16.04.2024

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10.11.01 Stunde Null?

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 10. November 2001


Stunde Null?
von Christel Bethke

Von welcher Seite würden sie kommen, fragten sich die Menschen in der letzten Zeit immer öfter, vom Stadtwald her oder von der Stadt? Der Moment nach dem Aufbruch der alten Bewohner und der Ankunft derjenigen, die die neuen werden sollten, zeigt eine leere Straße. Die Tore zu den Grundstücken haben sie aufstehen lassen. Die Haustüren auch? Das war natürlich eine schwere Entscheidung gewesen: auflassen oder zuschließen? Eingedenk des Russeneinfalls von 1914, der noch im Gedächtnis der Älteren war, war man so gut wie sicher, daß man wiederkommen würde. Wie denn nicht? Anderes zu denken, war schier unmöglich. Und so fand sich noch nach Jahren mancher Schlüssel, der nur noch Eingeweihten heilig war.

Schon lange wartete der Handwagen, den man heimlich vor mißtrauischen Augen gepackt hatte, versteckt unter Stroh im Stall. Sie hatten vorgesorgt. Alles stand parat. Schinken und Speck waren in Tücher eingewickelt, Gläser mit Blut- und Leberwurst, Sülze. Die Schweinebucht stand früher als in anderen Jahren leer. Unter fadenscheinigem Vorwand war früher geschlachtet worden. Wären sie schon eher losgezogen, wenn sie es gedurft hätten? Sicherlich nicht. Wer läßt schon seine Tiere, seine Wirtschaft und alles, was man nach dem ersten Krieg wieder mit Müh und Not aufgebaut hatte, so einfach im Stich. Wer warten kann, hat viel getan, heißt ein Sprichwort, das aus dem Osten stammt. Diesmal nicht.

Der Wagen wartete also beladen im Stall. Kleidung, Bettzeug zu Pungeln geschnürt, die hölzerne Kassette mit den wichtigsten Papieren, die immer unten im Kleiderschrank stand, Lebensmittel. Alles fand seinen Platz. Gott sei Dank war man diesmal schlauer. Vieles war in den Keller getragen worden, ja, die Räucherkammer nach dem Vollpacken sogar zugemauert worden. Denn als sie damals von der ersten Flucht zurückkehrten, war wohl das Haus abgebrannt, aber alle Sachen im Keller hatten sie vorgefunden und die hatten ihnen den Neubeginn leichter fallen lassen. Welch ein Glück! Leider konnte nichts im Garten vergraben werden, denn der Frost saß tief im Boden. Also alles in den Keller, was einem so nach und nach einfiel.

Die letzten Wochen spielten sich gedämpfter ab, leiser, auch wenn das Grummeln in der Ferne nicht zu überhören war. Trotzdem hatte es noch einmal Weihnachten gegeben. Wie alle Jahre waren sie am Heiligen Abend zur Kirche gegangen. Es war gekocht worden, gebacken, die Kinder waren beschenkt worden. Noch einmal ein Fest. Ein letztes Foto. Einige der Kinder würden bald nicht mehr da sein. Aber zu diesem Zeitpunkt wußte das noch niemand. Als der Befehl kam, es rette sich, wer kann, war man, siehe da, nicht der einzige gewesen, der heimlich gepackt hatte und nun den Handwagen unterm Stroh vorzog. Niemals aber war darüber ein Wort verlautet. Zu niemandem. Nicht einmal in der Familie hatte man sich besprochen, was im nachhinein unerklärlich blieb. Vieles war und blieb unerklärlich. Würden sie sich durchschlagen können? Schwerer als der Wagen war das Herz zu ziehen. Wieder waren sie die Geprüften, herausgerissen aus allem, was ihr Leben ausgemacht hatte.