19.08.2022

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02.02.02 Serbien: Projekt »Deutsche Literatur in der Wojwodina«

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. Februar 2002


Serbien:
Bausteine einer Region
Projekt »Deutsche Literatur in der Wojwodina«
von Franz Hutterer

Als der jugoslawische Schriftsteller Ivo Andric (1892-1975) im Jahre 1961 den Nobelpreis für Literatur erhielt, lagen seine wichtigsten Werke bereits in deutscher Übersetzung vor.

Den Roman „Wesire und Konsuln“ (erschienen 1957) hatte Hans Thurn übersetzt, ein Banater Schwabe, der heute in der Nähe von Hamburg lebt. Auch Johannes Weidenheim, der 1974 den Übersetzerpreis des serbischen PEN-Clubs für seine Übersetzungen von Andric und anderen zeitgenössischen serbischen Literaten zugesprochen bekam, ist Donauschwabe. Er stammt aus der Batschka und wohnt inzwischen in Bonn.

Ebenfalls aus der Batschka kommt Stefan Schlotzer. Der heute in Baden-Württemberg ansässige Donauschwabe wurde im Mai letzten Jahres in Belgrad von der „Stiftung Vuk Karadzic“ für seine Übersetzungen serbischer Heldenlieder ausgezeichnet, die 1996 in München herauskamen.

Drei Beispiele, die zeigen, daß über alle Zäsuren der Vertreibungsgeschichte hinweg Angehörige der deutschen Minderheiten Verbindungen zur Sprache und Kultur der Wojwodina aufrechterhalten haben.

Die Batschka und das Banat - heute als Wojwodina zusammengefaßt - stellen eine Region dar, die nach Jahrzehnten kommunistischer Diktatur, nach Vertreibung und Neukolonisation ihre (mittel-)europäischen Wurzeln wiederentdeckt.

Zu diesen gehört die Mehrsprachigkeit, wobei die deutsche Sprache in diesem Raum über Jahrhunderte eine tragende Rolle in der täglichen Kommunikation, der Publizistik, der Literatur, ja der Kultur allgemein eingenommen hat. Die Donauschwaben prägten auf vielfache Weise das vom Balkan klar zu unterscheidende Gesicht der Wojwodina mit.

Ohne ihre besondere Geschichte, ihre Denkmäler urbanistischer Entwicklung, die sprachliche und literarische Vielfalt kann die von Serben, Ungarn, Kroaten, Deutschen, Slowaken, Ruthenen, Rumänen und Zigeunern bevölkerte nordserbische Provinz in der Fülle ihrer (mittel)europäischen Substanz nicht dargestellt werden.

Daß man dies auch vor Ort immer mehr erkennt, zeigen erste bescheidene Projektvorhaben, die Regionalgeschichte gemeinsam zu erforschen und - in Anerkennung der realen Vorgänge der Vertreibung - darzustellen.

Meist spielen dabei enge persönliche Verbindungen eine Rolle, die die Jahrzehnte politischer Ideologisierung überstanden haben. Hinzu kommen jüngere Wissenschaftler, die im akademischen Austauschdienst in deutschen und serbischen Archiven die Historie des Landes erforschen. Vor allem die Universität Belgrad kann auf bemerkenswerte Traditionen verweisen: In den 1930er Jahren bildeten Forschungen zur deutschen Sprachgeschichte dort einen festen Arbeitsbereich. Ladislaus Weifert untersuchte die Mundart von Weißkirchen und Werschetz im Banat, Pavel Breznik die von Franztal. Noch in den 1960er Jahren arbeitete Emilija Grubacic über die Mundart von Kudritz und Karlsdorf.

Heute beschäftigt sich Margaritta Schnell-Zivanovic aus Batschka Palanka, Dozentin am Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Neusatz (Novi Sad), mit interethnischen Prozessen in der Wojwodina, Gemeinsamkeiten im Bereich des Brauchtums, der Lieder und Sprüche.

In diesen Rahmen gemeinsamer Forschung fällt ein Projekt, das vom Südostdeutschen Kulturwerk München und seinem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, der Germanistik an der Universität Belgrad sowie der Gesellschaft für serbisch-deutsche Zusammenarbeit (Belgrad) erarbeitet wird. Dem wissenschaftlichen Nachwuchs sollen, so das Ziel des Vorhabens, Materialien zur Sprach- und Kulturgeschichte der Donauschwaben zur Verfügung gestellt werden.

Zum neuen Projekt „Deutsche Literatur in der Wojwodina“ gehört eine Anthologie donauschwäbischer Texte, fiktionaler und faktographischer. Ergänzende Texte aus der serbischen, kroatischen und ungarischen Literatur sollen die Region in ihrer Mehrsprachigkeit und Multinationalität zeigen, ohne dabei die Brisanz der Ereignisse zu unterschlagen, die die deutsche Volksgruppe getroffen haben.

Es erhebt sich die Frage, wie Literatur das Leben einer Minderheit, hier das der Donauschwaben, in einem multiethnischen Raum darstellt. Eine Antwort steht von vornherein fest: Das Kulturelle ist vom Politischen nicht zu trennen. Dies betrifft auch die anderen in der Wojwodina lebenden Minderheiten und deren Literatur.

Auf alles weitere wird man dagegen gespannt warten müssen - erfüllt von der Zuversicht, daß bald ein weiterer Baustein für ein umfassendes Geschichtsbewußtsein der Wojwodina gelegt ist.

Franz Hutterer wurde 1925 in Neufutok im Kreis Neusatz (Novi Sad) in der Batschka geboren. Er ist Vorsitzender des Südostdeutschen Kulturwerkes in München und wurde im Dezember 2001 als einer der bedeutendsten lebenden donauschwäbischen Schriftsteller vom Land Baden-Württemberg mit dem „Donauschwäbischen Kulturpreis“ ausgezeichnet.