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19.05.01 Berlin präsentiert aus Anlaß des 300. Jubiläums des Königreichs Preußen eine aufwendige Ausstellung

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 19. Mai 2001


Schloß Charlottenburg:
»Preußen 1701 – Eine europäische Geschichte«
Berlin präsentiert aus Anlaß des 300. Jubiläums des Königreichs Preußen eine aufwendige Ausstellung
von Thorsten Hinz

Die Ausstellung "Preußen 1701 – Eine europäische Geschichte" im Berliner Schloß Charlottenburg ist der Höhepunkt in der Veranstaltungsreihe zum 300. Jubiläum des Königreiches Preußen. Die Schloßkapelle bildet das Entree, wo dem Besucher als erstes Antoine Pesnes Gemälde "Fried- rich I. auf dem Throne" ins Auge fällt. Es zeigt den Monarchen im Krönungsmantel, mit goldbesticktem Rock und Zepter, zu seiner Rechten, auf einem brokatverhangenen Tisch, liegen Krone und Apfel. Wenn der Blick des Besu-chers weiter durch das Innere der 1708 erbauten Kapelle schweift, stellt er fest, daß die üppigen Deckengemälde, Schnitzereien, Reliefs, die Putten aus Stuck, die Draperien und die monumentale Krone gegenüber der Kanzel in vollkommener Weise mit der monarchischen Selbstdarstellung auf dem Gemälde korrespon-dieren. Die Kompositionen des Bildes und des Kirchenraumes entsprechen beide der verschwenderischen Formensprache des Barock. Damit ist bereits das Grundthema der Ausstellung angeschlagen und zugleich ein populäres Vorurteil widerlegt: Preußen ist keineswegs nur durch Kriege, Armut und das protestantisch-calvinistische Selbstverständnis der Hohenzollern groß geworden, sondern auch, weil sein erster König die Symbolsprache des Barock exzellent beherrschte. Während der Ära des Barock wurde die Welt, gemäß einem Wort des spanischen Dichters Calderon, als ein "Theatrum mundi", als Welttheater, begriffen, in dem die Menschen als Statisten eines göttlichen Schauspiels agierten. Ihr Stück war das eigene Leben, ihre Bühne die Welt. Die Inszenierungen der Herrscher waren politi-sches Programm, das staatliche Zeremoniell wurde zum Spiegel einer gottgewollten Ordnung. Hans Ottomeyer, der neue Direktor des Deutschen Historischen Museuems, sprach in der Eröffnungspressekonferenz von einem "Esperanto der Formen". Nur wer diese internationale Sprache beherrschte, so der Direktor, konnte seinen Part im europäischen Mächtekonzert spielen. Ein Herrscher, der erfolgreich sein wollte, mußte daher auch ein guter Schaupieler sein, was wir Heutigen, Demokratie hin, Demokratie her, noch immer so gut an unseren Volksvertretern beobachten und mühelos nachvoll-ziehen können. Und wenn Friedrich I. auf dem Gemälde von Pesne Pracht und Prunk zele-brierte, sprach daraus weniger persönliche Eitelkeit als vielmehr Pflichtgefühl. Dieser Monarch wirkte, lange bevor Friedrich II. den Begriff prägte, als erster Die-ner seines Staates.

Der Ausstellung in der Oran-gerie von Schloß Charlottenburg macht Friedrichs Streben nach der Königswürde aus dem Geist des Barock verständlich. Sie stellt Gerechtigkeit für Preußen und seinen ersten König her. Der Nachwelt ist Friedrich I. (1657–1713), der 1688 als Kurfürst Friedrich III. die Regentschaft in Brandenburg-Preußen übernahm, kaum bekannt. Kleingewachsen und mit einem Buckel ausgestattet, war er das Gegenteil einer strahlenden Erscheinung, was es antiborussischen Geschichts-schreibern leicht machte, seine Bemühungen um die Königswürde als persönlichen Kompensations-akt zu diskreditieren. Ausgerechnet Friedrich II. hatte diese Lesart vorgegeben, als er seinem Großvater Eitelkeit, Verschwendung und Prunksucht vorwarf. Man kann das als eklatante Undankbarkeit des Enkels werten – schließlich hatte der Großvater das staatsrechtliche Fundament, auf dem Friedrich II. aufbaute, überhaupt erst gelegt –, vor allem aber spiegelt sich darin ein zeitlo-ses Generationenproblem: Niemand steht einer gerade abgeschlossenen Epoche so verständnislos gegenüber wie die unmittelbar Nachgeborenen.

Die Bildnisse der europäischen Könige im ersten Ausstellungsraum symbolisieren den außenpolitischen Kontext, in dem Friedrich I. handelte. Im Zentrum stehen der Habsburger Leopold I., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, und der französische Sonnenkönig Ludwig XIV., die um die Vor-macht in Europa stritten. Es war eine kriegerische Zeit, was uns für die Gegenwart ebenfalls so vertraut aufscheint. Auf den Friedenskongressen mußte Friedrich erfahren, daß er außenpolitisch als brandenburgischer Kurfürst bislang eigentlich nur eine untergeordnete Rolle spielte: Der sächsische Kurfürst August der Starke hatte 1697 die polnische Krone erworben, Hannover besaß die Anwartschaft auf den englischen Thron, und auch Bayern streckte die Fühler nach einer vakanten Königskrone aus. Preußen drohte an Bedeutung und auf längere Sicht seine Souveränität zu verlieren.

Die Königskrone war eine Exi-stenzfrage. Aus einem 1702 entstandenen Gemälde mit der darstellung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm spricht das Selbstbewußtsein des neuen Königrei-ches: Der spätere "Soldatenkönig" erscheint als biblischer David, als von Gott erwählter neuer König, der einem übermächtigen Goliath trotzt. Friedrich wird als ein umsichtiger Politiker vorgestellt. Sein Vater, der "Große Kurfürst", hatte sich umsonst um eine Rangerhöhung Brandenburgs bemüht. Der Sohn strebte die Königswürde daher für das außerhalb des Reiiches gelegene Herzogtum Preu-ßen an. Er schloß Koalitionen mit europäischen Königen und stellte ihnen Truppen zur Verfügung. Außerdem versuchte er, die Monarchen mit kostbaren Geschenken für sich zu gewinnen. In der Ausstellung sind Kri-stallschalen, Kassetten, Spiegel und andere Pretiosen zu sehen, die er an den russischen Zaren und an andere europäische Höfe sandte. Vor allem Bernsteinprodukte sollten die Monarchen günstig stimmen. Dem Kaiser in Wien wurde sogar ein Thron aus Bernstein geschickt, von dem kleinere Fragmente ausgestellt sind. Bei all der Fülle der aus halb Europa zusammengetragenen Exponate, den Gemälden, Statuen, Urkunden, Dokumenten, Waffen, Möbeln und dem Geschirr, bei allem verschwenderischen Detailreichtum und der sichtbaren Freude der Veranstalter an barocker Gliederung und Ornamentik, ist die Ausstellung in der schlauchartigen Organgerie klar und logisch aufgebaut.

Ihr Herzstück ist der von einem Baldachin überwölbte Mittelsaal, wo die Königsberger Krönungsinsignien vom 18. Januar 1701 ausgestellt sind. Von den Kronen des Königs und der Königin sind nur die Karkassen, die Krongestelle, erhalten geblieben. Daneben liegen auf rotem Samt Zepter und Reichsapfel. Als Reichsschwert diente beim Krönungszeremoniell das 1540 in Königsberg angefertigte Herzogsschwert jenes Albrecht von Preußen, der 1525 das Ordensland Preußen in ein weltliches Herzogtum umgewandelt hatte. Radierungen und Kupferstiche geben einen Eindruck von den Feierlichkeiten und zeugen vom Bemühen, das Ereignis weithin bekanntzumachen.

Die Wichtigkeit der Symbolik zeigt sich auch am Verlauf der Rückreise aus Königsberg, die vor den Toren Berlins zunächst haltmachte. Sie dauerte neun Tage, dann war-tete das Königs-paar einige Wo-chen in seinen Nebenresidenzen in Oranienburg und Lietzenburg ab, bis die Hauptstadt für den königlichen Einzug geschmückt und hergerichtet war. Erst am 6. Mai zog das Herrscherpaar in Berlin ein. Anschließend kümmerte der König sich um die architektonische und institutionelle Ausformung der Hauptstadt. Das gehörte ebenfalls zum Selbstverständnis eines barocken Monarchen. Der Baumeister Andreas Schlüter erweiterte das Stadt-schloß und errichtete das Zeughaus und den Marstall. Die Akademie der Künste, die Universität Halle und die Berliner So- cietät der Wissenschaften, deren erster Präsident der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz war, wurden ins Leben gerufen.

Und natürlich geht es in der Ausstellung um Ostpreußen und Königsberg. Die Krönungsstadt hatte damals insgesamt 20 000 Einwohner und war damit Berlin durchaus ebenbürtig. Es werden Stadtansichten, Grundrisse und Entwürfe gezeigt, die teilweise erst jetzt im Geheimen Preußi-schen Staatsarchiv in Berlin wiederentdeckt wurden. Auf zwei Computerbildschirmen können historische Innen- und Außenansichten vom Königsberger Schloß und der Altstadt abgerufen werden, darunter Farbfotos aus den vierziger Jahren. Ein Modell des Schlosses gibt eine plastische Vorstellung von der Schönheit dieses Baus. Von Berlin abgesehen, lag Friedrich I. das Stadtbild von Königsberg am ehesten am Herzen. Er richtete eine Baubehörde zur Regulierung der teilweise sehr engen Königsberger Straßen ein, er ließ Schloß und Marstall umbauen, erneuerte Stadttore, gründete ein Waisenhaus und weihte eine reformierte Kirche ein.

Es war eine originelle, erfrischende Idee, die Anfänge des Königreiches Preußen in den kulturgeschichtlichen Zusammenhang des Barock zu stellen. Das Preußen von 1701 erscheint als ein kleines, gefährdetes, aber auch tatkräftiges und aufstrebendes Land. Und sein erster König war nicht schlechter als seine europäi-schen Kollegen, vermutlich sogar etwas klüger und weitsichtiger.

"Preußen 1701. Eine europäische Geschichte". Schloß Charlottenburg. Bis zum 5. August. Katalog und Essayband kosten je 45 DM, zusammen 80 DM.

 

 

Die Faszination Preußens bleibt trotz des alliierten Verbots von 1947 nahezu ungeschmälert erhalten: Die Ausstellung "Preußen 1701 -–Eine europäische Geschichte", die im Rahmen des Preußenjahrs im Berliner Schloß Charlottenburg gezeigt wird. Unsere Abbildung zeigt das Gemälde "Gratulation des Berliner Schutzjuden Simon Wolff Brandes zur Krönung", Berlin 1701 (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz).