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02.06.01 Nachdenkliches über Gereimtes und Ungereimtes

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. Juni 2001


Wenn die Merle singt
Nachdenkliches über Gereimtes und Ungereimtes

Es ist wieder einmal soweit. Blumen, Bäume, Tiere, besonders die Vögel sind außer Rand und Band. Wo sie singen, ob auf einem Baum oder einem Denkmal, ist ihnen gleich – sie singen eben. Der Vorübergehende freut sich, und manchmal fallen einem oder dem anderen sogar ein paar Worte ein, die er mit Stolz für ein Gedicht hält. Zwar eignen sich durchaus nicht alle Vogellieder dazu, im Hörer lyrische Gefühle zu erwecken. Tauben, Spatzen oder Grünfinken haben eine so kurze Tonskala, daß der Mensch davon nervös wird, keinesfalls aber zum Dichter.

Wie anders dagegen die Nachtigall! Seit Jahrhunderten, gar Jahrtausenden gilt sie als die Königin des Vogelgesanges. Zahllose Dichter – von Ovid bis Eichendorff, von Swinburne bis Wilde – haben sie ihrerseits besungen, ihr sogar manchmal eine tragische Biographie angedichtet. Das liegt zum Teil schon an ihrem Namen, wenigstens im Deutschen: er reimt sich so schön auf Reizwörter für Stimmung und Gefühl wie "süßer Schall, Widerhall, Wasserfall", daß es wirklich kein Wunder ist, daß die großen (und erst recht die kleinen!) Dichter immer wieder auf sie hereingefallen sind. Eigentlich ist das ein bißchen merkwürdig. Gewiß, die Nachtigall hat in ihrer Kehle einige sehr schöne Töne, sie verfügt über eine abwechslungsreiche Vielfalt – sind aber, wenn sie "schlägt", alle diese Töne wirklich schön?

Es gibt jedoch noch einen anderen Vogel, weit weniger selten, heute sogar jedem Großstadtkind vertraut, von dem einige Verwegene zu behaupten wagen, er – vielmehr sie – sei eine begabtere Sängerin als die Nachtigall. Für diesen Vogel hat sich anscheinend noch kein Dichter interessiert, weder der alte Ovid noch sonst ein antiker oder moderner Märchenerzähler. Nur einige Komponisten haben sich ihrer angenommen. Dieser Vogel ist die Amsel oder Schwarzdrossel. Schon bei dem Namen beginnt die Ungerechtigkeit. Die andere Drossel, der man bereits im Namen das Singen ausdrücklich zuschreibt, ist zwar nicht unbegabt – vom musikalischen Standpunkt ist jedoch das Lied der Schwarzdrossel weit klangvoller, so daß eher sie den Namen Singdrossel verdient hätte als ihre hellere Schwester.

Schuld an dieser Ungerechtigkeit ist, bei Lichte besehen, niemand anders als die schwarze Sängerin selber. Aus dem schönen alten Vogelbuch von Karl Russ erfährt man ebenso wie aus Fontanes "Cécile", daß vor rund einhundert Jahren die Amsel noch ein scheuer Waldvogel war. Wo sollte ihr da im dunklen Wald ein Dichter begegnen, ihr eine seiner Dichtungen zu weihen? Die Menschen hatten damals vielleicht wenig Lust, im tiefen Wald umherzustreifen, obendrein bei Regen und in der Dämmerung – dann singt bekanntlich dieser Vogel gerade am schönsten. Ovid, der Dichter der "Metamorphosen", war ein ausgesprochener Großstädter, wie man aus seinen traurigen Äußerungen aus der Verbannung am Schwarzen Meer erfährt: ihn zog es bestimmt nicht tief in den Wald, um dort Stoff für eine neue botanische oder zoologische Verwandlungsgeschichte zu finden.

Das hat allerdings vielleicht auch sein Gutes. Auf diese Weise hat niemand dem schwarzen Vogel eine so grausame, geradezu kannibalische Geschichte angedichtet wie Philomele, der Nachtigall. Ovid berichtet, daß sie und ihre Schwester Prokris deren Sohn, den kleinen Itys, aus Rache seinem Vater zum Mahl vorsetzten – woraufhin alle drei zur Strafe in Vögel verwandelt wurden, in die Nachtigall, die Schwalbe und der böse Vater Tereus in den Wiedehopf.

Beethoven dagegen, der die Amselmelodie in einer seiner schönsten Kompositionen künstlerisch verwendete – dem Rondo des Violinkonzerts – ist auf seinen bekannten weiten Spaziergängen dem scheuen Waldvogel offensichtlich begegnet. In den Straßen Wiens wäre ihm das damals nie gelungen. Und er ist – man denke an Heinz Tiessen – nicht der einzige Musiker, der diese Anregungen aufnahm.

Fände sich heutigen Tages ein Dichter, der endlich das so lange Versäumte nachholen und den so gar nicht mehr scheuen Vogel würdig besingen wollte: wo sollte er passende Reime hernehmen? Auf ihren so wenig klangvollen Namen reimt sich absolut nichts, in beiden Formen. Es bliebe ihm nichts anderes übrig, als das arme Tier offiziell umzutaufen, sich eines ihrer anderen volkstümlichen Namen zu bedienen. Für die Merle gäbe es immerhin ein oder zwei passende Reime wie Erle oder Perle – nur die dritte Möglichkeit "Kerle" verdirbt freilich wiederum die sanft-lyrische Stimmung.

Immerhin: es würde sich lohnen, einmal darüber nachzudenken, als Dank sozusagen. So schön freilich wie das Abendlied der Merle an einem leise verregneten Abend oder vor Sonnenaufgang – so schön wird doch kein irdisches Gedicht. Sabine Fechter