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08.12.01 Lienhard Schmidt über den Verlust an Orientierung

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. Dezember 2001


Gedanken zur Zeit:
Gewissen - die Stimme Gottes
Lienhard Schmidt über den Verlust an Orientierung

„Das Gewissen des Menschen ist das Denken Gottes“ (Victor Hugo)

Zu Lebzeiten Victor Hugos war die Säkularisation, auch in Gestalt des stufenweisen Verdrängens der Religion durch politischen Messianismus schon in vollem Gange. Dieser hatte zwar noch nicht jenes nahezu flächendeckende Ausmaß erreicht, das marxistische und andere totalitäre Heilslehren und Menschenumwandlungsversuche im zwanzigsten Jahrhundert zu den allbekannten Untaten befähigte.

Aber das jakobinische Gedankengut hatte tiefe Spuren hinterlassen, die das Denken eines Großteils der Intellektuellen in Europa stark beeinflußten; das Wort „Gott ist tot“ und die Suche nach einer neuen, religionsfreien Ethik beherrschten die Feuilletons.

Da ist das Wort von Victor Hugo, der das Gewissen des Menschen als das Denken Gottes bezeichnet, schon ein Fanal in einer Epoche, die bereits stark gekennzeichnet war von Tendenzen der Loslösung vom Gottesglauben und vom Christentum. Die postmodernen Säkularisierer und Emanzipatoren würden hier von der Befreiung von Repressionen sprechen.

Doch ist das Gewissen nicht eine Art von hilfreicher Repression im Sinne von Zurückhaltung, von Warnung, etwas zu tun, was einem selbst zwar zu nützen scheint, einem anderen aber schadet?

Cicero sprach vom Gewissen als Hauptdarsteller auf der Bühne der Tugend, und ein altes chinesisches Sprichwort sagt, daß, wer sein Gewissen dem Ehrgeiz opfert, ein Bild verbrennt, um Asche zu erhalten.

Der schwedische Theosoph Emanuel Wedenborg (18. Jahrhundert) kommt Victor Hugo sehr nahe mit seinem Ausspruch: „Gewissen ist Gottes Gegenwart im Menschen.“

Prof. Lothar Bossle (Politikwissenschaftler und Soziologe, verstorben 2000 in Würzburg) schrieb zu diesem Aspekt, Sokrates verstehe als innere Stimme im Menschen, was von Seneca und Marc Aurel bereits als „die Stimme Gottes“ begriffen wird, und er fragt: Ist Gewissen in unserer Zeit nun lediglich eine ästhetische, überholt religiöse oder weltfremd wissenschaftliche Kategorie?

Und ist etwa die Politik ein Seinsbereich der Gewissenlosigkeit?

Die Chance zu letzterer gibt es wohl in jedem Bereich menschlicher Existenz. Doch will es scheinen, daß dem Gewissen in der Politik sehr wohl der Auftrag zufällt, die Frage nach dem ethischen Bezug einer politischen Handlung zu stellen. Und für den einzelnen dürfte hier die Widerstandshaltung gegen (gewissenlose) Machthaber eine immer wieder auftretende Herausforderung sein. Das Gefühl für die Erfassung einer gewissensrelevanten Situation ist aber nicht jederzeit und nicht bei allen Menschen präsent.

Generell läßt sich wohl ohne Hochmut sagen, daß europäische Kultur, auf Antike, Christentum und Humanismus beruhend, infolge ihres freiheitlichen Menschenbildes der Funktion des Gewissens einen besonderen Platz einräumt. Dennoch können Mangel an Einsicht, überhöhter Egoismus oder wertungsgebundenes Karrierestreben Motive sein, sich einer Prüfung durch das Gewissen nicht zu stellen.

Wer hingegen im Sinne Victor Hugos das Denken Gottes im eigenen Gewissen erkennen will, dem steht ein Ratgeber zur Verfügung, der vor den Fallgruben der Selbstüberschätzung bewahrt und die Achtung der Rechte unseres Nächsten anmahnt. Es ist der Dekalog, die heute fast vergessenen Zehn Gebote.