26.01.2022

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24.11.01 Lienhard Schmidt über den Einstieg in die rauhe Wirklichkeit der Wirtschaft

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 24. November 2001


Gedanken zur Zeit:
Das Ende der Fahnenstange
Lienhard Schmidt über den Einstieg in die rauhe Wirklichkeit der Wirtschaft

Wenn man dieser Tage die sich häufenden Hiobsbotschaften über das Ende des Wachstums, über den Beginn einer Rezession, aber auch die intellektuellen Hilflosigkeiten über die Bedrohung unserer Kultur und Zivilisation durch den Terror (oder eher gar durch seine Bekämpfung?) sieht und wenn man sich bei all dieser hektisch-sensationellen „Aufmache“ durch fast alle Medien noch etwas Ruhe und Gelassenheit bewahrt hat, dann spürt man zwar Ernüchterung, aber keinesfalls Panik.

Konnten die Menschen tatsächlich glauben, daß es in alle Ewigkeit so weiter gehen würde mit wachsenden Einkommen, immer mehr Freizeit, immer neuen Angeboten schöner Dinge, immer mehr abrufbaren Rechten und immer weniger Pflichten?

Nur ein kleines Beispiel soll hier für viele stehen, um den scheinbar unaufhaltsamen Marsch ins ständig neuen Spaß bringende Paradies zu kennzeichnen: Vor einem halben Jahrhundert, eben nach der Ludwig Erhardschen Währungsreform erhielt ein Lehrling stolze 40 Deutsche Mark im Monat. Er wirkte damals vom ersten Tag seiner Lehre nach besten Kräften im Betrieb mit. Heute schaut er als Auszubildender dem schon als Geselle oder Gehilfe Tätigen vor- wiegend über die Schulter, in der Rechnung an den Kunden tariert seine Anwesenheit dann mit runden 50 Deutsche Mark pro Stunde.

Das kann man so zwar nicht für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in den letzten 50 Jahren sagen, aber der Trend ist nicht zu leugnen.

Nun, jedenfalls in der sogenannten westlichen Welt ist der Markt weitestgehend gesättigt, nahezu jeder hat, was er braucht (wenn er weiß, was er wirklich braucht). Umsatzsteigerungen, Gewinnsteigerungen altgewohnten Stils werden zur Ausnahme, zu teuer gewordene Arbeitskraft der Menschen wird zunehmend von Robotern ersetzt, die überwiegend nicht gelingende Wiederbeschäftigung der Millionen von „Freigestellten“ ent-wickelt sich zu einer Zeitbombe, deren Brisanz mit „Kopf in den Sand“ oder „Weiter wie bisher“-Parolen übertüncht, aber keineswegs beseitigt wird. Patentrezepte hat niemand, von einigen allwissenden Medienassen einmal abgesehen. Hier kann eigentlich nur Besinnung helfen, Einsicht, daß der Bauch einfach zu dick geworden ist, der alte Spruch vom Gürtel, der enger geschnallt werden muß, wohl doch nicht zum alten Eisen gehört.

Wir stehen nicht vor dem Zusammenbruch unserer Wirtschaftsordnung. Aber Umdenken, Ausstieg aus irrationalen Erwartungshaltungen, beim Verbraucher ebenso wie beim Produzenten von Waren oder Dienst- leistungen - das ist schon gefragt. Wer allerdings die Realitäten, die Notwendigkeiten, etwas bescheidener zu werden und trotzdem vollen Einsatz und volle Leistungsqualität zu erbringen, nicht sehen will, für den wird es Probleme geben. Die Intellektuellen können bei diesem Lern- und Einsichtsprozeß entscheidende Hilfe leisten, zumal ihnen ein breites Medienecho sicher ist. Nur dürften sie nicht fortfahren, den Menschen weiterhin den Schwachsinn einzureden, durch Änderung der menschlichen Natur seien quasi paradiesische Zustände erreichbar.

Das Beispiel Marx sollte eigentlich genügen, nunmehr von der Wolke sieben herabzusteigen und den Realitäten dieser Welt, einschließlich der menschlichen Natur, wie sie nun einmal ist, gefaßt ins Auge zu sehen. Vielleicht läßt sich der gewohnte Toscana-Aufenthalt ein wenig kürzen, ohne daß ein Psychiater bemüht werden muß.

Bei der Rückkehr aus der Traumwelt auf den Boden der Tatsachen muß allerdings auch die Politik, auch der Staat mittun. Mit der guten Hälfte des Bruttosozialproduktes in öffentlicher Hand ist nicht soziale Gerechtigkeit, wie manche glauben, sondern Mittelverwendung nach ideo-logischen Vorgaben, möglicher- weise auch wirtschaftlicher Notstand programmiert. Vielleicht ist der Mittelstand, der den weitaus größten Teil der noch vorhandenen Arbeitsplätze erbringt, weil er näher am Markt, näher am Konsumenten operiert, auch näher an den unverzichtbaren Basisbedürfnissen der Men-schen.

Riesenkonzerne hingegen folgen nicht selten Marktstrategien, die weniger auf Bedarfsdeckung als auf Umsatzsteigerung ausgerichtet sind. Da darf die Frage erlaubt sein, ob die politischen Rahmenbedingungen optimal sind, die auf eine Bevorzugung der Giganten im Wirtschaftsleben hinauslaufen.

Bedrohungsszenarien und Problemschwerpunkte der Bildschirmwelt spiegeln das wirkliche Geschehen häufig nur recht oberflächlich wider. Der mündige Bürger wird immer Wege finden, sich umfassender zu informieren, um nicht zum Mitläufer von Vorurteilen werden. Im übrigen: Neigung zu Massenhysterie ist ein Merkmal primitiver Gesellschaften. Auch darüber lohnt es nachzudenken.