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08.12.01 Kaum zu begreifen: Nach der Pleite von 1999 ist die Reemtsma-Schau wieder da - »überarbeitet«

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. Dezember 2001


Antiwehrmachts-Ausstellung:
Das Ziel bleibt dasselbe
Kaum zu begreifen: Nach der Pleite von 1999 ist die Reemtsma-Schau wieder da - »überarbeitet«
Von Alfred Maurice de Zayas

Sicherlich wird diese Ausstellung Anlaß zu vielen Fragen geben. Die alte Ausstellung scheiterte an der mangelnden wissenschaftlichen Redlichkeit. Nach vier Jahren Siegestour durch deutsche und österreichische Städte wurde sie von den Veranstaltern zurückgezogen, denn sie wurde von deutschen und ausländischen Historikern als methodologisch inakzeptabel, tendenziös und voll von gravierenden Fehlern, internen Widersprüchen und falschen Exponaten entlarvt. Ich würde es einfacher sagen: Sie war wohl keine wissenschaftliche Ausstellung, sondern ein bloßes Produkt des Zeitgeistes und Folge einer verfehlten Konzeption. Sie hat jenes universale Prinzip mißachtet: Audiatur et altera pars. Aber nur wegen des heutigen Zeitgeistes konnte diese Ausstellung vier Jahre überleben, bis sie einfach unerträglich wurde.

Rüdiger Proske, engagierter Sozialdemokrat, Wissenschaftsjournalist, ehemaliger Redakteur bei den „Frankfurter Heften“, jahrelang Programmchef des NDR-Fernsehens und Verantwortlicher für das Fernsehmagazin „Panorama“, schrieb mehrere denkwürdige Streitschriften über die Ausstellung, zum Beispiel „Wider den Mißbrauch der Geschichte deutscher Soldaten zu politischen Zwecken“, die im Verlag v. Hase & Koehler erschienen. Ein anderer Kritiker, Meinrad von Ow, der von 1999 bis heute drei Broschüren zur Ausstellung veröffentlichte, monierte bereits am 19. September 1997 in einem Artikel unter dem Titel „Wehrmachtsausstellung mit falschen Bildern?“, erschienen im „Rheinischen Merkur“: „Drei Fotos der Ausstellung (im Katalog, Abschnitt ,Genickschuß‘, S. 205, Nr. 29-31) mit deutschen Soldaten neben einem Leichenfeld sollen dort Verbrechen der Wehrmacht in der Ukraine dokumentieren. Sie zeigten dieselbe Situation wie die Bilder von Seite 337 im Ullsteinbuch 33080 »Die Wehrmacht-Untersuchungsstelle« des amerikanischen Historikers Professor A. de Zayas mit der Unterschrift ,ermordete Volksdeutsche und Ukrainer in Zloczow‘.“ Erst zwei Jahre später waren es der polnische Historiker Bogdan Musial und der ungarische Historiker Krisztián Ungváry, die wegen dieser und anderer nachweislich falsch bezeichneter Bilder die Ausstellung zu Fall brachten („Spiegel“ 45/1999).

So schrieb der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München, Prof. Dr. Horst Möller, in einem Artikel der „FAZ“ vom 3. Januar 2000 über diese „Nachweise über fundamentale Fehler, vor allem die Behauptung von Verbrechen der Wehrmacht durch Fotos, die tatsächlich Opfer der sowjetischen Geheimpolizei NKWD zeigen. Klarer hätte die Notwendigkeit der Quellenkritik nicht demonstriert werden können. Aber muß man seine eigenen Lernprozesse der Öffentlichkeit zumuten? Und hier beginnt das Problem: Eine vorgefaßte Meinung wird ohne handwerkliche Kenntnisse und Sorgfalt umgesetzt. Eine Wissenschaft, die darauf verzichtet, handwerklich sauber und exakt zu arbeiten, ist keine Wissenschaft, sondern beliebiges Meinen. Erschreckend nur, daß offenbar viele glauben, ohne diese notwendigen Voraussetzungen mitreden zu können. Sie berufen sich fälschlich auf das Grauen des Gegenstandes. Sie meinen, um sich ein Urteil zu bilden, genüge es, sich empören zu können.“

Diese Ausstellung wollte die Verwerflichkeit der Wehrmacht zeigen. Und gewiß hat die Wehrmacht viele Verbrechen begangen, wie in den Nürnberger Prozessen ausreichend nachgewiesen und in etlichen soliden historischen Werken wie Andreas Hillgrubers Buch „Hitlers Strategie“ beschrieben wurde, veröffentlicht bereits 1965. Diese sonderbare Reemtsma-Ausstellung dokumentiert meiner Meinung nach vielmehr eine gewisse Menschenverachtung der Veranstalter - eigentlich eine Infamie gegen die Ehre der toten und noch lebenden Soldaten des Zweiten Weltkrieges. Die Veranstalter begingen nicht nur Geschichtsklitterung, sondern eine Verletzung der Menschenwürde von Millionen von Soldaten, einschließlich Hitlergegnern und Widerstandskämpfern, die notwendigerweise durch die pauschale Diffamierung der Wehrmacht getroffen wurden und werden.

Nachdem ich die alte Ausstellung 1997 in München sah, schrieb ich in einem kritischen Aufsatz dazu: „Die Ehre eines Menschen ist ein wichtiger Wert, den die Gesellschaft schützen muß. Jede demokratische Verfassung basiert auf der Achtung der Menschenwürde. Auch Verbrecher haben menschliche Würde und den Anspruch darauf, gerecht behandelt zu werden. Wer ein Verbrechen begangen hat, soll dafür büßen. Aber nachdem der Mensch seine Schuld an die Gesellschaft bezahlt hat, muß er in Ruhe gelassen werden. Eine ewige Verfolgung und dauernde Schuldzuweisung verletzt die Menschenwürde, verstößt gegen die christliche Nächstenliebe und unseren Glauben, daß die Sünde vergeben wird.“

In das Buch der Veranstalter, das für die Kommentare der Besucher im Foyer der Ausstellung in München auslag, schrieb ich: „Diffamierung und üble Nachrede verletzen die Menschenwürde. Artikel 17 des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte besagt: Eine pauschale Diffamierung der Wehrmacht stellt eine Verletzung dieses Menschenrechtes dar, nicht nur gegenüber den ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht und ihren Familien, sondern auch gegenüber allen Deutschen der Kriegsgeneration.“

Dazu stehe ich heute noch, denn Schuld und Unschuld sind individuell - nicht kollektiv. Ob nun die neue Ausstellung wirklich den Ansprüchen der Wissenschaft und des Anstands entsprechen wird? Ob sie die historischen Fakten im richtigen Zusammenhang bringt, Ursache und Folgen richtig einordnet, individuelle Verbrechen als solche darstellt und nicht pauschaliert? Werden nur Dokumente der Anklage gezeigt oder auch Dokumente der Verteidigung? Wird die Wehrmachtsgerichtsbarkeit zum Schutz der Zivilbevölkerung in besetzten Gebieten berücksichtigt? Zeigt man nur Dokumente oder ist man auch bemüht, Oral-History (mündliche Überlieferung, d. Red.) zu betreiben und auch die Zeugnisse der betroffenen Soldaten zur Kenntnis zu nehmen? Nach dem Eingeständnis der Ausstellungsmacher, die 1999 selbst einen „außerordentlichen Glaubwürdigkeitsverlust“ beklagten („Spiegel“ 45/1999), ist es kaum zu begreifen, wie dasselbe Reemtsma Institut meint, die nun angeblich saubergemachte Ausstellung der Öffentlichkeit zumuten zu können.

Diesmal werden wahrscheinlich die von Prof. Möller monierten handwerklichen Fehler nicht mehr vorhanden sein. Es ist aber zu befürchten, daß die einseitige Behandlung des Themas bleiben wird, die sich im Titel der Ausstellung manifestiert. Man muß stets daran erinnern, daß es sich dabei um Verbrechen von individuellen Wehrmachtsangehörigen und um einige Hitlererlasse und verbrecherische Befehle, wie den Kommissar-Befehl, handelt. Außerdem muß man, um sich ein Urteil über die Wehrmacht als Institution bilden zu können, über das Gesamtbild verfügen, auch den Kontext kennen und parallele Informationen über die Kriegführung der anderen Streitkräfte im zweiten Weltkrieg haben und miteinbeziehen. Es geht dabei nicht um Relativieren, sondern schlicht um Verstehen.

Freilich, wie wir alle wissen, dienen solche Ausstellungen vornehmlich volkspädagogischen, politischen und weniger geschichtswissenschaftlichen Funktionen. Und, wenn es so ist, darf man sich auch die Frage erlauben, ob und wann andere mögliche Ausstellungen geplant werden? Etwa über Exzesse und andere Kriegsverbrechen in unserer Zeit, die eventuell noch zu bändigen sind. Etwa über Verbrechen der Russischen Armee in Tschetschenien, Verbrechen der Nato in Jugoslawien oder Verbrechen im Afghanistankrieg … 

„Saubergemacht“?: Am 27. November ist die umstrittene Reemtsma-Ausstellung in Berlin neu eröffnet worden - zu den ersten Besuchern zählte auch dieser Soldat der Bundeswehr.