26.01.2022

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18.08.01 Neues Nachschlagewerk über Danzig und Westpreußen erschienen

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 18. August 2001


Ostdeutsche Kulturgeschichte:
Stoff zum „Plachandern“
Neues Nachschlagewerk über Danzig und Westpreußen erschienen
von Martin Schmidt

Ob es sich um „Bollermann und Welutzke“, die Danziger Variante von Tünnes und Scheel, handelt, um Begriffe wie „Rabauscher“ (Bernsteindieb) oder „Koppscheller“ (abfällig für Pferdehändler) oder herrliche Dialektausdrücke wie „Schlubberchen“ (ein Gläschen Schnaps), „gebumfidelt“ (sich geschmeichelt fühlen)“, „glupsch“ (mürrisch), „plachandern“ (unterhalten) oder „plinsen“ (weinen), das neue Nachschlagewerk Peter Porallas hält für alte Westpreußen und Danziger eine Vielzahl an Erinnerungshäppchen parat.

Zugleich richtet sich das Buch „Danzig - Westpreußen ... zum Kennenlernen“ an Angehörige der Enkelgeneration. Und es spricht Touristen an, die mehr wissen wollen, als herkömmliche Reiseführer bieten, sich aber nicht durch schwer verdauliche Abhandlungen quälen möchten.

Auch für Journalisten wäre die Lektüre sinnvoll, würde sie doch Fehler vermeiden helfen, wie sie erst kürzlich die Fernsehnachrichten verbreiteten, als die Flutwellen der Weichsel angeblich Pommern erreichten statt Pommerellen.

Zwischen „A“ wie Abwanderung - gemeint ist die Westbewegung von 1,3 Millionen arbeitssuchenden Ost- und Westpreußen nach Berlin sowie an Ruhr und Rhein zwischen 1871 und 1910 - und „Z“ wie Zoppot, jenem renommierten Seebad, dem in diesem Oktober vor hundert Jahren von Kaiser Wilhelm II. die Stadtrechte verliehen wurden, findet der Leser knapp 1000 Stichwörter.

Der geborene Danziger Poralla arbeitete seit 1996 an dem wuchtigen Werk, recherchierte im Bundesarchiv in Koblenz, in der Deutschen Bibliothek Frankfurt und den Archiven der Landsmannschaften. In populärem Stil und knapper Form informiert er über die Geschichte aller wichtigen Ortschaften, Burgen, Schlösser, Kirchen und Güter der jahrhundertelang von Deutschen geprägten Landschaften an der Weichsel.

Zentrale historische Entwicklungen und Ereignisse werden unter Stichworten wie „Deutscher Orden“, „Christianisierung“, „Deutsches Stadtrecht“, „Hanse“, „Preußen“, „Versailler Vertrag“, „Korridor“ oder „Flucht und Vertreibung“ ebenso berücksichtigt wie Natur und Landeskunde, Wirtschaft, Verkehr und nicht zuletzt die wichtigsten Persönlichkeiten.

Gerade letztere machen deutlich, welch außerordentliche Bedeutung Westpreußen für Gesamtdeutschland hatte. Schier endlos ist die Liste prominenter Danziger - vom Astronomen Johannes Hevelius und dem Physiker Daniel Gabriel Fahrenheit über den Maler und Kupferstecher Daniel Chodowiecki, den Barockbaumeister Andreas Schlüter sowie den Philosophen Arthur Schopenhauer bis hin zum zeitgenössischen Schriftsteller Günter Grass.

Auch Bromberg kann mit berühmten Söhnen aufwarten, etwa dem impressionistischen Maler Walter Leistikow oder dem Reiseautor A. E. Johann alias Ernst Alfred Wollschläger. Desgleichen Thorn mit Nikolaus Kopernikus oder Kulm mit Hermann Löns und Kurt Schumacher. Auch der Bakteriologe Emil von Behring war Westpreuße, desgleichen Hilmar Kopper, heutiger Vorstandssprecher der Deutschen Bank.

Nicht so bekannt, aber nicht weniger bemerkenswert sind Namen wie die des Danzigers Johannes Trojan, der 47 Jahre lang als Chefredakteur der Berliner Satirezeitschrift „Kladderadatsch“ wirkte, seines Landsmannes Johannes Daniel Falk, der um 1800 das Weihnachtslied „O du fröhliche“ dichtete, der Frauenrechtlerin Käthe Schirrmacher oder des Bromberger Flugzeugkonstrukteurs Kurt Tank. Hinzu kommen Angaben zu Vertriebenenpersönlichkeiten, die in der Bundesrepublik Vertretungsfunktionen für Westpreußen wie Danziger wahrgenommen haben bzw. noch wahrnehmen.

Porallas großzügig und ideenreich illustriertes Buch ist wie geschaffen zum Schmökern. Immer wieder stößt man auf etwas, das neugierig macht. Beispielsweise das Stichwort „Fu Shing“, das den 1936 auf der Danziger Schichauwerft für China gebauten weltweit größten Saugbagger bezeichnet, oder auf die „Herzogin von Danzig“, sprich die Elsässerin Katharina Hübscher, deren Gemahl - Marschall Lefebvre - im Jahre 1807 von Napoleon mit der Herzogswürde der kurzlebigen „Republik Danzig“ betraut wurde.

Unter „Niederflur-Straßenbahn“ liest man, daß die Danziger diesen Typus bereits vor dem Ersten Weltkrieg kannten und die modernsten Straßenbahnen Europas besaßen. Wer sich in die Ausführungen über die Dreistadt Danzig-Gdingen-Zoppot vertieft, wird auch über neueste Entwicklungen wie die vollständige Übernahme des alten Betriebs durch die Firma Dr. Oetker in Kenntnis gesetzt.

Von grundlegender Bedeutung sind die Ausführungen über die Bevölkerungsverhältnisse in Westpreußen. Laut Volkszählung von 1910 bekannten sich von 1 703 474 Einwohnern 65 Prozent als Deutsche, 28 Prozent als Polen und 6 Prozent als Kaschuben. In Danzig lag der deutsche Anteil bei 97 Prozent.

In der Zwischenkriegszeit verringerte sich die Zahl der Deutschen in dem an Polen abgetreteten Pommerellen bis 1934 infolge staatlicher Repressionen wie dem Grenzzonengesetz von 412 000 auf 107 000. Dies bedeutete einen Rückgang um fast 75 Prozent. Poralla schildert vor diesem Hintergrund die Selbsthilfeaktionen der verbliebenen Minderheit, etwa die „Wanderlehrer“, die Kinder unterrichteten, die sonst keine Möglichkeit zur Teilnahme am muttersprachlichen Schulunterricht hatten.

Auch der traurige Höhepunkt der Diskriminierungen, der „Bromberger Blutsonntag“ am 3. September 1939, an dem Tausende Deutsche umgebracht wurden, bleibt nicht unerwähnt.

Abgesehen von solchen traurigen Ereignissen der Zeitgeschichte trüben nur kleine Schwächen die Lektüre, zum Beispiel daß einige Sachverhalte unter verschiedenen Stichworten doppelt zur Sprache kommen („Flucht und Vertreibung“/„Vertreibung“, „Beneckendorf“/„Hindenburg“ u. a.) und die Ausblicke auf die Nachkriegsgeschichte umfangreicher sein könnten.

Ansonsten handelt es sich um eine manchmal wehmütige, immer aber kurzweilige Lektüre, bei der der Leser von der Faszinationskraft der Geschichte gepackt wird oder vom Fern- bzw. Heimweh.

 

Das Buch „Danzig - Westpreußen ... zum Kennenlernen“ (DIN A 4, brosch., 374 S., zahlr. Abb.) kann ab Mitte August zum Preis von 54,80 DM inkl. Porto und Verpackung beim Verfasser bestellt werden: Peter Poralla, Reutebachgasse 63, 79108 Freiburg, Tel.: 0761/52617, Fax: 52618.