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15.12.01 Reemtsmas neue, alte Sicht der Dinge

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. Dezember 2001


Gedanken zur Zeit:
»So etwas gibt es in keinem anderen Land«
Reemtsmas neue, alte Sicht der Dinge / Von Hans-Joachim von Leesen

Da ist sie nun wieder, die Wehrmacht-Ausstellung des Jan Philipp Reemtsma. Sie soll in der Form ganz anders sein und dennoch das gleiche aussagen wie die erste, daß nämlich die deutsche Wehrmacht als Institution maßgeblich am Vernichtungskrieg gegen die Sowjet-union beteiligt war und damit auch an der Judenverfolgung.

Die Medien, Zeitungen wie Fernsehen, begegnen der Ausstellung deutlich vorsichtiger und zurückhaltender als seinerzeit der ersten, die schließlich wegen zahlreicher Falschdarstellungen ruhmlos unterging. Jetzt soll es nur noch wenige Bilder geben, dafür um so mehr Dokumente, und zwar gleich so viele, daß, wie ein Berichterstatter schrieb, 24 Stunden notwendig wären, um alle gelesen zu haben. Die knallige Agitation der ersten Ausstellung soll fortgefallen sein zugunsten von mehr Sachlichkeit, Differenzierung und Zurückhaltung im Urteilen. Allgemein wird mehr Wissenschaftlichkeit attestiert.

Nun kann angesichts der Flut von ausgestellten Dokumenten dieses Urteil noch nicht fundiert sein, und es hat denn auch ein Fachmann, nämlich Bogdan Musial, bereits den ersten sachlichen Fehler entdeckt, nämlich die Behauptung, die Wehrmacht habe gegen das in Lemberg wütende Pogrom von Polen und Ukrainern gegen die Juden 1941 nichts unternommen. Dazu Musial in der FAZ: „Dokumente belegen genau das Gegenteil.“ Auf diesem Gebiet werden uns sicherlich weitere Enthüllungen erwarten, wenn erst einmal die kritischen Fachleute sich der Ausstellung angenommen haben.

Reemtsma wiederholt in Gesprächen mit den Medien, die neue Ausstellung genüge wissenschaftlichen Ansprüchen. Wir werden sehen.

Wohl von niemandem wird bezweifelt, daß Reemtsma das Ziel hatte, mit der Ausstellung zu „beweisen“, daß die Wehrmacht an Verbrechen gegen die Menschlichkeit und an Kriegsverbrechen beteiligt war. Mit diesem Ziel wurden Reemtsmas Hilfskräfte angesetzt, die notwendigen Belege, in der ersten Fassung der Ausstellung vor allem in Form von Fotos, in der neuen als Dokumente, zu beschaffen. Die Arbeit war also nicht, wie es für den wissenschaftlichen Charakter selbstverständlich gewesen wäre, ergebnisoffen. Man arbeitete nicht die historischen Ereignisse auf, um zu fragen, ob und in welchem Umfange von welcher Seite solche Verbrechen begangen worden sind, sondern man blendete von vornherein völkerrechtswidriges Verhalten der anderen Seite aus.

Reemtsma hatte selbst den Anspruch postuliert, die Ausstellung solle die „Gewalterfahrung des 20. Jahrhunderts“ zeigen, also des ganzen Jahrhunderts. Tatsächlich beleuchtet er nur die Gewaltanwendungen der deutschen Wehrmacht. Dazu seine Sprecherin Ulrike Jureit: „Der Fokus bleibt deutlich auf der Wehrmacht.“

Damit will Reemtsma offenbar sagen, es sei einzig und allein die deutsche Wehrmacht gewesen, die in diesem Umfange Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen habe. Mit solcher unhistorischen Einseitigkeit bleibt die neue Anti-Wehrmachtausstellung eine Propaganda-Veranstaltung, wenn auch in der Form nicht mehr so grell und schrill wie die erste.

In einer globalen Welt hätte es selbstverständlich sein müssen, über den deutschen Zaun auch in die anderen kriegführenden Länder zu blicken, um die „Destruktionsgeschichte des 20. Jahrhunderts“, wie Reemtsma sich ausdrückt, darzustellen. Erst dann hätte man Maßstäbe zur Beurteilung geschaffen. Das vermeidet Reemtsma. Er leidet unter einem Tunnelblick. Das dürfte etwas mit seiner privaten Geschichte und der seiner Familie zu tun haben. Die Einseitigkeit macht denn die zweite Ausstellung genauso angreifbar wie die erste. Es bleibt ein Unding, etwa die großen Verluste sowjetischer Kriegsgefangener in deutscher Hand anzuprangern mit der Behauptung, die Deutschen hätten die Gefangenen gezielt an Hunger und Seuchen sterben lassen - deutsche Historiker belegen dagegen, daß widrige Umstände zum unbeabsichtigten Massensterben geführt haben -, und auf der anderen Seite kein Wort zu verlieren über die deutschen Kriegsgefangenen, die in den Händen der Sowjets vor allem in den ersten Kriegsjahren zu Tode gebracht wurden oder die man nach der deutschen Kapitulation im Gewahrsam der US-Armee etwa auf den Rheinwiesen zu Zigtausenden im Schlamm und an Seuchen elendig krepieren ließ.

Wohl wurde der Krieg gegen die Sowjetunion von der deutschen Seite als ein „weltanschaulicher Vernichtungskrieg“ geführt, was die Ausstellung an- prangert. Die Alliierten führten aber ebenso expressis verbis einen „Vernichtungskrieg gegen den Faschismus und gegen den Nationalsozialismus“ mit allen sich daraus ergebenden Folgen.

Reemtsmas neue Ausstellung wird wohl nicht das gleiche Aufsehen wie die erste erregen. Wer solche Mengen an Dokumenten in einer Ausstellung präsentiert, langweilt letzten Endes die Besucher. Trotzdem bleibt das Vorhaben Reemtsmas, mit einer aufwendigen Ausstellung die eigene Armee zu brandmarken, auf der Erde einmalig. So etwas gibt es in keinem anderen Land, obwohl in nahezu allen Armeen jener Staaten, die in den Zweiten Weltkrieg verwickelt waren, entsprechende Ausstellungen hätten gestaltet werden können - wenn sich denn entsprechende Personen zur Verfügung gestellt hätten.