16.04.2024

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02.06.01 Vor 60 Jahren starb Wilhelm II. im niederländischen Exil

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. Juni 2001


Rückblick:
Der letzte Kaiser
Vor 60 Jahren starb Wilhelm II. im niederländischen Exil
von Rüdiger Ruhnau

Auf dem Landsitz Doorn, in der niederländischen Provinz Utrecht, starb vor 60 Jahren, am 4. Juni 1941, der letzte deutsche Kaiser und König von Preußen. Und es ist keine Frage, daß er eine Zentralfigur jener Epoche der neueren deutschen Geschichte gewesen ist, die bis heute nach ihm die "wilhelminische" genannt wird. Wilhelm II. regierte ein so heterogenes Land, das sich aus norddeutschen Protestanten, süddeutschen Katholiken, liberalen westdeutschen Unternehmern, konservativen ostdeutschen Agrariern, einem machtvollen Militär und schließlich einem schnell wachsenden Industrieproletariat zusammensetzte. Allen wollte er gerecht werden, denn sein Kaiseramt empfand er als "von Gottes Gnaden" gewollt.

Als Carl Peters, der Gründer von Deutsch-Ostafrika, 1885 im Schloß zu Berlin vom damaligen Prinzen Wilhelm in Audienz empfangen wurde, schrieb er: "Der Prinz nahm das allerlebhafteste Interesse an der Kolonialerwerbung; sein Auge strahlte, seine jugendfrische und liebenswürdige Persönlichkeit wirkte anfeuernd zu weiterer Arbeit. ‚Immer höher mit der deutschen Flagge‘, sagte er, als er mich nach herzlichem Händedruck verabschiedete."

Im Alter von 29 Jahren bestieg Wilhelm am 15. Juni des Dreikaiserjahres 1888 den Thron. Er hatte von Anfang an die Absicht, selbst zu regieren. Die staatsmännische Größe des Fürsten Bismarck, dessen unvergängliche Dienste um Preußen und Deutschland, hatten auf den jungen Monarchen tiefen Eindruck gemacht. Sie konnten ihn aber nicht veranlassen, Pläne Bismarcks, die er für falsch hielt, sich zu eigen zu machen. Hinzu kamen unglaubliche Hetzereien und Einflüsterungen von seiten der Familie und von Höflingen.

Einen Anlaß zum offenen Ausbruch der Gegensätze gab die Arbeiterfrage. Wilhelm II. wollte die Arbeiter durch neue soziale Gesetze für sich gewinnen, so sollte die Beschäftigung schulpflichtiger Kinder in den Fabriken, die der Arbeiter und Angestellten an den Sonntagen und die Beschäftigung von Frauen über elf Stunden am Tag verboten werden. Das lehnte der Reichskanzler ab, in einer Sitzung des Kronrats betonte er, daß durch solche Maßnahmen die sozialdemokratische Bewegung eher gestärkt werden würde. Den Kaiser kränkte die harte Verurteilung seines Lieblingsplanes. Der Konflikt um die Inhalte der Sozialpolitik eskalierte schließlich zur Machtfrage. Bismarck bestand auf einem alten königlichen Erlaß, wonach die Minister nicht ohne seine Einwilligung mit dem Monarchen verhandeln durften, anders war eine einheitliche Politik nicht gut möglich. Als auch in den auswärtigen Angelegenheiten die Meinungen unüberbrückbar blieben, reichte Bismarck seine Entlassung als Reichskanzler und Außenminister ein. Tief getroffen mußte er innerhalb kürzester Zeit Wohnung und Dienststelle in der Wilhelmstraße räumen. "Wir wurden wie Hausdiebe auf die Straße gesetzt", klagte der Exkanzler. Neunzehn Jahre hatte Bismarck die deutsche Politik geleitet, sein Ziel war die Sicherung der Stellung des Deutschen Reiches, das er außenpolitisch für saturiert erklärt hatte.

Zum Nachfolger Bismarcks wählte Wilhelm II. den General v. Caprivi, der willig seinen Befehlen folgte. Zwar mußte der Kaiser in der Innen- und Wirtschaftspolitik auf die Zusammensetzung des Reichstags Rücksicht nehmen, doch in der Außenpolitik bestimmte er alleine. Die Erneuerung des Rückversicherungsvertrages mit Rußland lehnte er ab, weil er ihn für eine Untreue gegenüber Österreich hielt: "Ich habe dem österreichischen Kaiser Treue geschworen und werde sie halten." Was Bismarck befürchtet hatte, trat ein, die Russen schlossen 1892 ein Bündnis mit Frankreich. Dafür bemühte sich der Kaiser eifrig um ein Abkommen mit England. Mehrmals reiste er zu den "britischen Vettern", wo noch seine Großmutter, Königin Viktoria, regierte. Trotzdem konnte er den Einkreisungsring der Entente um Deutschland nicht verhindern. England wollte die Vernichtung des deutschen Welthandels, Frankreich ging es um Elsaß-Lothringen und Rußland betrieb die Zerstückelung Österreichs, das durch Berlin geschützt wurde.

In den drei Jahrzehnten seiner Regierungszeit verzeichnete das Reich einen Wirtschaftsaufschwung ohnegleichen. Unter allen Industrieländern errang es eine führende Stellung in der sozialen Wohlfahrt. Wenn Wilhelm II., der sich streng an die Vorschriften der Verfassung hielt, es auch manchmal bei den vielen öffentlichen Auftritten an diplomatischer Zurückhaltung fehlen ließ, so kann man ihm die Lauterkeit seiner Bemühungen um Frieden und Wohlstand für sein Volk nicht absprechen.

Dem vielseitigen Gebiet der Pflege von Kunst und Wissenschaft widmete der Kaiser größtes Interesse. Besonders lag ihm die Gründung und Förderung der technischen Hochschulen am Herzen. Erst im Jahre 1899 wurde den technischen Hochschulen, gegen den erbitterten Widerstand der Universitäten, auf Drängen des Kaisers das Promotionsrecht verliehen. Dabei ist zu erinnern, daß mit der Entstehung des Zweiten Reiches die Phase der Hochindustrialisierung begann. In Danzig eröffnete der Kaiser am 6. Oktober 1904 in einer eindrucksvollen Feierstunde die neu gegründete Hochschule. Von 1901 bis 1915 gingen 16 Nobelpreise an Deutsche (fünf an Engländer, sechs an Franzosen). Seine großzügige Förderung naturwissenschaftlicher Forschung gipfelte in der Stiftung der hochangesehenen "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft".

Die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares durch serbische Nationalisten war der äußere Anlaß eines Weltkrieges, den das Deutsche Reich weder vorbereitet noch gewünscht hatte. Unzählig sind die Zeugnisse dafür, daß schon im Frühjahr 1914, als in Deutschland noch niemand an den Angriff der Entente dachte, der Krieg in Rußland, Frankreich, Belgien und England vorbereitet worden ist. Auch führende Repräsentanten der einstigen Feindmächte haben den Kaiser vom Vorwurf, den Weltkrieg im Schilde geführt zu haben, freigesprochen. In einer Rede vom Balkon des Berliner Schlosses sagte der Kaiser, Deutschland sei von neidvollen Gegnern eingekreist und zum Kriege provoziert worden. Berühmt wurden seine Worte: "Ich kenne keine Parteien mehr, kenne nur noch Deutsche."

In der Tradition des preußischen Soldatenkönigtums stehend, verließ Wilhelm II. die Reichshauptstadt und schlug in Koblenz sein "Großes Hauptquartier" auf. Nach der Verfassung stand ihm im Kriegsfall die Stellung des "Obersten Kriegsherrn" zu. Als wichtigste Dienststelle des Großen Hauptquartiers fungierte der "Große Generalstab" mit dem Generalstabschef, der die Operationen des Feldheeres leitete. Alle operativen Entscheidungen lagen von Anfang an beim Generalstab, der Kaiser übte keinen entscheidenden Einfluß aus. Bei seinem Vetter Max von Baden beklagte er sich einmal, daß niemand ihn über die Vorgänge an beiden Fronten informiere: "Wenn man sich in Deutschland einbildet, daß ich das Heer führe, so irrt man sich sehr." Eine wichtige Entscheidung traf allerdings der Kaiser selbst, nämlich die Berufung des Kriegsministers v. Falkenhayn zum Nachfolger des unfähigen Generalstabschefs Helmuth von Moltke (ein Neffe des ruhmreichen Generalfeldmarschalls Graf v. Moltke). Während Moltke in der Marneschlacht versagte, hatte General Falkenhayn das mit 282 000 gefallenen deutschen Soldaten erfolglose Ringen um Verdun zu verantworten, eine "Blutmühle" ohnegleichen. Erst mit der Berufung von Hindenburg und Ludendorff in die Oberste Heeresleitung stiegen die Aussichten auf ein erfolgreiches Ende des erbitterten Ringens wieder an.

Nach dem Sieg über Rußland – am 3. März 1918 unterzeichneten die Sowjetrussen den Frieden von Brest-Litowsk – bot sich zum erstenmal im Westen die Chance, in der Truppenzahl und Materialmenge mit dem Gegner gleichzuziehen. Aber das mußte schnell geschehen. Der U-Boot-Krieg hatte nicht die erwartete Wirkung gezeigt, sondern die Kriegserklärung der USA zur Folge. Bis zum März 1918 waren 300 000 Amerikaner mit unermeßlichem Material in Frankreich gelandet. Monatlich wuchs jetzt ihre Zahl um 200 000 Mann an. Amerika hatte jahrelang den Westmächten Kriegsmaterial auf Kredit geliefert, dieses Geld würde verloren sein, wenn die Deutschen siegten.

Kaiser Wilhelm II., äußerlich eine imponierende Erscheinung, war nicht der Mann mit dem eisernen Willen und der harten Durchsetzungskraft, wie die schwierige Kriegslage es verlangt hätte. Er hörte zu sehr auf seine Berater, ordnete sich ihren Vorstellungen unter, statt selbst die Zügel in die Hand zu nehmen. Über das Kriegsende und seine Abdankung hat er ein aufschlußreiches Buch geschrieben, das 1922 herauskam, betitelt "Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878–1918". Das ruhmlose Ende der über 500jährigen Hohenzollerndynastie hat zu schwerwiegenden Folgen geführt, die bis auf den heutigen Tag nachwirken. Spätestens im Verlauf des Jahres 1917 wurde die Absicht der Alliierten deutlich erkennbar, den Kaiser, besser aber noch die Hohenzollernmonarchie überhaupt, zu beseitigen. Eine hochwirksame Feindpropaganda hatte den Glauben des Volkes an die eigene Kraft erschüttert, die Stimmung war trostlos. In Zusammenarbeit mit der russischen Botschaft in Berlin bereiteten die Marxisten die bolschewistische Revolution vor. Hauptziel war die Zersetzung des Heeres. Ende Oktober 1918 meuterte die Marine in Wilhelmshaven, Tage später wehte die rote Fahne über ganz Kiel. "Weg mit dem Kaiser! Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten", schrie die aufgehetzte Menschenmenge.

Am 28. September hatte die Oberste Heeresleitung die neu gebildete Reichsregierung unter Prinz Max von Baden aufgefordert, Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen aufgrund der 14 Punkte Wilsons aufzunehmen. Doch je mehr in Deutschland die Auflösung stieg, desto härter wurden Wilsons Forderungen. Schließlich lehnte er Verhandlungen mit "militärischen Beherrschern und monarchistischen Autokraten" ab. Daraufhin trat Ludendorff für eine Fortsetzung des Kampfes ein, erhielt aber vom Kaiser seinen Abschied.

Wilhelm II. hatte inzwischen Potsdam verlassen, das er nie wiedersehen sollte. Er fuhr zur Obersten Heeresleitung nach Spa (Badeort in Belgien), zu "seiner Armee", statt in Berlin auf die kopflosen Massen einzuwirken. Reichskanzler Max von Baden, der eine Reform der Verfassung durchgesetzt hatte, drängte den Kaiser zur Abdankung. Hindenburg erklärte, daß die Armee zur Niederschlagung der Revolution nicht mehr zu gebrauchen sei, das Verbleiben des Kaisers in Spa erschwere den Rückzug.

Wilhelm II. weigerte sich, abzudanken. Erst unter dem Druck seiner militärischen und politischen Ratgeber war er zwar zur Abdankung als Kaiser bereit, aber nicht als König von Preußen. Er begründete dies damit, seinem Volk einen Bürgerkrieg ersparen zu wollen. Ohne dazu ermächtigt worden zu sein, gab Prinz Max von Baden am 9. November 1918 die Abdankung des Kaisers bekannt. Dazu schreibt der Exmonarch in seinem o. e. Buch: "Verkündigung der Abdankung durch Funkspruch über meinen Kopf hinweg." Wilhelm II. hielt den sozialdemokratischen Politiker Scheidemann, Staatssekretär im Kabinett des Prinzen Max von Baden, "der den Kanzler ganz in der Hand hatte", für die Entwicklung verantwortlich.

Nach langem Sträuben, wiederum auf Drängen der Ratgeber, entschloß er sich zum Übertritt nach Holland, wo er fast 23 Jahre im Exil lebte.