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28.07.01 23. Gedanken zu einem aktuellen Thema von Willi Wegner

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 28. Juli 2001


Was ist schon ein Pfennig?
Gedanken zu einem aktuellen Thema von Willi Wegner

Vor einigen Tagen habe ich Geld gefunden. Im Zoologischen Garten. Vorm Freigehege der Eisbären. Da lag ein Pfennig vor meinen Füßen, ein Pfennigstück. Ich ging ein paar Schritte weiter, doch dann kehrte ich um, hob ihn auf, den Pfennig, und steckte ihn ein. Nur so. Wie viele mußte ich noch finden, um endlich Millionär zu sein? Ich versuchte es auszurechnen. Wahnsinn!

Später saß ich auf einer Bank vorm Freigehege der Rhesusaffen. Ich mußte ununterbrochen an den Pfennig in meiner Tasche denken. Hatte ich mich lächerlich gemacht, indem ich ihn aufhob? Was ist schon ein Pfennig? Dann dachte ich, daß es wohl interessant wäre zu erfahren, wie sich andere Menschen verhalten würden, wenn sie einen Pfennig fänden. Kurz entschlossen griff ich in die Tasche und warf den Pfennig wieder weg. Auf den Weg. Da lag er nun. Etwa drei Meter von mir entfernt. Ein kleines unwesentliches Metallplättchen. Der hundertste Teil einer Mark.

Neun Leute gingen vorüber, ohne ihn überhaupt zu sehen – meinen Pfennig. Schließlich kam ein älterer Herr daher, der ihn erblickte. Aber er stieß ihn mit seinem Spazierstock beiseite. Vielleicht dachte er: Nun bekommen wir ja bald den Euro und den Cent – was interessiert mich da dieser lächerliche Pfennig?!

Weitere Zoobesucher kamen vorbei. Ich zählte noch zwei oder drei Dutzend Passanten, die den Pfennig völlig ignorierten. Was ist los mit den Menschen, dachte ich. Tragen sie den Kopf zu hoch? Oder warten sie wirklich nur auf die neue Währung und darauf, daß jemand einen 1 Euro-Cent verliert?

Dann fiel mein Blick auf einen alten Rhesusaffen, der auf einem Felsen des Freigeheges hockte und mich unverwandt anstarrte. Oder kam mir das nur so vor? Aber es war ja auch möglich, daß er den Pfennig gesehen hatte. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn er zum Sprung ansetzen sollte …

Nein! Der alte Herr Rhesus besann sich eines Besseren. Er kratzte sich das verlängerte Rückgrat und sprang auf einen Nebenfelsen. Und die Menschen? Ich sah noch vierzig oder fünfzig vorübergehen. Drei von ihnen bemerkten den Pfennig tatsächlich. Aber sie legten keinen Wert auf ihn. Was ist das schon für ein Ding? Durchmesser 16,5 mm, Realwert gleich null.

Mir fiel ein, daß ich noch eine Verabredung hatte. Ich stand also von meiner Bank auf, um den Pfennig wieder einzustecken. Noch bevor ich mich bückte, stutzte ich. Dann setzte ich mich wieder hin. Ohne den Pfennig. Ich ertappte mich dabei, daß ich mich schämte, mich nach einem Pfennig zu bücken. Diese Feststellung war geradezu verblüffend. Ich hatte schon den Stab gebrochen über meine Mitmenschen, und nun war ich keinen Pfifferling – keinen Pfennig! – besser als sie.

"Verzeihen Sie, ist das Ihr Pfennig?" Eine alte Frau stand da, sehr alt, weißhaarig.

"Nein, nein", sagte ich. "Das ist nicht mein Pfennig!"

Sie bückte sich, die alte Dame, und hob ihn auf. Sie steckte ihn in ihr Handtäschchen. "Möglich, daß er mir gehört, dieser Pfennig", sagte sie. "Ich habe nämlich vorhin einen verloren. Vorm Freigehege der Eisbären."

"Ja", sagte ich, "dann gehört er ganz sicher Ihnen. Bewahren Sie ihn gut auf. Verlieren Sie ihn nicht wieder. Vielleicht ist es ein Glückspfennig."

Die alte Dame nickte, lächelte und ging ihres Weges.