21.01.2022

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15.09.01 Das deutsche Schulsystem befindet sich teilweise im freien Fall

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. September 2001


Bildung:
Turbo-Abitur und Lehrerkrise
Das deutsche Schulsystem befindet sich teilweise im freien Fall
von Jürgen Liminski

Etwas ist anders zu Beginn dieses Schuljahres. Gleich mehrere Schatten liegen über dem Bildungswesen in Deutschland, es dämmert. Die europaweite Diskussion über die Wissens- und Informationsgesellschaft sowie über die Wettbewerbsfähigkeit der organisierten Bildungssysteme in Europa haben manche Probleme ins Bewußtsein gehoben. Wie soll man die Sprachverwirrung aufgrund der unterschiedlichen Handhabung der Rechtschreibreform in deutschen Landen auflösen? Wie kommen wir über den Lehrer-Engpaß? Wie kommen die immer älter werdenden Lehrer durch den Streß-Tunnel? Warum müssen die Schulen, insbesondere in Nordrhein-Westfalen, so heruntergekommen aussehen und fast symbolhaft für das System dastehen? Wann kommt das sogenannte Turbo-Abitur, die Verkürzung von 13 auf zwölf Schuljahre? Was passiert dann mit den Gesamtschulen?

Das deutsche Schulsystem steht infrage. Es gibt auch in den Nachbarländern eine Diskussion über Schule und Lehrer, aber in keinem Land sind - nach der jüngsten Vergleichsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) - die Ausgaben pro Student so stark gesunken und die Lehrer so alt wie in Deutschland. In keinem anderen Land lassen sich mehr als zwei Drittel aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand versetzen, davon jeder fünfte mit noch nicht einmal fünfzig Jahren. Lehrer haben hierzulande mehr Frust als Lust, obwohl sie im Vergleich zu anderen weniger Stunden arbeiten, im rotgrün regierten NRW übrigens noch weniger als im Rest der Republik.

An Rhein und Ruhr hat man denn auch die größten Befürchtungen vor einer Verkürzung der Schulzeit. Die in diesem Bundesland wie Pilze aus dem ideologisch reich gedüngten Boden geschossenen Gesamtschulen wären gefährdet. Sie könnten den Lehrstoff kaum noch vermitteln. Schon jetzt gibt es mehr als genug Hinweise darauf, daß die an Gesamtschulen abgelegten Abiturarbeiten im Durchschnitt um eine Note schlechter zu bewerten wären als an Gymnasien und wenn man dann noch das deutsche Nord-Süd-Gefälle im allgemeinen Schulniveau hinzuzieht, ist es um die Wettbewerbsfähigkeit von NRW-Gesamt- schülern gar nicht gut bestellt.

Es ist abzusehen: Mit der Einführung des Turbo-Abiturs wird es ein großes Gesamtschulsterben geben. Denn eine Verkürzung der ohnehin schon leistungsschwachen Oberstufe ist nicht verkraftbar, und daher wird man entweder ganz auf die Oberstufe verzichten oder die dreizehn Jahre beibehalten. In beiden Fällen wird die Gesamtschule damit zur Schule zweiter Klasse.

Als ob das nicht genügte, haben die Funktionäre der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zum Abschluß des letzten Schuljahres noch eine Diskussion darüber angezettelt, ob man auch das Sitzenbleiben nicht abschaffen sollte. Sitzenbleiben sei ein Angriff auf das Selbstwertgefühl der Schüler. Schwache Schüler sollten individuell gefördert werden. Unabhängig von den pädagogischen Fragen, die auftauchen, wenn man ganz allgemein das Risiko des Scheiterns und Frusts ausschließen und jedem Schüler das Abitur ermöglichen möchte, ganz gleich welche realen Leistungen er erbringt, ist solch eine Forderung schlicht nicht finanzierbar.

Schon jetzt sparen viele Länder, allen voran die rotgrün regierten, gerade am Bildungspersonal. Man weiß, daß die Zahl der Schüler nach 2006 rapide fallen und sich dann der personelle Lehrer-Engpaß langsam auflösen wird.

Die Debatte wird zudem überlagert von der politischen Diskussion um die ganztägige Betreuung der Schulkinder. Kaum ein Politiker, auch in Bayern, der nicht der Ganztagsschule, dem Ganztagskindergarten oder der Rund-um-die-Uhr-Betreuung das Wort redete. Damit sind sie sich des Zuspruchs der Medien und der Wirtschaft sicher. Der Medien, weil es in den Redaktionen nur sehr wenig Frauen und Männer gibt, die einen Unterschied machen zwischen Betreuung und Erziehung und Familie als Organisationsaufgabe vorwiegend für die Frauen betrachten. Der Wirtschaft, weil man trotz hoher Arbeitslosigkeit nach qualifizierten Fachkräften Ausschau hält und seit einiger Zeit die Frau entdeckt hat, die aufgrund ihrer Mutterpflichten und einer guten Ausbildung als sozial kompetent, seriös und leistungsfähig gilt.

Aber das sind kurzsichtige Partikularinteressen. Natürlich ist es zu begrüßen, wenn junge Frauen die Möglichkeit bekommen, die Ausübung des in Studium oder Lehre erlernten Berufs mit dem Beruf der Hausfrau und Mutter besser zu verbinden. Gesellschaft und Unternehmen schulden es ihnen. Der Deutsche Lehrerverband hält jedoch die Ganztagsbetreuung nur für die zweitbeste Lösung. Schule und Kindergarten könnten eine Familie nicht ersetzen. Schule und staatlich organisierte Freizeit dürften nicht allein zum Lern- und Erfahrungsort für Schüler werden. Offen sei auch, wie ein bundesweites Ganztagsangebot finanziert werden soll. In der Tat, wenn man sich schon bei der Erhöhung des Kindergeldes oder bei der Erfüllung der Forderungen des Bundesverfassungsgerichtes in Sachen Betreuungsaufwand so schwer und alles tut, um die Eltern weiter auszubeuten, dann ist nicht vorstellbar, wie diese Betreuung mit staatlichen Mitteln finanziert werden könnte. Schwerer aber wiegt, was auch Wolfgang Tietze, Leiter der ersten bundesweiten Studie zur Qualität von Kindergärten sagt: „Fest steht, daß die erzieherische Qualität der Eltern wesentlich wichtiger für die Entwicklung der Schützlinge ist als die in Kindergärten oder Schulen ... Deutschland muß sich von der Vorstellung der 70er Jahre verabschieden, daß die Einrichtungen Fehlent- wicklungen in den Familien korrigieren könnten.“

In einem rohstoffarmen, weltoffenen Land wie Deutschland sind Bildung und Humankapital unverzichtbare Standortfaktoren.Der Ernst der Lage jedoch ist der Politik offenbar nicht bewußt. Eine Verkürzung der Schulzeit ist nur dann sinnvoll, wenn sie von Maßnahmen begleitet wird, die die Familie als Primärquelle der Produktion von Humanvermögen stärken. Soziale Kompetenz, emotionale Intelligenz, Lern-und Konzentrationsfähigkeit, ausgeglichener Gefühlshaushalt - diese und andere Voraussetzungen mehr fließen von den Familien in den großen See des gesellschaftlichen Bildungspegels. Wer die Familien schwächt, läßt die Zuflüsse zum Rinnsal verkommen und den See langsam austrocknen. Der Pegel sinkt. Deutsche Abiturienten wissen trotz längerer Schuldauer heute nicht mehr als die zwei Jahre jüngeren britischen oder französischen Schulabgänger. Die Wurzeln des Humboldtschen Bildungsideals nähren sich aus dem menschlichen Boden der Familie. Die Familie aber ist in Bedrängnis. Ihre Erziehungskraft schwindet, und auch konservative Politiker haben nur noch Lippenbekenntnisse und Minimalzugeständnisse unter Karlsruher Niveau auf Lager.

Schulzeitverkürzung und Turbo-Abitur, Lehrerkrise und Bildungsmängel, Ganztagsbetreuung und Erziehungsdefizite - beim Thema Kinder und Zukunft ist die Spaßkultur in diesem Land am Ende der Fahnenstange angelangt. Man kann Eliten heranzüchten oder ausbilden. Aber Bildung ist mehr als Schulzeit und Betreuung. Die Politik macht schon seit einiger Zeit ihre Hausaufgaben nicht mehr. Nicht wenige werden auch deshalb bei der nächsten Wahl hoffentlich sitzenbleiben.