20.05.2024

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09.03.02 Kluft zwischen Kritik und Publikum

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 09. März 2002


Kluft zwischen Kritik und Publikum

Kaum ein anderer deutscher Film in jüngster Zeit hat die deutsche Filmkritik derart polarisiert wie die gelungene Neuverfilmung von „Soweit die Füße tragen“. Und kaum ein anderer Film hat die Kluft zwischen Publikumsgeschmack und Kritik drastischer verdeutlicht. Während er das Publikum tief bewegt (ein frühes Zeichen dafür war übrigens, daß der Streifen auf dem renommierten Bieberacher Filmfestival den Publikumspreis erhielt), wurde er von Teilen der Filmkritik nur oberflächlich, beiläufig, in Einzelfällen sogar denunziatorisch behandelt.

Eine Ausnahme stellten konservative, wertebewußte Publikationen dar, die die Filmthemen Kriegsgefangenschaft, Rückkehr, Heimat und Familie weitgehend mit der angemessenen Seriosität behandelten. Immerhin erzählt der Film eine Geschichte, die bis heute Lebenswege und Schicksale von Millionen Deutschen beeinflußt hat und sicher auch in Folgegenerationen beeinflussen wird.

Das Dilemma der deutschen Filmkritik scheint das gestörte Verhältnis zur eigenen Herkunft zu sein wie auch die mangelhafte Auseinandersetzung mit „deutschen“ Themen. Differenziertes Zugehen auf die eigene Geschichte scheint zu mühselig oder erfordert zuviel Mut, um wirklich alle Aspekte unserer Vergangenheit und der daraus resultierenden Entwicklungen zu betrachten. Einfacher ist es da vielleicht, Gedankenklischees abzuspulen - ein laxer Umgang mit dem eigenen Handwerk als Filmkritiker.

Der Film selbst nämlich packt die gesellschaftlichen und historischen Themen des Zweiten Weltkrieges und der Verschleppung deutscher Kriegsgefangener in die Lager der Sowjetunion mutig und wahrheitsgetreu an und blickt dabei auch unangenehmen Fragestellungen ins Auge. Es geht um individuelle Schuld, um kollektive Verantwortung, um Mut und um Freiheit, um Zivilcourage und um den Umgang mit höchst grausamen Verhältnissen. War der deutsche Soldat Clemens Forrell wirklich ein „Täter“, war er nicht, vielleicht wie die meisten Soldaten, eher Opfer, nicht nur Opfer einer Diktatur, sondern auch eines Weltkriegs mit all seinen verheerenden Folgen? Sind Opfer eigentlich nur die direkt Betroffenen, und nicht auch deren Kinder und Kindeskinder, aufgewachsen mit dem Stigma einer „Schuld“, ohne überhaupt an den Ereignissen beteiligt gewesen zu sein? Der Film wirft all diese Fragen auf - er stellt auch das Leid der Opfer und Mitläufer dar und auch ihren berechtigten Schmerz. Solange beides nicht verarbeitet wird, kann es keine wirkliche Heilung, keine Versöhnung, keine Verantwortungsübernahme geben, keine indivi- duelle und keine kollektive.

Man sollte meinen, daß es 60 Jahre später möglich sein müßte, auch den „deutschen“ Aspekten des Zweiten Weltkrieges volle Fokussierung zukommen zu lassen. Auf Seiten der deutschen Filmkritik ist man jedoch weit davon entfernt. Statt sich mit der vom Film künstlerisch hervorragend aufgeworfenen Fragestellung individuellen Leids und menschlicher Verstrickung umfassend auseinanderzusetzen, übt man sich in oberflächlicher Krittelei und Polemik, in Schubladendenken und Schnoddrigkeiten, die weder dem Film noch dem ihm zugrunde gelegten historischen Inhalt Rechnung tragen.

Das Publikum hingegen entscheidet selbständig - und ist bewegt, betroffen und berührt. Edgar Weiler