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22.12.01 Liebet eure Feinde

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. Dezember 2001


Liebet eure Feinde
von Willi Wegner

Weihnachten ist das Fest des Friedens“, sagte ich zu meiner Frau. Und ich fügte noch hinzu: „Liebet eure Feinde!“ „Das ist ja sehr lobenswert, was du dir da vorgenommen hast“, sagte meine Frau. „Aber ist es ein Grund, jetzt, am ersten Feiertag, davonzulaufen? Denke an Kurt, an Alfred, an Jürgen und an Hans, die sich für heute abend eingeladen haben. Es sind deine Freunde.“

„Ich habe aber auch Feinde“, warf ich ein. Mein Entschluß war gefaßt. „Es wird nicht lange dauern“, sagte ich. Ich nahm Mantel, Hut und Aktentasche und ging aus dem Haus. Zuerst besuchte ich Herrn Paschke. Unseren Hauswirt. Einen meiner Feinde. Er und seine Frau saßen unterm Tannenbaum und tranken Rotwein. „Frohes Fest!“ sagte ich. „Wir haben die Wohnung Gartenstraße sechs, dritter Stock, links. In Anbetracht des Festes, das ein Fest des Friedens sein soll ...“, sagte ich und überreichte Frau Paschke den mitgebrachten Karton Konfekt und Herrn Paschke die Zigarren. „O wie reizend!“ rief Frau Paschke, und Herr Paschke sagte: „Sie müssen unbedingt ein Gläschen mit uns trinken!“

Dann trank ich also Rotwein - ein Glas, zwei Glas, drei Glas. Frau Paschke knackte Nüsse - Haselnüsse, Walnüsse, Paranüsse. Alles ganz harmonisch. Wie das so ist oder sein sollte - unter Feinden. Schließlich fragte Herr Paschke: „Sie sind uns hoffentlich nicht böse wegen der kürzlich erfolgten Mieterhöhung?“ „Es wird schon seine Richtigkeit haben“, sagte ich. „Was allerdings unser Klo betrifft ...“ „Natürlich!“ unterbrach mich Herr Paschke. „Wir werden es gleich im neuen Jahr renovieren lassen. Auf unsere Kosten, versteht sich!“

Nach vier weiteren Gläschen verabschiedete ich mich und ging zu Herrn Tetzlaff. Dieser Herr ist Geschäftsführer in jener Firma, in der ich arbeite. Auch einer meiner Feinde! „Das ist aber nett!“ sagte Herr Tetzlaff. „So eine Überraschung! Ich bin ohnehin allein und habe mir soeben ein Hähnchen gegrillt. Halten Sie mit?“ Der Bursche ist also Junggeselle, dachte ich. Ich wußte sehr viel über Herrn Tetzlaff, aber das wußte ich nicht. Man weiß viel zu wenig über seine Feinde. Wir saßen zwei Stunden zusammen, knabberten Hähnchen, tranken von dem Kognak, den ich mitgebracht hatte und unterhielten uns über die wachsenden Exportaufträge unserer Firma.

„Was verdienen Sie jetzt eigentlich?“ fragte Herr Tetzlaff. Ich sagte es ihm, und er meinte: „Das ist nicht viel. Wissen Sie was? Nach den Feiertagen werde ich mal mit dem Alten reden. Würden dreihundert Mark mehr fürs erste reichen? Für die Firma ist das schließlich eine Bagatelle.“ „Das würden Sie für mich tun?“ „Aber selbstverständlich!“ erwiderte Herr Tetzlaff. „Ich hatte es, ehrlich gesagt, schon längst vor. Und für seine Freunde tut man doch alles!“ Zum Abschied schenkte mir Herr Tetzlaff sogar eine Flasche Champagner.

Anschließend besuchte ich den dritten meiner Feinde. Gerd Habermann. Der Schlimmste von allen. Er war einmal mit meiner jetzigen Frau verlobt. Wir drei hatten uns in einer Bar kennengelernt, und sie hatte zuerst mir, dann ihm schöne Augen gemacht. Sie waren nur kurze Zeit verlobt gewesen, dann hatte ich sie geheiratet. Eine verworrene Geschichte. Jedenfalls traute Gerd Habermann seinen Augen nicht, als ich vor seiner Tür stand und ein „Frohes Fest!“ wünschte.

„Na schön“, lachte Gerd, „komm herein! Wir feiern gerade Verlobung - Marianne und ich! Komm nur, sie wird dir bestimmt gefallen!“ Wirklich, Marianne gefiel mir. Blond, schlank, kapriziös. So richtig Gerds Geschmack.

Wir öffneten Herrn Tetzlaffs Flasche Champagner und tranken auf unsere Feindschaft. Auf unsere ehemalige Feindschaft. Dann tranken wir auf Mariannes Wohl. Und dann auf Gerds Wohl. Und dann auf mein Wohl. Und auf das Wohl meiner Frau ... Sie war übrigens noch auf, als ich spät abends nach Hause kam. „Ich habe zur Feier des Tages“, erklärte ich ihr, „einige meiner Feinde aufgesucht. Nun sind sie meine Freunde!“ „Hast du auch mal an Kurt, an Alfred, an Jürgen und an Hans gedacht? Sie waren hier. Wie verabredet. Sie haben gegessen und getrunken, als seien sie am Verhungern und Verdursten! Ich muß schon sagen - schöne Freunde hast du!“