22.01.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
02.02.02 R. G. Kerschhofer über die Illusionen des freien Weltmarkts

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. Februar 2002


Wenn zwei dasselbe tun …
R. G. Kerschhofer über die Illusionen des freien Weltmarkts

Wirtschaftsthemen scheinen sich nicht sonderlich für große Schlagzeilen zu eignen, und wenn, dann eher wegen spektakulärer Umstände und Folgewirkungen wie Verbrechen, Aufruhr oder Krieg. Fällt der „Neuigkeitswert“ weg, ist auch der Anlaß rasch vergessen, und über wirtschaftliche Zusammenhänge bleibt der Normalverbraucher ohnehin meist uninformiert. Offenbar soll das so sein.

Wer etwa erinnert sich noch an Swissair und Sabena? Ja, da gab’s was - Konkurs, vielleicht doch nicht ganz, jedenfalls war der Terror schuld. Oder was weiß man über Argentinien? Klar, Unruhen - muß ja immer was los sein bei denen da drüben (draußen, drunten etc.) Eine makabre Meldung aus Polen ist gerade aktuell. Doch worin liegt denn der grundsätzliche Unterschied zwischen den „Geschäftsbeziehungen“ von Kliniken mit Leichenbestattern und jenen von Bush & Co. mit bankrotten Bilanzfälschern? Etwa nur darin, daß manche Kronzeugen ein hohes Selbstmord- und Unfallrisiko haben? Oder daß eben nicht jedermann bei Bedarf zu einem „Schlag gegen den Terror“ ausholen kann?

So verschiedenartig die Beispiele sein mögen, alle sind Symptome desselben Übels, einer entmenschlichten Weltwirtschaft, der man das schöne Etikett „Globalisierung“ umgehängt hat. Sicher, wirtschaftliche Abschottung bringt Stillstand, wenn nicht Rückschritt. Aber dieser globalisierte Globus eiert: Er rotiert nicht um seine Achse, sondern um eine bestimmte Gegend an der Oberfläche. Jene Marktwirtschaft, der wir den Wiederaufbau verdanken, hat mit der globalen Schrankenlosigkeit nichts mehr gemein. Zwar läßt die gebetsmühlenartige Berufung auf den „freien Markt“ diesen als überirdisches Regulativ erscheinen. Die Wunderwirkung, nämlich maximaler Umsatz zum als „gerecht“ empfundenen Preis, kann aber nur zustandekommen, wenn einer Vielzahl von Nachfragern eine Vielzahl von Anbietern gegenübersteht - gleichberechtigt. Genau davon kann heute keine Rede sein!

Die Regeln werden nicht vom Markt gemacht, sondern von auserwählten Marktteilnehmern. Außerdem werden längst nicht mehr nur Waren gehandelt, sondern die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital selber. Und noch um Größenordnungen darüber liegt der Handel mit Illusionen: Es sind Optionen auf Waren, die nie existieren werden, und auf Gewinnhoffnungen, die nicht minder irreal bleiben - für die allermeisten wenigstens. Man sollte nie übersehen: Der Zusammenbruch der marxistischen Planwirtschaft beweist nur deren Versagen - keinesfalls aber die Richtigkeit des anderen Extrems.

„Chancengleichheit“ in der globalisierten Wirtschaft ist schlichtweg eine Propagandlüge. Wie war das etwa im „Bananenkrieg“? Die Bananenrepubliken sind bekanntlich zwischen amerikanischen, britischen und französischen Konzernen aufgeteilt. Um also Gewinne zu maximieren, veranlaßten Briten und Franzosen die Europäische Union zu Einfuhrbeschränkungen gegen „US-Bananen“ - und zum Ausgleich verhängten die USA Strafzölle gegen Agrarprodukte aus anderen EU-Länder. Oder: Eben erst verurteilte die Welthandelsorganisation (auf Betreiben der EU) bestimmte US-Steuerpraktiken als illegale Exportsubventionen. Jetzt ist der Weg frei für amerikanische Vergeltungsmaßnahmen.

Noch krasser bei Auslandsinvestitionen: Wenn die eigene Währung hoch im Kurs steht, lassen sich im Ausland billig Firmen und Ländereien aufkaufen - so weit, so gut und gerecht, denn immerhin könnte bei gegenteiliger Kursentwicklung auch die andere Seite auf Schnäppchenjagd gehen. Allerdings wird gerne mit Hilfe einheimischer Korruptionisten dafür gesorgt, daß es in manchen Ländern stets nur bergab geht.

Selbst innerhalb der „Ersten Welt“ geht es recht einseitig zu, wie deutsche Konzerne wiederholt erfahren mußten und wie es derzeit auch der österreichische RHI-Konzern erlebt: Der weltweit führende Erzeuger von Feuerfestmaterialien expandierte vor Jahren in die USA und kaufte dortige Konkurrenten auf. Heute sieht er sich mit Hunderttausenden Schadenersatzklagen konfrontiert, die gegen die US-Töchter eingebracht wurden - wegen einer angeblichen, Jahrzehnte zurückliegenden Asbestbelastung. Einzige Lösung: US-Beteiligungen abschrei- ben und sich zurückziehen, denn gegen eine Meute beutegieriger Winkeladvokaten sind selbst Großkonzerne und Regierungen machtlos. Wer daheim an den Rechtsstaat gewöhnt ist, sollte eben rechtzeitig bedenken, daß die USA eher ein Rechtsanwaltsstaat sind.

Noch zu den Wechselkursen: Der Dollar „steht“ nicht einfach hoch oder tief, sondern er wird hoch oder tief gemacht, je nach Opportunität. Denn die US-Währung gehört nicht etwa dem Markt oder dem amerikanischen Volk oder dem Staat, sondern dem „Federal Reserve Board“, und dieser besteht aus zwölf Privatbankiers, die über das Welt-Finanzsystem schalten und walten.

Damit das wirklich funktioniert, gibt es - mit engen persönlichen Verflechtungen - noch die Weltbank-Gruppe: Sie bestimmt die Regeln, nach denen andere Länder Geld borgen müssen und sich in den Ruin treiben lassen dürfen, siehe Argentinien. Für Kredite, die abgeschrieben werden, hat aber in letzter Konsequenz immer der Steuerzahler aufzukommen, auch hierzulande.

Kurz und gut, wir haben heute zwar jede Menge internationaler Abkommen, Konventionen und Organisationen, im Grunde genommen geht es aber immer noch zu wie zur Zeit der Freibeuter. Der wichtigste Unterschied: Früher gab es mehr als nur eine Flagge.