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06.10.01 / Reform oder Taliban / Ein Gespräch mit dem Islam-Experten Bassam Tibi

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. Oktober 2001


Tage der Entscheidung:
Reform oder Taliban
Die muslimische Welt steckt in der Zerreißprobe zwischen Fundamentalisten und dem gemeinsamen Kampf gegen den Terror / Ein Gespräch mit dem Islam-Experten Bassam Tibi
von Jürgen Liminski

Die zu erwartenden Militärschläge der USA gegen Ziele in der islamischen Welt werden, auch wenn es sich nur um terroristische Ziele handelt, zu Unruhen und Protesten in der von den radikalen Islamisten aufgewiegelten Bevölkerung führen. Wie weit sie reichen, ist schwer vorauszusehen. Vermutlich wird es auch laute Solidarisierungsappelle für das Taliban-Regime geben.

Bassam Tibi, Professor für internationale Politik und Experte der islamischen Welt, schätzt den Solidarisierungseffekt in der islamischen Welt für erheblich und in seinen Folgen für unberechenbar ein. Seiner Meinung nach wird es sogar zu Massendemonstrationen kommen, die selbst die Regime der Anti-Terror-Allianz gefährden könnten.

In einem Gespräch mit dieser Zeitung unterscheidet er „in der Welt des Islam zwischen Regierungen, die prowestlich orientiert oder bereit sind, mit dem Westen zusammenzuarbeiten auf der einen, und, unterhalb dieser prowestlichen Politik, der Stimmung in der Bevölkerung auf der anderen Seite“.

Als Beispiele nennt er Pakistan und Ägypten. Beide Regierungen seien bereit, mit den Amerikanern zusammenzuarbeiten, die Bevölkerung jedoch sei mehrheitlich antiamerikanisch und antiwestlich eingestellt. Tibi wörtlich: „In einer Kriegssituation könnte es dann zu Massendemonstrationen kommen, auch zu Gewalttaten, wodurch prowestliche Regierungen in der islamischen Welt geschwächt werden.“

Deshalb werde man mit einer Bombardierung nicht viel erreichen und unter Umständen sogar befreundete Regime destabilisieren und auch außerhalb Afghanistans in der islamischen Welt eine Eskalation provozieren. Außerdem sei der militärische Erfolg eines Bombardements zweifelhaft, denn inzwischen seien die Militärlager der irregulären Krieger von Osama bin Laden in Afghanistan geräumt.

Das gelte allerdings nicht überall. In der Nachbarschaft Afghanistans sehe es zum Beispiel anders aus. Der Islam-Experte hielt sich in den letzten Monaten in Usbekistan auf. Den zum Teil scharfen Antiamerikanismus, den er aus Ägypten kenne, habe er in Usbekistan nicht angetroffen.

Das Regime der Taliban steht für eine radikale Variante des Islam. Manche halten die Gotteskrieger gar für eine Sekte. Sie wurden nur von drei Staaten anerkannt, Pakistan, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. Die Emirate und Saudi-Arabien haben ihre Anerkennung jetzt zurückgezogen. Tibi sieht die Taliban diplomatisch isoliert. „Es gibt 55 islamische Staaten. Von diesen 55 islamischen Staaten haben jetzt nur noch zwei die Taliban anerkannt (Saudi-Arabien hatte seine diplomatischen Beziehungen erst nach unserem Gespräch abgebrochen, d. Red.) und Pakistan will eine prowestliche Politik mitmachen.

Die anderen islamischen Staaten erkennen die Taliban zwar nicht an, aber die Taliban sind in einer Reihe von islamischen Ländern, in Palästina, in Algerien, in Ägypten ziemlich populär, so daß diese Ausrichtung des Islam nicht alleine auf eine Sekte in Afghanistan beschränkt ist. Sie ist leider eine Strömung, mit der wir heute zusammenleben. Deswegen sage ich als Reform-Moslem: Heute haben wir die Alternative Reform-Islam oder Taliban-Islam.“

Das gelte auch in bezug auf Europa. Hier lebten zur Zeit 15 Millionen islamische Migranten. Für diese Muslims habe er ein Konzept entwickelt, das er den Euro-Islam nenne. Der Euro-Islam sei ein Reform-Islam und die Alternative zum Taliban-Islam. In Deutschland werde er „leider sehr angefeindet, auch von sogenannten deutschen Linksliberalen, die sagen, man darf sich nicht in die Angelegenheiten der Muslime einmischen. Meine Antwort ist: Wenn sie keinen Euro-Islam haben wollen, dann müssen sie einen Taliban-Islam akzeptieren.“

Auch unter den islamischen Rechtsgelehrten macht sich der Taliban-Islam breit. Im Golf-Staat Katar hat Scheich Yussuf Al Quardawi ein islamisches Urteil, eine Fatwa ausgesprochen, die im Falle eines Vergeltungsschlages gegen die Taliban in Afghanistan sämtlichen islamischen Staaten jede Kooperation mit den USA verbiete. Selbst Rechtsgelehrte der renommierten Al Azhar-Universität in Kairo haben sich dieser Fatwa angeschlossen. Tibi ist der Urheber dieser Fatwa wohlbekannt. „Das ist der Kopf des heutigen Fundamentalismus. Wie Marx im 19. Jahrhundert der Denker der Arbeiterbewegung war, so ist heute Al Quardawi der Kopf der Fundamentalisten. Al Quardawi ist ein Ägypter. Er ist Moslem-Bruder. Er hat 1970 drei Bände auf Arabisch unter dem Titel ,Der Islam ist die Lösung‘ veröffentlicht. Er ist der Begründer der fundamentalistischen Ideologie der Gegenwart. Er ist sehr radikal, sehr antiamerikanisch, sehr antiwestlich. Dennoch wird er in der westlichen Welt respektiert. Ich habe sogar Minister gesehen, wie sie sich vor ihm verbeugt und seine Hand geküßt haben. Diese Fatwa ist sehr ernst zu nehmen.“

Tibi, der mehrere Bücher über den Nahost-Konflikt und die arabische Welt geschrieben hat, hält die These, wonach die Attentäter zumindest logistische Unterstützung größerer Institutionen hatten, wie sie etwa Staaten bieten können, für zu gewagt. Auch eine Zusammenarbeit mit Bagdad kann er sich nicht vorstellen. Der ehemalige Chef der CIA habe in den vergangenen Tagen regelmäßig in Fernsehauftritten gesagt, wir sollten uns Saddam Hussein näher anschauen. „Ich glaube, das ist eine Nostalgie des Golf-Krieges. Saddam Hussein ist heute ein Vogel ohne Flügel. Saddam Hussein hat nur eine Sorge: seine Herrschaft im Irak zu halten und fortzusetzen. Saddam Hussein hat nicht die Möglichkeit, sich außerhalb des Irak zu betätigen. Ich halte das für eine fehlinformierte amerikanische Politik.“ Man würde nur Zeit verlieren, wenn man sich auf Saddam Hussein oder auf Ghaddafi konzentrierte. Er sei „hundertprozentig davon überzeugt, daß die Bin-Laden-Connection weder mit Ghaddafi noch mit Saddam Hussein etwas zu tun hat. Die Fäden liegen anderswo: Erstens in Zentralasien, also in Afghanistan, dann in Pakistan, und schließlich im Drogenhandel. Der Drogenhandel ist ein Milliardengeschäft. Davon werden diese Aktionen auch finanziert. Hinzu kommt die Logistik, die die Bin-Laden-Leute in den vergangenen zehn Jahren hier in Westeuropa aufgebaut haben. Die Sicherheitspolitik gegen die Bin-Laden-Connection sollte nicht in Afghanistan beginnen, sondern in Westeuropa.“

Hier sei auch ein wesentlicher Unterschied zwischen den heutigen Terroristen und Befreiungsbewegungen von früher zu sehen. Die Vietkong zum Beispiel hätten im Süden gekämpft, ihr Hinterland war Nord-Vietnam. Die heutigen Terroristen „agieren weltweit und haben zwar auch ein Hinterland, aber das Hinterland ist nicht ein spezifischer Staat oder ein befreundeter Staat, sondern ein Gebiet, in dem es Freiheit gebe, um eine Logistik aufzubauen. Ich wage zu sagen, daß zu dem Hinterland der Bin-Laden-Connection unter anderem die Bundesrepublik Deutschland gehört, weil sich hier in der Bundesrepublik Deutschland einige der Millionen von Bin-Laden befinden. Einer der Finanzminister von Bin Laden, ein Sudanese, war im vorigen Jahr hier in Deutschland und hat einige Transaktionen vorgenommen. Er ist auf Hinweise der amerikanischen Nachrichtenbehörden verhaftet worden, und die deutschen Richter haben ihn freigelassen, und er hat das Land verlassen wie ein ehrbarer Bürger. Das ist die deutsche Sicherheitspolitik!“ n

 

Bücher über „Fundamentalismus im Islam“, zum „Islam in Deutschland“ und das „Pulverfaß Nahost“ machten ihn zur vielgefragten Kapazität im ganzen deutschsprachigen Raum: Bassam Tibi, in Damaskus geborener Nahost-Experte und Professor für internationale Politik