19.08.2022

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17.11.01 »Standfest und heimattreu …« / Auszüge aus der Rede des Sprechers der Landsmannschaft Ostpreußen, Wilhelm v. Gottberg, auf der Ostpreußischen Landesvertretung in Bad Pyrmont

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 17. November 2001


»Standfest und heimattreu …«
Auszüge aus der Rede des Sprechers der Landsmannschaft Ostpreußen, Wilhelm v. Gottberg, auf der Ostpreußischen Landesvertretung in Bad Pyrmont

Im vorigen Jahr im August beschlossen hier in Bad Pyrmont der Bundesvorstand und auch die Mitgliederversammlung von Ostheim e.V. die Erweiterung des Ostheimes durch einen neuen Seminarraum und neue Wirtschaftsräume. Ausschlaggebend war, daß die Küche und die Wirtschaftsräume nicht mehr den Anforderungen des Gewerbeaufsichtsamtes für eine Tages- bildungsstätte genügten. Darüber hinaus waren die Speiseräume im Keller nicht gerade optimal angelegt. So entstand der Gedanke, einen neuen Seminarraum zu schaffen und den bisherigen Kantsaal als Speisesaal zu nutzen. Das Ergebnis dieses Überlegungs- und Entscheidungsprozesses haben Sie nun vor Augen. Das zu ziehende Resümee: Das Ostheim ist attraktiver geworden. Jedoch mindestens ebenso wichtig: Die Landsmannschaft Ostpreußen ist mit dem neuen Seminarraum unabhängiger gewor- den. Sie hat ein Stück Daseinsvorsorge geschaffen. Die OLV kann nunmehr ihre Sitzungen in den eigenen Räumen durchführen. Dabei denke ich nicht zu sehr an die Kosteneinsparung, sondern an andere Möglichkeiten, die hoffentlich nie eintreten werden. Meine Damen und Herren, der Versuch der Postbank, die Konten für die Junge Freiheit zu kündigen, war ein Warnzeichen. Was mag in dieser Bundesrepublik noch alles möglich sein?

Der Bundesvorstand war auch im vergangenen Jahr bemüht, Kontakte auf allen Ebenen zu knüpfen und zu halten. Erstmalig hat nun auch ein Gespräch zwischen der LO und Abgeordneten des Europäischen Parlamentes in Brüssel stattgefunden. Die stellvertretenden Sprecher Hinz und Dr. Thüne waren am 16. Oktober mit Mitgliedern unseres kommunal- und deutschlandpolitischen Ausschusses in Brüssel, um mit Abgeordneten des Europäischen Parlamentes die Vorstellungen und Wünsche der LO bei der bevorstehenden Osterweiterung der EU zu diskutieren. Es versteht sich von selbst, daß wir gegen jede Übergangsfrist bei der Freizügigkeit und beim Eigentumserwerb sind, wenn Polen und Tschechen Vollmitglieder der EU geworden sind. Die Gesprächspartner in Brüssel waren Prof. Gomolka, der frühere Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Frau Wenzel-Perillo, die uns seit dem letzten Deutschlandtreffen freundschaftlich verbunden ist, und die österreichische Abgeordnete Frau Stenzel, die Vorsitzende des gemischten parlamentarischen Ausschusses EU - Polen ist. Wir haben - so auch in unserem deutschlandpolitischen Positionspapier von 1993 - die europäische Lösung unserer Anliegen nie ausgeschlossen. Folgerichtig müssen wir den Kontakt zu den europäischen Gremien suchen.

Man kann nicht genug darauf verweisen, daß Freizügigkeit für Deutsche in Polen nicht die Realisierung des Rechts auf die Heimat bedeutet. Leider wird beides von Politikern häufig gleichgesetzt. Auch die Forderung nach zumutbarer Wiedergutmachung des konfiszierten individuellen Eigentums der Vertriebenen bleibt auf der Tagesordnung. Gleichwohl tritt sie im tagespolitischen Geschäft in den Hintergrund. Wir haben niemanden in Deutschland bei diesem Anliegen auf unserer Seite. Deshalb auch der Versuch, über die Preußische Treuhand in der Eigentumsfrage weiterzukommen. Ich komme darauf noch einmal zurück.

Bernd Hinz und ich waren mit dem Ständigen Rat der Ostdeutschen Landsmannschaften im Frühjahr mit dem CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Merz zusammengekommen. Im Frühsommer waren wir im Rahmen des BdV-Präsidiums mit dem CDU-Präsidium zu einem Gespräch in Berlin zusammengekommen. Dabei trat der Europa-Abgeordnete Prof. Pöttering positiv in Erscheinung. Sachkundig und unseren Anliegen aufgeschlossen, aber warnend vor überzogenen Erwartungen, beschlossen wir, im Gespräch zu bleiben. Alle derartigen Gespräche werden mit dem Ziel geführt, im Gesetzgebungsverfahren oder auch nur in der tagespolitischen Diskussion Mitstreiter für unsere Anliegen zu finden.

Die bayerische Staatsregierung ist ein bewährter und verläßlicher Freund der Heimatvertriebenen, insbesondere aber der Ostpreußen. Jahrelange Lobbyarbeit der im Bundesvorstand dafür Verantwortlichen, aber auch die gute Repräsentation der Ostpreußen in Bayern durch Friedrich-Wilhelm Böld haben Früchte getragen.

Der Bundesvorstand beschloß im vorigen Jahr, bald nach dem erfolgreichen Deutschlandtreffen 2000, schon im Jahr 2002 erneut ein Deutschlandtreffen in Leipzig durchzuführen, unter der Voraussetzung, daß wir den bayerischen Ministerpräsidenten als Redner gewinnen können. Sie wissen es inzwischen, wir haben von ihm die Zusage bekommen. Er wird am 23. Juni des kommenden Jahres im Rahmen des Deutschlandtreffens zu den Ostpreußen sprechen. Es war nicht ganz einfach, diese Zusage zu erhalten.

Nachdem ein für den 14. September mit dem Ministerpräsidenten vorgesehenes Gespräch von der Staatskanzlei abgesagt wurde, vermutlich wegen der Ereignisse am 11. September, wurde der Gedankenaustausch zwischen der Spitze der LO und Stoiber auf den 12. November terminiert. Unsere Gesprächsthemen:

• EU-Osterweiterung und die Belange der Heimatvertriebenen;

• das Deutschlandtreffen 2002;

• die Zukunftsperspektive für Ellingen und

• natürlich der Dank unsererseits für Bayerns Engagement beim Kopernikushaus.

Der Bundesgeschäftsführer hat Ihnen in seinem Bericht über die bereits angelaufenen Vorbereitungen für das Deutschlandtreffen berichtet. Weihbischof Pischl und Bischof Wollenweber werden die Gottesdienste halten. Die Kosten bei der Messe werden sich nicht exorbitant ändern.

Es hat sich herausgestellt, daß unsere Landsleute vor Ort in Allenstein für die endgültige Fertigstellung und die sachgerechte Nutzung des Hauses Hilfestellung aus dem Westen bedürfen. Dies hat das Arbeits- und Sozialministerium in München dankenswerterweise übernommen. Ihm ist es auch gelungen - zunächst befristet - die Ost-West-Kooperation der bayerischen Wirtschaft im Kopernikushaus anzusiedeln. Zunächst für ein Jahr wird ein Wirtschafts- und Kulturförderer der bayerischen Wirtschaft sich bemühen, Aktivitäten im Hause zu entwickeln. Unabhängig davon bleiben die landsmannschaftlichen Gliederungen aufgefordert, das Haus für die grenzüberschreitende kulturelle Arbeit zu nutzen.

Das Kopernikushaus in Allenstein ist - trotz aller Rückschläge, Verzögerungen und Pannen, die bis heute aufgetreten sind und die auch zukünftig auftreten werden - gleichwohl eine Erfolgsgeschichte.

Friedrich-Wilhelm Böld und ich waren am 31. Juli zu einem Antrittsbesuch bei der bayerischen Arbeits- und Sozialministerin Stewens. Ich hatte ihr bereits im Februar die Glückwünsche des Bundesvorstandes zur Berufung ins Ministeramt übermittelt. Frau Ministerin Stewens hat über ihre Mutter, die in ihrer Kindheit einige Zeit in Ostpreußen verbracht hat, eine emotionale Antenne für Ostpreußen. Frau Stewens sagte aufgrund unserer Bitte spontan zu, 2003 in Ellingen bei einem Festakt aus Anlaß „25 Jahre Kulturzentrum Ostpreußen“ zu sprechen.

In Polen haben die Postkommunisten die Parlamentswahl haushoch gewonnen. Leszek Miller, ehemaliges KP-Politbüromitglied, ist neuer Ministerpräsident. Für unsere Anliegen ist die Abwahl der Konservativen nicht nachteilig. Die Linken sind traditionell, und das gilt für ganz Europa, eher international ausgerichtet. In Ostpreußen war das Wahldesaster der abgewählten Regierung besonders groß. Der Allensteiner Wojewode Babalski und der Allensteiner Oberbürgermeister Cichon verloren ihre Positionen. C. konnte im eigenen Wahlkreis nur 6 % für seine Partei, die Freiheitsunion, erringen. In Johannisburg betrug die Wahlbeteiligung nur 38 %.

In Schlesien wurden die bisherigen deutschen Abgeordneten Kroll und Pazdzior erneut ins Parlament gewählt.

Die neue polnische Regierung wird verstärkt Bemühungen unternehmen, baldmöglichst Vollmitglied der EU zu werden. Man verspricht sich davon ein deutliche Besserung der insgesamt gesehen desolaten wirtschaftlichen Lage Polens. Die Verantwortlichen der Europäischen Union haben Polen, Tschechien und Ungarn die Vollmitgliedschaft für das Jahr 2004 zugesagt.

Ob die mit dem EU-Beitritt verbundenen Hoffnungen Polens sich erfüllen werden? Zweifel sind angebracht. Aus dem Bundesfinanzministerium hört man Stimmen, daß die EU nach 2006 in eine schwere Finanzkrise geraten wird. Die politischen Gruppierungen Polens, die die EU ablehnen oder ihr skeptisch gegenüberstehen, sind aus der Parlamentswahl gestärkt hervorgegangen. Die EU-Beitrittsverhandlungen mit Polen gestalten sich schwierig. 18 von 33 Verhandlungspunkten sind inzwischen abgearbeitet. Polen trennte sich im Verlauf der EU-Osterweiterungsverhandlungen zwar von manchen Maximalforderungen, bleibt aber bei der Niederlassungsfreiheit und dem Grunderwerb für Deutsche starr. Erst nach 18 Jahren, so der Vorschlag Polens, soll Grunderwerb für Deutsche möglich sein. Für uns kann nur gelten - und hier wiederhole ich mich - es darf keine Übergangsfristen geben.

Für die Europäische Kommission, die für die EU die Beitrittsverhandlungen führt, ist die Frage der Übergangsfristen von hoher Bedeutung. Sie hat maximal fünf Jahre Übergangsfrist vorgeschlagen. Für Agrarland sollte es keine Übergangsfrist geben. Es ist ein polnischer Wunsch, daß die Frage der Übergangsfristen erst ganz am Ende der Beitrittsverhandlungen erörtert wird.

In Stettin, Danzig und Allenstein floriert die Wirtschaft. Es gibt dort mittlerweile eine gut verdienende gehobene Mittelschicht. Dagegen sieht es in den Dörfern Hinterpommerns, in den abgelegenen Regionen Ostpreußens schlimm aus. Traurig ist es auch auf der polnischen Seite in einem Streifen entlang der innerostpreußischen Grenze, von den ländlichen Regionen in Zentralpolen ganz zu schweigen. Die durchschnittliche Arbeitslosigkeit liegt in Polen bei rund 20 Prozent. Knapp 30 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Polen sind noch im landwirtschaftlichen Sektor beschäftigt. In der Bundesrepublik sind es nur rund drei Prozent. Diese Zahlen belegen, welche Anpassungsschwierigkeiten Polen bei einer Vollmitgliedschaft der EU bekommen wird.

Der Bundesvorstand hat zum Jahreswechsel 2000/2001 unter Mitwirkung des kommunal- und deutschlandpolitischen Ausschusses eine bescheidene Modifizierung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages vorgeschlagen. Der Vertrag sollte Mitte diesen Jahres auslaufen. Er hätte neu verhandelt werden können. Leider haben sich alle Parteien einer Änderung oder Modifizierung des Vertrages versagt. Nun gilt der Vertrag in unveränderter Fassung für weitere fünf Jahre.

Der Bundesvorstand hat mit Genugtuung registriert, daß das BdV-Präsidium die Vorschläge der LO zur Änderung des Nachbarschaftsvertrages inhaltlich ohne Abstriche als eigene Position übernommen hat.

Beim gemeinsamen Festakt von Bund und Ländern zum diesjährigen 3. Oktober war Polens Präsident Kwasniewski Festredner. Der Präsident sprach auch von der deutschen Vergangenheit Breslaus, Stettins und Köslins. Er sprach auch von den polnischen Vertriebenen, die heute dort wohnen und das deutsche Erbe annehmen. Der noch heute von Teilen der katholischen Kirche aufrechterhaltenen These von den uralten polnischen Westgebieten verweigerte sich der polnische Präsident. Dafür sind wir dankbar.

Kein Wort über die Vertreibung der Deutschen, auch nicht von den deutschen Rednern des Festaktes. Ebenfalls ging keiner der Redner auf die Deutschen ein, die bei der Wiedervereinigung außerhalb der neuen Grenzen der Bundesrepublik blieben. Unsere heimatverbliebenen Landsleute hätten es verdient gehabt, an diesem Tage besonders gewürdigt zu werden. Auch hätte man erwarten können, daß die enorme Aufbauhilfe der heimatvertriebenen Bundesdeutschen für Ostpreußen, Pommern, Ostbrandenburg und Schlesien angesprochen würde. Dies ist unstrittig ein Schwerpunkt des vorangekommenen deutsch-polnischen Normalisierungsprozesses.

Meine Damen und Herren, in der Bundesrepublik besteht seit der Wende im Osten die Tendenz, die Probleme im deutsch-polnischen Verhältnis zu übergehen oder schönzureden. Ein wirkliches Entgegenkommen, ein Verständnis oder Eingehen auf die Kommissionen der Heimatvertriebenen ist seitens der polnischen politischen Klasse, abgesehen von der kommunalen Ebene, nicht zu verzeichnen. Erst kürzlich leistete sich der hier bei uns hoch angesehene bisherige Au-ßenminister Polens Ladislaw Bartoszewski gegenüber Deutschland eine bösen Affront.

Auf die Frage nach der Vorbereitung Polens auf eventuelle Klagen deutscher Vertriebener auf Rückerstattung ihres Vermögens antwortete er so: „Überhaupt nicht, wenn man solche Ansprüche stellt, muß man erst einmal die Grenzen festlegen. Warum nicht 1772 anfangen beim Angriff Preußens auf Polen, Germanisierung der polnischen Gebiete, Teilung der polnischen Gebiete, Teilung des polnischen Staates, Vertreibung der Menschen nach Sibirien? Die Ansprüche sind nicht berechtigt. Die meisten sind ohnehin keine Ver- triebenen, sondern die Kinder und Enkel von Vertriebenen.“

Es fällt schwer, auf so viel Ignoranz mit der gebotenen Sachlichkeit zu entgegnen.

Der Entwurf des neuen polnischen Entschädigungsgesetzes grenzt die vertriebenen Ostdeutschen aus. Präsident Kwasniewski hat die weitere parlamentarische Behandlung gestoppt. Indirekt hört man, dies sei wegen Bedenken in Brüssel geschehen.

Die deutschen Vereine sind dankbar für jede Hilfe aus der Bundesrepublik. Es gibt Vereinsvorsitzende, die sich Hilfsquellen in der Bundesrepublik außerhalb des landsmannschaftlichen Sektors erschlossen haben.

Frau Mira Kreska, die Vorsitzende des Deutschen Vereins Johannisburg, wurde am 17. Oktober 75 Jahre. Am 19. Oktober hat der Johannisburger Landrat Konopka ihr einen Geburtstagsempfang ausgerichtet, zu dem alle Bürgermeister des Kreises erschienen waren. Auch war eine Abordnung des Militärs vom Truppenübungsplatz Arys anwesend sowie der Kreispräsident Petersen vom Patenkreis Schleswig-Flensburg.

Von deutscher Seite haben vier preußische Johanniter am Emp-fang teilgenommen. Darunter auch der gebürtige Johannisburger Klaus Beyer. Ich habe Frau Kreska die Grüße und Glückwünsche des Bundesvorstandes telefonisch übermittelt.

In Goldap gibt es ein kleines Kopernikushaus. Der Deutsche Verein Goldap hat ein eigenes Haus erworben. Das Haus wird vorzüglich angenommen und wird von den Menschen als deutsches Konsulat bezeichnet. Die Kreisgemeinschaft Goldap organisiert schon seit einigen Jahren zusammen mit dem Deutschen Verein in Goldap ein Sommerfest. Es war auch in diesem Jahr ein Erfolg, wurde aber überschattet von dem Tod von Frau Petschat, die extra zu dem Sommerfest aus Bonn angereist war.

Der deutsche Generalkonsul Fournes in Danzig bat Anfang des Jahres um ein Gespräch mit Vertretern des Bundesvorstandes, um Probleme der Deutschen Vereine, die Situation des Dachverbandes und auch die Arbeit der LO in seinem Konsulatsbereich zu erörtern. Stephan Grigat und ich haben dieses Gespräch mit ihm am 22. März in Danzig geführt. Fournes hat dabei die Arbeit der LO gewürdigt. Auf unsere Nachfrage gab er uneingeschränkt zu, daß ihm von polnischen Behörden nicht eine einzige Beschwerde über die Arbeit der LO bekannt sei. Derartiges käme nur aus der Bundesrepublik. Allerdings bat er uns, dafür Sorge zu tragen, daß dies auch so bleiben möge.

Eine gewisse Sorge wegen des Leitfadens der Kreisgemeinschaften - der Text lag ihm vor - konnte Grigat bei ihm ausräumen.

Bei einem Besuch des Aussiedlerbeauftragten Welt im März im Kopernikushaus mit den Herren Pöhle und Weiler vom BMI wurde der Leitfaden der LO scharf kritisiert. Manfred Ruhnau war zufällig vor Ort und hat das miterlebt.

In der letzten Märzwoche gab Welt eine Presseerklärung heraus, in welcher er vor revanchistischen Umtrieben einzelner Gruppierungen der Heimatvertriebenen warnte. Diese würden ver- suchen, die deutschen Vereine zu instrumentalisieren. Die Bundesregierung wolle derartige Versuche mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterbinden. Es sei doch klar, so Welt, daß es für derartige Verbände zukünftig keine Förderung mehr gebe.

Hat Welt noch nicht zur Kenntnis genommen, daß die Vertriebenenverbände schon seit Jahren nicht mehr gefördert werden?

Jedenfalls wurde die LO in der Presseerklärung nicht namentlich genannt.

Die CDU-Abgeordnete Frau Reinhardt hat dann in einer kleinen Anfrage von der Regierung wissen wollen, wen Welt gemeint habe, als er in seiner Presseerklärung von bestimmten Gruppierungen sprach. In der Antwort Welts wurde von bestimmten Gruppierungen innerhalb der LO gesprochen. Frau Reinhardt hat die Kritik an den Vertriebenenverbänden zurückgewiesen und sich auch vor die LO gestellt. Der Bundesvorstand hat ihr dafür gedankt.

Jedenfalls hat das kurz darauf zusammengetretene BdV-Präsidium die im Grundsatzpapier der LO zum Ausdruck gebrachte Haltung ohne Gegenstimme gebil-ligt.

Am 17. Januar, am Vorabend des 300. Krönungstages des ersten Preußischen Königs, übergab die Europäische Kommission ein Memorandum zum Königsberger Gebiet an den Europäischen Rat. Das Papier enthielt Überlegungen zum Umgang mit der Königsberger Region nach dem Beitritt Polens und der baltischen Staaten zur Europäischen Union. Noch ist der Übertritt aus Königsberg nach Polen und Litauen ohne Visum möglich. Wenn die innerostpreußischen Grenzen zu Außengrenzen der Europäischen Union werden, ist Visazwang beim Grenzübertritt unabdingbar. Da Königsberg heute schon das Armenhaus Europas ist und kriminelle mafiose Strukturen dort Teile des öffentlichen Lebens be- herrschen, steht eine Destabilisierung der gesamten Region zu befürchten.

Die EU will dies mit großzügigen Förderprogrammen für Königsberg verhindern. Die innerostpreußischen Grenzen sollen keine Armutsgrenzen sein. Wenn wir den Nachbarländern Königsbergs Sicherheit garantieren wollen - so die EU-Kommission -, haben wir keine andere Wahl, als in die Region zu investieren, um aus ihr einen verläßlichen Partner zu machen.

Rußland ist das alles sehr recht. Über das Fenster Königsberg hofft man, an der EU zu partizipieren. „Wir sind Europäer und blicken nach Westen“, sagt Vladimir Nikitin, Vorsitzender der Königsberger Duma.

Am 12. Juli trafen sich in Königsberg die Vorsitzenden der auswärtigen Ausschüsse der russischen Duma sowie des polnischen, des litauischen und des Europäischen Parlamentes. Für das Europäische Parlament hat Elmar Brok, Abgeordneter der EVP aus Bielefeld, an diesem Treffen teilgenommen. Hier der Extrakt ihrer Beratungen im Originalton:

„Die notwendige Sicherung der Außengrenze der EU wird dem Transitverkehr zwischen dem Bezirk Kaliningrad und der russischen Föderation, der rund 500 Kilometer entweder durch Litauen und Lettland oder durch Polen und Weißrußland führt, erheblich behindern und verteuern, die Energieversorgung der Enklave wird neu organisiert werden müssen, und besonders die frühere Rolle Kaliningrads als Truppenstützpunkt für die russische Ostseeflotte wird wegen der erschwerten Transitverbindungen nicht mehr möglich sein.

Die Erweiterung der europäischen Union sollte nicht neue Probleme in dieser leidgeprüften Region schaffen, sondern gerade zu unserem großen Nachbarn auf dem europäischen Kontinent Brücken bauen und eine WinWinSituation für die Menschen sein.

Besonders für die Menschen in Kaliningrad, die mit ihren Familien in der russischen Föderation in Verbindung bleiben wollen, werden die Reiseverbindungen durch die Visabedingungen der Schengen-Außengrenzen für Drittländer, wie Rußland, erheblich erschwert. Jetzt müssen Lösungen gefunden werden für die Visaprobleme und für eine sachgerechte Einbindung Kaliningrads in die regionalen Förderprogramme der Union.“

Die Ostpreußen fragen: Wo war denn der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages bei dieser Sitzung? Wo war der SPD-Abgeordnete Klose? Wir stellen erneut mit Bitterkeit fest: Die Schröder-Regierung versteckt sich wie schon zuvor die Kohl-Regierung in der Königsberg-Frage hinter Europa.

In Königsberg geht es langsam bergauf. Gleichwohl ist die Situation der Menschen erbärmlich. Der langsame Aufstieg vollzieht sich aus einer sehr, sehr tiefen Talsohle, in die Rußland nach der Rubelkrise vom August 1998 gefallen war. Ein langes Gespräch mit einem russischen Freund brachte die Erkenntnis, daß auch Jegorow nicht der Heilsbringer für Königsberg sein wird. Letztlich ist Jegorow auch nur eine Figur, die von einflußreichen Seilschaften geschoben wird.

Die nationalistische Politik Putins ist inzwischen auch bis nach Königsberg durchgeschlagen. Gelegentlich artikulieren - und das ist neu - auch Einheimische diffuse Germanisierungsängste. Im Sommer konnte man an einigen Stellen in Königsberg großflächige Plakate sehen. Auf diesen Plakaten war eine Landschaft mit einer Erdölpumpe abgebildet und darunter stand der Text: Unser Land, russische Vergangenheit, russische Gegenwart, russische Zukunft.

Inzwischen halten viele Russen die Alimentierung aus der Bundesrepublik für selbstverständlich. Sie werden nicht selten dreist und verlangen für völkerverbindende Maßnahmen, die der Westen durchführt, zusätzlich Geld. Siegfried Dreher weiß da einiges zu berichten, und ich selbst habe auch meine Erfahrungen machen müssen. In Königsberg sieht man zusehends mehr großzügige Neubauten. Das seien die neuen Russen, hört man die einfachen Menschen sagen. Sie meinen damit wohl eine mafiose Oberschicht.

Die Kreisgemeinschaft Heiligenbeil hat im Juli unter hervorragender Beteiligung aus dem Westen in der Heimat das 700jährige Stadtjubiläum Heiligenbeils gefeiert. Zwei Jahre intensiver Vorausplanung, verbunden mit mehreren Vorbereitungsreisen des Kreisvertreters in die Heimat, gingen dem voraus. Obwohl die Russen Absprachen nicht einhielten, auch keineswegs bescheidene finanzielle Forderungen erhoben, wurde das Jubiläum das bisher größte Heimattreffen der Ostpreußen im Königsberger Gebiet. 550 Landsleute waren aus dem Westen angereist. Hervorzuheben ist, daß die Spitze des Patenkreises Hannover-Land mit Landrat Dr. Arndt ebenfalls dabei war.

In der örtlichen Presse wurde über das Fest leider nur sehr einseitig berichtet. Die Deutschen kamen in der Berichterstattung praktisch nicht vor.

Die Königsberger Region ist heute wohl der verwüstetste Teil Europas, wenn man von der durch den Krieg der letzten Jahre zerstörten Balkanregion absieht. In dieser Wüstenei sind in den letzten Jahren Oasen in Form von neuen oder restaurierten Gebäuden entstanden, und es wird verstärkt verbuschtes oder verstepptes Agrarland wieder für die landwirtschaftliche Nutzung urbar gemacht. Das sind Licht-blicke in einem Land, das von einer umfassenden Kulturvernich- tung heimgesucht wurde.

Auf einen Aspekt will ich besonders eingehen. Als das Königsberger Gebiet am 1. März 1991 geöffnet wurde, war das Land aufgrund seiner 45jährigen Prägung durch die marxistische Ideologie flächendeckend athei-stisch. Wie die Kirchen aussahen und wie sie noch aussehen, soweit sie noch vorhanden sind, hat Anatolij Bachtin, unser Kulturpreisträger, dokumentiert.

Heute ist das ganz anders. Im Königsberger Gebiet wird flächendeckend - auch wenn das Netz jetzt noch grobmaschig ist - christlicher Gottesdienst angeboten und angenommen. Mit christlichem Gottesdienst meine ich, Gottesdienste der protestantischen, katholischen und orthodoxen Glaubensrichtung.

Dazu ein Exkurs in die Geschichte. Die katholischen Mitchristen mögen mir das nachsehen. Als Herzog Albrecht 1525 die Reformation in seinem Land durchsetzte, freute sich der Wittenberger Reformator Luther mit den Worten:

„Siehe das Wunder. In voller Fahrt mit prallen Segeln eilt das Evangelium nach Preußen“.

Ich meine, dieses Zitat paßt viel besser auf das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in bezug auf Königsberg.

Wenn es in Königsberg aufwärts geht, dann ist dies auch dem Wirken der drei christlichen Kirchen zuzurechnen. Es gibt einige Beispiele in Königsberg, wo katholische Gemeindehäuser auch für protestantischen Gottesdienst zur Verfügung stehen, aber auch der umgekehrte Fall wird praktiziert.

Die katholische Organisation Lumen Christi aus der Bundesrepublik unterhält nach Königsberg nun auch in Tapiau ein aufwendig restauriertes Gemeindezentrum mit angeschlossener Sozialstation. Ich hatte im Mai Gelegenheit, die Tapiauer Einrichtung kennenzulernen.

Propst Wolfram von der evangelischen Propstei Königsberg wird - leider - im Sommer kommenden Jahres Königsberg verlassen. Er hat segensreich gewirkt. Neben seinem geistlichen Hauptamt hat er sich als Bauaufsichtsfachmann profilieren müssen, weil er den Ankauf und Ausbau von Gemeindezentren vorangetrieben hat. Dabei wird die Propstei - wo das möglich ist - Eigentümerin der Gemeindezentren. Die evangelische Propstei in Königsberg hat sich inzwischen zu einer beachteten Institution entwickelt. Dies ist von Bedeutung, weil Rußland heute noch nicht Rechtsstaat im westlichen Sinne ist. Die Propstei wird man nicht so ohne weiteres beseitigen können.

Zur Zeit werden an folgenden evangelischen Gemeindezentren Baumaßnahmen durchgeführt:

In Paterswalde, Kreis Wehlau

Dort entsteht ein Gemeinderaum und ein Kindergarten.

In Tapiau

Das Tapiauer Projekt wird besonders durch die Kreisgemeinschaft Wehlau alimentiert. Auch die LO hat einen Zuschuß gewährt. Die Einweihung des Tapiauer Gemeindezentrums ist noch für November vorgesehen.

In Friedland

Hier entsteht ein Gemeindezentrum mit angeschlossener Sozialstation. Gottesdienste finden bereits statt. Die LO hat sowohl im vorigen Jahr wie auch in diesem Jahr einen Zuschuß dafür gewährt.

Die Kirche in Friedland ist wiederhergestellt. Als sie fertig war, hat die orthodoxe Kirche sie in Beschlag genommen. Daß sie fertig wurde, ist vorrangig das Verdienst von Frau Waltraud Kluge, die in Wolfenbüttel einen Förderverein zur Wiederherstellung der Friedländer Kirche gegründet hatte, und auch von Helmut Gutzeit, dem Landesvorsitzenden der LO in Bremen.

Meine Damen und Herren, es ist sicherlich frustrierend, wenn eine alte Ordenskirche, wie die in Friedland, mit erheblichen Mitteln aus der Bundesrepublik und mit viel Mühe und Arbeit wiederhergestellt wird und nach Fertigstellung von der russisch-orthodoxen Kirche in Besitz ge- nommen wird. Im Fall Friedland war das besonders ärgerlich, weil es dort eine große rußlanddeutsche evangelische Gemeinde gibt.

Gleichwohl, jede wiederhergestellte Ordenskirche im Königsberger Gebiet ist ein Baudenkmal, welches von der 700jährigen deutschen Vergangenheit Ostpreußens kündet.

In Mauern, Kreis Labiau,

gibt es bereits ein Gemeindezentrum mit angeschlossener Sozialstation sowie einen landwirtschaftlichen Betrieb und eine Tischlerei. Um dieses Projekt hat sich unser Landsmann Karalus aus Heppenheim hoch verdient gemacht. Karalus hat dem Bundesvorstand für dieses Projekt einen Zuschußantrag vorgelegt, über den noch entschieden werden muß.

In Groß Legitten

ist die alte Ordenskirche zumindest äußerlich wiederhergestellt. Dies ist maßgeblich das Verdienst von Frau Dr. Pulver, die erhebliche eigene Mittel in das Projekt hingegeben hat. Ein Zuschuß kam auch von der LO. Nunmehr wird dort auch ein Gemeindezentrum gebaut, das ebenfalls von der Landsmannschaft Ostpreußen bezuschußt wurde.

In Labiau

wurde durch die Propstei ebenfalls ein Gemeindezentrum geschaffen. Ich hatte Ihnen bereits im vorigen Jahr in meinem Lagebericht vorgetragen, daß dafür auch Mittel von der LO geflossen sind, die Helmut Gutzeit beschafft hat. In diesem Jahr hat es für das noch nicht völlig fertiggestellte Projekt nochmals einen Zuschuß von uns gegeben.

An der Kirche in Arnau wird derzeit ebenfalls gearbeitet.

Hier gibt es einen Förderverein, der im vorigen Jahr die Kollekte des Gottesdienstes beim Deutschlandtreffen für den Wiederaufbau der Arnauer Kirche erhielt.

In Heinrichswalde ist seit gut einem Jahr ein ungarischer evangelischer Pastor tätig. Auch dort wird noch an dem evangelischen Gemeindehaus gebaut.

In Gilge findet evangelischer Gottesdienst im Café Ehrlich statt.

Die Betreiberin, Frau Leni Ehrlich, die im vorigen Jahr Witwe wurde und derzeit ernstlich erkrankt ist, erhielt im vorigen Jahr eine kleine humanitäre Unterstützung durch die LO.

In Gumbinnen - das wissen Sie - gibt es die neu erstellte Salzburger Kirche mit angeschlossenem Gemeindezentrum einschließlich einer Sozialstation. 70 Kinder bekommen dort von montags bis freitags ein Mittagessen. Angedacht ist, dort zusätzlich ein Altersheim zu schaffen.

In Insterburg gibt es noch keine geeignete Räumlichkeit für die dortige evangelische Gemeinde. Angedacht ist, die noch vorhandene Friedhofskapelle zu erwerben und herzurichten. Propst Wolfram weiß jedoch noch nicht, woher dafür die Mittel kommen sollen.

Für Mühlhausen hat sich ein Förderverein zur Erhaltung der dortigen Kirche unter Federführung von Ministerialrat a. D. Martin Lehmann gegründet. Lehmann gehört dem Kreisvorstand der Kreisgemeinschaft Preußisch Eylau an. Die Landsmannschaft Ostpreußen hat bis zu 10.000 D-Mark für dieses Vorhaben bereitgestellt. 5.000 D-Mark sind bereits geflossen. Für ein neben der Kirche liegendes Gemeindehaus - ein besonderes Anliegen von Propst Wolfram - kamen außerdem 3.000 D-Mark von uns.

Für den Erhalt der Allenburger Kirche hat sich ebenfalls ein Förderverein in der Bundesrepublik konstituiert. Hier wirkt dankenswerterweise unser ostpreußischer Landsmann, der Abgeordnete des Deutschen Bundestages Kurt Palis, mit. Federführend bei dem Projekt ist die Allenburgerin Ute Bäsmann, zugleich Mitglied im Wehlauer Kreistag. Deshalb ist die Begleitung der Kreisgemeinschaft Wehlau bei dem Vorhaben gewährleistet. Die LO hat für dieses Vorhaben - zunächst ist die Restaurierung des Kirchturms vorgesehen - 10.000 D-Mark zur Verfügung gestellt.

Das Ehepaar Bäsmann hat sich in Allenburg angekauft. Am Donnerstag, dem 27. September, gab es für Helmut Gutzeit und mich in Allenburg eine besondere Premiere. Wir waren vom Ehepaar Bäsmann zu einem Abendessen in ihrem Haus eingeladen. Mit dabei war auch Rayonchef Bagalin mit seiner Frau.

In Domnau gibt es eine beachtliche rußlanddeutsche evangelische Gemeinde. Die Kirche dort ist gut erhalten. Sie bekam 1993 bereits ein neues Dach. Die ebenfalls damals neu montierten Fallrohre waren bald gestohlen. Die Mittel dafür kamen aus der Bundesrepublik und von der Gemeinschaft Evangelischer Ostpreußen.

Die Kirche dient der örtlichen Agrargenossenschaft als Getreidespeicher. Diese will die Kirche auch nicht hergeben. Inzwischen ist ein Speichergebäude als Gemeindezentrum ausgebaut worden. Fritz Schlifski von der Kreisgemeinschaft Bartenstein hat dies maßgeblich bewerkstelligt. Die Agrargenossenschaft will die Eigentumsrechte an dem Speichergebäude auf die evangelische Propstei Königsberg übertragen, wenn im Gegenzug ein neuerer Mähdrescher geliefert wird. Die LO hat für dieses Vorhaben 8.000 D-Mark bereitgestellt unter der Voraussetzung, daß das Geld für den Mähdrescher insgesamt zusammenkommt. Man muß mit 35.000 bis 40.000 D-Mark rechnen.

In Heiligenbeil gibt es nur eine sehr kleine evangelische Gemeinde. Etwa zehn Familien gehören dazu. Man hat Gastrecht in der katholischen Kirche.

Schließlich noch der Dom in Königsberg.

Ich habe Ihnen wiederholt berichtet, daß die Stadtgemeinschaft Königsberg, die Gemeinschaft der evangelischen Ostpreußen, die Stiftung Königsberg und die LO eine Arbeitsgemeinschaft zum weiteren Ausbau des Domes gebildet haben. Die Federführung liegt bei der Stiftung Königsberg beziehungsweise bei Dr. Beister. Dieser Arbeitsgemeinschaft haben wir in diesem Jahr erneut 10.000 D-Mark überwiesen.

Es ist schon beachtlich, was unter Mithilfe der LO derzeit zum Erhalt sakraler Bausubstanz geleistet wird. Ebenso beachtlich das Engagement der Ostpreußen zur Schaffung von Versammlungsstätten für die christlichen Gemeinden.

Ich bin mir mit Propst Wolfram einig: Wir ernten noch Früchte der frommen Generationen, die bis 1945 dort gelebt haben. Insgesamt gibt es im Königsberger Gebiet heute 40 protestantische Gemeinden. Ich weiß von acht katholischen Gemeinden, möglicherweise aber gibt es auch mehr. Propst Wolfram berichtet, daß er in den letzten sechs Monaten 30 Prozent seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter durch Aussiedelung verloren habe. Gleichwohl rück-ten immer noch Rußlanddeutsche aus den asiatischen Regionen der früheren Sowjetunion nach. Bisher, so Wolfram, habe es noch bei den rußlanddeutschen Gemeinden Zuwachs gegeben.

Über zwei Vorhaben will ich noch berichten.

In Aulenbach, nördlich von Insterburg, bewirtschaftet die russische Familie Tschitschulin 1.000 Hektar. Die beiden Söhne waren einige Mal zur Schulung und Weiterbildung in der Bundesrepublik. Der Betrieb vermehrt Saatgetreide der Saatzuchtfirma Petkuser in Hannover.

Bei Angerapp wird das früherer Trakehnergestüt der Familie von Zitzewitz derzeit wieder neu aufgebaut. Initiator und Investor - man höre und staune - die Frau des Moskauer Bürgermeisters Luschkow.

Der Bundesvorstand hat eine Arbeitsgruppe Königsberg ins Leben gerufen. Die Vorschläge dieser Arbeitsgruppe liegen auf dem Tisch und wurden vom Bundesvorstand behandelt. Die LO wird - wenn die geeignete Persönlichkeit gefunden wird - eine landsmannschaftliche Anlaufstelle in Königsberg einrichten.

Zum Schluß noch ein Ereignis, das bisher einmalig ist, hoffentlich aber Nachahmung findet, ohne den in diesem Fall vorhandenen negativen Hintergrund. Wenn man von Bartenstein kommend nach Preußisch Eylau hineinfährt, steht am Ortseingang ein neu gestaltetes großes Ortsschild. Bagrationowsk steht dort in kyrillischen und lateinischen Buchstaben, und dann steht da auch noch Preußisch Eylau. Das alte historische Stadtwappen Preußisch Eylaus ist auch auf dem Ortsschild zu sehen. Reine Men- schenfreundlichkeit der Russen? Keineswegs!

Das Motiv der Russen für die Anbringung des historischen Namens der Stadt: Die Erinnerung an das russisch-preußisch-französische Gefecht bei Preußisch Eylau vom 9. Februar 1807. Dies Gefecht ist in die russische Literatur unter der Bezeichnung „Bataille von Preußisch Eylau“ eingegangen. Einer der damals beteiligten Generale war Bagration, nach dem Preußisch Eylau benannt wurde.

Meine Damen und Herren,

dies ist ein Ausfluß der neuen nationalistischen Politik Rußlands, von der ich sprach. Die russische Sicht: Unser Land - russische Vergangenheit, russische Gegenwart, russische Zukunft.

Im August war ich erneut zu einer humanitären Betreuungsaktion zu den Wolfskindern nach Litauen gereist. Das konnten Sie der ausführlichen Berichterstattung des Ostpreußenblattes entnehmen. Der Verein „Edelweiß“ hatte mich zur Feier des zehnjährigen Bestehens nach Kaunas eingeladen. Seinerzeit war ich auch als Vertreter des Bundesvorstandes bei der Gründungsversammlung dabei. Ursprünglich war geplant, die Betreuungsreise im Juli zusammen mit Frau Steinbach durchzuführen. Da der Termin jedoch durch die Jubiläumsveranstaltung des „Edelweiß“-Vereins auf den 25. August festgesetzt wurde und Frau Steinbach in dieser Zeit im Urlaub war, unterblieb ihre Mitreise.

Die Freude, die wir unseren Landsleuten, den Wolfskindern, mit dem Geldgeschenk machten, war unbeschreiblich. Die Vorsitzende der Gruppe Tauroggen schrieb mir einen Dankesbrief und teilte mit, daß die meisten Wolfskinder ihrer Gruppe das Geld zum Kauf der Winterheizung verwenden würden.

Meine Damen und Herren,

Sie stimmen mir sicherlich zu, daß die LO bei der Betreuung unserer Wolfskinderlandsleute sich von niemandem übertreffen lassen sollte. Ich verweise darauf, daß die LO seit mehr als zehn Jahren verläßlicher Partner für die im „Edelweiß“-Verein organisierten Landsleute ist.

Die Arbeitsgemeinschaft der Memellandkreise hat im Juli in Kühlungsborn ein nordostdeutsches Regionaltreffen organisiert, das mit 400 Teilnehmern hervorragend besucht war. Dabei konnte ich sowohl Herbert Preuß mit der Ottomar-Schreiber-Medaille als auch Uwe Jurgsties mit dem Goldenen Ehrenzeichen auszeichnen. Gleich im Anschluß ist Uwe Jurgsties mit einem voll besetzten Bus zu einer Besuchsreise in das Memelland aufgebrochen. Mit dabei war auch die Vorsitzende des ostpreußischen Frauenkreises Uta Lüttich.

Erst vor wenigen Tagen ist der gesamte Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft der Memellandkreise von einer Besuchsreise, die mit einem Hilfstransport verbunden war, aus dem Memelland zurückgekehrt. Höhepunkte der Reise waren Veranstaltungen zum fünfjährigen Bestehen des Simon-Dach-Hauses und der Begegnungsstätte des deutschen Vereins Heide in Heydekrug. Außerdem wurde an das erstmalige Erscheinen der deutschen Zeitung in Litauen vor 70 Jahren erinnert.

Nun haben wir es schwarz auf weiß. Der Bund wird im Rahmen der institutionellen Förderung der Ostpreußischen Kulturstiftung, abgekürzt OKS, nicht mehr den Teilbereich Ellingen alimentieren. Die Förderung läuft zum 31. Dezember dieses Jahres aus. Wie geht es mit Ellingen weiter? Das Patenland Bayern, die Ministerin Stewens persönlich, hat mit Kulturstaatsminister Nida-Rümelin vom Bund bezüglich Ellingen verhandelt und erreicht, daß der Bund zunächst Projektmittel für Ellingen bereitstellt. Akute Sorgen gibt es also nicht, man muß aber registrieren, daß die Projektmittel jedes Jahr neu bewilligt werden müssen.

Die diesjährige ordentliche Stiftungsratssitzung der OKS war für den 26. Oktober terminiert. Das Kulturstaatsministerium - Herr Dr. Hünefeld - bat uns, die Sitzung zu verschieben. Man wolle zunächst mit uns ein Gespräch über eine neue Trägerkonstruktion der OKS führen. Zu diesem Gespräch lud man uns nach Bonn ein. Es ist schon klar, welche Absicht das Kulturstaatsministerium verfolgt. Man will in den Gremien den Einfluß der Vertriebenen beseitigen. Dazu muß man die bestehende Trägerkonstruktion verändern. Jedenfalls habe ich Bonn als Gesprächsort nicht akzeptiert. In Absprache mit Hubertus Hilgendorff, dem Vorsitzenden des ehemaligen Trägervereins, der zugleich neben der LO Mitstifter der OKS ist, und Herrn Carl werden wir das Gespräch in Lüneburg führen. Über das Ergebnis werden die Gremien, der Bundesvorstand der LO beziehungsweise der Vorstand des ehemaligen Trägervereins dann zu be- raten haben.

Die Deutsche Bischofskonferenz unter Vorsitz von Kardinal Lehmann hat vor wenigen Wochen beschlossen, 3.661 deutsche Kirchenbücher aus den Oder-Neiße-Gebieten an Polen zu übergeben. Die Kirchenbücher konnten 1945 während der Fluchtwelle in den Westen Deutschlands gebracht werden.

Sie stellen mit ihren über einige Jahrhunderte vorgenommenen Eintragungen einen Teil der deutschen Siedlungsgeschichte dar und sind somit ein hohes Kulturgut des gesamten deutschen Volkes. Die Kirchenbücher gehören in die Hände der Menschen und ihrer Nachkommen, deren Namen darin aufgezeichnet sind, denn sie geben Auskunft über Geburten, Taufen, Hochzeiten, Sterbefälle und das gesamte kirchliche Leben der damals dort wohnenden Menschen.

Zukünftig ist zu befürchten, daß polnische Behörden bei gewünschten Auszügen aus den Kirchenbüchern die deutsche Schreibweise nicht einhalten und Ortsbezeichnungen mit den heutigen polnischen Namen angeben werden. Dies ist in der Vergangenheit teilweise geschehen, soweit Abschriften von deutschen Urkunden gewünscht wurden, die 1945 in polnischen Besitz gelangten. Es droht mit dem Transfer der Kirchenbücher eine weitere Polonisierung der ostdeut- schen Geschichte. Dies muß auch ein Thema für den nächsten kommunalpolitischen Kongreß zwischen Kreisvertretern und polnischen kommunalen Funktions- trägern sein.

Ich will mich einer persönlichen Stellungnahme zu dem Vorgang nicht enthalten. Bereits 1965 hatte die EKD mit ihrer Ostdenkschrift den Boden vorbereitet und die Marschrichtung für eine vermeintliche Friedenspolitik angegeben, die später zur Abtretung von mehr als einem Viertel des deutschen Territoriums führte. Die katholische Kirche war da ganz anders. Ihre Haltung zu den Ostprovinzen in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts war als durchaus staatstragend zu bezeichnen. Das änderte sich erst in den 80er Jahren, als ein Pole in das Papstamt gelangte. Gleichwohl wurde bei den Entscheidungen der Deutschen Bischofskonferenz immer das Bemühen deutlich, auf die Gefühle der deutschen Heimatvertriebenen Rücksicht zu nehmen.

Mit der Entscheidung für den Transfer der deutschen Kirchenbücher zeigt die Deutsche Bischofskonferenz nunmehr ein Verhalten, das bei der EKD schon lange üblich ist. Es wird über die Köpfe der Betroffenen entschieden, die in diesem Fall Opfer der bisher größten Massenaustreibung der Weltgeschichte sind. Die Früchte dieses Tuns werden verheerend sein. Die evangelische Kirche Deutschlands hat das bereits erfahren.

Der Bundesvorstand hat in beachtlichem Umfang im abgelaufenen Jahr verbandsinterne Aktivitäten organisiert.

Am 3. Februar waren wir Gast im Preußischen Landtag in Berlin, um mit einer eigenen Veranstaltung an dem 300. Jahrestag der Krönung Friedrichs I. zum König in Preußen zu erinnern. Viele von Ihnen waren dabei. Königsberg stand im Mittelpunkt der mit viel Zustimmung aufgenommenen Veranstaltung. Ministerpräsident Stoiber hatte ein vorzügliches Grußwort übersandt. Der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses war unser Gast und hatte die Schirmherrschaft über die Veranstaltung übernommen.

Im März gab es die Kreisvertretersitzung hier in Pyrmont unter Leitung von Bernd Hinz. 32 Kreisvertreter haben daran teilgenommen. Ausführlich wurde der Leitfaden erörtert.

Im April fand zum wiederholten Male eine Schatzmeistertagung für die korporativen Mitglieder der LO in Hannover statt. Hierzu stand uns erneut dankenswerterweise Dr. Schleifenbaum zur Verfügung. Die Leitung hatte Alfred Nehrenheim.

Im Mai gab es eine Einladung des Bundesvorstandes für die Vereinsvorsitzenden der Deutschen Vereine in Ostpreußen. 15 Vorsitzende waren unserer Einladung nach Pyrmont gefolgt. Die Leitung der Veranstaltung oblag Stephan Grigat.

Im Juni gab es eine eintägige Sitzung der Vorsitzenden der Mitteldeutschen Landesgruppen in Magdeburg, die wiederum unter der Leitung von Bernd Hinz stand.

Zu den innerverbandlichen Aktivitäten zähle ich auch einen Besuch des stellvertretenden Sprechers Dr. Thüne bei den Ostpreußen in Israel. Über Dr. Gerster, dem Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Israel, erhielten wir Kenntnis von der dortigen ostpreußischen Vereinigung und ihrem Wunsch, mit der LO Verbindung aufzunehmen. Thüne reiste in der letzten Märzwoche nach Israel und hat die Gruppe besucht. Es kam auch zu einem Zusammentreffen mit dem deutschen Botschafter, dem Vorsitzenden der Gruppe und Dr. Thüne.

Natürlich haben auch wieder das Schriftleiterseminar und die obligatorischen Veranstaltungen des ostpreußischen Frauenkreises stattgefunden. Hervorheben möchte ich das politische Seminar für Frauen, welches in der letzten Oktoberwoche hier in Pyrmont stattgefunden hat. Ich möchte an dieser Stelle Uta Lüttich danken, daß sie bei allen wichtigen Veranstaltungen des Frauenkreises dabei ist.

Über die Veranstaltungen des Bundes Junges Ostpreußen können Sie im Rechenschaftsbericht nachlesen. Unseren Dank an René Nehring habe ich bei der Ehrung bereits vorgetragen. Herr Wulf Wagner, ein junger Architekt aus Berlin, hatte eine Ausstellung über ostpreußische Schlösser und Gutshäuser im Schloß Demerthin im Kreis Prignitz durchgeführt. Ich habe diese Ausstellung intensiv begleitet und bei der Eröffnung am 14. April dieses Jahres ein längeres Grußwort gehalten. Am 31. Oktober ist diese Ausstellung zu Ende gegangen. Der BV hat gestern beschlossen, Herrn Wagner zu bitten, diese Ausstellung auch beim kommenden Deutschlandtreffen zu präsentieren.

Diese Auflistung von Aktivitäten ist keinesfalls vollzählig. Wichtig aber ist der Hinweis, daß zahlreiche bedeutsame Veranstaltungen immer auch auf der Ebene der Landesgruppen stattfinden. Dafür sei an dieser Stelle im Namen der Ostpreußischen Landesvertretung gedankt. Die Arbeit der örtlichen Gruppen und der Landesgruppen trägt ganz entscheidend dazu bei, daß die Heimatvertriebenen, besonders die Ostpreußen, noch in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Zwei besonders gelungene Veranstaltungen von örtlichen Gruppen will ich ansprechen. Am 22. Juni gedachte die Kreisgruppe Bonn in einer hervorragenden Veranstaltung ihres 50jährigen Bestehens. Manfred Ruhnau konnte viel kommunalpolitische Prominenz als Gäste begrüßen. Der örtliche Bundestagsabgeordnete Hauser hielt ein Grußwort und hatte die Schirmherrschaft für die Veranstaltung übernommen. Ich habe bei dieser Veranstaltung die Ansprache gehalten.

Sogar das 75jährige Bestehen konnte vor acht Tagen die Kreisgruppe Bremerhaven mit 280 Gästen begehen. Diese Gruppe wurde in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts von übergesiedelten heimattreuen Ostpreußen gegründet. Der Ihnen allen bekannte Herbert Tennigkeit hatte dort erneut einen starken Auftritt. Zu beiden örtlichen Veranstaltungen wurden vorzügliche Festschriften gefertigt, die auch noch in der Zukunft von der Heimattreue und der Verbundenheit der Ostpreußen untereinander künden werden.

Ich will an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, daß auf der Ebene der Kreisgemeinschaften mitunter beachtliche Publikationen mit wissenschaftlichem Anspruch aufgelegt werden. Als Beispiel steht das Werk der Kreisgemeinschaft Heiligenbeil, in diesem Jahr erschienen, „700 Jahre Stadt Heiligenbeil“, eine Chronik von der Prussenzeit bis zum Ausgang des 20. Jahrhunderts. Ebenfalls durch die Kreisgemeinschaft gefördert wurde eine Dokumentation über das Kirchspiel Hermsdorf-Pellen mit über 500 Seiten im DIN-A4-Format, Verfasser Heinz Sommer.

Der Bundesvorstand hat aufgrund eines Vorschlages von mir die Einrichtung eines eigenen Versandbuchhandels beschlossen. Die Anregung dazu bekam ich von Gerhard Rautenberg.

Der Versandbuchhandel wird unter der Federführung des Vertriebsleiters stehen. Wir haben befristet für eineinhalb Jahre eine Fachkraft eingestellt. Sollte sich das Projekt nicht rechnen, wird es wieder aufgegeben.

Für das Ostheim war auch das Wirtschaftsjahr 2000 erfolgreich. Der rechnerische Überschuß ist allerdings arg zurückgegangen, was in erster Linie mit einer nicht so guten Auslastung des Hauses erklärt werden muß. Gleichwohl, unabhängig vom Überschuß wurde auch im vergangenen Jahr in das Haus erheblich aus erwirtschafteten Mitteln investiert, so daß die gesamtwirtschaftliche Situation des Hauses immer gegeben war.

Das Ehepaar Winkler hatte in der Bauphase, die im März begann, persönlich zusätzliche Belastungen zu tragen. An dieser Stelle will ich dem Ehepaar Winkler auch den Dank der Ostpreußischen Landesvertretung aussprechen. Danken will ich auch an dieser Stelle Gerd Bandilla, der im Sommer erneut die verbandsinterne Prüfung für das Wirtschaftsjahr 2000 des Ostheimes wahrgenommen hat.

Das von Frau Steinbach inszenierte Projekt Zentrum gegen Vertreibung - ich hatte der OLV sowohl in Spandau wie in Jena darüber berichtet - kann die LO nicht gleichgültig lassen. Wir haben für das Projekt bisher 5.000 D-Mark an den Trägerverein überwiesen, allerdings unter dem Vorbehalt der Rückzahlung, falls das Projekt nicht zustande kommt.

Die anderen Landsmannschaften haben bisher meines Wissens noch nichts gezahlt, allerdings sind viele Zahlungen von örtlichen Gruppen zu verzeichnen. Frau Steinbach hat nun die Kommunen in der Bundesrepublik angeschrieben und für das Projekt geworben. Das Schreiben hat sie mit der Bitte verbunden, die Kommunen mögen sich mit den Vertriebenen solidarisch erweisen und pro Einwohner einen Groschen an den Trägerverein überweisen. Bisher haben annähernd 300 Kommunen, vorwiegend aus dem süddeutschen Raum, positiv geantwortet.

Die Debatte um das Vorhaben erfüllt mich mit Sorge. Das Motto „Zentrum gegen Vertreibung“ impliziert eine Beliebigkeit der Auslegung, bei der dem Zeitgeist Tür und Tor offensteht. Es erhebt sich für mich die Frage, ob die Politik zusammen mit den gesellschaftlich relevanten Gruppen - Kirchen, Gewerkschaften - nicht doch den Rahmen so setzt, daß die Dokumentation des Genozids an den Ostpreußen nicht mehr zum Ausdruck kommt.

Erst vor wenigen Tagen hatte ich ein Gespräch in kleinem Kreis mit Prof. Blumenwitz. Er informierte über eine neue Rechtsauffassung des BGH bezüglich des Vertreibungsschicksals. Für den BGH sei nunmehr klar, daß Vertreibung mit gleichzeitiger völliger Enteignung - wie bei den Ostdeutschen geschehen - immer als Völkermord zu bewerten sei.

Die Klage der LO wegen Ungleichbehandlung bei der Alimentierung des Kulturreferenten Dr. Husen für das Jahr 1999 ist beim Verwaltungsgericht Köln anhängig. Unser Prozeßvertreter ist Dr. Schleifenbaum. Das Gericht hat nunmehr alsbaldige Terminierung si-gnalisiert.

Ich will diesen Lagebericht nicht beenden, ohne den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in der Bundesgeschäftsstelle zu danken. Sie haben entscheidenden Anteil am bisherigen Erfolg der LO. Wir haben überwiegend leistungsstarke und motivierte Mitarbeiter, mit denen wir die vor uns liegenden Aufgaben angehen können. Allerdings werden wir nicht umhin kommen, in der Bundesgeschäftsstelle eine Perso- nalaufstockung vorzunehmen. Dies ist auch die Empfehlung des Prüfungsausschusses. Ich habe persönlich immer wieder mitgeholfen, den Arbeitsanfall in der Bundesgeschäftsstelle zu bewältigen. Wer immer als neuer Sprecher heute gewählt wird, das wird zukünftig nicht mehr so zu erwarten sein.

Um die Qualität des Ostpreußenblattes zu halten, ja noch zu verbessern, ist auch über eine Aufstockung des Stellenplanes in der Redaktion nachzudenken.

Meine Damen und Herren,

noch einige wenige Sätze zur Zukunftsperspektive der LO.

Die Ostpreußen haben von keiner Bundesregierung mehr etwas zu erwarten. Dabei spielt es keine Rolle, welche Koalitionsregierung am Ruder ist. Die ganz überwiegende Mehrheit der Deutschen hat kein Wissen mehr über Ostpreußen, aber auch kaum Interesse am Land der dunklen Wälder. Dies gilt generell für das gesamte Oder-Neiße-Gebiet und alle Landsmannschaften. Die anderen Landsmannschaften werden übrigens auch nicht mehr alimentiert, obwohl sie 1996 in vorauseilendem Gehorsam den Wünschen der Bundesregierung nachgekommen sind. Die Pommern waren in diesem Sommer dem massiven Druck der schleswigholsteinischen Landesregierung und der Bundesregierung ausgesetzt, ihren Einfluß bei der Ostseeakademie aufzugeben. Im Gegenzug würde dann eine weitere Alimentierung der Einrichtung erfolgen. Die Pommern haben glücklicherweise widerstanden. Nun müssen sie zwar die finanziellen Belange der Ostseeakademie alleine regeln - was sie schaffen werden; die staatliche Bevormundung gehört der Vergangenheit an. „Ein klein wenig haben wir uns auch an den Ostpreußen orientiert“, sagte mir ein Freund aus der Führungsspitze der Landsmannschaft Pommern.

Wie gesagt, die Ostpreußen haben von niemandem mehr etwas zu erwarten.

Wir müssen registrieren, daß die Zahl der örtlichen Gruppen langsam sinkt, weil hier und dort Gruppen fusionieren. Ganz vereinzelt beginnt bereits die Diskussion, ob sich Kreisgemeinschaften zusammenschließen sollten, um eine Zukunftsperspektive zu haben.

Es gilt für uns, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Die Landsmannschaft wird sich sukzessive verändern müssen. Meine Gedanken dazu habe ich Ihnen bei der OLV 1999 in Jena vorgetragen. Vorrangig aber bleibt die Aufgabe, den heimatverbliebenen Landsleuten eine Stütze zu sein. Dazu haben wir das bewährte Instrument der Kreisgemeinschaften und der Deutschen Vereine. Jedoch sollten wir auch noch mehr den Schulterschluß suchen mit Organisationen wie den Preußischen Johannitern, mit gutwilligen Kom- munalpolitikern vor Ort und mit Jugendorganisationen. Zusätzlich müssen wir ernstlich die Frage prüfen, ob es nicht möglich ist, im südlichen Ostpreußen eine eigene Stiftung zu begründen. Dies sollte meines Erachtens durch den neuen BV ernstlich geprüft werden.

Vorrangige Aufgabe hier bei uns muß es sein, so viel wie möglich ostpreußisches Kulturgut dauerhaft zu sichern, auch in Zukunft wissenschaftliche Publikationen über Ostpreußen auf den Markt zu bringen, unsere Wochenzeitung mit dem wichtigen Schwerpunktteil Ostpreußen gewinnbringend am Markt zu halten und in der Fläche Kreisgruppen zu erhalten, die zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht „Ostpreußische Gesprächskreise“ heißen könnten. Dazu muß permanent der Kontakt zu den Ministerien und zu den großen Volksparteien gepflegt werden.

Dies alles ist zu bewerkstelligen, auch dann, wenn die Masse der heute noch vorhandenen Erlebnisgeneration von dieser Welt gegangen sein wird.

Voraussetzung für diese Zukunftsperspektive ist die finanzielle Unabhängigkeit der LO. Sie wissen, die Bundesvorstände haben seit 1991 gewaltige Anstrengungen unternommen, um diesem Ziel näher zu kommen. Wir sind weit vorangekommen mit der finanziellen Konsolidierung unseres Verbandes.

Liebe ostpreußische Landsleute, die LO hat sich in der Vergangenheit als standfeste und heimattreue Organisation erwiesen, die auch durch massiven Druck von außen nicht zu beugen war. Die Ostpreußen sind nicht zu bezwingen. Sie können sich allenfalls selbst durch internen Streit und Austragung dieses Streites auf dem offenen Markt bedeutungslos machen und somit selbst zerstören. Lassen Sie das bitte nicht zu!

Mit einem Dank an Sie, liebe ostpreußische Schicksalsgefährten, für Ihren Einsatz in den Kreisgemeinschaften, in den Landesgruppen und örtlichen Gruppen will ich diesen Lagebericht beenden.

Ich danke für das Zuhören.