17.07.2024

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28.07.01 Vor 90 Jahren wurde Ursula Enseleit geboren

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 28. Juli 2001


Sehnsucht ohne Klagen
Vor 90 Jahren wurde Ursula Enseleit geboren

Bis ins hohe Alter hat sie sich ihren mädchenhaften Charme bewahren können. Und ihre Begeisterung, wenn sie von neuen Projekten sprach. Sie "verpfändet jedesmal ihr Leben. Ihr Verhältnis zur Kunst ist ihre ganze Existenz. Man darf sie als begnadet bezeichnen, ohne damit antiquiert zu wirken; man darf von Verinnerlichung reden und nicht das Sentimentale meinen", hat Franz Heinz einmal über Ursula Enseleit und ihre Kunst gesagt. Eine Kunst, die aus der Sehnsucht heraus entstanden ist, von der Ursula Enseleit selbst einmal sprach: "Und ich bitte meine Sehnsucht, daß sie ohne Klagen sei." Gemeint ist die Sehnsucht nach der Heimat Ostpreußen, nach dem unvergessenen Land zwischen Haff und Heide. So attestierte Dr. Ernst Schremmer der Künstlerin denn auch, daß ihre Werke "mythische Heimatbekenntnisse" seien. Die Ostpreußin selbst sah ihre Kunst als ein "Wagnis auf Gott hin. Gott selbst zeugt und bezeugt durch sie." Und sie fragte: "Will ich die Welt verändern? Darüber hatte ich bisher noch nicht nachgedacht. Ich denke, die Kunst hat etwas mit mir vor. Sie will mich auf ihre unersättliche Art am Leben erhalten, obwohl sie von mir nimmt. Ich habe den Eindruck, sie liebt mich, so wie ich sie liebe. Sie läßt mich mich bewältigen."

Nachdenkliche Worte einer Frau, die den Dingen auf den Grund gehen will – im Leben wie in ihrer Kunst. Liegt es vielleicht daran, daß sie sich nicht mit einem Wirkungskreis zufrieden gegeben hat? – Ursula Enseleit war eine der wenigen Künstlerinnen, die sowohl als Bildhauerin und Zeichnerin als auch als Lyrikerin Erfolge feierte.

Das Licht der Welt erblickte sie in Wenzken, Kreis Angerburg, am 25. Juli vor 90 Jahren. Ihr Vatersname Riel läßt auf hugenottische Abstammung schließen, Vorfahren kamen aus Norddeutschland, aus dem Salzburgischen, aus Litauen und aus Bosnien. Ihr Mann, wie ihr Vater Lehrer, fiel im Zweiten Weltkrieg. Ursula unterrichtete an sei-ner Schule wei-ter und besuchte nach der Vertreibung das Pädagogische Insti-tut in Magdeburg.

1950 gelangte sie nach Westdeutschland, wo sie sich einen langgehegten Wunsch erfüllen konnte. Sie studierte an der Landeskunstschule Mainz und fand in ihrer Lehrerin Emy Roeder eine gleichgesinnte Seele. Erste Zeichnungen und Gedichte entstanden, Studienreisen führten sie durch Deutschland und ins Ausland, erweiterten ihren Gesichtskreis. Bald wurde ihr vielseitiges Schaffen auch mit Preisen gewürdigt – sie erhielt den Förderpreis für Plastik des Landes Rheinland-Pfalz, zweimal den Angerburger Literaturpreis (1967 für den Gedichtband "Ungerupft", 1979 für die Gedichtsammlung "Das flammende Herz") und den Ostpreußischen Kulturpreis für Bildende Kunst.

Die "Dichterin in Wort und Bild", wie Ursula Enseleit einmal von einem Kritiker treffend genannt wurde, ist stets sparsam, ja zurück-haltend mit ihren Ausdrucksmitteln umgegangen – sei es das Wort, sei es die Form. Mit nur wenigen Strichen gelang es ihr, das Wesentliche zu umreißen; sie lauschte in die Stille, drang in die Tiefe vor, sah Sonderbares, wo andere nur Banales vermuten – eine Orangenschale etwa, die im Spiel des Lichtes zu wundersamen Gebilden sich formt.

Auch in ihren Porträts arbeitete sie mit sparsamen Mitteln: "Sie porträtiert mehr als nur Gesichter, sie porträtiert die Seelen. Eindrucksvoll zum Beispiel die Büste des inzwischen verstorbenen pommerschen Schauspielers Klaus Granzow oder das "Quattuorvirat" im Rathaus von Bad Mergentheim mit den Büsten der großen Ostdeutschen Arthur Schopenhauer, Bogumil Goltz, Andreas Schlüter und Georg Forster.

Die Ostpreußin, die einmal von sich gesagt hat, sie sei keine Künstlerin sondern ein Mensch, war immer auf der Suche nach dem Menschen gewesen, nach dem Gegenüber, das mitleidet und mitfühlt. Dem Leid, aber auch der Freude wollte sie mit ihrem Werk stets eine Form geben, erinnern an Vergessenes, Verdrängtes, ohne Anklage oder Vorwürfe: "Arbeitend lernte ich. Lernte weinend zu lächeln." Ursula Enseleit starb am 8. August 1997 in Mainz. SiS

Unvergessen: Ursula Enseleit, Bildhauerin, Graphikerin und Lyrikerin