17.07.2024

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08.12.01 Ostpreußen in Potsdam - Preußens vergessene Hälfte?

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. Dezember 2001


Kulturforum:
Ostpreußen in Potsdam - Preußens vergessene Hälfte?
Wolfgang Schulz über eine verdienstvolle
Reihe von Vorträgen, Lesungen, Konzerten und Ausstellungen

Am Ende seines Lebens plante Friedrich II. in seiner meistbegünstigten Residenzstadt Potsdam ein neues Stallgebäude am Neuen Markt. Dieser sogenannte Kutschstall wurde dann unter Friedrich Wilhelm II. vom Architekten Krüger 1787 bis 1789 errichtet. Er beherbergte indessen nicht die Kutschen und Karossen des Hofes - sie warteten größtenteils im Potsdamer Marstall auf ihren Gebrauch -, sondern hier standen die Pferde der preußischen Könige. Auf den Eingang zum Stall, einem römischen Triumphbogen gleich, wurde die riesige Skulptur eines von vier Pferden gezogenen Sonnenwagens eingesetzt. Für seinen Lenker hatte, einer Potsdamer Überlieferung zufolge, der Leibkutscher Friedrichs des Großen, E. Pfundt, Modell gestanden. Für diese Quadriga waren, wie auch für die beiden Kindergruppen davor, die Hofbildhauer Wohler und Eckstein und ihre Werkstätten verantwortlich. Das Innere des aufwendigen Pferdestalls teilen Pfeiler und Gewölbe zu beiden Seiten der Durchfahrt in drei Bahnen. Die beiden äußeren Reihen waren durch Boxen unterteilt, in denen mehr als einhundertzwanzig Jahre lang Pferde ihre Behausung hatten. Seit der Weimarer Republik verkam das Stallgebäude, im Gegensatz zum repräsentativ genutzten Marstall, als ein Möbellager, in kommunistischer Zeit schließlich als Gemüse- und Kartoffellager. Erst die Zeitenwende nach Erlangung der deutschen Einheit ermöglichte eine langwierige und kostenintensive Wiederherstellung, die noch nicht abgeschlossen ist.

Seit August beherbergte das Gebäude, nunmehr „Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte“, im Rahmen des Preußenjahres 2001 die Landesausstellung „Marksteine. Eine Entdeckungsreise durch Brandenburg-Preußen“. Die episodenhaft gegliederte Schau bot ebenso interessante wie kostbare Ausstellungsstücke, von frühmittelalterlichen Andachtsfiguren und gesiegelten Pergamenturkunden bis zum Brennabor Automobil Typ Juwel Nr. 6 von 1930 und einer Geheim-Fernschreibmaschine T 52b von 1941 der Firma Siemens & Halske zum Codieren militärischer Befehle.

Für eine weitere sehenswerte Sonderausstellung wurden in den Potsdamer Bahnhofspassagen leerstehende Räumlichkeiten durch das zu Beginn dieses Jahres von der Bundesregierung mit Millionenaufwand gegründete „Deutsche Kulturforum östliches Mitteleuropa“ genutzt. Leider nur für vierzehn Tage war die Wanderausstellung des polnischen „Büros für Kunstausstellungen“ in Allenstein, „Atlantis des Nordens. Das ehemalige Ostpreußen in Fotografien“, hier ein- gezogen. Die Schau wurde zuvor bereits im nunmehr von der Bundesregierung abgewickelten Deutschlandhaus in Berlin sowie im Rathaus des Berliner Bezirkes Steglitz gezeigt. Es erschien ein handbuchartiger Katalog, verdienstvoll bearbeitet von K. Brakoniecki und K. Nawrocki, finanziert von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit aus Mitteln der Bundesrepublik Deutschland. Seine Texte sind kritisch zu lesen als ein erstes Ergebnis der Hinwendung junger polnischer Wissenschaftler zur Geschichte und zur deutschen Vergangenheit des heute polnischen und russischen Ostpreußen. Die in Potsdam ausgestellten Fotografien wurden von Glasplatten gezogen, die ehemals der Königlich Preußischen Denkmalpflege in Königsberg gehörten. Das Fotoarchiv des Preußischen Provinzialkonservators hat den Zweiten Weltkrieg zum größeren Teil überstanden. Eine Polin, gerade einem deutschen Konzentrationslager entronnen, entdeckte bei Kriegsende auf dem Güterbahnhof von Thorn die Holzkisten mit dem zerbrechlichen Gut und sorgte für die Rettung der deutschen Sammlung. Sie befinden sich heute gut zugänglich in der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau, nicht in Allenstein beziehungsweise Königsberg. Die zirka 6.200 Glasnegative mit Aufnahmen aus der Zeit zwischen 1870 und 1930 aus dem heute zu Polen gehörenden Teil Ostpreußens und die rund 2.800 Glasnegative mit Aufnahmen aus dem Königsberger Gebiet wurden dokumentarisch gefertigt, sind aber heute von poetischer Wirkung (Dr. Hanna Nogossek). Eine Auswahl zeigte die Ausstellung in Potsdam, der Katalog verzeichnet 517 Fotos, von denen 129 abgebildet sind.

Das „Deutsche Kulturforum östliches Mitteleuropa“ organisierte im Oktober in Potsdam verdienstvoll eine viertägige Veranstaltungsreihe mit Vorträgen, Lesungen und Konzerten unter dem Titel „Preußens vergessene Hälfte. Ostpreußen. Renaissance einer Kulturregion“, gesponsert von der Robert-Bosch-Stiftung. Guter Zuspruch der meist Potsdamer Zuhörer belohnte die Veranstalter. Kritisch wurde der Titel betrachtet: Ostpreußen sei weder vergessenes Land noch eine wieder blühende Kulturregion.

Eingeleitet wurde die Veranstaltungsreihe von einem kritischen, sehr persönlichen Referat von Prof. Dr. Arnulf Baring. Seine zutreffenden Bemerkungen über Vertreibung und heutige Situationen, die unter die Haut eines jeden Hörers hätten gehen müssen, stießen bei einigen Potsdamer Medien bemerkenswerterweise auf Ablehnung. Ein gut recherchierender und informierter Journalismus sollte nicht für Verschweigen und Schönfärberei plädieren!

In diesem Sinne wohltuend führte am nächsten Tage Dr. Dietmar Albrecht in seinem Referat „Meiner Heimat Gesicht“ aus, daß nicht Kriege, sondern erst der Mensch die Vergangenheit einer Region, das Gedächtnis an materielle und geistige Leistungen auszulöschen imstande ist. Es sei aber auch der Mensch, der neu zum Gedächtnis von Zeit und Raum, zum Gesicht der Heimat finden kann und so zur Sicherheit für die Zukunft.

Winfried Lipscher, der zusammen mit Kazimierz Brakoniecki die Anthologie „Meiner Heimat Gesicht. Ostpreußen im Spiegel der Literatur“ herausgegeben hat, die in Potsdam vorgestellt wurde, vertrat die These, Ostpreußen sei schon früher, das heißt in deutscher Zeit, eine Euro-Kulturregion gewesen, in der sich viele kulturelle Wurzeln miteinander vermischten. Man mag ihm soweit folgen, daß die Anthologie in ihrer Ausrichtung völkerverständigenden Zielen und dem Bewußtsein heutiger Bewohner des nicht nur politisch dreigeteilten Ostpreußen helfe.

Gegenwärtiges literarisches Schaffen kann an dieser Stelle nicht bewertet werden. Dienlich ist vielleicht ein historischer Hinweis. Eine überragende Persönlichkeit war Kristijonas Doonelaitis (Donalitius), 1714 im Kreis Gumbinnen als Sohn eines freien Bauern geboren, in Königsberg zur Schule gegangen und Student gewesen, von 1743 bis zu seinem Tode 1780 in Tolminken Pfarrer. Seine Dichtung ist von außergewöhnlicher Schönheit; es beeindrucken die Schilderungen von Natur und Bauernstand. Zur deutschsprachigen Literatur zählt ihn die Literaturwissenschaft indessen nicht, trotz zahlreicher Übersetzungen. In der Gegenwart andererseits behauptet die 1932 in Karzewischken im Memelland geborene Aldona Gustas trotz formaler Anklänge an Litauisches und vieler Übersetzungen ihre Werke in die litauische Sprache ihren Platz als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen des deutschen Sprachraumes. Die Herkunft eines Künstlers ist durchaus nicht unwichtig.

Schwierigkeiten kongenialer Übersetzung wurden deutlich, als in Potsdam der junge, ironisch begabte Gintaras Grajauskas Kostproben seiner Arbeiten vortrug.

Alle Referenten der Potsdamer Tagung sprachen unter Beteiligung des Gemüts und konnten somit Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart lebendig vermitteln; lexigrafische Korrektheit mußte nicht erbracht werden. Zu den anregendsten Vortragenden gehörte Dr. Axel Walter von der Universität Osnabrück. Sein Thema war Ostpreußen als literarischer Mythos. Unberührt hiervon und auf der Grundlage eines ab und an durchblitzenden enormen Fachwissens bemühte der Referent sich allgemein um den „Mythos Ostpreußen“. In einem weit ausholenden Bogen wurde die Literatur aus der Geschichte des Preußenlandes heraus betrachtet und der Zusammenhang zwischen literarischem Mythos und Heimatbewußtsein untersucht. Aus „erlebter Heimat“ wurde nach 1945 zunehmend „erinnerte Heimat“. Walter machte deutlich, daß bis 1945 die Kultur Ostpreußens deutsch, die Literatur deutschsprachig gewesen ist. Ostpreußen war auch literarisch eine Provinz des preußischen Gesamtstaates. Wichtig ist noch der Hinweis, daß nach dem Untergang der Königsberger Bibliothekslandschaft das alte deutschsprachige Schrifttum, wie es in Königsberg vor 1800 entstanden war, nirgends erfaßt sei.

Die junge Ewa Konarksa von der Universität Marburg leitete herkunftsbewußt und durchaus passend ihre Ausführungen mit einem Zitat von Adam Mickiewicz (Zaosie 1798 - 1855 Konstantinopel) ein, des größten, aus dem Litauischen stammenden, polnischen Dichters. Von der Heimat verbannt, hatte sich dieser in tiefempfindender Weise über den Verlust seiner Heimat geäußert. Konarksa führte aus, daß Literatur die Erinnerung an das Verlorene rettet, an ein verlorenes Paradies. Verglichen wurden die Romane „Missa sine nomine“ von Ernst Wiechert, 1950 erstveröffentlicht und schon 1958 in polnischer Übersetzung erschienen, und „Heimatmuseum“ von Siegfried Lenz aus dem Jahre 1978, auszugsweise 1979 übersetzt in polnischen Zeitschriften gedruckt, aber erst seit 1991 in vollständiger polnischer Übersetzung vorliegend. Flucht und Vertreibung werden von Wiechert und Lenz als das selbstverschuldete Ergebnis nationalsozialistischer Politik interpretiert. Die Referentin gab dieser Schuldzuweisung weiten Raum und ging auf die literarische Wiedergabe des unmenschlichen Fluchtgeschehens bei beiden Schriftstellern ein. Der Verlust der Heimat, eines Arkadiens der Kindheit, sei literarisch schließlich für Deutsche wie Polen gleichermaßen aktuell.

Dr. Ruth Leiserowitz behandelte die Literatur aus dem Gebiet des heute litauischen Teils von Ostpreußen, aus dem Memelland, Memel und von der Kurischen Nehrung, unter Einbeziehung der Gegenwart.

Unerfindlich blieb, warum auf Johannes Bobrowski nicht weiter eingegangen wurde und der Name Hermann Sudermanns überhaupt nicht fiel; zitiert wurde wiederum Aldona Gustas. Erinnert wurde von Dr. Leiserowitz an den aus Karwaiten auf der Kurischen Nehrung stammenden Ludwig Rhesa, der von 1777 bis 1840 lebte. Er war Professor der Theologie in Königsberg, sprach gleichermaßen deutsch und litauisch und hat sich vor allem als Übersetzer litauischer Poesie Verdienste erworben. In Deutschland heute vergessen, wird Rhesa in Litauen verehrt und erhielt auf der Kurischen Nehrung ein Denkmal. Zur nennenswerten litauischen Literatur gehört heute Tomas Venclova (geboren 1937) in Memel/Klaipeda, der sein Werk in russischer Besatzungszeit in ausgeprägt bildhafter Sprache begann.

Es bleibt die Frage nach einer „Zukunft der Erinnerung“, die nur schriftlich, das heißt literarisch erfolgen kann. Prof. Dr. Karlheinz Kasper von der Universität Leipzig wies in diesem Zusammenhang in einem Referat auf den russischen Schriftsteller Jurij Bujda (geboren 1954) aus Wehlau/Snamensk. Bisher sind einige Erzählungen in Zeitschriften und drei Prosabände erschienen, unter anderem 1999 „Prusskaja nevesta“ („Die preußische Braut“). Bujda beschreibt die neuen Einwohner seines Geburtsortes, deutsche Vergangenheit und die Zeit unmittelbar nach dem Krieg. Er weist literarisch einen Weg in eine menschlichere Zukunft.

Musikalisches erweiterte das Programm. Hierzu gehörte ein Konzert in der technisch und akustisch schwierig zu meisternden Nikolaikirche am Alten Markt in Potsdam unter der Leitung von Prof. Oskar Gottlieb Blarr.

Nach einem Vortrag von Dr. Robert Traba aus Warschau, „Preußenland - alte und neue Herausforderungen im Kontext der Europäisierung“, sollte eine Podiumsdiskussion den Blick auf Chancen und Aufgaben der Region Ostpreußen in unserer Zeit öffnen. Die Ambivalenz der gesamten Veranstaltungsreihe zwischen Kunst, Wissenschaft und Tagespolitik erschloß sich Teilnehmern und Zuhörern. 

Der Große Kurfürst: Friedrich Wilhelm gilt als Begründer des Weges Preußens in die Reihe der europäischen Großmächte (Aus: „Marksteine. Eine Entdeckungsreise durch Brandenburg-Preußen“. Henschel-Verlag, Berlin. ISBN 3-89487-384-1. 528 Seiten. Preis: 98,01 DM / 50,11 Euro)