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27.10.01 In Mühlhausen an Agnes Miegel erinnert

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 27. Oktober 2001


Reiche Seele
In Mühlhausen an Agnes Miegel erinnert

Es ist einige Jahre her, als wir auf unserer Rundreise durch das heutige nördliche Ostpreußen nach Tharau und Mühlhausen kamen. Mühlhausen, dieser Ort weist auf die frühen weitreichenden Verbindungen hin, die das junge Herzogtum im Osten besaß. Luthers Tochter Margarete hatte den Mühlhauser Gutsherrn von Kuenheim geheiratet, den Patronatsherrn der Kirche. Nach ihrem frühen Tod wurde sie hier beigesetzt.

Doch bevor wir Mühlhausen aufsuchten, hatten wir mit großer Betroffenheit die zerstörte Kirche in Tharau gesehen. Tharau, was für ein Klang wurde bei diesem Namen lebendig. Tharau, hier wirkte einst der Pfarrer Andreas Neander, der Vater der „Anke von Tharau“. Zu deren Hochzeit mit dem Pfarrer Johannes Portatius hat Simon Dach 1633 das Lied „Anke von Tharau“ geschrieben. Ein Lied, das zum Volkslied wurde. In europäischen Nachbarländern wird es, wie Goethes „Sah ein Knab ein Röslein stehen“, als deutsches Volkslied angesehen.

Den kleinen Hügel, auf dem die Kirche lag, hinaufsteigend, sah man nicht gleich das Ausmaß der Zerstörung und des Verfalls der Kirche. Der fast unzerstört wirkende Turm, in der für den Osten typischen Bauweise der Back-steingotik, ragte hoch auf. Doch dann der erschreckende Eindruck der Seitenansicht mit den zerstörten Nebenkapellen und das beschädigte Innere der Kirche. Bei Kriegsende war die Kirche noch unzerstört. Jetzt wirkten die Wände wie ein zerlöchertes Tuch. Mutwillig hatte man einen Durchbruch für Lastwagen hin-eingestoßen, denn der Kirchenraum war in sowjetischer Zeit zweckentfremdet zu einem Lager für Mineraldünger geworden. Und wie der russische Schriftsteller Juri Iwanow berichtete, wurden Wände bei der Suche nach dem Bernsteinzimmer, das man hier vermutete, aufgebrochen.

Es grenzt an ein Wunder, daß sich in den letzten Jahren in Deutschland Menschen fanden, die es sich zur Aufgabe machen, dem Verfall der Tharauer Kirche entgegenzuwirken. Dafür ist und wird ein großer materieller und ideeller Einsatz notwendig.

Nicht weit von Tharau gelangten wir nach Mühlhausen. Der Turm schien eine Schwester des Tharauer Kirchturms zu sein. Eine weitere Ähnlichkeit mit der Tharauer Kirche, waren die Seitenkapellen, die von außen noch einigermaßen erhalten wirkten.

Eine in Mühlhausen ansässige rußlanddeutsche Frau führte uns in das Innere der Kirche. Diese war nicht so zerstört wie die Tharauer Kirche, und doch war der Verfall deutlich. Und dann sagte diese Frau mit einer weit ausholenden Armbewegung durch den Kirchenraum weisend, einen Satz, der mich beim Anblick des augenblicklichen Zustandes der Kirche tief anrührte. „Haben wir nicht eine schöne Kirche?!“ Überrascht blickte ich in ein fast andächtiges Gesicht. Diese Frau sieht mehr als wir. Über dem Bild des Verfalls sieht sie vor sich die einstige Kirche im Goldglanz der Altarkerzen. Sie denkt sich die verdunkelte Malerei des hölzernen Tonnengewölbes wieder in schönen hellen Farben, so daß die biblischen Bilder wie einst zu den aufblickenden Gotteshausbesuchern verkündigend sprechen.

„Haben wir nicht eine schöne Kirche!“ Dieser Satz klingt in mir nach.

Der Blick wandert durch den Raum, und wir entdecken etwas, was dem hoffnungsvollen Bild der Frau Nahrung gibt. Man hat begonnen, den Schutt des Verfalls beiseite zu räumen, Material zu ordnen. Die Kirche ist nicht dem Vergessen preisgegeben. Wie ein Puzzle, noch nicht vollständig ergänzt, liegen Steinbrocken auf dem Boden. Sie gehören zu dem zerstörten Epitaph des von Kuenheim, Margarete Luthers Ehemann. Es steigt die Erinnerung an ein wunderbares Gedicht auf, das diesem Paar gilt und das Agnes Miegel schuf. Auch sie hat hier einst gestanden und hat diese mittelalterliche Ordenskirche in ihrem historischen Wert gesehen.

Doch bei Agnes Miegel bleibt es nicht nur bei einem Eindruck, nicht nur bei einer Wertschätzung. In ihrer reichen Seele beginnt die Vergangenheit zu leben und füllt sich mit Leben. Margarete Luther und dem von Kuenheim widmet sie das wunderbare zartfühlende Gedicht „Der Witwer“ (erschienen in Agnes Miegel: Die Frauen von Nidden, Rautenberg Verlag).

Der Witwer

Der Gatte der Margarete von Kuenheim, der Tochter Luthers, spricht:

Goldner schimmerte Dein Haar

Als das Korn im Sommerwinde,

Süßer mir Dein Atem war

Als der Honigduft der Linde.

Rauscht das Laub wie

Dein Gewand, -

In der blassen Abendhelle

Halb zum Dunkel hingewandt

Heb ich wie im Traum die Hand,

Stehst Du

auf der Kirchenschwelle?

Was mir auch das Leben bot,

Hof und Reichtum,

Macht und Ehre, -

Ach, es griff nach Deinem Tod

Immer meine Hand ins Leere!

An der Tür, durch die Du gingst

Als der heiße Tag verglühte,

Ist’s, als ob Du mich umfingst,

Immer wenn die Linde blühte. -

Holde, zärtliche Gestalt,

Ähren wehn wie Deine Haare,

Gingen so viel lange Jahre, -

Holde, zärtliche Gestalt,

Du bliebst jung. Und ich ward alt.

Horch, der Kuckuck ruft im Wald

Und verstummt.

Ich komme bald.

Agnes Miegel

Es sind Jahre vergangen. Wie berichtet wird, soll die Instandsetzung der Mühlhauser Kirche voranschreiten. Wie eine segensreiche Auswirkung erscheint die Tatsache, daß sich dort in den letzten Jahren eine rußlanddeutsche evangelische Gemeinde gebildet hat. Die Kirche wird wieder mit Leben erfüllt werden. Mit der mittelalterlichen Mühlhauser Ordenskirche wird die historische Vergangenheit erhalten bleiben.

Und vielleicht an Sommertagen, wenn der Duft der Lindenblüte durch die Kirchentüre strömt, über die Schwelle, die so mancher Fuß überschritt, auch Margaretes, streift den Besucher, wie in dem Gedicht, ein Hauch vergangenen Lebens. Eva Reimann