15.04.2024

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10.11.01 Britische Medien und die Bomben auf Afghanistan

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 10. November 2001


Britische Medien und die Bomben auf Afghanistan:
Kriegspfad oder Holzweg?
Die anglo-amerikanische Waffenbrüderschaft in der Belastungsprobe
von Hans Heckel

Unter den Verbündeten der USA gilt Großbritannien seit Generationen als Parade-Alliierter. So auch jetzt im „Krieg gegen den Terror“. Hinter den schwungvollen Stellungnahmen von Premier Tony Blair tut sich jedoch zunehmend eine tiefe Kluft im Meinungsbild des Inselreiches auf, die manchen verblüffen mag.

In hierzulande kaum erreichter Schärfe streiten ausgerechnet die Briten leidenschaftlich über den Sinn der Militäraktion, in welche ihre Truppen tiefer verwickelt sind als die aller anderen Nato-Partner der Vereinigten Staaten. Dabei werden nicht bloß kritische Stimmen hinsichtlich der unklaren Kriegsziele und ihrer Erreichbarkeit vernehmbar. Weit beeindruckender ist, wie selbst Rolle und Anspruch der USA als global dominierende, einzige Weltmacht schlechthin kontrovers diskutiert werden vor dem Hintergrund der wachsenden Sorge, die Operation am Hindukusch könnte ein Schuß in den Ofen werden. Hinter der Kulisse unablässiger Loyalität wollen britische Medien überdies auch auf offizieller politischer Ebene Anzeichen für Risse im anscheinend so unverbrüchlichen Schulterschluß erkannt haben.

So habe, berichtet die Zeitung „The Guardian“, der britische Verteidigungsminister Geoffrey Hoon beim Treffen mit seinem US-Kollegen Donald Rumsfeld in Washington vergangene Woche zum Kriegsziel erklärt, lediglich Osama bin Laden und seine al-Kaida-Gruppe „zur Rechenschaft“ ziehen zu wollen. Rumsfeld und Präsident Bush seien im Kontrast dazu viel weiter gegangen und hätten „den Sieg definiert als Befreiung der Amerikaner von der Angst vor dem Terrorismus, was auf eine sehr viel weiterreichende Kampagne gegen alle Terroristengruppen hinausläuft“.

Laut der Zeitung „The Independent“ ist sich indes sogar die britische Regierung selbst uneins. So habe Vize-Premier John Prescott am Mittwoch vergangener Woche vor dem Unterhaus erklärt: „Die Kriegsziele sind klar, und die Entfernung der Taliban ist kein Kriegsziel, daß wir eindeutig anzustreben gedenken“. Dies könne sich lediglich daraus ergeben, daß die Taliban bin Laden weiterhin Schutz gewährten, zitiert das Blatt den stellvertretenden Regierungschef.

Spürbar irritiert stellt der „Independent“ diesen Äußerungen gegenüber, was Premier Tony Blair nur 24 Stunden zuvor zum Kriegsziel erhoben habe: „Al-Kaida wird in Afghanistan dichtgemacht, das Taliban-Regime fliegt raus und ein Regime auf breiter Basis kommt rein.“ Also, was jetzt? - fragen sich die Briten: Al-Kaida zerschlagen oder bloß „zur Rechenschaft ziehen“? Die Taliban in jedem Fall zum Teufel jagen oder nur dann, wenn sie um keinen Preis darauf verzichten wollen, bin Laden auch künftig zu decken?

Neben den beiden liberalen Blättern wird dem konservativen „Daily Telegraph“ zunehmend mulmig angesichts von Tony Blairs eifrigen Bemühungen um eine „breite Allianz gegen den Terror“, die einigen recht zweifelhaften Regimen einmalige Chancen zur Selbstdarstellung liefere.

Regelrecht angewidert beschreibt das Blatt Blairs Besuch in Damaskus vergangene Woche. „Wie viele naive westliche Touristen vor ihm hat er sich schließlich von den einheimischen Händlern rupfen lassen“, schimpft der „Telegraph“. Der britische Premier habe Syriens Präsident Baschar al-Assad die flehentlich ersehnte Anerkennung verschafft, welche dessen Vater nicht einmal der geduldige Bill Clinton habe einräumen wollen. Der Syrer könne dem Westen nun für eine „wertlose und verspätete Form des Beistands einen enormen Preis abpressen“. Assad habe damit prahlen können, wie er erfolgreich mit seinen eigenen islamischen Extremisten verhandelt hätte, jenen Terroristen, denen sein Land seit Jahren Unterstützung gewähre und die für tausendfache Morde verantwortlich seien. Als magere Gegenleistung für die neue Hoffähigkeit habe Assad gerade mal das Existenzrecht Israels neben einem Palästinenserstaat „großzügig eingeräumt“. „Wo bleibt bei all dem der Krieg gegen den Terrorismus?“ fragt die Zeitung erregt: „Syrien war lange Zeit die Schweiz des Terrorismus“ und werde jetzt großzügig belohnt, nur weil es bestenfalls ein paar Schwarzgeldkonten von Terrorbanden außer Landes weise.

Blairs Mission habe sich auf die unhaltbare Unterscheidung von „guten“ und „bösen“ Terroristen eingelassen. Damit sei er übel beraten gewesen und „hat die Kampagne der Alliierten geschwächt“.

In seltener Nähe zum „Telegraph“ vermeint der „Independent“ in Blairs Syrien-Visite die „Scheinheiligkeit dieses Kriegs gegen den Terrorismus“ entlarvt zu sehen und verweist darauf, daß Damaskus ausgerechnet jene PFLP-Gruppe begünstige, auf deren Konto jüngst die Ermordung des israelischen Ministers Zeevi gehe. „Sehr zur Peinlichkeit von Herrn Blair verließ Präsident Assad die gemeinsame Linie (gegen den Terrorismus) und pries die ,Freiheitskämpfer‘, die bei ihm zu Gast sind“, so die Zeitung, die schlußfolgert: „Mehr als alles andere hat diese Reisediplomatie unterstrichen, daß dies ein Krieg gegen die Feinde Amerikas ist und nicht irgendein amorphes Kriegskonzept gegen den Terrorismus.“

Auf diese Weise zieht der „Independent“ gleich die gesamte laufende Operation in Zweifel und läßt sich in seiner Fundamentalkritik nur noch vom „Guardian“ übertreffen, der die US-Weltpolitik gleich von zwei sehr unterschiedlichen Seiten in die Zange nehmen läßt. In einer Polemik wirft hier George Monbiot den USA vor, selbst jahrzehntelang den übelsten Terrorismus unterstützt zu haben. Der „Guardian“-Autor zitiert Präsident Bush, der ausgerufen hatte, daß jede Regierung, die Gesetzlose und Mörder unterstütze, selbst zum Gesetzlosen und Mörder geworden sei und die Konsequenzen allein zu tragen habe.

„Ich bin froh, daß er ,jede Regierung‘ gesagt hat, weil es da nämlich eine gibt, die seine volle Aufmerksamkeit verdient“, fügt Monbiot süffisant an und meint die US-Regierung selbst. Über 55 Jahre habe diese in Fort Benning, Georgia, rund 60.000 lateinamerikanische Soldaten und Polizisten an der sogenannten „School of the Americas“ (SOA) ausgebildet. „Unter den SOA-Absolventen sind die notorischsten Folterer, Massenmörder, Diktatoren und Staatsterroristen des Kontinents“, ätzt er ins Blatt und führt eine illustre Schar beispielhafter Finsterlinge an. Unter ihnen Gestalten wie Panamas Noriega und diverse Anführer von berüchtigten „Todesschwadronen“ - etwa in El Salvador, Guatemala, Peru oder Kolumbien.

Schon 1996 sei Washington wegen der Sache mulmig geworden und man habe sieben Punkte aus der SOA-Schulung streichen lassen. „Neben anderen erstklassigen Tips für Terroristen wurde hier Erpressung, Folter, Exekution und die Verhaftung der Angehörigen von Zeugen empfohlen“, schäumt Monbiot. Vergangenes Jahr hätten US-Kongreßabgeordnete versucht, die SOA zuzumachen: „Sie unterlagen mit zehn Stimmen.“ Nunmehr habe man einfach den Namen geändert in „Western Hemisphere Institute for Security Cooperation“, kurz „Whisc“, um dem parlamentarischen Druck auszuweichen. Doch, so der Journalist des „Guardian“: „Georgias Senator Paul Coverdell, der dafür gekämpft hatte, die Schule zu retten, erzählte den Zeitungen, daß die Änderungen ,im Grunde kosmetisch‘ seien“.

Aus einer ganz anderen Richtung zielt im selben Blatt die USA-Kritik des Historikers Niall Ferguson. Mit seiner spektakulären Weltkrieg-eins-Analyse „Der falsche Krieg“ hatte sich Ferguson vergangenes Jahr auch in Deutschland den Ruf eines fundierten Fachmanns der jüngeren Geschichte erworben.

Ferguson sieht die US-Politik in der Falle eines verschämten, „informellen Imperialismus“ und wartet mit der politisch inkorrekten Forderung auf, Washington möge zum formellen, klassischen Imperialismus zurückkehren, wie ihn das britische Empire im 18. und 19. Jahrhundert praktiziert habe. Alles, was seit den 20er Jahren als „Völkerbunds-“ oder „UN-Mandate“ eingerichtet wurde, seien ohnehin nichts als „höflich“ etikettierte Kolonien gewesen. Dann, folgt man Ferguson, also lieber gleich „richtige“, um die Welt sicherer zu machen.

Die bange Frage, die Ferguson stellt, ist jedoch: „Die Mittel dazu haben die USA, aber haben sie auch den Mumm, als globale Vormacht zu handeln?“ Angesichts der Erfahrungen von Vietnam über Irak und Somalia bis zum derzeitigen Taktieren in Afghanistan quälen ihn da offenbar Zweifel. Materielle Dominanz allein reicht laut dem jungen Historiker kaum aus, wenn nicht auch eiserner Durchsetzungswille hinzutritt. Der deutsche Journalist Peter Scholl-Latour, der jüngst anmerkte, daß seit 1945 sämtliche bedeutenderen militärischen Operationen der Amerikaner in einer Ganz- oder Teilniederlage geendet seien, wird ihm da zustimmen.

Vielleicht gerade wegen genannter Vorbehalte gegen die Weltmachtbefähigung der US-Politik vertraut ein Leitartikler des „Guardian“ trotz allem auf Premier Blair. Er solle seinen Einfluß in Washington nutzen, um dort eine „würdevolle“ Änderung der Afghanistan-Strategie zu erwirken. Diese habe sich, wie das Blatt an anderer Stelle analysiert, „festgefahren“. Gelinge das dem britischen Regierungschef nicht, so wäre er nicht länger „Held des Tages“, sondern verkomme ob seiner unbedingten Bündnistreue zum „unbeabsichtigten Opfer der (laut „Guardian“ vom Scheitern bedrohten) US-Politik“.

Die Rückendeckung seiner europäischen Partner ist Blair sicher, obschon die Stimmung unter diesen offenbar gereizter ist, als es nach deutschen Medien den Eindruck hat. So berichtet der „Independent“ in der vierten Kriegswoche, laut hochrangigen Nato-Vertretern hätten sich Berlin, Paris und Rom, so wörtlich, „bestürzt“ gezeigt hinsichtlich „der Unfähigkeit von Washington und London, die Kriegsziele der Alliierten klarer auszudrücken“. Harter Tobak, der so gar nicht zu Kanzler Schröders wohlfeilen Gipfelreden passen will.

In der britischen Bevölkerung greift Unsicherheit um sich. Die Rückendeckung für die Luftschläge schwindet von Tag zu Tag, eine Mehrheit des Volkes befürwortet inzwischen wie in Deutschland die Unterbrechung der Angriffe für humanitäre Maßnahmen - dem haben sich die (bei den vergangenen Wahlen besonders erfolgreichen) oppositionellen Liberaldemokraten sowie eine steigende Zahl von Abgeordneten der regierenden Labour Party Tony Blairs angeschlossen.

Verstört hat viele Briten überdies die Nachricht, daß Dutzende britische Moslems zum Kampf für die Sache der Taliban aufgebrochen und die ersten bereits in Afghanistan gefallen sind. In einer Umfrage unter 500 Moslems mit britischem Paß haben laut „Daily Telegraph“ 91 Prozent angegeben, daß es sich ihrer Meinung nach beim „Krieg gegen den Terror“ in Wahrheit um einen „Krieg der Christen gegen die Moslems“ handele. 98 Prozent, praktisch alle, gaben an, im Falle des Falles nicht für das Vereinigte Königreich kämpfen zu wollen. „Wir empfinden uns nicht als britische Moslems“, zitiert das Blatt einen 22jährigen Buchhalter und muslimischen Untertan Ihrer Majestät, „wir sind Moslems, die in Britannien wohnen“. Eine „kulturelle Krise“ im Innern erkennt der „Telegraph“ hier, die genauso gefährlich sei wie die militärische.

„Privat geben selbst Minister zu, daß wir weit ab sind von der ihrerseits angestrebten, fröhlichen multikulturellen Gesellschaft“, enthüllt die Zeitung und stellt die Regierungspolitik, welche insbesondere die Schaffung von immer mehr islamisch ausgerichteten Konfessionsschulen vorantreibt, zur Diskussion. Im Frühjahr kam es bereits zu heftigen Rassenunruhen im Norden Englands (das OB berichtete). Im Zentrum der Krawalle standen muslimische Jugendliche, vornehmlich aus Bangladesch und Pakistan.

Eine schmerzliche Erfahrung für jene, die sich bereits freuten über die „New Britishness“, das moderne, bunte Vielvölkerbritannien mit ganz frischer, multikultureller Identität: Sie müssen mit ansehen, wie zutage tritt, daß die meisten ihrer „neuen Landsleute“ nur auf dem Papier welche sein wollen und einige im Zweifel sogar auf britische Soldaten schießen würden, weil sie sie als ihre Todfeinde ansehen. n

 

„Gerupft wie ein naiver westlicher Tourist“: Der britische Premier Tony Blair machte bei seinem Besuch bei Syriens Präsident Assad (links) vergangene Woche eine ziemlich peinliche Figur, kritisieren die Zeitungen des Inselreiches Foto: dpa