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20.10.01 Immanuel Kant, der große Königsberger Philosoph, und sein Verhältnis zum preußischen Staat

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 20. Oktober 2001


Immanuel Kant, der große Königsberger Philosoph, und sein Verhältnis zum preußischen Staat:
Freiheit, die ich meine
von Eberhard Günter Schulz (KK)

Immanuel Kant ist mit dem Königreich Preußen großgeworden. Als er am 22. April 1724 das Licht der Welt erblickte, regierte bereits der zweite preußische König: Friedrich Wilhelm I. (1713-1740), der Soldatenkönig. Im Jahr des Regierungsantritts Friedrichs II., der später als Friedrich der Große in die Geschichte einging, bezog Kant die Königsberger Universität. Als er seit 1755 ein Jahr lang als Magister an dieser Universität Philosophie gelesen hatte, begann der Siebenjährige Krieg, mit dem Friedrich den Besitz Schlesiens für Preußen sicherte. Während des Krieges war Ostpreußen für einige Jahre (1757-1762) durch Truppen des russischen Reiches besetzt, und Kant leistete den Treueeid auf die Zarin Elisabeth von Rußland.

Die Beliebtheit der Vorlesungen des jungen Magisters litt keineswegs unter der russischen Besatzung. Denn die Offiziere der in Königsberg stationierten Truppen waren überwiegend Deutschbalten, die ihren Aufenthalt in Königsberg gern zur Vervollkommnung ihrer Bildung nutzten. Die Einnahmen des jungen Magisters, der ja kein Gehalt bezog, sondern von Hörergeldern leben mußte, stiegen in dieser Zeit nicht unbeträchtlich.

Zur Beantwortung der von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften auf das Jahr 1762 gestellten Preisfrage reichte Kant als Antwort die Schrift ein: „Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral“. Er bekam dafür den zweiten Preis. Den ersten Preis errang Moses Mendelssohn, „der geschickte hiesige Jude“, wie es in dem Beschluß der Akademie heißt, mit einer Arbeit über dasselbe Thema. Erst 1770 erhielt Kant eine Professur und damit auch ein Gehalt. Zuvor hatte er einige Jahre als Subbibliothekar an der Schloßbibliothek zu Königsberg einen bescheidenen Lohn bezogen.

Seine „Kritik der reinen Vernunft“, die er 1781 veröffentlichte, widmete er dem Justiz- und Kultusminister Friedrichs des Großen, Carl Abraham Freiherr von Zedlitz, der wie sein König durch den Geist der Aufklärung geprägt war. Der Minister hatte in den 70er Jahren um Übersendung einer Nachschrift von Kants Vorlesung über „Physische Geographie“ gebeten, die sehr beliebt war, weil sie eine umfassende Kenntnis der Welt und der auf ihr anzutreffenden Lebewesen vermittelte. Zedlitz besuchte auch oft die Berliner Abendvorträge von Kants Lieblingsschüler Markus Herz, der sich inzwischen als Arzt in Berlin niedergelassen hatte. Herz an Kant: „Der Minister kommt als erster und geht als der letzte.“ Die Vorträge von Markus Herz waren Vorläufer des späteren Volkshochschulwesens in Deutschland. Der Salon von Frau Henriette Herz wurde bald zu einem der Mittelpunkte des kulturellen Lebens in Berlin.

Kant wußte den preußischen Staat unter dem Regiment Friedrichs des Großen besonders zu schätzen. Das bringt er ganz deutlich in seinem Aufklärungsaufsatz zum Ausdruck, den er unter dem Titel „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ am 30. September 1784 abgefaßt hat. Die Religionsfreiheit in Preußen preist der Philosoph, indem er sagt, daß Friedrich der Große sogar den hochmütigen Namen der Toleranz von sich weise. Über alle bisherigen Herrscher der Welt aber erhebt er ihn, weil Friedrich zur öffentlichen Kritik an den bestehenden Gesetzen aufgefordert hat. Darin habe „der Monarch, den wir verehren“, noch keinen Vorgänger gehabt. Die Frucht dieses Aufrufs des Königs war das „Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten“, das erst unter Friedrichs Nachfolger 1796 in Kraft getreten ist.

Zusammen mit dem Herausgeber der „Berlinischen Monatsschrift“ und Privatsekretär des Ministers Zedlitz, Erich Biester, war Kant besorgt um die Freiheit von Forschung, Lehre und Presse in Preußen, als 1786 mit dem baldigen Ableben Friedrichs des Großen gerechnet werden mußte. Kant schrieb noch kurz vor dem im August 1786 eingetretenen Tod des Königs für die „Berlinische Monatsschrift“ seinen Aufsatz „Was heißt, sich im Denken orientieren?“, in dem er den damals in der Theologie und auch bei philosophischen Schriftstellern wie Friedrich Heinrich Jacobi in Düsseldorf und Goethes Schwager Johann Georg Schlosser im Schwange stehenden Irrationalismus beredt kritisierte: „Freunde des Menschengeschlechts und dessen, was ihm am heiligsten ist! Nehmt an, was Euch nach sorgfältiger und aufrichtiger Prüfung am glaubwürdigsten erscheint …, nur streitet der Vernunft nicht … das Vorrecht ab, der letzte Probierstein der Wahrheit zu sein.“

Es war bekannt, daß der neue König Friedrich Wilhelm II. der orthodoxen evangelischen Theologie ergeben war. Er ließ sich dann auch bald zur Einführung der Zensur bewegen (Wöllnersches Religions- und Zensuredikt 1788), worunter auch Kant 1794 wegen seines 1793 erschienenen Werkes „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ zu leiden hatte. Es half ihm nichts, daß er bei der Krönung Friedrich Wilhelms II. in Königsberg die Huldigungsrede für die Universität gehalten hatte, weil er im akademischen Jahr 1786/87 gerade das Rektorat versah. Kant hatte über Religion und Politik aber längst alles Notwendige gesagt. Dennoch hat er nach dem Tode des Königs in seinem „Streit der Fakultäten“ 1798 erneut jeden Anspruch der Theologie auf Vormundschaft über andere Wissenschaften mit schlagenden Argumenten ein für alle Male zurückgewiesen. Ein Schüler Kants, Kiesewetter, war übrigens zeitweise philosophischer Hauslehrer des Kronprinzen gewesen, der, inzwischen mit Luise von Mecklenburg-Strehlitz verheiratet, 1797 als Friedrich Wilhelm III. den Thron in Preußen bestieg.

Als Kant im Februar 1804 die Augen für immer schloß, war einer der größten Denker Europas und treuesten Bürger des preußischen Staates abgetreten. Seine und Moses Mendelssohns (in dessen Hauptwerk „Jerusalem oder Über religiöse Macht und Judentum“ 1783 geäußerte) Hochschätzung der Liberalität des fride- rizianischen Preußen wiegen schwerer als das Verdammungsurteil der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges, die mit ihrem Kontrollratsbeschluß vom 25. Februar 1947 in einer von Haß bestimmten Verkennung historischer Zusammenhänge eine Linie von Friedrich dem Großen zu Hitler zogen, obwohl gerade der Widerstand gegen das Verbrechertum des Nationalsozialismus seine Rechtfertigung aus dem Geiste wahrer Humanität in Gestalt preußischer Rechtsstaatlichkeit und selbstloser Pflichterfüllung gezogen hatte.