19.01.2022

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05.01.02 Abschluß einer gelungenen Veranstaltungsreihe im Kulturforum östliches Europa

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. Januar 2002


IPolen und das »Preußenjahr«:
Der Anfang ist gemacht
Abschluß einer gelungenen Veranstaltungsreihe im Kulturforum östliches Europa / Von Karlheinz Lau

Das „Preußenjahr“ 2001 hat in Deutschland erfreulich viel Anklang gefunden. Allerdings ließ die Qualität der zahlreichen Sonderveranstaltungen und Medienberichte oft zu wünschen übrig. Zum Positivsten gehörte das Ausstellungs- und Vortragsprogramm des Ende 2000 ins Leben gerufenen „Deutschen Kulturforums östliches Europa“ in Potsdam (s. auch OB 32/01, S. 6 und 49/01, S. 7).

Abschließend lud dieses Kulturforum am 13. Dezember zum Vortrag von Dr. Hans-Jürgen Bömelburg über „Polen und das Preußenjahr 2001. Beispiele und Grenzen einer sich wandelnden Sicht“ ein. Der Referent gehört der jungen Generation aus dem Westen unseres Landes an und arbeitet im Deutschen Historischen Institut in Warschau.

Sein Spezialgebiet sind die deutsch-polnischen Beziehungen, was heutzutage schon eine Hervorhebung wert ist, da Polen-Spezialisten unter der hiesigen Historiker-Zunft rar geworden sind. Dieses Manko wird nicht zuletzt von polnischer Seite immer wieder beklagt, birgt es doch die Gefahr ernsthafter Störungen in der wechselseitigen Wahrnehmung.

So gibt es in Polen bereits mehr Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Vertreibung beschäftigen, als in Deutschland. Immer öfter fehlen der entsprechenden polnischen Forschung geeignete Ansprechpartner.

Was das „Preußenjahr“ angeht, mußte Bömelburg in seinem Resumee jedoch feststellen, daß das Thema Preußen in der polnischen Öffentlichkeit trotz des Veranstaltungsrummels beim Nachbarn nicht stärker als zuvor beachtet wurde - außer von der elitären Minderheit der historisch ohnehin interessierten Zeitgenossen.

Wichtigste Ursache dafür war und ist die bei uns üblich gewordene weitgehende Beschränkung des Preußenbildes auf das heutige Bundesland Brandenburg (s. auch OB 16/01, S. 6). Der Referent prägte den Begriff der „Brandenburgisierung“ der preußischen Geschichte. Diese Verengung ist aus deutscher wie aus polnischer Sicht nicht hinnehmbar.

Schon ein flüchtiger Blick auf historische Karten genügt, um die flächenmäßige Bedeutung der preußischen Kernprovinzen Pommern, West- und Ostpreußen, Posen und Schlesien zu erkennen. Von der kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Beeinflussung des „Preußentums“ gerade aus diesen Ländern ganz zu schweigen.

Das heutige Preußenbild wird in Polen nach wie vor stark negativ bestimmt durch die Erinnerung an die Zeiten des deutsch-polnischen Antagonismus und die antideutsche Agitation während der kommunistischen Herrschaft. Noch oft beschwören die Medien und bestimmte Wissenschaftler die „Traditionslinie“ von Friedrich II. über Bismarck zu Hitler mit all ihren Belastungen für die gegenseitigen Beziehungen.

Vor allem die polnischen Teilungen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die Nationalitätenpolitik des deutschen Kaiserreiches ab 1871, die Grenzentscheidungen von Versailles mit ihren Folgen sowie die NS-Besatzungspolitik wirken als bedrückende Erfahrungen fort.

Bei aller Euphorie über einen deutsch-polnischen „Frühling“ nach der Wende muß dies zur Kenntnis genommen werden, zumal auch in Deutschland das Polenbild vielfach nicht unbedingt positiv ist. Der Prozeß der Normalisierung der Beziehungen und einer schrittweise darauf aufbauenden tiefgehenden Aussöhnung steht erst am Anfang.

Immerhin sind im heutigen Polen differenzierte Sichtweisen des preußisch-deutschen Erbes festzustellen. Bei wichtigen historischen Details gibt es Bömelburg zufolge eine graduelle Neubewertung, etwa hinsichtlich der integrativen Einwanderungspolitik der Hohenzollern im ausgehenden 17. und 18. Jahrhundert.

Keineswegs selbstverständlich ist es, wenn der frühere polnische Deutschland-Botschafter Janusz Reiter den „Eisernen Kanzler“ Bismarck, wie am 2. Oktober 2001 bei einem Berliner Podiumsgespräch in der Französischen Kirche am Gendarmenmarkt geschehen, trotz seiner repressiven Polen-Politik als bedeutenden Staatsmann und „Politiker mit Augenmaß“ charakterisiert. Eine Einschätzung, mit der Reiter in den öffentlichen Debatten seines Landes nach eigener Aussage nicht allein steht.

Bekanntere Beispiele für den Stimmungsumschwung sind die wiederhergestellten bzw. restaurierten „preußischen“ Baudenkmäler, die aber - und diese Einschränkung sollte nicht vergessen werden - eine wie auch immer geartete Beziehung zur polnischen Geschichte aufweisen müssen, um als erhaltenswert zu gelten. Dennoch: Gezielte Zerstörungen wie seitens der DDR im Fall des Berliner Stadtschlosses oder der Potsdamer Garnisonkirche gab es im polnischen Machtbereich nicht.

Eine schlimme Ausnahme ist das Plattmachen Hunderter deutscher Friedhöfe. Was sollte damit wohl anderes erreicht werden als die totale Auslöschung der ostdeutschen Vergangenheit? - Solche Tendenzen gehören zum Glück der Vergangenheit an. Erinnert sei hier nur an die Erfolge des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in der Republik Polen oder an die nicht minder erfreuliche Tätigkeit der deutsch-polnischen Schulbuchkommission.

Zudem gilt es, sich das Wirken von Organisationen wie der Kulturgemeinschaft „Borussia“ in Allenstein bewußt zu machen (diese vertreibt in ihrem Verlagsprogramm u. a. Ernst Wiecherts Roman „Das einfache Leben“ und findet damit in der polnischen Öffentlichkeit großes Interesse), die wachsende grenzüberschreitende kommunale Zusammenarbeit und die vielen privaten Kontakte zwischen vertriebenen Deutschen und Polen.

Auch gemeinsame Aufbauleistungen wie die der Marienkirche in Königsberg/Neumark oder bei der Rekonstruktion der Altstadt von Elbing sind Signale der neuen Ära. Leider sind all diese Fortschritte in den deutsch-polnischen Beziehungen bislang in beiden Ländern wenig bekannt.

Folgerichtig soll sich das Veranstaltungsprogramm des Potsdamer Kulturforums östliches Europa im neuen Jahr stärker an Multiplikatoren - etwa an den Schulen - richten. Das ist gerade in Deutschland dringend erforderlich. Denn wer, so ist ernsthaft zu fragen, interessiert sich noch tiefer für das Geschehen jenseits von Oder und Neiße und damit auch für Polen, wenn die Erlebnisgenerationen der Vertriebenen endgültig „abgetreten“ sind?

Restaurierung des „Holländischen Viertels“: Potsdam macht sich nicht nur äußerlich, sondern es mausert sich auch zu einem neuen Zentrum der deutschen Ostmitteleuropaforschung Foto: Martin Schmidt