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19.05.01 Gute Verbindungen zur DDR: Die Erinnerungen der Journalistin Carola Stern

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 19. Mai 2001


Späte Bekenntnisse
Gute Verbindungen zur DDR: Die Erinnerungen der Journalistin Carola Stern

Als Erika Assmus wurde sie 1925 im Seebad Ahlbeck auf der pommerschen Insel Usedom geboren, nach ihrer DDR-Flucht 1951 nahm sie in West-Berlin den Namen "Carola Stern" an, unter dem sie als politische Journalistin bekannt wurde, als Witwe Erika Zöger lebt sie heute, nach 38 Kölner Jahren, in Berlin-Schlachtensee, wo sie ihre Autobiografie schrieb.

Ein Leben voller Brüche, Widersprüche und Niederlagen, das als zeitgeschichtliches Zeugnis wert ist, aufgeschrieben zu werden, auch wo es schmerzt, mit allen Verstrickungen als BDM-Führerin im "Dritten Reich" und als Jungkommunistin in der SED-Landesleitung von Potsdam. Als sie Dorfschullehrerin in der Mark Brandenburg war und 1948 Verwandte in West-Berlin besuchte, wurde sie von Mitarbeitern eines amerikanischen Geheimdienstes angesprochen, die von ihr verlangten, in die SED einzutreten und dort Karriere zu machen.

Die Geschichte, die sie ihren Lesern mitteilt, um ihr Doppelleben als stramme Parteifunktionärin und Westspionin zu erklären (die Amerikaner halfen ihrer todkranken Mutter), klingt ziemlich unglaubwürdig: Nirgendwo erfährt man, was sie denn nun den wohltätigen Amerikanern alles verraten hat. Es ist schon reichlich unverfroren, daß sie dieses Geheimnis, mitten im Kalten Krieg amerikanische Agentin in der "Zone" gewesen zu sein, mehr als ein halbes Jahrhundert verschwiegen hat. Hätte sie sich vor 1989 dazu bekannt, etwa in ihrem Buch "In den Netzen der Erinnerung" (1986), ihre Karriere als Publizistin wäre zu Ende gewesen. So aber wird ihr, wer wollte denn heute noch richten, vom gleichgesinnten Freundeskreis großmütig verziehen.

Der Auftrag der Amerikaner wurde ausgeführt, die emsige Genossin Erika Assmus besuchte die Parteihochschule in Klein Manchow und wurde dort Dozentin wie der schon 1949 geflüchtete Wolfgang Leonhard, Verfasser des Buches "Die Revolution entläßt ihre Kinder" (1955). Am 21. Juni 1951 wurde sie bei der "Parteikontrollkommission" vorgeladen und mußte wegen irgendwelcher Verfehlungen "Selbstkritik" üben. Als sie schließlich aufgefordert wurde, über ihre "amerikanischen Auftraggeber" (eine übliche Fangfrage) zu berichten, geriet sie in Panik und floh unmittelbar danach nach West-Berlin.

Als Studentin an der Freien Universität in Berlin-Dahlem, der Gegengründung 1948 zur Ost-Berliner Humboldt-Universität, arbeitete sie unter Otto Stammer und Ernst Richert, dem "Begründer der DDR-Forschung", schrieb für die Zeitschrift "SBZ-Archiv", der Vorläuferin des seit 1968 erscheinenden "Deutschland Archivs", und wurde SPD-Mitglied, 1961 trat sie aus, 1970 wieder ein wegen Willy Brandts "Entspannungspolitik". Lektorin des Kölner Verlags Kiepenheuer und Witsch wurde sie 1960, wo sie Peter Benders durch den Mauerfall 1989 gründlich widerlegtes Buch "Offensive Entspannung" (1964) edierte, 1970 wurde sie Redakteurin beim "Westdeutschen Rundfunk" und heiratete ihren Kollegen Heinz Zöger, der beim Prozeß gegen Wolfgang Harich 1957 in Ost-Berlin zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden war.

Seit dieser Zeit fehlte ihr Name unter kaum einer Unterschriftenliste gegen Atomtod und Nachrüstung! Als Demonstrationstouristin konnte man sie am 10. Oktober 1981 im Bonner Hofgarten treffen und am 1. September 1983 in Mutlangen. Überall mischte sie mit, redete und bekannte. 1985 ging sie auf Rente, schrieb ihre Bücher über Dorothea Schlegel, Rahel von Varnhagen und Helene Weigel und zog 1997 mit Heinz Zöger nach Berlin.

An anderer Stelle ihres Buches findet man einen Satz, der hellhörig macht: "In vielen Redaktionsstuben, auch in meiner, gehörte es zum guten Ton, nicht allzu Unerfreuliches über den SED-Staat zu berichten." Über diesen Journalismus des Verschweigens und Schönfärbens hätte sich der Leser gerne ein ganzes Kapitel gewünscht mit Beispielen, wie eine blutige Diktatur zur Alternative des Rechtsstaats hochstilisiert wurde. Carola Stern entzieht sich diesem Ansinnen. Jörg Bernhard Bilke

 

Carola Stern: Doppelleben. Eine Autobiographie, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2001, 318 Seiten, 39,90 Mark