17.07.2024

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01.12.01 Chorfahrt durch Osterode

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. Dezember 2001


Musik:
Chorfahrt durch Osterode
»Lied der Heimat« aus Leipzig auf Tournee durchs Kreisgebiet

Endlich war es soweit. Der Leipziger BdV-Chor „Lied der Heimat“ trat seine Fahrt nach Ostpreußen an, um an einem Fest der deutschen Volksgruppe in Hohenstein und weiteren Kulturveranstaltungen im Kreis Osterode teilzunehmen. Wir hatten uns sehr gründlich auf die Fahrt vorbereitet und waren voller Erwartung und Vorfreude.

Die Wartezeit an der Grenze war erträglich, und so kamen wir wohlbehalten in unserer Pension in Osterode/Buchwalde an. Jeder war froh, nach der langen Busfahrt Ruhe zu finden, denn bereits am nächsten Tag hatte der Chor die ersten Auftritte. Am Vormittag sang der Chor zu einem bewegenden deutschsprachigen Gottesdienst in der evangelischen Kirche von Osterode. Am Nachmittag waren wir Gäste der Deutschen Gesellschaft Mohrungen und wurden von den Mohrunger Frauen mit Kaffee und selbstgebackenem Kuchen bewirtet. Dabei wurden auch neue Kontakte aufgenommen. Lothar Rauter vom Landesgruppenvorstand, der mitgefahren war, versprach Hilfe bei der Ausstattung der Sanitätsstelle.

Nach Besichtigung der Kirche und des Herdermuseums folgte der Auftritt des Chores im Saal des Museums. Wir staunten nicht schlecht, in Mohrungen Plakate zu sehen, mit denen das Konzert des Leipziger Chores in polnischer Sprache angekündigt wurde. Mit Heimat- und Volksliedern, Gedichten und Geschichten in ostpreußischer Mundart gelang es, die Menschen zu rühren und zu erfreuen. Als das Programm beendet war, blieben alle einfach auf ihren Plätzen sitzen, erst nach mehreren Zugaben und einem gemeinsamen Abschlußlied war man zufrieden. Das gleiche erlebten wir auch bei der Veranstaltung im Konzertsaal des Osteroder Schlosses, wo wir auch zwei Lieder gemeinsam mit der Osteroder Frauensingegruppe sangen.

Höhepunkt war die Teilnahme an dem an einem Sonntag bei strahlendem Sonnenschein stattfindenden Fest der deutschen Volksgruppe in Hohenstein. Nach der Eröffnung hatten wir etwas Zeit, um an den zahlreichen Ständen Bernsteinschmuck, Bilder, Handarbeiten und andere Andenken zu erwerben. Gleich nach dem Mittagessen auf dem Festplatz trat der Chor zum „Singen unter der Linde“ an und hatte mit fröhlichen Liedern schnell einen Zuschauerkreis um sich versammelt. Eifrig wurde mitgesungen.

Beim großen Kulturprogramm am Nachmittag auf der Freilichtbühne war unser Chor im Reigen der Chöre, Singe- und Tanzgruppen aus allen Landesteilen als letzter an der Reihe. Unsere Befürchtung, daß nur wenige Zuschauer in der Hitze ausharren würden, erwies sich als grundlos. Man hatte auf uns gewartet, und wir erhielten viel Beifall für unser Programm. In das gemeinsame Singen, angeführt von Max Duscha, stimmten alle ein. Ohne Zugaben ließ man uns auch hier nicht von der Bühne gehen. Sehr gerne erfüllten wir mit dem Lied „Ein schöner Tag“ noch einen Geburtstagswunsch. Mit dem gemeinsamen Abschlußlied, zu dem sich alle Zuschauer an den Händen faßten, wurde das Fest beendet.

Wir erlebten bei allen unseren Auftritten so viel Herzlichkeit und Begeisterung, daß wir selbst bei der großen Hitze die Anstrengungen kaum wahrnahmen oder ganz schnell vergaßen. Wie heißt es doch? „Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück“: So haben wir es auch empfunden.

In unserer freien Zeit zwischen den Veranstaltungen wurde uns die Möglichkeit geboten, unsere Heimat neu zu entdecken. Ein besonderes Erlebnis für alle war die Schiffsfahrt auf dem Oberländischen Kanal über die fünf geneigten Ebenen von Buchwalde bis Elbing. An der Einstiegsstation Buchwalde besichtigten wir das Maschinenhaus der Anlage, die vor 150 Jahren erbaut und in Betrieb genommen wurde, heute noch genauso funktioniert wie damals und völlig umweltfreundlich, nur mit Wasserkraft betrieben die Schiffe auf Plattformen über fünf Anhöhen zieht. Dabei wird auf der Länge des Kanals ein Höhenunterschied von fast 100 Metern überwunden, wahrlich ein Meisterwerk der Technik des 19. Jahrhundert, das, noch heute in Betrieb, wohl einmalig in der Welt ist. Die Fotoapparate hatten Großeinsatz.

Eine weitere Fahrt führte uns durch die Alleen Masurens ins Wassersportparadies Nikolaiken. Dort hatten wir Gelegenheit, einen ganz besonderen Film anzusehen. In teilweise noch nie gesehenen Dokumentaraufnahmen zeigte er das Leben in Masuren etwa in der Zeit zwischen 1930 und 1945. Wir sahen die Bilder der masurischen Landschaft zu allen Jahreszeiten, die Bilder friedlichen Lebens, die Arbeit der Menschen, die schönen, unzerstörten Städte. Am Ende des Filmes gab es die Bilder des Schreckens und Grauens, die brennenden Städte, die flüchtenden Menschen, die sinnlose Zerstörung der Heimat und die Vertreibung aus der Heimat. Uns, die wir es selbst erlitten haben, hat der Film zutiefst bewegt, und keiner schämte sich seiner Tränen.

An unserem letzten Tag kamen wir auf einer Fahrt über Gilgenburg, Soldau bis nach Neidenburg, wo wir die imposante Burg besichtigten. Am Nachmittag waren wir von den Osteroder Frauen, mit denen wir sehr freundschaftlich verbunden sind, ins Haus „Tannen“ zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Am Abend kamen wir dann mit den Osterodern und eingeladenen Gästen, darunter der Bürgermeister von Ostróda, der Landrat und weitere Persönlichkeiten, zu einem gemeinsamen Abschlußabend zusammen. Hier zeigte sich, wie schön Ostpreußen feiern können.

Viel zu schnell waren die Tage vergangen. Bei unseren Fahrten durch Ermland und Masuren, einer Landschaft zum Träumen, beim Anblick der Seen und Wälder, der goldenen Kornfelder, der berühmten Alleen und des hohen weiten Himmels über Ostpreußen kamen uns die Zeilen aus G. Kellers Gedicht in den Sinn: „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluß der Welt.“ Wir haben die schönen Bilder unserer Heimat im Herzen mitgenommen in unser neues Zuhause, dort werden sie uns noch lange begleiten.

Alles, was wir auf dieser Chorfahrt erlebten, die Zuwendung und Herzlichkeit unserer Landsleute dort, die Gastfreundschaft und die Freude über alles Schöne, hat uns so bereichert, hat die Verbundenheit zu unserer Heimat neu gefestigt, gibt uns wieder Kraft und Mut, unsere Arbeit im Chor und in der Gruppe weiterzuführen und noch besser zu machen. Inge Scharrer

 

„Lied der Heimat“: Auftritt auf dem Gelände des Freiland-Museums Hohenstein Fotos (2): Scharrer

 

Max Duscha: Leipzigs Kreisvorsitzender des BdV und Kreisgruppenvorsitzender der Ost- und Westpreußen beim offenen Singen mit dem Chor