22.01.2022

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19.05.01 Garnisonssterben im südlichen Ostpreußen

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 19. Mai 2001


Der Nerv der Region ist getroffen
Garnisonssterben im südlichen Ostpreußen
von Brigitte Jäger-Dabek

Soldaten spazieren am See entlang, Offiziere erledigen auf dem Heimweg noch schnell ein paar Einkäufe, zwei Feldwebel warten auf den Bus, der sie in ihre Stadtrandsiedlung bringt. Am Tor der weißen Kaserne mitten in Osterode grüßt der Wachhabende die letzten zur Bushaltestelle eilenden Unterführer.

Alltag in einer Garnisonsstadt, denn viele ostpreußische Städte sind teils schon seit mehr als hundert Jahren Militärstandorte. Das wurde auch nach dem Krieg nicht anders, nur daß die Uniformen jetzt polnisch sind.

Im Straßenbild werden die Uniformen fehlen in Osterode, wenn die Garnison aufgelöst wird, aber nicht nur dort, sind die Garnisonen doch überall auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Abspecken soll die polnische Armee, modernisiert werden, schlagkräftig und NATO-tauglich. Der Sechsjahresplan zur Modernisierung – von der NATO schon lange angemahnt – soll das bewirken.

Zu den hohen Zeiten des Warschauer Paktes hatte Polen bis zu 400 000 Mann unter Waffen, heute sind es noch etwa 200 000. Binnen gut zehn Jahren wurde die Truppenstärke also schon um fast die Hälfte reduziert, 61 Garnisonen wurden geschlossen. Bis 2006 soll die Truppenstärke nun auf 150 000 Mann sinken, weitere 71 Garnisonen werden geschlossen.

Die ursprünglich zweijährige Dienstzeit der polnischen Wehrpflichtigen beträgt seit 1999 nur noch zwölf Monate, am Ende des Sechsjahresplanes sollen es neun bis maximal zehn Monate sein.

Aber nicht nur die Zahl der Soldaten wird reduziert, die ganze Truppe soll mitsamt ihrer Ausrüstung am Zielpunkt 2006 im hohen Maß den Anforderungen genügen, welche die NATO stellt. Die Armee soll mobiler werden und besser in der Lage sein, schnell große Distanzen zu überwinden, die Zahl der Truppenverbände, die weit weg von ihren Basen und ihrem Territorium operieren können, soll ständig wachsen, denn gerade das forderte die NATO. Zum Ende des Planes soll ein Drittel der polnischen Armee diese Vorgaben zu hundert Prozent erfüllen, der Rest zu mindestens fünfzig Prozent.

Damit einhergehen wird eine Modernisierung der Ausrüstung mit einem weiteren Ausrangieren von Waffensystemen wie dem Panzer T 55 und dem Flugzeugtyp Mig 21, die Einheiten werden mit modernem westeuropäischen Gerät versehen.

Ziel der Entwicklung ist später einmal eine kleine, schlagkräftige Berufsarmee, was aber derzeit an der chronischen Finanzknappheit des Staatssäckels scheitert. Polen erreicht auch in diesem Jahr die versprochenen Ausgaben von zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für die Truppenmodernisierung nicht, sondern lediglich 1,95 Prozent. So wird man sich zunächst mit einer Umstrukturierung begnügen, an deren Endpunkt die polnische Armee zur Hälfte aus dann gut bezahlten Berufssoldaten bestehen wird.

Eine solch umfassende Restrukturierung kann natürlich auch an Ostpreußen nicht vorbeigehen, trifft dort den Nerv der Garnisonsstädte aber ganz besonders, hat doch die Region ohnehin schon die höchsten Arbeitslosenzahlen im Land.

Ganz geschlossen wurden seit 1995 schon die Garnisonen Wormditt, Bischofsburg und Muschaken, in vielen Standorten wurde bereits verkleinert, einige werden von der Heeresreform nun schon zum zweiten Mal getroffen. Dazu gehört auch die Garnison in Lyck, die nun 2001 genauso ganz geschlossen wird wie Sensburg. Im Jahre 2002 werden dann auch noch die Standorte Osterode und Groß Schiemanen aufgelöst. An die fünfzig Prozent des Kaders der Berufssoldaten sowie sämtliche Zivilbedienstete dieser Standorte werden ihre Arbeit verlieren.

"Meine Einheit hört 2002 auf zu bestehen" sagte Oberst Marian Kurkiewicz, Kommandant der Heereseinheit 5563 in Sensburg. "Wir waren schon von Anfang an in den Streichplänen. Im Moment dienen in meiner Einheit 185 Berufssoldaten und 180 Zivilmitarbeiter, die alle ihre Arbeit verlieren" erklärte der Oberst der polnischen Zeitung "Gazeta Olsztynska".

Die Einheit war bisher in Sensburg der größte Arbeitsbeschaffer. Dank ihrer Existenz fanden weitere vierhundert Menschen Arbeit in Betrieben, die Verträge mit der Garnison hatten, wie Wäschereien und Bäckereien. Entsprechend heftig waren die Bürgerproteste, in einem offenen Brief an Verteidigungsminister Bronislaw Komorowski sehen die Bürger ihre Stadt wirtschaftlich vollends auf den Hund kommen und warnen vor den Folgen einer dann die VierzigProzent-Marke überschreitenden Arbeitslosigkeit.

Der Sensburger Bürgermeister Karol Nowak sieht ebenfalls riesige Probleme auf seine Stadt zukommen und fordert wie alle seine betroffenen Kollegen finanzielle Hilfen des Staates. Vorrangig werde er sich um die entlassenen Mitarbeiter kümmern, versicherte er der polnischen Zeitung "Gazeta Wyborcza".

Finanzieren soll sich die Reform, die 105 Milliarden Zloty kosten wird, zu großen Teilen selbst, vor allem durch den Verkauf überschüssiger Liegenschaften, nur hat gerade das schon bisher nicht geklappt, so daß Verteidigungsminister Komorowski immer wieder Vorwürfe treffen, er rede die Folgen der Reform schön.

Schon jetzt hat die Agentur für Armeeliegenschaften viele Kasernen im Bestand, die sie gerne loswerden möchte, doch die Kaufinteressenten sind rar, die Kasernen beginnen zu verfallen. Obwohl es immer noch einen Mangel an Wohnraum gibt, will kein Mensch in die alten Gebäude ziehen; wenn sie bisher genutzt wurden, dann meist für Großhandelsbetriebe oder kleinere Produktionen.

Überdies wächst die Zahl der freien Wohnungen sprunghaft an auf dem Immobilienmarkt jeder Stadt, deren Garnison geschlossen wird, denn die Hälfte der Soldaten, die in andere Einheiten übernommenen werden, muß umziehen, oft bis ans andere Ende des Landes, und möchte die alte Wohnung verkaufen.

Inzwischen ist die Agentur für Armeeliegenschaften ob der schon vor den nun folgenden Garnisonschließungen drückenden Immobilienlasten zwar gesprächsbereit geworden, was die Bewirtschaftung durch Städte und Gemeinden betrifft, nur ist kaum eine Gemeinde in der Lage, auch nur für den Unterhalt der Gebäude aufzukommen. Im übrigen lassen die sich abzeichnenden minderen Erlöse für die Kasernen gewaltige Lücken in Komorowskis Finanzierungskonzept befürchten.

Ein weiteres Problem taucht in Standorten wie Osterode auf. Was dann sei, wenn die Agentur das Gelände der heute "Weiße Kaserne" genannten, 1913 erbauten Reiter-Kaserne über die Köpfe der Stadt hinweg verkauft, fragt sich Vizebürgermeister Bielinski in der "Gazeta Wyborcza". Schließlich sind die schmucken, historischen Bauten in gutem Zustand und liegen mitten in der Stadt, ein Filetstück im Osteroder Immobilienangebot, über das die Kommunalpolitiker natürlich gerne mitentscheiden wollen, um mehr Bewegung ins Osteroder Wirtschaftsleben zu bringen. Auch in Osterode werden einige tausend Militärs fehlen, einige hundert davon Berufssoldaten, sowie Hunderte von Zivilangestellten, die alle ihr Geld im Ort ausgaben. Wie hoch die Zahl der Zulieferbetriebe rund um die Garnison seien, die schließen werden, weil sie keine anderen Auftraggeber in der strukturschwachen Region finden, sei noch gar nicht abzusehen, sorgt sich Vizebürgermeister Bielinski.

Nur in Goldap reibt man sich zufrieden die Hände, soll doch die dortige Garnison vergrößert werden. Eine gute Nachricht für die Goldaper sei das, freute sich Vizebürgermeister Jaroslaw Sloma über die Ankündigung des Ausbaus.