16.04.2024

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20.10.01 »Große Deutsche aus dem Osten« Teil II

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 20. Oktober 2001


Königsberg:
»Große Deutsche aus dem Osten«
Ausstellung dank sächsischem Innenministerium bis zum 19. Oktober in der Pregelstadt / Teil II (Schluß)

Das Schicksal von Königsberg erweckt die besorgte Frage nach dem Woher und Wohin der menschlichen Geschichte im allgemeinen. Denn die tragische Dramaturgie dieser Stadt ist keine Ausnahme in der Tragik des 20. Jahrhunderts, in der Epoche der „anthropologischen Katastrophe“, die unter anderem die Rückbesinnung auf eine der ältesten, in jeder histo- rischen Konstellation neu zu stellenden Fragen nach dem Wert des Menschen, nach seiner wahren Positionierung in der Welt sowie eine geistige Umkehr nötig macht. Davon zeugt auch das Schicksal der aus Schlesien stammenden Denkerin des modernen Katholizismus Edith Stein, die auch unter den großen Deutschen in der vom sächsischen Innenministerium finanziell geförderten Ausstellung zu finden ist. Die überzeugte Katholikin, deren Werk in dem Brückenschlag zwischen dem jüdischen und dem christlichen Erbe besteht, hatte schon 1930 über „die Dringlichkeit des eigenen holocaustum (Brandopfers)“ meditiert. 1942 wurde Edith Stein in Auschwitz vergast. Und „wie kann man auf der Welt leben, in der es Auschwitz gegeben hat“, so Martin Buber. Manchmal scheint die Geschichte wirklich einer „Todesfuge“ von Paul Celan ähnlich, dessen Name und trauriges Gesicht auch an einer Tafel der Ausstellung zu sehen sind. 1970 nahm sich der jüdische Dichter das Leben. Zur „Todesfuge“ des 20. Jahrhunderts gehören auch Gulag und Hiroshima, Katyn und Dresden.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Bedeutung das in der - im ersten Teil dieses Beitrags präsentierten - Ausstellung vertretene ostdeutsche Erbe für das heutige, zur Russischen Föderation gehörende Kaliningrad hat? Ob das angesagte Imperfekt auch der Sachlage dieses Erbes in Kaliningrad entspricht? Oder ob es wohl in Kaliningrad angemessener wäre, das Perfekt als die Zeitform für „gegenwärtige Vergangenheit“ anzuwenden? „Ostdeutsches Erbe“ ist nur auf den ersten Blick rein kulturell-historisch einzuschätzen. Das gehört zur Aufgabe der Gesichtsforschung und hat unter anderem betreffend Königsberg mit dem vielseitigen und vieldeutigen Wesen zu tun, das die Umwelt und Nachwelt lobend oder tadelnd „Preußentum“ genannt hat. Dieses Preußentum beinhaltet eine ganze Palette von Konnotationen verschiedener Art: die „preußischen Tugenden“, „preußisches Beamtentum“ und so weiter. Das Herz dieser Begriffswelt „Preußentum“ ist aber wohl das Kantische Pflichtbewußtsein, dessen Grundidee darin besteht, daß der Mensch verpflichtet ist, seinem ihm inne- wohnenden Sittengesetz, seinem Gewissen, zu folgen.

Dieses Kantische „Sollen“, dieses „Du sollst es tun“, das öfters quer zu unseren Neigungen, Trieben, Wünschen, sogar zu unserer intellektualistisch-pragmatischen Argumentation steht, macht im Endeffekt das innigste und verklärende Wesen des „preußischen Erbes“ für die heutige Welt aus. Dieses Erbe bedingt einen ganz besonderen existentiell-psychologischen und kulturell-politischen Wert für die heutigen Kaliningrader und beinhaltet eine faszinierende Perspektive für eine moralisch orientierte Politik. Diese Pflichtenlehre Kants machte seine zahlreichen Schüler, so Freiherr von Zedlitz, Reichsfreiherr vom und zum Stein, Theodor von Schön, um nur einige zu nennen, zum Fundament preußischer Staatsgesinnung. Diese Haltung bedingte unter anderem einen großen Beitrag Ostdeutscher zur demokratisch orientierten politischen Denkkultur.

Auch in den dunklen Zeiten des Nationalsozialismus, in denen diese Grundidee des Kantischen Menschenbildes auf verhängnisvolle Weise durch eine furchtbare Perversion und massenhafte Irreführung zugrunde gerichtet wurde, fanden sich viele, die moralischen Mut zeigten und gegen Hitler Widerstand leisteten. In der Ausstellung sind einige von ihnen vertreten: Carl Goerdeler, der vor seiner Ernennung zum Oberbürgermeister in Leipzig 1930 zehn Jahre lang den Posten des Bürgermeisters in Königsberg bekleidet hat; der schlesische Adelige Rudolf Christoph Freiherr von Gersdorf, der schon 16 Monate vor Stauffenbergs Attentat am 20. Juli 1944 einen Anschlag auf den „Führer“ in Berlin versucht hatte; Helmuth James Graf von Moltke, der Begründer der Widerstandsgruppe „Kreisau“.

Zu würdigen ist auch ein großer Anteil der Frauen aus dem Osten im sozialpolitischen Bereich: Die in Glatz geborene Gewerkschafterin Emma Ihrer gründete 1885 den „Verein zur Vertretung von Interessen der Arbeiterinnen“; die aus Breslau stammende Pädagogin Auguste Schmidt gründete 1865 zusammen mit Luise Otto-Peters den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“. Die Königsbergerin Fanny Lewald beteiligte sich aktiv am publizistischen Kampf um die Gleichberechtigung. In keiner Geschichte der Frauenbewegung und der sozialen Frage des 19. Jahrhunderts wird der Name von Lina Morgenstern aus Breslau fehlen, der auch eine Tafel in der Ausstellung gewidmet ist.

Für die kommunistische Ideologie in der Sowjetzeit war „Preußentum“ immer synonym mit „Faschismus“ und „Militaris-mus“, was letzten Endes die ganze Tragik des „preußischen Erbes“ in dem eroberten Nordostpreußen verursacht hat, unter anderem auch die sogenannten Vernichtungswellen, die über die alte historische Bausubstanz in der Nachkriegszeit stürzten. Ende der 80er Jahre setzte im Königsberger Gebiet eine eigenartige „Preußen-Renaissance“ ein, deren Zeichen ein explosionsartiges Interesse an der früheren tabuisierten Geschichte war. Diese Renaissance-Prozesse haben viele Bereiche und Sozialschichten erfaßt. Die Menschen sind offener für eine neue, historisch und kulturell bedingte und berechtigte Gesinnung geworden. In der Erkenntnis, daß ohne Vergangenheit keine richtige Zukunft denkbar ist, begannen sie nach eigener Identität zu suchen, die aufs engste mit den historischen Wurzeln verbunden ist. Es wurde versucht, das „vertriebene Königsberg“ ans Licht der einigermaßen objektiven historischen Erkenntnis zurückzubringen, denn im Endeffekt wurde das frühere Königsberg nicht „vertrieben“, sondern „verdrängt“ in das existentiell-psychische Unterbewußtsein des heutigen Kaliningrad. Dies ist aus meiner Sicht eine gewisse „Erkenntnislogik“ des Gewissens im Sinne von Kant.

Ebenso ist klar geworden, daß die wahre Erkenntnis des „ostdeutschen Erbes“ im Bewußtsein des heutigen Kaliningrad nur unter der Bedingung sowohl des Aufarbeitens eines wahrheitsgetreuen Geschichtsbildes als auch einer moralisch orientierten historischen Hermeneutik denkbar ist. Und das ist wichtig nicht nur für die geistig-moralische Stimmung in Kaliningrad, sondern auch für die politische Zukunft dieser Exklave der Russischen Föderation, die nach dem Beitritt Litauens und Polens zur Europäischen Union zu einer russisch verwalteten Insel im Meer der europäischen Integrationsprozesse werden wird.

Heute erscheint es so, daß durch die Wechselfälle des Schicksals diese Region zu einem eigenartigen Unikum geworden ist, das sich im Rahmen der schon versteiften Denkmodelle des heutigen Zeitgeistes kaum zurechtfinden kann. Es kann dies nur vor dem Hintergrund derjenigen philosophischen und historischen Wahrheiten, die als Orientierungspunkte für das heutige politische Denken dienstbar sind. Dieses Königsberg/Kaliningrad bedarf einer tieferen Wahrheit, einer neuen politischen Denkkultur.

Gerade in dieser Situation sind neue politische Konzepte, geistige Strategien und Wagnisse gefordert: Es müssen Projekte entwickelt werden, die in gewissem Sinne europäische Logiken und Lebensformen in Richtung Rußland vorwegnehmen können. Für diesen Paradigmenwechsel aber ist Königsberg/Kaliningrad - kantisch gesagt - „ein schicklicher Platz“. Die Region ist geradezu prädestiniert dazu, gegenseitiges Vertrauen zu riskieren und so zu einem Modell europäischer Zusammenarbeit von verschiedenen Volksgruppen und Kulturen zu werden.

Auch aus dieser Perspektive hat die Ausstellung der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat einen mehrfachen Wert für Kaliningrad, das in seinem heutigen Zustand dialektischer Gespanntheit, in seinem Spannungsbogen zwischen gestern und morgen, zwischen Glauben und Nihilismus, zwischen Resignation und Hoffnung, ganz treffend mit dem Menschenbild im Werk eines weiteren großen Deutschen aus dem Osten, Joseph Freiherr von Eichendorff, korrespondiert, wie es Oskar Seidlin, ein Eichendorff-Kenner, geäußert hat: „Noch nicht.“ Wladimir Gilmanov

Der Autor lehrt als Professor an der Universität Kaliningrad Sprachwissenschaft, Sprachgeschichte, Kulturwissenschaft und Literatur.

 

Luise Otto-Peters und Helmuth James Graf von Moltke: Die Schriftstellerin und Vorkämpferin der Frauenemanzipation gründete mit Auguste Schmidt 1865 den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“. Der 1907 in Kreisau geborene Widerstandskämpfer, hier mit seinem Sohn Caspar 1938, wurde 1945 hingerichtet.

Edith Stein und Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein: Die Philosophin, die 1891 als Tochter eines jüdischen Kaufmanns in Breslau zur Welt kam, 1922 zum Katholizismus konvertierte und 1933 unter dem Namen Teresia Benedicta a Cruce Karmeliterin wurde, starb 1942 durch fremde Hand im KZ Auschwitz. Der 1757 in Nassau geborene und 1831 in Cappenberg gestorbene Staatsmann aus reichsritterlichem Geschlecht, hier ein Gemälde Carl v. Steubens aus dem Jahre 1815, zählt mit Karl August Fürst von Hardenberg zu den bedeutendsten Reformern Preußens.