22.01.2022

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17.11.01 Eine Fahrt zur Kurischen Nehrung

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 17. November 2001


Reisebericht:
Eine Fahrt zur Kurischen Nehrung
Ein Abstecher von Königsberg aus zum frisch gekürten Weltkulturerbe
von Horst Glass

Wie in all den zurückliegenden Jahren gehört auch dieses Mal die Nehrungsfahrt zum festen Programm der Tage zu Hause, und schon früh geht es von Königsberg fort. Obwohl sich in fünf Jahrzehnten das Stadtbild fast bis zum Nichterkennen verändert hat, meine ich, mich durch die alten Straßen zu bewegen, und die noch recht gut erhaltene Cranzer Allee ist das letzte Straßenstück der Pregelstadt, das etwa bei Quednau einmündet in die kurvenreiche Chaussee nach Cranz.

Vor den furchtbaren Geschehnissen, die zum Verlust der Heimat führten, bin ich bereits ungezählte Male diesen Weg gefahren, der mich auch jetzt wieder eine geschichtsträchtige Straße entlangführt, wo nicht nur Dörfer an die deutsche Vergangenheit, sondern auch geschichtliche und kulturelle Begebenheiten an das Gestern erinnern. Wer denkt heute noch daran, daß etwa in der Zeit um die Jahrhundertwende vom neunzehnten ins zwanzigste Jahrhundert im Wald von Groß Raum, etwa gegenüber der heutigen Straßenabbiegung zum Königsberger Flughafen in Powunden, eine der ersten Erdbeben-

warten der Welt eingerichtet war, die der in Tilsit geborene Emil Wiechert betreute.

Nicht sehr weit entfernt von dieser wissenschaftlich-historischen Forschungsstelle erinnert dann das Dorf Mollehnen an das nahegelegene Rudau, wo es im dreizehnten Jahrhundert eine Pruzzenburg gab, die von der Kreuzzugsstreitmacht des böhmischen Königs Ottokar I. erobert wurde. Mit diesem Sieg unterwarf der dem Orden verbündete Böhmenkönig die Samländer in eine zunächst noch kriegerische Zukunft, ehe mit der Schlacht bei Rudau 1370 über die Litauer-Heere dieser Siedlungsraum befriedet wurde. Daß in dieser Schlacht bei Rudau der Ordensmarschall Hennig Schindekop den Tod fand, ist ebenso bekannt wie die Mär, die sich mit Hans von Saan beschäftigt, einem Schuhmachersohn der Königsberger Altstadt, der mit einer mutigen Tat dem Orden den bereits schwindenden Sieg gebracht hatte.

Mit dieser Geschichtserinnerung noch beschäftigt, wird Bledau passiert, und weiter in Richtung Cranz und Nehrung geht es vorbei an Cranzbeek, von wo einst die schmucken weißen Motorschiffe der Reederei Hermann Götz die Haffstrecke nach Memel befuhren. Heute ist hier nur noch die Erinnerung verblieben an eine Zeit, da die Königsberger hinausfuhren an die Ostsee und oft dann mit einem Sonnenbrand am Abend heimkehrten nach Hause.

Rasch ist nun das einst mondäne Seebad Cranz zurückgeblieben, und die Nehrungsstraße, die bis nach Sandkrug führt, wird die Begleiterin der folgenden Stunden sein. Der einst als Poststraße hergerichtete enge Nehrungsweg ist zu einer doch recht befahrenen Nehrungsroute geworden, auf der es schon bald einen ersten Halt gab. Ein Schlagbaum hindert die Weiterfahrt, und erst nachdem die notwendigen Formalitäten für den Besuch des Naturschutzgebietes erledigt sind, wird die Sperre der Zufahrt auf die Nehrung beendet, und das Gefährt setzt sich in Bewegung.

Und nun scheinen die vergangenen Jahre und Jahrzehnte plötzlich wie ein Kartenhaus zusammenzufallen, und aus jedem gefahrenen Meter weiter auf der Nehrungsstraße wird aus der Erinnerung Vergangenheit lebendig, wie niemals zuvor geglaubt.

In Sarkau glaubt man, die alten Fischerhäuser von einst zu erkennen, und obwohl das Ortsbild sehr stark verändert ist, erinnert man sich der Jugendherberge, in der man selbst in früherer Zeit geweilt hatte. Und hier erinnert man sich auch an die berühmten Sarkauer Flundern und daran, daß hier die engste Stelle des Landstreifens ist, wo man gleichzeitig das Rauschen von Ostsee und Kurischem Haff vernimmt.

Als nächstem Fahrtziel geht es nun Rossitten entgegen, vor dessen Erreichen es jedoch zunächst einen kurzen Aufenthalt beim Nehrungsmuseum gibt, das nicht nur eine hervorragende Aussage zur Vergangenheit dieses kargen Siedlungsraumes bietet, sondern ganz fest auch die deutsche Vergangenheit herausstellt, insbesondere mit den Anmerkungen zur Vogelwarte in Rossitten, die 1901 von Johannes Thienemann eingerichtet wurde. Erwähnenswert ist hier beim Nehrungsmuseum auch ein Gedenkstein, der von deutschen und russischen Segelfliegern vor nicht allzu langer Zeit aufgestellt wurde. Er erinnert an den ostpreußischen Segelflugpionier Ferdinand Schulz, dessen Namen aufs engste verknüpft ist mit dieser einmaligen Naturlandschaft.

So ist dann auch wie selbstverständlich der nächste Halt bei der Vogelfangstation, die heute von Ornithologen der Petersburger Universität betreut wird. Sie setzen hier die wissenschaftliche Arbeit des 1938 verstorbenen Gründers fort, dessen Grab in Rossitten von den heutigen Einwohnern des Nehrungsdorfes gepflegt wird.

In Rossitten wird nun die Verwaltungsstelle der Vogelwarte besucht, die sich in einem Gebäude der einstigen Segelflugschule befindet. Ein junger Wissenschaftler versteht es, in seinen Ausführungen die Arbeiten von Vergangenheit und Gegenwart derart hervorragend miteinander zu ver- binden, was fast die Geschehnisse der zurückliegenden Vertreibung vergessen läßt. Bei der Kirche der kleinen Ortschaft, die heute ein orthodoxes Gotteshaus ist, wurde bereits vor Jahren ein stählernes Gedenkkreuz aufgestellt, das sowohl an die Geschehnisse des Jahres 1945 als auch an die Toten aller Zeiten erinnern soll, insbesondere aber an die auf der Flucht Verstorbenen.

Hier in Rossitten ist es nun aber auch an der Zeit, an das leibliche Wohl zu denken, und beim Ortsausgang findet sich dann auch ein sehr gutes Speiselokal, dessen Fischgerichte inzwischen bis nach Königsberg bekannt sind. Hier bleibt einem dann auch vor, während und nach dem Essen ein wenig Muße, sich mit Rossittens Vergangenheit zu beschäftigen. 1722 erstmals als Siedlungsraum erwähnt, sind die Menschen nicht nur Fischer, sondern auch Landwirte gewesen. Oft haben sie auch Ländereien jenseits des Haffes gehabt und mit ihren Keitelkähnen die Ernte zur Nehrung gebracht. Die Feldarbeit hat sich freilich kaum für den Handel gelohnt, sie war eher für den eigenen Lebensunterhalt bestimmt.

Rasch nach der Mittagspause ist nun Pillkoppen erreicht, in dessen Nähe es die Hohe Düne zu erklimmen lohnt, kann man von ihr doch Ostsee und Haff erblicken bei gleichzeitiger Berührung des feinkörnigen, weißen Dünensandes, in den man sich schon als Kind und junger Mensch so richtig hineingewühlt hatte. Die Gedanken gehen hier aber auch zurück zu jener Vergänglichkeit der einstigen Nehrungsdörfer, die oft mehrfach von den wandernden Sandgebirgen verschüttet wurden wie etwa auch Pillkoppen, das bis 1880 viermal von dem wehenden Sand ausgelöscht wurde, ehe der Dünenmeister Epha seine Dünenbefestigungen mit Bergkiefern einleitete.

Obwohl es von hier in Pillkoppen eigentlich nicht allzuweit nach Nidden ist, wird man dieses Wegstück nicht bewältigen müssen, denn schon seit Jahren ist dort die Grenze nach Litauen. Da allerdings den Gedanken keine Grenzen gesetzt sind, überwinden sie rasch diese willkürliche Trennungslinie und erreichen trotz verbotener Weiterfahrt dieses Nehrungsdorf. Unwillkürlich fallen einem neben der Künstlerkolonie der Maler Agnes Miegels „Frauen von Nidden“ ein, wie sie zuletzt als Übriggebliebene den Tod erwarten.

Nolens volens treten wir den Rückweg an. Einmal noch wird in Cranz die Heimfahrt unterbrochen, dann geht es ohne Unterbrechung zurück in die Pregelstadt. 

Vogelwarte Rossitten: Die vom „Vogelprofessor“ Johannes Thienemann gegründete landesweit erste Einrichtung dieser Art, die - mit einer Unterbrechung von 1945 bis 1958 - seit 1901 in Betrieb ist, wird von Ornithologen der Sankt Petersburger Universität betreut.

 

Kirche in Rossitten: Wie das Kreuz auf dem Giebel schon erahnen läßt, ist die im romanischen Stil als Backsteinrohbau von Tischler errichtete und am 23. September 1873 eingeweihte Pfarrkirche inzwischen ein orthodoxes Gotteshaus.