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22.12.01 Epidemiegefahr in Gilge

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. Dezember 2001


Epidemiegefahr in Gilge
Das Trinkwasser ist verschmutzt und stinkt

Im Oktober dieses Jahres kam es zu einem nicht ganz ungefährlichen Fall von Trinkwasserverunreinigung im Dorf Gilge (Matrosowo), Kreis Labiau. Nachdem aus den Wasserleitungen ein gräßlicher Gestank strömte, der auch durch Abkochen des Wassers nicht verflog, kamen die Betreiber der vor 30 Jahren in Betrieb genommenen - und mehr oder weniger gut funktionierenden - Kläranlage auf die Idee, dem Wasser kurzerhand noch etwas mehr Chlor hinzuzufügen. Als dies nichts half, wurde die Gesundheitsbehörde eingeschaltet, um die Wasserqualität zu prüfen und nach den Ursachen für den modrigen Geruch zu forschen. Bei der Ortsverwaltung läuteten daraufhin die Alarmglocken Sturm: die Messung hat-te ergeben, daß die Wasserverschmutzung um 100 Prozent erhöht war. Die Überschreitung der Grenzwerte galt als ernst. Nun wurde der Katastrophenschutz eingeschaltet, und um die 550 von Gestank belästigten Einwohner kümmerten sich höchste Beamte.

Über die Wasserqualität sind schon seit langem Witze im Umlauf. Sogar Schulkinder machen sich lustig, indem sie von „Quark“ statt von Wasser reden. In der Schule wird Trinkwasser zuerst gekocht, dann wartet man, bis es abgestanden ist, dann wird es wieder gekocht und wieder stehengelassen. Der Dorfvorsteher Leonid Salewontschik gesteht traurig: „Unsere Kläranlage ist höchstens in der Lage, Frösche aus dem Wasser herauszufiltern. Aber was kann man tun? Während dem Trinkwasser im Frühjahr eine Tonne Chlor pro Monat zugefügt werden mußte, sind heute schon vier Tonnen notwendig. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder man riskiert eine Epidemie im Dorf oder man läßt die Menschen warten, bis das Leitungswasser abgestanden ist. Hieraus ergibt sich auch schon wieder ein neues Problem. Die Rohrleitungen werden von den hohen Chlormengen regelrecht aufgefressen, so daß immer mehr kaputtgehen. Bald wird aus der Wasserleitung gar nichts mehr kommen.“

Während die Oberen sich noch die Köpfe zerbrechen, haben die Dorfbewohner derweil eine andere Lösung gefunden, indem sie sich an das alte Brunnensystem erinnerten. Aber Brunnen, die tief genug sind und trinkbares Wasser beinhalten, gibt es nur noch zwei im Nachbardorf Elchwerder (Golowkino). Einer davon steht im Hof eines alten Ehepaars, zu dem nun Leute aus dem ganzen Umkreis kommen, um Wasser zu holen. Das alte Ehepaar lebt seit 1947 im Dorf und hat schon vieles erlebt, wie Hunger und Überschwemmungen. Aber einen Mangel an Trinkwasser im feuchtesten Gebiet der Region, das vielen Anglern als Paradies gilt, hat es bislang noch nicht gegeben.

Die Verantwortlichen in den Behörden sind indes davon überzeugt, daß sie das Problem der Wasserversorgung in Bälde zumindest teilweise in den Griff bekommen werden. Geplant ist vorerst der Einsatz einer Grobfilter- anlage in Elchwerder. Hiefür sollen 200.000 Rubel zur Verfügung gestellt werden. Eine Einrichtung für die Feinfilterung, für die weitaus höhere finanzielle Mittel aufgebracht werden müßten, wurde auf das kommende Jahr verschoben. Manuela Rosenthal-Kappi