26.01.2022

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13.10.01 »Große Deutsche aus dem Osten« Teil I

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 13. Oktober 2001


Königsberg:
»Große Deutsche aus dem Osten«
Wanderausstellung der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat bis zum 19. Oktober in der Pregelstadt / Teil I

Am 6. September wurde in Königsberg auf Initiative der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat und des Vereins für deutsche Kultur im Ausland (VDA) - Landesverband Sachsen - die Ausstellung „Große Deutsche aus dem Osten“ eröffnet. Die Eröffnungsstimmung in der hauptsächlich von russischen Besuchern gefüllten Königsberger Kunstgalerie war von einer positiven, sogar etwas euphorischen Grundeinstellung durchdrungen, sowohl auf der Seite der Veranstalter, was in der bewegenden Rede von Prof. Eberhard G. Schulz zum Ausdruck kam, als auch auf der russischen Seite, deren Vertreter ein lebendiges Interesse an dem Projekt zeigten. „Die Ausstellung steht im Dienste der Weltoffenheit aller Völker“, betonte Prof. Schulz. „Gerade um jene Läuterung des Patriotismus, die in der Begrenzung des Nationalstolzes auf herausragende Kulturleistungen besteht, zu bewirken, ist die Offenheit der Völker dieser Erde für einander notwendig. Denn in Wissenschaft und Kunst, Wirtschaft und Technik sowie einer über bloße Interessenvertretung hinausreichenden Politik zeigt sich die globale Verbundenheit der Wesen, die das Denken und die grenzenlose Phantasie allen anderen Lebewesen voraushaben. Und für diese internationale Verflochtenheit der Völker bezüglich ihrer anerkannten Hochleistungen ist die Kulturleistung der Deutschen im Osten ein besonders instruktives Beispiel. In der Berührung und Durchdringung verschiedener Völker gedeiht keine Enge. So ist also gerade die Beschäftigung mit dem Kulturbeitrag der Deutschen aus dem Osten besonders fruchtbar im Hinblick auf eine weltoffene, verschiedene Kulturen und Kulturkreise verknüpfende Gestaltung der Zukunft.“

Inmitten dieser von positivem Denken und hoffnungsvollen Erwartungen erfüllten Stimmung fühlte ich mich aber etwas besorgt, nicht um den Erfolg der Ausstellung, er ist gesichert, sondern wegen einer Antwort auf die Frage, der ich mich immer wieder gestellt fühlte beim Studium der 104 Tafeln mit der Darstellung von 80 „Großen Deutschen aus dem Osten“.

Es war mir, als ob auch sie mich fragten, ob wir, die heute Lebenden, alle für die Zukunft lebenswichtigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen haben. Denn, wie die Geschichte insbesondere im letzten Jahrhundert zeigt, ist die Zukunft nicht nur für den Fortschritt offen, sondern auch für einen schrecklichen Regressus.

Diese bivalente Prägung der historischen Dramaturgie findet ihre brisante Widerspiegelung auch im Leben und Werk der in der Ausstellung vertretenen Persönlichkeiten. Wie bei Kant, der letztendlich dieses „Entweder-Oder“ der offenen Zukunft im Aufsatz „Zum ewigen Frieden“ skizziert hat: Entweder die Ausrottung eines jeden Ausrottungskrieges und der ewige Friede als das letzte Ziel des ganzen Völkerrechts und als Aufgabe eines Völkerbundes oder aber die Errichtung des ewigen Friedens allein auf dem großen Kirchhofe der Menschheit. Oder in der heterogenen Vielfalt der philosophischen Weltbilder aus dem Osten: So war der 1679 in Breslau geborene Christian Wolff, der als Vater der deutschen Gründlichkeit und der Aufklärung in Deutschland gilt, unter dem Einfluß von Leibnitz der optimistischen Überzeugung, die Welt sei ein harmonisches, von göttlichen Naturgesetzen gelenktes Gefüge, dessen Natur auch in jedem Menschen liege, und all das könne wissenschaftlich bewiesen werden. So ist es ganz anders bei Arthur Schopenhauer aus Danzig, der „die Welt als Wille und Vorstellung“ zu erkennen weiß. Diese Wahrheit findet er in den Grundlehren der indischen Philosophie bestätigt: Die Welt ist ein oberflächliches Trugbild, „Maja“, und unser bewußtes Leben ist nur eine andere Art Traum. Schopenhauer ist im Gegensatz zu Wolff ein tiefer Pessimist, denn „alles Leben ist Leid“, obschon es zwei Auswege aus dem verhängnisvollen Kreislauf von Leiden gibt: Kunst und Resignation.

Auch bivalent und widersprüchlich kann der Beitrag von deutschen Naturwissenschaftlern aus dem Osten gesehen werden: Der in Westpreußen 1864 geborene Nobelpreisträger Walther Nernst gilt als Begründer der Physikalischen Chemie. Ihm ist die Entdeckung des dritten Hauptsatzes der Thermodynamik zu verdanken, ebenso aber die Entwicklung von Sprengstoff. Seine zwei Söhne fielen im Ersten Weltkrieg. Trotz des Freispruchs von dem Vorwurf der Verletzung internationalen Rechtes durch den englischen Chemiker J. C. Coates 1939 erscheint dramatisch in seiner Widersprüchlichkeit das Schicksal des anderen Nobelpreisträgers für Chemie, Fritz Haber, vor allem im Hinblick auf seine Verantwortung für die wissenschaftliche Ermöglichung des Chlorgas-Einsatzes im Ersten Weltkrieg. Kurz nachdem am 22. April 1915 bei Ypern zum ersten Mal Chlorgas eingesetzt worden war, erschoß sich seine Frau Clara, geborene Immerwahr, mit dem Dienstrevolver ihres Mannes.

Meine Besorgnis um das oben erwähnte Thema ist wohl durch eine besondere kulturell-historische und geopolitische Prägung der Stadt zu erklären, in der die Ausstellung in diesen Tagen stattfindet. Diese Stadt ist einem fliegenden Blatt ähnlich, das getrieben wird von dem eiskalten Wind der Geschichte. Diese Stadt ist ein gemeinsames Waisenkind der dramatischen und schicksalhaften Wechselwirkungen der miteinander verflochtenen Schicksals- und Geschichtsbahnen Deutschlands und Rußlands insbesondere in den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Ein fataler Schlußakkord der deutschen Tragik in dieser Stadt fällt auf das Kriegsende. Nachdem Königsberg 1944 im Feuerball der Brandbomben fast völlig verglüht und dann durch die harten Artilleriebeschüsse und Straßenkämpfe weiterhin zerstört worden war, erlebte es das Inferno eines qualvollen Untergangs durch Zerstörungsgier und Haß der am Sturm beteiligten Soldaten. Seine am Leben gebliebenen Einwohner erlebten die schmerzvolle Vertreibung.

Das 20. Jahrhundert erlebte die Katastrophe des Menschentums und Königsberg ist eine der zahlreichen Opferstätten dieser Katastrophen und eines der tragischen Symbole der gegenseitigen Sünden. Jene, die nach 1945 aus den Weiten des Ostens neu in diesem Land angesiedelt wurden, waren auch überlebende Opfer des Zweiten Weltkrieges, zu 90 Prozent Menschen, deren Dörfer und Städte zerstört waren. Sie kamen nach Ostpreußen, ohne irgendwelche kulturell-psychologischen Bezüge zu diesem Gebiet zu haben. Sie waren vielmehr mit dem Geist totaler Ablehnung dem erhalten gebliebenen Kulturgut gegenüber erfüllt. Sprengmeister waren am Werk, nicht die Baumeister. Die Zuwanderer hielten nicht viel von den unschuldigen historischen Denkmälern, die sie hier vorfanden, obwohl bereits am Tage der Einnahme von Königsberg eine unbekannte Hand an den Sockel des Schillerdenkmals in Königsberg russisch geschrieben hatte: „Nicht erschießen. Er ist ein Dichter.“ Es gehört zu den wenigen deutschen Denkmälern, die verschont wurden. Das gleiche war dem Grabmal eines Philosophen vergönnt, jenem von Immanuel Kant, obgleich nach dem Sturm über diesem Grabmal in der heißen Polemik mit dem deutschen Klassiker eine These entstand, angeschrieben von einem siegreichen Opponenten von Kant: „Jetzt siehst, Mensch, daß die Welt materiell ist.“

Meistens aber fehlte es an Liebe, Verständnis und schonender Einstellung dem deutschen Kulturerbe gegenüber. Besinnung trat erst viel später ein, über dem geheimnisvollen Einfluß der geistigen Ausstrahlungskraft der wertvollen allgemeinmenschlichen Kulturtradition dieser Stadt, der früheren Hauptstadt in Preußen, in dem Land, „an dem sich die Geister scheiden“.

Das Imperfekt scheint schon längst eine dominante Zeitform in der Lebensgrammatik dieses Landes zu sein. Die „Es war einmal“-Weise ist detailliert erforscht, beschrieben, bis in ihre „Elementarteilchen“ zerlegt, was aber manchmal den Eindruck erweckt, daß bei diesem „Zerlegtsein“ sie letztendlich „erlegt“ wurde. Denn für die heutige Zeit, in der offenbar wird, daß die postmoderne Kultur an ihre zivilisatorischen Grenzen gestoßen ist, erscheint die Frage entscheidend nicht nach dem „factum“, sondern nach der Art und Weise der Auslegung, nach der „Interpretationskunst“, nach unserem Vermögen, fair und vorurteilsfrei zu verstehen.

Diese Frage wurde gezielt von einem „großen Deutschen aus dem Osten“, der in der Ausstellung vertreten ist, aufgeworfen: Der 1768 in Breslau geborene Friedrich Daniel Schleiermacher, einer der bedeutendsten Begründer der modernen Hermeneutik, ging davon aus, daß der Interpret bei dem Versuch, das vergangene „Anderssein“ zu verstehen, zu einer Kongenialität berufen ist, zu einem „Sicheinleben“ in das Andere. Diese psy-chologisch ausgerichtete Verstehenskunst Schleiermachers korrespondiert in einigen Aspekten mit der Hermeneutik eines anderen „Großen aus dem Osten“, der auch in der Ausstellung dabei ist. Für diesen „Magus im Norden“, Johann Georg Hamann, geboren in Königsberg 1730, ist die wahre Erkenntnis, dementsprechend das wahre Verstehen, vergleichbar mit dem Eindringen in die heilige Dimension des Andersseins, was an den „Eindringling“, an den nach dem Verstehen Suchenden hohe moralische Forderungen stellt - „äußere begriffliche Demut“, „stumme Aufmerksamkeit“, „tiefe Ehrfurcht“, letztendlich eine gewisse „Ego“-Selbstaufopferung. In der modernen philosophischen beziehungsweise fachwissenschaftlichen Hermeneutik ist Hamanns hermeneutische Grundhaltung außerordentlich wichtig für die Überwindung der überheblichen und verächtlichen Haltung des ratio- nalistisch und utilitaristisch geprägten Weltbildes, aus der öfters eine menschliche Unfähigkeit zur Kommunikation mit der Geschichte, aber auch mit der Natur, mit einer anderen Kultur, sogar mit sich selbst resultiert. Die Hamannsche Verstehenskunst sucht wahrhaften Sinn für die Wirklichkeit, für das Konkrete, Individuelle, Einzigartige, für das Strömen des lebendigen Lebens, als Begegnung mit dem Wirklichen von Angesicht zu Angesicht zu vermitteln. Hamann will den Menschen erkennen lassen, daß, indem er die Geschichte zu erkennen sucht, er auch nach seiner eigenen Identifikation sucht. Denn die innere Geschichte der Seele eines jeden einzelnen wäre mit der ganzen Menschheitsgeschichte gleichzusetzen, was ein ganz besonderes Sich-selbst-Verstehen bedeutet.

Hamanns Ideen inspirierten einen anderen großen Ostdeutschen, den aus Mohrungen/Ostpreußen stammenden Johann Gottfried Herder, der den Menschen in seiner Geschichtlichkeit zum Mittelpunkt seiner geschichtlich-religiösen Anthropologie gestellt hat. Die Ansätze der Verstehenstheorie Schleiermachers und Hamanns, die im Gegensatz zu dem Denkmodell des modernen und postmodernen Weltbildes mit seiner Dominanz vom „Ich-Es-Weltverhältnis“ stehen, sind so wichtig für alle, die das Phänomen „Preußen“ im allgemeinen und Königsberg im besonderen verstehen wollen. Denn gerade in Königsberg, in dieser „Stadt der reinen Vernunft“, die ihren Beinamen dem großen Kant verdankte, erschien vor ungefähr 200 Jahren Kants philosophischer Entwurf „Zum ewigen Frieden“. Aber welch ein dramatisches Faktum der Geschichte: Der Traktat zum Ewigen Frieden, der allen bestehenden Friedenskonzeptionen an gedank- licher Tiefe, an politischem Realismus und historischem Optimismus überlegen ist, erschien in der Stadt, die Opfer der selbstdestruktiven Denkmodelle geworden ist, unter Vernachlässigung der Ehrfurcht vor dem Leben im Sinne von Albert Schweitzer, unter Vernachlässigung der Erfurcht vor geistigen Ur-Realitäten im Sinne Johann Georg Hamanns. Wladimir Gilmanov

Immanuel Kant: 1724 (Königsberg) - 1804 (Königsberg)

Walther Nernst: 1864 (Briesen in Westpreußen) - 1941 (Gut Ober-Zibelle bei Muskau in der Niederlausitz)

Arthur Schopenhauer: 1788 (Danzig) -- 1860 (Frankfurt am Main)

Christian Freiherr v. Wolff: 1679 (Breslau) - 1754 (Halle an der Saale)

Johann Gottfried v. Herder: 1744 (Mohrungen) - 1803 (Weimar)