16.07.2024

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22.12.01 Hinter die geheimnisvollen Kulissen eines Theaters geschaut

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. Dezember 2001


Magie der Verwandlung
Hinter die geheimnisvollen Kulissen eines Theaters geschaut
von Esther Knorr-Anders

In diesem Gänge-Labyrinth konnte einem mulmig zumute werden. Wie viele Feuerschutztüren passierten wir eigentlich? „Allein hätten Sie mich nicht gefunden“, sagte Roswitha Detmann, „Chefmaskenbildnerin für Frauen“ am Staatstheater Wiesbaden. Deshalb hatten wir uns vor dem Bühneneingang zum Theater verabredet. Noch ein Schlauch, noch eine Abzweigung. Hinter der Pracht des Zuschauerraumes, des Foyers vermittelt wohl jedes Theater Nüchternheit. Einem Labor glich der Arbeitsbereich Roswitha Detmanns. Bizarre Perücken geisterten, Tiegel und Töpfe, Bürsten, Quasten in Menge.

Die Tür zum Kostümdepot stand offen. Da hingen die Zauberstücke, die abends ihre Träger in Carmen, Rosenkavalier, Eurydike und Othello verwandeln würden. Wonach roch es eigentlich? Sie hielt mir eine aus wallenden schwarzen Zotteln bestehende Perücke entgegen. „Kassandra; sie wird ihr mitten in der Szene vom Kopf gerissen, dann steht sie kahlköpfig da. Man spürt den Schock der Zuschauer.“

Plötzlich konnte ich den Geruch identifizieren. Es war ein Gemisch aus Schminke, Puder, getragenen Perücken und Kostümen. Im Zeitsprung legte ich Jahre zurück: Kindheit, Humperdincks „Hänsel und Gretel“, Abendsegen, der siebente Engel der linken Reihe - das war ich. Silberperücke, Glitzergewand, Farb- und Staubgeruch der Kulissen. Unerklärliche Wandlung vom irdischen zum Himmelsgeschöpf. Herrlich!

Sie schlug vor, in die Kantine zu gehen. Zu dieser frühen Vormittagsstunde war sie wenig besucht. Der Intendant trank seinen Frühstückskaffee. Ensemble-Mitglieder verzehrten Croissants, spindeldürre, langmähnige junge Frauen knabberten Hartgebäck; Tänzerinnen vermutete ich. So war es. „In den Verträgen der Tänzerinnen ist langes Haar festgeschrieben. Die klassische Ballettfrisur wird vor jedem Auftritt einfrisiert. Das erspart teure Perücken“, erklärte Detmann. Ihr Kollege Raimund Ostertag, „Chefmaskenbildner für Herren“, begrüßte uns. Beide kennen sich seit 20 Jahren, hatten in Würzburg angefangen. Dann wurde Detmann nach Genf, Münster, München, Bayreuth engagiert. Schließlich führte beider Berufsweg sie wieder zusammen. Zwölf weitere Kollegen sind in Wiesbaden mit von der Partie. Selbstverständlich kann jeder von ihnen sowohl Männer wie Frauen schminken. Die Zusammenarbeit klappt. Jeder weiß, daß eine während der Aufführung verrutschte Perücke, abgeglittener Haarschmuck sich in Windeseile von Bühne zu Bühne herumspricht. Jeder weiß aber auch, daß solche Vorkommnisse nicht auszuschließen sind. Unvorhergesehenes ist Bestandteil des Bühnenalltags. Übrigens: Während jeder Vorstellung stehen Maskenbildner parat, auch Roswitha Detmann.

Mit Entsetzen erinnert sie sich eine Vorfalls: Othello und Desdemona verströmen ihre Stimmen im Zwiegesang. Unbemerkt hatte sich vom Kostüm Othellos eine Epaulette gelöst und legte die Klettverklebung frei. Desdemona, dem Liebesgefühl hingegeben, drückte den Kopf an die Schulter Othellos, exakt lauf den Klettleim. Eine Strähne der Goldhaarperücke hing fest. Desdemona konnte sich dem Mohren nicht entwinden. Der Dirigent erfaßte die Situation. Er zögerte die Szene musikalisch hinaus bis beide, unlösbar umarmt, abgetreten waren. Aber Othello mußte zurück. Fieberhaft war Detmann tätig. Doch das Haar klebte untrennbar am Leim. Kurzerhand schnitt sie die Strähne ab. Mehr Zeit blieb nicht. So trat Othello mit einem wehenden Haarstrang an seiner Uniform auf die Bretter, welche die Welt bedeuten. Sollte es im Publikum überhaupt aufgefallen sein, wird der Gedanke überwogen haben: Das war also ein erster Ehekrach, er hat ihr die Haare ausgerissen ...

Eine andere, ihr unvergeßliche Szene erzählt sie: Im Antonia-Akt von „Hoffmanns Erzählungen“ erklingt die Stimme der toten Mutter Antonias; die Tochter wird wenig später sterben. Die Sängerin des Mutter-Parts hatte vormittags erfahren, daß ihre eigene Tochter tödlich verunglückt sei. Sie sang trotzdem. „Vielleicht inniger denn je. Wir wagten kaum zu atmen, litten mit ihr. Wird sie durchhalten?“ Natürlich hielt sie durch. Zum Dasein eines Künstlers gehört - außer Talent - eiserne Disziplin. Wer aus Seelenschmerz nicht auftreten kann, verfehlte seine Berufung.

Zur Ausbildung des Maskenbildners zählt alles „was mit Kopf und Gesicht zu tun hat“, beziehungsweise prägnant verändert wird. Darunter fallen „Spezialeffekte“, zum Beispiel das Herstellen von plastischen Gesichtsteilen, Hexen- und Hakennasen, Teufelsohren; der „Glöckner von Notre Dame“ erfordert Meisterhände. Mit sogenannter „flüssiger Haut“, einem hauchdünnen, farblosen Gespinst, werden Glatzen vorgetäuscht, die während gespenstischer Szenen den Zuschauer stets erschauern lassen. „Maskenbildnerei ist eine Ausbildung mit knallharten Bedingungen“ und ebenso knallharter Abschlußprüfung, die das Maskenbildner-Diplom krönt. „Ein schöner Beruf, bestätigt Detmann. Daß er aber als erfolgreich, beglückend empfunden wird, ist jener Fremdteil unerläßlich, den keine Ausbildung bieten kann: die ureigene Begabung. Detmann: „Als Maskenbildnerin bin ich die letzte Instanz vor dem unmittelbaren Auftritt des Künstlers. Das ist der empfindlichste aller Augenblicke. Der Künstler am Schminktisch verändert sich, beginnt bereits in seiner Rolle zu leben. Lampenfieber schleicht sich ein, eine Urangst. Ich muß erspüren können, wie er sich fühlt, muß auf seine Befindlichkeit einschwenken. Die Hand, die ihn berührt, spielt mit, soll beruhigen, entspannen. Dann ist er fertig geschminkt, wird auf die Szene gerufen. Jetzt ist er allein, auch wenn die Bühne von Mitspielern wimmelt.“ Überraschend für mich erzählt sie, daß berühmte Künstler, Weltstars während der Schminkprozedur freundlicher, geduldiger und dankbarer sind als Unbekannte oder Anfänger. Letzte meinen noch, das Aussehen macht es, doch entscheidend ist die Aura, die persönliche Ausstrahlung des Menschen.

Der sichtbare Alterungsprozeß von Männern und Frauen setzt an gleichen Stellen ein, nämlich an der Kinn- und Halspartie. Einen alternden weiblichen Star um viele Lebensjahre jünger zu schminken ist nicht nur ein handwerkliches Kunstgebilde, sondern er- fordert seelenkundliche Einfühlung. Die Künstlerin leidet am Wissen, daß ihre Zeit als umjubelte Diva sich dem Ende zuneigt. Aber heute abend, jetzt gleich, wird sie aufs neue glauben, strahlend wie ehemals zu sein, unverändert jung ...

Meine Frage, welche Rollengestalten Roswitha Detmann am liebsten maskenbildnerisch betreut, beantwortet sie spontan: „Die Fantastischen.“ Da gibt es reichliche Auswahl. Unterweltliche und hybride Wesen, Trolle, Zauberer, Zwerge, mißgestaltete Unholde, die Waldgeisterschar im „Sommernachtstraum“, Wassermann und Undine, Spalanzani und Olympia; nicht zu vergessen die Massen-Fantastikorgien in Balletten: „Der wunderbare Mandarin“, „Feuervogel“, „Alice im Wunderland“.

Gegen Ende unseres langen Gesprächs hatte sich die Kantine gefüllt. Probenpausen, Stimmengeschwirr, Lachen, Entspannung. Techniker hielten den Ecktisch besetzt. Ihren regen Gesten, eifrigem Wortschwall nach zu schließen, mußten sie die Wichtigsten und Unersetzlichsten im gesamten Theaterhaus sein. Vielleicht waren sie es auch.

„Hat es Ihnen bei uns gefallen?“ fragte Roswitha Detmann. Mehr als das. Ich hatte mich gefühlt, als würde ich dazugehören. Mit Recht, wie ich meine. War ich doch einst der siebente Engel der linken Reihe gewesen, damals in Königsberg ...

Adolph von Menzel: Im Opernhaus (Öl, 1862, Ausschnitt; im Besitz der Hamburger Kunsthalle)