenüber verhalten aufzutreten. Laut einer Vortragsnotiz der Fremde Heere Ost sei ihm weiterhin befohlen worden, alle weiteren Verhandlungen einzustellen, was aber die Aufrechterhaltung der Kontakte mit Wissen und Billigung der AK-Führung nicht zwingenderweise ausschließt.

"Wilk" war von Christiansen beeindruckt und bestand darauf, nur mit ihm zu verhandeln. Er lehnte es ab, mit Vertretern des SD oder Gestapo an einem Tisch zu sitzen, die später wegen der politischen Tragweite der Neuorientierung die Verhandlungen des Abwehroffiziers fortsetzten. Der SD wollte der AK generös 120 000 Schuß Infanteriemunition sowie zwölf bis 15 Maschinengewehre und Granatwerfer zukommen lassen. Die AK-Einheit von Leutnant Pilch hatte bereits 10 000 Schuß Munition sowie MGs und Granatwerfer von den Deutschen erhalten.

Die Widerstandskämpfer wollten den Kurs Warschaus der neuen Gegnerschaft nicht ungeteilt steuern. Die Kontakte und Abmachungen im litauischen Raum liefen weiter, so auf dem Gut Plocienniki, ehemals Sitz der Familie von Puttkamer oder in Kretowicz Juli 1944, wo ein Kontakt über einen Kirchenvertreter in Gang gesetzt wurde. Der polnische Delegat der Regierung im Wilnaer Gebiet setzte zudem seine Verhandlungen mit hohen Offizieren der Wehrmacht fort. Und gekämpft wurde auf polnischer Seite weiter mit deutscher Munition gegen kommunistische Partisanen.

Diese Abmachungen waren nicht singulär, die Sicherheitspolizei konnte in den Distrikten Radom und Krakau Ende 1943 ebenfalls Verbände der NSZ und AK dafür gewinnen, gemeinsam mit der SS gegen die Kommunisten vorzugehen. Nachrichtendienste übergaben deutschen Behörden Listen mit Personalangaben von Kommunisten, dafür wurden nationale Gefangene aus Gefängnissen und Konzentrationslagern entlassen.

Die Kontakte, die von der Gestapo zu den Führungskreisen des Widerstandes ab 1941 etabliert worden sind, wurden höchst wahrscheinlich auch für deutsch-polnische Absprachen eines zu erwartenden polnischen Aufstandes genutzt, so daß die Warschauer Erhebung 1944 sich nicht nur politisch, sondern auch militärisch gegen die Sowjets richtete. Ein Artikel in der "Zeit" vom 29. Juli 1994 mit dem Titel "Mit Feuer und Rauch" hat die Hintergründe des Aufstands eindrucksvoll beschrieben. Doch Komorowski bevorzugte später den ihm bereits bekannten Abwehroffizier Christiansen als Gesprächspartner, der 1944 die Kapitulationsverhandlungen der Warschauer Aufständischen einleitete. Als Dank für seine Vermittlungsdienste schenkte Komorowski Christiansen ein Portraitfoto mit der Widmung "Hab Dank!" Es scheint nicht ausgeschlossen, daß es den Gesprächen mit Christiansen zu verdanken war, daß sich Komorowski den Deutschen ergab und nicht versuchte, zu den Sowjets zu gelangen.

Obwohl die Annäherung nicht zuletzt wegen der kontroversen Haltung innerhalb des Widerstandes einerseits und der starren Beibehaltung der bisherigen Strafpolitik gegenüber Polen durch die NS-Führung andererseits keinen durchschlagenden Erfolg erzielen konnte, fiel ein Teil der Partisanen als Gegner für die Deutschen aus, der die Kommunisten zudem in Schach hielt und damit beitrug, die deutsche Lage zu entspannen. Der brüchige modus vivendi hatte jedoch allemal ausgereicht, das sowjetische Mißtrauen gegenüber den Polen zu verstärken und die Allianz zusätzlich zu belasten.

Viel wichtiger jedoch war die Schaffung von Grundlagen für den bewaffneten Kampf gegen die Sowjets in der Nachkriegszeit, die man nach einer zu erwartenden Niederlage den Westalliierten anvertrauen und angesichts der sowjetischen Bedrohung als Trojanisches Pferd im Rücken der Roten Armee aktivieren konnte. Sie bildeten den Hintergrund für einen im Westen gesteuerten Bürgerkrieg hinter dem Eisernen Vorhang, der mit über einer Million Toten zwischen 1945 und 1951 im "Kalten Krieg" heiß ausgeschossen worden ist.

Christiansen selbst geriet 1945 in sowjetische Gefangenschaft und verstarb in einem russischen Gefängnis. Von den deutsch-polnischen Verhandlungen hatten die Sowjets durch einen Agenten im Stabe Christansens vermutlich schon zu Kriegszeiten erfahren.

General "Wilk" wurde am 17. Juli 1944 in Wilna mit 70 weiteren Offizieren verhaftet. Danach entbrannten schwere Kämpfe zwischen der Roten Armee und der AK. Stalin wurde von seinem NKWD-Chef Berija über jeden Schritt detailliert informiert. "Wilk" wurde nach Moskau gebracht und 1948 dem polnischen Sicherheitsdienst übergeben. Er starb am 29. September 1951 in einem Warschauer Gefängnis.

Seine Tochter Olga, heute Abgeordnete im polnischen Sejm, lehnte 1998 einen Vorschlag des polnischen TV-Produzenten Zakrocki ab, sich mit dem Sohn von Oberstleutnant Christiansen zu treffen und auszutauschen. Olga Krzyzanowska: "Das ist alles kommunistische Propaganda." (Schluß)