30.05.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
03.11.01 R. G. Kerschhofer über die Instrumentalisierung menschlicher Ängste

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 03. November 2001


Gedanken zur Zeit:
Wenn ein »Nocebo« plötzlich mutiert ...
R. G. Kerschhofer über die Instrumentalisierung menschlicher Ängste

Als Kind wurde ich oft ins Gebirge geschleppt, um dort „die gute, ozonreiche Luft“ atmen zu können. Zwar wäre ich lieber ins Schwimmbad gegangen, statt mich mit Erwachsenen den Berg hinaufzuschwitzen, aber selbstverständlich wußte ich die elterliche Ozon-Fürsorge zu schätzen. Und dieses Ozon roch, wie es schien, wirklich sehr gesund - nach Föhren oder Latschen oder was sonst so wächst in den Alpen. Als dann das Wirtschaftswunder ausbrach und nicht mehr alle Kaufkraft nur für Lebensnotwendiges draufging, kamen Sprühdosen in Mode, und das Nonplus-ultra war ein „Raumspray mit Ozon“: Man konnte zu Hause bleiben, brauchte nicht einmal die Fenster zu öffnen, und trotzdem roch es wie am Berg.

Doch die Zeiten ändern sich: Würde ich heute jemandem einen solchen Sprühstoß versetzen, müßte ich mit tätlicher Gegenwehr oder gar mit einer Strafanzeige rechnen! Was hat sich da geändert? Sicher nichts an den chemischen und physiologischen Wirkungen: Das geruchlose Ozon ist keimtötend, also nützlich, kann aber - in höherer Konzentration - zur Überreizung der Atemorgane führen, also schaden, damals wie heute. Anders ist bloß die öffentliche Wahrnehmung! Eine durch Manipulation ausgelöste Hysterie verengt den Gesichtskreis und verdrängt die einzig entscheidende Frage, nämlich die nach der richtigen Dosierung! Vielleicht wird trotzdem schon mancher gerätselt haben: Wem soll es nützen, wenn an manchen Sommertagen eine „Ozon-Vorwarnstufe“ verkündet wird, auf daß „Alte, Kranke und Kleinkinder“ von „anstrengenden Arbeiten im Freien“ Abstand nehmen mögen? Was, so muß man fragen, wird damit wirklich erreicht?

Analog zum altbekannten Placebo-Effekt (von lat. placere = gefallen) gibt es auch so etwas wie einen Nocebo-Effekt (nocere = schaden): Man hört, daß etwas schädlich sein soll, und weil es schädlich sein könnte, glaubt man prompt, daß es schädlich ist, und weil man dies glaubt, schadet es tatsächlich. Denn der Glaube kann, auch wenn er in physikalischem Sinne keine Berge versetzt, immerhin das Funktionieren des Organismus beeinflussen - positiv oder negativ. Zwischen Positivem und Negativem, zwischen Placebo und Nocebo, bestehen allerdings wesentliche Unterschiede: Ein Placebo schadet nur, wenn seinetwegen eine notwendige Maßnahme unterbleibt, kann aber durchaus auch Verbesserungen bewirken wie seriöse Reihenversuche belegen. Ein Nocebo hingegen schadet immer, denn weil man Angst hat vor dem, was schädlich sein könnte, schadet es selbst dann, wenn das gar nicht Schädliche gar nicht eintritt! Und weil man die eigene Angst vor dem vermeintlich Schädlichen auf einen vermeintlichen Verursacher projiziert, kommt es zu Konflikten, die sekundär auch andere schädigen - ausgenommen meist die wahren Verursacher, die professionellen Angstmacher! Und wenngleich es noch keine Untersuchungen gibt, so deutet vieles darauf hin, daß ein Nocebo wesentlich größere psychische Energien freizusetzen vermag als ein Placebo.

Das verständliche Interesse des Menschen an Gesundheit und Sicherheit läßt sich nur zu leicht in schädliche Angst verwandeln. Aus Fahrlässigkeit geschieht dies etwa durch die in den Medien allgegenwärtige Vulgärmedizin samt Diät-Tyrannei. Man denke aber auch an die übervollen Wartezimmer, in denen etliche jener Symptome, von denen Ärzte zu hören kriegen, überhaupt erst entstehen. Und man denke an die „Beipackzettel“, jene Ausgeburten einer pervertierten Produkthaftung: Wozu etwa soll ein Patient lesen müssen, daß bei einem ohnehin arztpflichtigen Antibiotikum als theoretisch mögliche Nebenwirkung die Achillessehne reißen könnte?

Fahrlässigkeit und Vorsatz gehen Hand in Hand, und eine stets auf die nächste Wahl fixierte Politiker-Kaste könnte es sich auch gar nicht leisten, Ängste zu bagatellisieren, selbst wenn die „Gefahren“ im Rahmen wirtschaftlicher Konkurrenzkämpfe offensichtlich frei erfunden sind! So bei technischen „Verbesserungen“, besonders aber bei allem, was mit der Ersatzgottheit „Umwelt“ zusammenhängt! Wenn ein Placebo plötzlich zum Nocebo mutiert, dann stecken eher patentrechtliche Interessen dahinter als das Wohl der Menschheit. Und die Scheingefechte zwischen gewissen Finanzgruppen und sogenannten Umweltorganisationen sind in Wahrheit ein Zusammenspiel mit raffinierter Rollenverteilung zwecks Gewinnmaximierung auf Kosten der Angsthasen.

Hellhörig sollte der Bürger immer dann werden, wenn die Meinungsmacher in verdächtiger Einhelligkeit auf eine Substanz einprügeln - oder auf ein politisches Phänomen oder auf eine zum Gottseibeiuns hochstilisierte Person. Das Tückische ist, daß die Schädlichkeit, die dem Inkriminierten zugeschrieben wird, sich in jedem Fall zu bestätigen scheint, zumindest als der erwähnte Sekundärschaden! Und wen kümmert dann noch die Unterscheidung von Ursache und Wirkung, von Treibgas und Treibhausgas, von Milzbrand und Flächenbrand?