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17.11.01 Volkstrauertag: Die Neue Wache in Berlin im Spiegel deutscher Umbrüche

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 17. November 2001


Volkstrauertag:
»… ein Geheimnis bleibt der Tod«
Die Neue Wache in Berlin im Spiegel deutscher Umbrüche
von Thorsten Hinz

Am 14. November 1993, dem Volkstrauertag, wurde in Berlin Unter den Linden die umgestaltete Neue Wache als Zentrale Gedenkstätte für die „Opfer von Krieg und Gewalt-herrschaft“ eingeweiht. Vorangegangen war eine lange und erregte Debatte über Gestaltung, Ort und Symbolik des Mahnmals. Doch einen Konsens über die Opfergemeinschaft, derer hier gedacht werden sollte, konnte auch sie nicht herstellen. Man behalf sich schließlich mit zwei Bronzetafeln am Eingang, auf denen die Geschichte des Gebäudes dargestellt und die unterschiedlichen Opfergruppen - Kriegsgefallene, Vertriebene, Juden und so weiter - bezeichnet sind. Als zentrales Element hatte Bundeskanzler Helmut Kohl eine vergrößerte Fassung der „Piéta“ von Käthe Kollwitz durchgesetzt.

In der Debatte spielte auch das Argument eine Rolle, daß dieses Gebäude von zwei Diktaturen zur Selbstinszenierung benutzt worden sei. Die Bundesrepublik hatte das Mahnmal 1990 direkt von der DDR übernommen, die Rück-wand des Innenraums zierte noch das Wappen des untergegangenen Staates. Am Vorabend der Wiedervereinigung führten NVA-Soldaten hier zum letzten Mal den preußischen Paradeschritt vor. 28 Jahre lang hatte das Gebäude der DDR als „Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus“ gedient. Hier ehrte der sozialistische Staat seine toten Helden - und, wichtiger noch, sich selbst. Was hatte ihn auf seiner Identitätssuche ausgerechnet in Preußens Mitte geführt?

Die Neue Wache war 1816 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel als Erinnerungsmal an die preußischen Siege in den Befreiungskriegen entstanden. Ein Jahrhundert lang diente es als Wachgebäude. Kurz vor Ende der Weimarer Republik wurde es in eine „Gedächtnisstätte für die Gefallenen des 1. Weltkriegs“ umgewandelt. Nach 1933 wurde das stille Gedenken an die Opfer des Krieges durch die Idealisierung und kultische Verehrung der Toten auf dem Schlachtfeld erhöht.

1945 lag die Neue Wache in Trümmern. Das Dach war eingestürzt, ebenso ein Teil des Portikus. Das Innere war ausgebrannt, der schwarze Granitmonolith, 1931 vom Architekten Heinrich Tessenow ins Zentrum seines Entwurfs gestellt, hatte sich in der Hitze der Flammen verformt. 1950 stürzten weitere Teile der ungesicherten Eingangshalle ein. Danach erfolgten einige provisorische Reparaturen, zu umfassenden Bau- arbeiten kam es erst ab 1957.

Sie waren nicht selbstverständlich. Es gab Stimmen, so aus der Berliner FDJ, die den Abriß forderten. Glücklicherweise setzten sich besonnenere Kräfte durch. Die Nutzungsvorschläge reichten von einem Goethe- oder Schinkelmuseum über einen Nationalpantheon der Kultur und Wissenschaft bis hin zu einem Torhaus und Durchgang zum „Haus der Kultur der Sowjetunion“, das sich in dem dahinter gelegenen Preußischen Finanzministerium etabliert hatte.

In der Diskussion um die Errichtung eines „Mahnmals für die Opfer des Faschismus“ unmittelbar nach dem Krieg spielte der Bau noch keine Rolle. Es war zunächst unvorstellbar, die Ehrung an einen Ort zu verlegen, der eben noch eine bedeutsame Rolle in der Selbstdarstellung des NS-Systems gespielt hatte. Doch ließ das Totengedenken sich an dieser Stelle weder verleugnen noch verbieten. Die Bevölkerung legte Blumen und Kränze nieder und schob sie bei geschlossenen Toren durch die Gitter. Eine Nutzung der Neuen Wache als „Denkmal der Opfer imperialistischer Kriege“ wurde erstmals ab 1950/51 vom Ost-Berliner Magistrat thematisiert. Die SED-Führung genehmigte zwar die bauliche Wiederherstellung, die Einrichtung eines Denkmals aber wurde verweigert.

Grund war die Unvereinbarkeit zweier kollektiver Gedächtnisstränge: Zum einen gab es in der Bevölkerung ein großes Bedürfnis nach einem zentralen Ort, um der toten Soldaten und Zivilisten zu gedenken. Dieses Gedenken war seit der Weimarer Republik eng mit der Schinkelschen Neuen Wache verknüpft. Dieses Bedürfnis kollidierte jedoch mit der Abwehrhaltung der neuen Machthaber, die den Ort aufgrund seiner bisherigen Nutzung ablehnten.

Ihr Opferbegriff war exklusiver: „Opfer des Faschismus“ waren vor allem Kommunisten, die im Kampf gegen den Nationalsozialismus ihr Leben verloren hatten. An sie sollte erinnert werden. Damit verbunden war der Wunsch nach einer neuen kollektiven Sinnstiftung und nach Legitimation der eigenen Macht. Fünf Jahre später war mit der wachsenden Rolle der Ideologie im gesellschaftlichen Leben auch das Bedürfnis der neuen Herrschaftselite, eigene Gedächtnisformen zu begründen, erstarkt. Die SED fühlte sich mittlerweile in der Lage, sich dazu auch der überkommenen Gedenktradition zu bemächtigen und sie in ihre Zwecke zu integrieren.

Den Ausschlag für die Wiederherstellung der Neuen Wache als Gedenkstätte gaben schließlich stadtplanerische Überlegungen. 1955 waren die wichtigsten Gebäude am Berliner „Forum Fridericianum“ wieder aufgebaut. Im Fall der Neuen Wache hatte sich die Denkmalspflege vehement für die Erhaltung nicht nur der äußeren Gestalt, sondern auch des 1931 von Heinrich Tessenow entworfenen Innenraums ausgesprochen. Zunächst sollte auch so verfahren werden. Wie dem Vertrag zwischen dem Ost-Berliner Magistrat und dem beauftragten Architekturbüro zu entnehmen ist, sollte lediglich das Holzkreuz, das in der NS-Zeit an der Rückwand des Raumes angebracht worden war, entfernt und durch ein „Dichterwort in Metallettern, wie etwa Brechts ,Mütter, laßt Eure Kinder leben!‘“ ersetzt werden.

Die letzte Entscheidungsgewalt lag beim SED-Politbüro, das im Dezember 1959 die Fertigstellung der Gedenkstätte zum 8. Mai 1960 anordnete. Gegen die Beibehaltung des Granitmonolithen im Zentrum des Gedenkraums wurden keine Einwände erhoben, zumal er keine störende Inschrift trug. Die Kandelaber zu beiden Seiten des Steins, die aus alten Kanonenrohren bestanden, sollten jedoch entfernt werden. Entscheidender war eine andere Abänderung an der Konzeption des Magistrats. Statt: „Den Opfern des Faschismus und der beiden Weltkriege“, hieß es nun: „Den Opfern des Faschismus und Militarismus“. Durch die abstraktere, ideologisch aber wirksamere Bezeichnung wurden die Toten des Ersten Weltkriegs gleichsam an den Rand gedrängt. Das Ende des Ersten Weltkriegs 1918 wurde, weil es mit der Novemberrevolution zusammenfiel, zwar dem eigenen Traditionsbestand zugerechnet, wurde aber nicht als unmittelbar identitätstiftend betrachtet. Auch sollten Assoziationen an die Weimarer Republik, die aus der Revolution hervorgegangen war, vermieden werden.

Vor allem aber war der Begriff „Opfer der beiden Weltkriege“ zu neutral. Mit dem Wort „Militarismus“ wurde eine preußisch-deutsche Tradition konkret als schuldig benannt. Faschismus und Militarismus galten in der DDR als zwei Übel, die derselben Wurzel entsprangen: dem Ausbeutersystem, das man überwinden wollte. Vordergründig lag ein Widerspruch darin, an diesem Ort gleichzeitig die Antifaschisten und die Opfer des Militarismus zu ehren, weil zu letzteren neben den toten Zivilisten auch die gefallenen Wehrmachtsangehörigen zählten. Indem man ihnen ebenfalls einen Opferrang zubilligte, erteilte man ihnen und ihren überlebenden Familien einschließlich der „Mitläufer“ eine Absolution. Das Mahnmal mußte auch ihre Gefühle und Erfahrungen berück-sichtigen, um eine integrative und legitimatorische Funktion ausüben zu können.

Der Ablauf der Einweihungsfeier am 8. Mai 1960 war fünf Tage zuvor in einem SED-Politbürobeschluß detailliert festgelegt worden. Den Delegationen von Partei und Regierung standen Walter Ulbricht und Otto Grotewohl persönlich vor. Offiziere der NVA nahmen im Innern der Neuen Wache Aufstellung. Nach der Niederlegung der Kränze hielt der stellvertretende Oberbürgermeister von Ost-Berlin eine Ansprache. Als erstes gedachte er der Helden des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, danach der „gefallenenen Soldaten der Anti-Hitlerkoalition, insbesondere der Sowjetarmee“. Erst zuletzt folgten „auch die Menschen unseres Volkes, die in zwei Weltkriegen als Opfer des deutschen Imperialismus und Militarismus sinnlos in den Tod getrieben wurden“. Mit Angriffen gegen die „Militaristen“ in Westdeutschland und West-Berlin beschloß er seine Rede.

Die DDR-Bevölkerung nahm das Mahnmal vor allem als Gedenkstätte für die Toten der beiden Kriege an. Als antifaschistische Weihestätte interessierte es weniger. Das wird auch durch Presseveröffentlichungen aus jener Zeit belegt. Um ihren Machtanspruch symbolisch stärker zu unterstreichen, verstärkte die DDR-Führung durch eine Erweiterung der Zeremonie den staatlich-antifaschistischen Aspekt. Am 1. Mai 1962 zog vor dem Gebäude zum ersten Mal eine Ehrenwache der NVA auf. Inzwischen war die Mauer gebaut und die allgemeine Wehrpflicht eingeführt worden.

Das Problem, daß der Opfer des Militarismus durch ein militärisches Schauspiel gedacht wurde, erfuhr eine dialektische Lösung, indem behauptet wurde, die alten Traditionen wären nun mit neuem Sinn und Inhalt erfüllt worden. Eine völlige Vereinnahmung des Schinkel-Baus durch den Staat gelang aber auch jetzt nicht. Daher wurde ein grundlegender Umbau beschlossen, der die Konsolidierung und das neue Selbstbewußtsein des „ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden“ demonstrierte. Die Eröffnung fand am 6. Oktober 1969, am Vortag des 20. DDR-Gründungsjubiläums, statt. In der Halle war nun das Staatswappen angebracht. An Stelle des Granitmonolithen stand, in einer Vertiefung auf grünem Marmor, ein prismischer Glaskubus aus feuerfestem Jenaer Glas, hergestellt „in fruchtbarer sozialistischer Gemeinschaftsarbeit“, wie das „Neue Deutschland“ betonte. Der Kubus, der im Volksmund respektlos „Glasaschenbecher“ hieß, bildete das Gehäuse für eine „Ewige Flamme“. Ebenfalls in die Bodenfläche eingelassen waren die Gräber des „Unbekannten Soldaten“ und des „Unbekannten Widerstandskämpfers“, die je eine Urne mit den Überresten eines bei Görlitz gefallenen Wehrmachtsangehörigen und eines zu Tode gekommenen KZ-Häftlings aufnahmen. Die Toten waren am 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus, exhumiert worden. Um die beiden Gräber waren weitere Urnen mit der Erde aus Konzentrationslagern und von Schlachtfeldern des Krieges gruppiert. Mit dem Bildprogramm und der Terminierung war das stille, persönliche Totengedenken jetzt tatsächlich durch die staatliche Zeremonie verdrängt worden. Das Schauspiel der Wachablösung und vor allem der Große Wachaufzug an jedem Mittwoch riefen diesen veränderten Cha-rakter immer wieder neu in Erinnerung. Am 4. Oktober 1989 fand vor der Neuen Wache der letzte Große Zapfenstreich der NVA statt.

Heute ist die Neue Wache erneut ein Ort für offizielle Kranzniederlegungen. Im Innenraum wurde auf jede staatliche Symbolik verzichtet. Er bietet den Rahmen für individuelle Trauer und Totenehrung. 

 

Real-sozialistische Dialektik bei der Lösung der Kriegsopferfrage: Parade der Nationalen Volksarmee vor der Neuen Wache in Berlin. Das nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel 1816 erbaute Mal erinnerte zunächst an die Opfer der Deutschen Befreiungskriege. In der Weimarer Republik wurde es dann „Gedächtnisstätte für die Gefallenen des 1. Weltkrieges“. Foto: dpa