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18.08.01 Preußenjahr 2001: Die Bedeutung der Königskrönung von 1701

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 18. August 2001


Preußenjahr 2001:
Die Bedeutung der Königskrönung von 1701
Jahrestagung der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung in Greifswald (Teil I)
von Georg Cox

Für ihre diesjährige Jahrestagung hatte die Historische Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung nach Greifswald eingeladen. Vom 14. bis 17. Juni war die örtliche Ernst-Moritz-Arndt-Universität Gastgeber. Die öffentlichen Vorträge, die am Freitag morgen, dem 15. Juni, begannen, standen unter dem Thema „Die landesgeschichtliche Bedeutung der Königsberger Königskrönung von 1701.“. Der Kommissionsvorsitzende Bernhart Jähnig eröffnete die Tagung im Bürgerschaftssaal des Rathauses der Stadt. Ein Grußwort überbrachte der Greifswalder Psychologe Prof. Rainer Westermann in seiner Eigenschaft als Dekan der Philosophischen Fakultät Er stellte in kurzen Worten seine Universität vor und wünschte einen guten Verlauf der Tagung.

Das 300jährige Jubiläum der Krönung des Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg zum ersten König in Preußen wurde aus der Position verschiedener Fachdisziplinen angegangen. Dariusz Makilla aus Thorn betrachtete „Die Souveränitätspolitik des Großen Kurfürsten und die weitere Entwicklung des Herzogtums Preußen bis 1701“ hinsichtlich ihrer rechtshisto- rischen Grundlagen, insbesondere aus polnischer Sicht. Von grundlegender Bedeutung waren die im schwedisch-polnischen Krieg zwischen 1655 und 1660 geschlossenen Verträge. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm nutzte die nach 1648 erworbene Schlüsselstellung seines Landes zwischen Polen, Schweden und Österreich durch eine aktive Außenpolitik und lavierte zwischen den Mächten. Nach den Anfangserfolgen Schwedens 1655/56 unterstellte er sich am 17. Januar 1656 in Königsberg schwedischer Abhängigkeit Wenige Monate später, am 25. Juni 1656, wurde das Bündnis in Marienburg mit einer ausdrücklichen Zielrichtung gegen Polen erweitert. Das Kriegsglück wechselte jedoch, was die Lösung vom bedrängten Schweden am 20. November 1656 in Labiau und die Hinwendung zu Polen nach sich zog. Die geschwächte polnische Adelsrepublik war zu Zugeständnissen bereit, denn sie benötigte das Herzogtum an ihrer Seite, um den fortdauernden Krieg gegen Schweden erfolgreich beenden zu können. Österreich vermittelte. Es kam schließlich zu den Verträgen von Wehlau und Bromberg vom 16. September beziehungsweise 6. November 1657. Wesentliche Bestimmung war die Lösung des seit 1525 bestehenden Lehensbandes, was im Frieden von Oliva vom 3. Mai 1660 bestätigt wurde. Vordergründig erscheint dies als zentraler Erfolg der herzoglich-preußischen Politik, ohne den die Krönung von 1701 nicht möglich gewesen wäre. Die genaue Ausdeutung der Vereinbarungen ergibt jedoch ein differenziertes Bild. So habe Polen in ihnen nicht die volle völkerrechtliche Souveränität des Herzogtums anerkannt, diese wurde vielmehr erst 1764 durch den Sejm ausgesprochen. Die eigene Schwäche zwang die Adelsrepublik seit 1656/1660, dem Machtzuwachs des preußischen Nachbarn ohnmächtig zuzusehen.

Eine stadthistorische Perspektive nahm Jozef Wlodarski aus Danzig mit seinem Vortrag „Die Reaktion in Danzig auf die Königsberger Königskrönung von 1701“ ein. Dazu stellte er zunächst die Reaktionen der übrigen Mächte vor. In Polen weckte der Titel „König in Preußen“ weitgehende Befürchtungen, vor allem bezüglich Pommerellen, das dem polnischen König als eigentlichem Dux Prussia unterstand, sowie bezüglich des Ermlandes. Der Adel betrachtete die Schaffung eines neuen preußischen Königtums als bewußte Provokation des königlich-polnischen Preußen und befürchtete mittelfristig Eroberungspläne. Entsprechend protestierte der Sejm 1701 gegen die Krönung. König August II. (der Starke) jedoch gab in einem Geheimvertrag seine Zustimmung, und als König von Sachsen war er ganz offen einer der Garanten der Krönung. Zustimmung kam auch aus Wien von Kaiser Leopold I. Der Heilige Stuhl verhielt sich zunächst passiv. Der polnische Adel versuchte, einen päpstlichen Protest zu erreichen und beauftragte damit den Bischof von Ermland, Andrzej Chrysostom Zaluski, gleichzeitig Vorsitzender der Ständeversammlung im königlich-polnischen Preußen. Der schließlich erfolgte Protest hatte jedoch andere Hintergründe und kam zudem erst nach der Krönung zustande. Danzig vertrat zunächst eine ähnliche Position wie der polnische Adel. Gelegen im Preußen königlich-polnischen Anteils und mit zirka. 50 000 Einwohnern um 1700 die größte und - durch erfolgreiche, von königlichen Privilegien begünstigte Wirtschafts- und Handelspolitik - reichste Stadt, war Danzig mit seinem eigenen Landtag weitgehend selbständig und konnte gar eine eigene Außenpolitik betreiben. Die Stadt fühlte sich zunächst von dem erstarkten Nachbarn in ihrer Existenz bedroht und errichtete starke Befestigungen, mußte jedoch erkennen, daß diese in einem Kriegsfall der alleinige Schutz wären, denn die Bündnispartner England, Holland und Dänemark waren weit, und der eigene, polnisch-preußische König war zu schwach, um wirksam helfen zu können. Eroberungsängste bestanden aber auch gegenüber Schweden. Vor diesem Hintergrund näherte sich Danzig dem neuen preußischen König an. Im Schutze eines Neutralitätsbündnisses bewahrte die Stadt ihre Selbständigkeit und konnte diese im großen Nordischen Krieg (1701-1721) trotz schwedischer Bedrängnis weitgehend behaupten.

„Die Bedeutung des Königsberger Traktats zwischen Peter dem Großen und Kurfürst Friedrich III. von 1697“ war das Thema des Vortrags von Lothar Kotzsch aus Berlin. Bei dem Traktat handelt es sich um einen Freundschaftsvertrag, er regelt vor allem Handelserleichterungen, Reisefreiheiten und zeremonielle Gleichbehandlung auf höchster Ebene zwischen den beiden Mächten. Der Vortrag beschäftigte sich vorwiegend mit aktuellen, soziologischen Perspektiven des Traktates, wobei der Vortragende engagiert von seinen persönlichen Erfahrungen in Königsberg berichtete. Lothar Kotzsch ist gebürtiger Königsberger und einer der letzten Studenten der Albertina vor 1945. Auf der Basis seiner Forschungen über „Königsberg in Preußen seit Peter dem Großen“ (Buchveröffentlichung, Berlin 1999, 2001) kam er nach der politischen Wende 1991 nach Königsberg, um am Ort seiner alten Universität zu lehren und mit den Studierenden - vorwiegend Offizierskindern - die Kenntnisnahme der historischen freundschaftlichen Beziehungen zwischen Rußland und Preußen für die politische Gegenwart nutzbar zu machen. Die nach einer Identität suchenden Studierenden nahmen die Bemühungen dankbar an. Bei einem zweiten Lehraufenthalt erfuhr der vortragende jedoch zunehmende Ablehnung seitens des Rektors der Universität, wobei er politische Hintergründe vermutet. Nach seinem Eindruck ist es seitens der Moskauer Regierung unerwünscht, sich als Deutscher in die Diskussion um die heutige politische Entwicklung des Königsberger Gebietes vor Ort einzuschalten.

Über „Wirtschaft und Konjunkturen des Herzogtums Preußen im Zeitalter der Königskrönung“ referierte Michael North aus Greifswald. Er gab einen Einblick in ein Projekt, in dessen Verlauf in erster Linie der Export von Gütern aus den wichtigsten Hafenstädten Ost- und Westpreußens, Danzig und Königsberg, daneben auch Riga, betrachtet wird. Anhand der vorgeführten Beispiele Getreide, Dielen und Planken (Holz), Asche, Hanf und Flachs, dargestellt in Kurven über den Zeitraum vom Beginn des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, wurden erhebliche Unterschiede deutlich. Manche rasante Steigerung und mancher plötzliche Abfall einer Kurve kann die verschiedensten Ursachen haben, wichtig ist beispielsweise der Zustand des produzierenden Hinterlandes der jeweiligen Hafenstadt oder die Konkurrenz auf dem europäischen Markt. Kriegszeiten sind für die Wirtschaft immer Krisenzeiten. So zog beispielsweise der schwedisch-polnische Krieg eine solche nach sich, in Polen jedoch mit größeren Auswirkungen als im Herzogtum. Die Jahrhundertwende erweist sich in der Gesamtschau als eine Phase auslaufender Konjunkturen. Die Krise der Gutswirtschaft war jedoch überwunden; die Sanierung des in der Mitte des 17. Jahrhunderts noch maroden Staatshaushaltes zeigte wichtige Erfolge. Immerhin wurde ein Drittel des Haushaltes mit den Erträgen aus den Domänen gedeckt, ein Ausbleiben dieser Zahlungen hätte eine schmerzliche Lücke bei der Finanzierung der Krönung von 1701 offengelassen.

Die kirchen- und schulgeschichtliche Perspektive eröffnete Martin Lackner aus Tecklenburg mit seinem Vortrag „Das Collegium Fridericianun, eine pietistische Schulgründung in Königsberg“. Hintergrund dieses Themas ist die Krise der protestantischen Orthodoxie im 17. Jahrhundert und die im gesamten deutschen Sprachraum einsetzende Gegenbewegung, der Pietismus, der als eine grundlegende Neubesinnung aus den Quellen, gar als eine neue evangelische Religion anzusehen ist. Unter dem Einfluß von Philipp Jacob Spener und August Hermann Francke setzte sich der Pietismus auch in Preußen immer mehr gegen die lutherische Orthodoxie durch, wobei aus staatlicher Sicht die damit verbundenen Unionsbestrebungen im Sinne einer Überwindung des Konfessionsgegensatzes von Interesse waren. Für Preußen, vor allem für das herzogliche Preußen, wurde Theodor Gehr ein Bahnbrecher des Pietismus. Nach dem Vorbild der Franckeschen Anstalten in Halle gründete er in Königsberg eine zunächst private Lateinschule, für die er am 4. März 1701 das königliche Bestätigungsprivileg erhielt. Die Schule wurde jetzt staatlich bezuschußt, unter anderem für den Neubau von Schulgebäude und Kirche; es war aber auch ein hohes Schulgeld zu entrichten. Im Jahre 1702 wurde Heinrich Lysius Rektor der Schule, und am 10. Mai 1703 erhielt sie den Namen Collegium Fridericianum zur Ehre des preußischen Königs. Friedrich I. blieb jedoch persönlich dem Pietismus fern, anders als sein Sohn und Nachfolger, Friedrich Wilhelm I. Der in Bildungseinrichtungen wie dieser in Preußen gefestigte Pietismus schuf ein neues Verhältnis zwischen König und Untertanen, zwischen Krone und Altar - wie weit dieser Einfluß reichte, wurde im Anschluß an den Vortrags angeregt diskutiert.

Die Literaturgeschichte kam mit dem Vortrag von Axel Walter aus Osnabrück, „Die Königsberger Krönung als literarisches Ereignis“, zu ihrem Recht. Dabei ging es um die Rezeption des Krönungsereignisses nicht in der schönen Literatur, sondern in dem großen, bislang nur unzureichend betrachteten Bereich der Gelegenheitsdichtung. Man kann diesbezüglich für das 17. und 18. Jahrhundert bereits von einer Massenproduktion sprechen, die alle Lebensbereiche der res publica litteraria zu beleuchten vermag. Die Krönung von 1701 ist das Ereignis, das auf dieser Ebene von den Zeitgenossen mit weitem Abstand am häufigsten in Huldigungsgedichten und ähnlichen Texten gefeiert wurde. Dies gilt insbesondere für das nähere Umfeld des Hofes, wo panegyrische Gratulationen in Form von Lyrik, oft verbunden mit Musik, aber auch in Form von Reden, Predigten und anderer Prosa entstanden. Gerade hier war die äußere Form oftmals eine prächtige. In den Städten wurden vor allem von Universitäten, studentischen Korporationen und anderen Institutionen Huldigungstexte verfaßt, häufig anonym. Wichtige Druckorte waren an erster Stelle Königsberg, danach Berlin und Köln, darüber hinaus manche Stadt im übrigen Europa.

(Wird fortgesetzt)

 

Krönung Friedrichs I.: Kupferstich von Johann Georg Wolfgang aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach einer Zeichnung von Samuel Theodor Gericke (Ausschnitt)