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09.03.02 Kindererziehung: »Ganztags« ohne Eltern?

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 09. März 2002


Kindererziehung: »Ganztags« ohne Eltern?
Warum der Ruf nach immer mehr staatlicher Betreuung in die Irre führt
von Jürgen Liminski

Die Bundesregierung hat sich auch schon mal klüger gelobt. Bei der Vorlage des 11. Kinder- und Jugendberichts vor zwei Wochen ist der zuständigen Ministerin nichts Besseres eingefallen, als in das alte, dumpfe Horn der staatlichen Kinderbetreuung zu blasen. Jedem sein Kästchen: Die Eltern in die Produktion, die Kinder in eine staatlich observierte Institution. Man möchte hinzufügen: Und am Abend alle vereint vor der Glotze oder dem Televisor, wie es bei George Orwell heißt?

Frauen- und Familienministerin Bergmann fühlt sich durch den Kinder- und Jugendbericht, der in ihrem Haus erstellt wurde, „bestätigt“ und weist auch gleich auf neue Sozialisierungsinstanzen neben den Eltern hin. Freiräume wie Discos, Kinos und Clubs sollten bis ein Uhr morgens für Jugendliche geöffnet bleiben.

Selten hat sich eine Ministerin so deutlich als ideologisch verbohrt geoutet. Ideologen halten in der Regel an ihren Ideen ohne Rücksicht auf die Wirklichkeit fest, sie denken nicht weiter. Jetzt, in einer Zeit des unabänderlichen Niedergangs demographischer Kurven und nach dem Schock der Pisa-Studie, weiter auf staatliche Einrichtungen zu setzen, womöglich solche noch zu bauen, weil momentan noch ein gewisser Bedarf besteht, und in dieser Situation von der Objektförderung nicht auf eine Subjektförderung umzuschwenken, zeigt den Grad ideologischer Starre. Denn Subjektförderung jetzt hieße, den Eltern die Kinderbetreuung zu finanzieren (über die Steuer oder direkt durch einen Erziehungslohn), statt Kindergärten zu bauen. Das würde den Konsum und den „Betreuungsmarkt“ beleben, es würde Familien mit Kindern aus der Sozialfall-Ecke herausholen, die Kommunen entlasten und wäre auch flexibel gegenüber der demographischen Entwicklung.

Aber es gibt auch Gründe jenseits der praktischen Vernunft und der Wirtschaftlichkeit politischer Entscheidungen, die es nahelegen, die überall so laut und als Nonplusultra-Lösung propagierte Ganztagsbetreuung einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Man könnte zum Beispiel einmal nicht von den vermeintlichen Wünschen der Mutter, sondern vom Wohl des Kindes ausgehen. Dieses besteht si- cher mehr in einer Erziehung als in einer Betreuung. Für angesehene Pädagogen und/oder Psy- chologen wie Pestalozzi, Piaget, Montessori, Meves oder Hellbrügge, um nur diese zu nennen, steht außer Zweifel, was auch der gesunde Menschenverstand sagt: Es ist gut für das Kind, wenn die erste Bezugsperson, die Mutter, präsent ist. Es ist auch besser als jede Krippe und jeder Kindergarten.

Professor Wolfgang Tietze von der Freien Universität (FU) Berlin hat in einer umfassenden Qualitätsstudie über Kindergärten festgestellt, daß selbst schlechte, das heißt unvorbereitete und ungebildete Eltern besser erziehen als gute Kindergärten (Tietze ist Prodekan des Fachbereichs Erzie- hungswissenschaft und Psychologie der FU und leitet dort den Arbeitsbereich Kleinkindpädagogik). In Kindergärten kann schon wegen der meist hohen Zahl an Kindern in einer Gruppe nicht viel mehr als eine Betreuung (satt, sauber, beschäftigt) geleistet werden. In Krippen und Kindergärten wird ein „Job“ verrichtet, Eltern aber lieben. Das Argument, nicht alle Eltern lieben, gilt dem Einzelfall, nicht der Masse. Meist handelt es sich dann um kranke oder kriminelle Eltern. Natürlich machen alle Eltern Fehler, aber das ist in der Regel reparabel.

Wer für die Präsenz der Mut- ter zu Hause plädiert, wird gern als altmodisch und antiquiert abgetan. Aber das ist kein Argument, nur eine Behauptung. Überdies eine, die zeigt, wie sehr dieses Denken von der Emanzipationsideologie geprägt und durchwirkt ist. Selbst international bekannte Feministinnen wie die gebürtige Australierin Germaine Greer reden seit Jahren der Mütterlichkeit, ja dem Recht auf Mütterlichkeit für die Frauen das Wort und fordern in diesem Sinn sogar einen Erziehungslohn (G. Greer, Die ganze Frau, S. 271). Mit dem überholten Emanzipationsdenken wird nicht nur die Natur der Frau und Mutter negiert, sondern auch ein Selbstzerstörungsprozeß eingeleitet. Am augenscheinlichsten ist dieser Prozeß am demographischen Wandel zu beobachten. Es liegt auf der Hand, daß das Geburtendefizit durch die Abtreibungsmentalität verschärft wird. Völker können aussterben und tun es auch. Auch die Deutschen können eines Tages aussterben, die Welt kann auch ohne sie auskommen, meinte schon Werner Bergengruen vor über fünfzig Jahren.

Dieser geburtenfeindlichen Haltung mag als Ursache das allgemeine Ich-Denken und der Individualismus zugrunde liegen, der von Politik und Wirtschaft außerdem noch hofiert wird. Vor allem Politikerinnen in Deutschland verkennen den Wandel, den die norwegische Professorin und ehemalige Staatssekretärin im Außenministerium, Janne Haaland Matlary, auf einem Kongreß in Straßburg so formulierte: Es gebe neben den bekannten Trends zum Anstieg der Kinderlosigkeit „in den skandinavischen Ländern einen Trend zu großen und stabilen Familien. Paare mit akademischer Ausbildung und relativ hohem Einkommen haben zunehmend vier bis fünf Kinder. Viele Kinder zu haben wird zu einem neuen ‚Statussymbol‘. Diese Frauen führen an, daß sie als Frauen ihre Erfüllung finden, wenn sie Mütter werden. Viele Kinder zu haben ist für sie die natürlichste und gesündeste Sache der Welt. Sie glauben, daß Frauen, die keine Kinder haben, praktisch das versäumen, was zur echten Bestimmung von Frauen gehört. Sie erwarten von ihren Ehemännern, daß sie zu Hause helfen. Und sie organisieren ihr Arbeits-leben mit einer gewis- sen Flexibilität, die sie von der Gesellschaft und ihren Arbeitgebern erwarten“.

Es geht nicht um ein Zurück an den Herd. Es geht um die Anerkennung einer Arbeit, die gesellschaftlich notwendig ist und die in staatlichen Institutionen nur bedingt geleistet werden kann. Die anhaltende Emanzipationslyrik, die sich in der Ideologie der Ganztagsbetreuung fortsetzt, hat mit der verzerrten Sicht, mit der Einäugigkeit zu tun, mit der die Haus- und Familienarbeit gesehen wird. Das ist in gewissem Sinn pervers. Denn wenn die Pflichten der Erziehung vernachlässigt werden, hat das meist Folgen für Personen, wenn die Pflichten im Beruf vernachlässigt werden, hat das meist nur Folgen für die Produktion. Jede Arbeit muß anerkannt werden, aber zuerst doch sicher die, in deren Mittelpunkt der Mensch steht. Das ist heute leider nicht selbstverständlich. Das Denken ist doch stärker von den Begriffen der öffentlichen Meinung, vom Vorrang der Wirtschaft geprägt, als man als einfacher Bürger glauben will.

Bei jeder Arbeit kommt es darauf an, mit wieviel Engagement und Gründlichkeit man sie verrichtet. Davon hängt ihre Qualität ab, übrigens auch bei mechanischen Arbeiten. Bei der Familien- und Hausarbeit ist dies noch wichtiger. Hier ist die konkrete Kraftarbeit - putzen, waschen, kochen - zwar auch die materielle Grundlage für Erziehungsarbeit. Aber die wirklichen Kom- ponenten zur Bildung des Humankapitals sind schwer meßbar, weil es sich um persönliche Beziehungen handelt, in die Nachdenken, Einstellungen und Vorstellungen, Vorlie- ben, Gefühle, Erfahrungen, Vertrauen und vieles mehr einfließen, was sich in Elternherzen bewegt und was man eben nicht in Zahlen und Statistiken ermessen kann. Bei der konkreten Kraftarbeit können Eltern entlastet werden. Bei einer Voraussetzung für die Erziehungsarbeit allerdings nicht: der Präsenz.

Die Präsenz zu Hause ist der unersetzliche Grundstein für die Erziehung. Ohne sie geben wir die Erziehung ab, entweder an eine Erzieherin oder an die sogenannten Miterzieher in den Medien oder auf der Straße. Das kann im Einzelfall auch mal eine Lösung sein, prinzipiell aber kann man sagen: Es gibt für Eltern keinen Ersatz. Das ist wie ein physikalisches Gesetz: Ein Vakuum ist nicht möglich. Die Lücke wird sofort von anderen Elementen gefüllt. Früher gab es die Tanten, die Onkel, die Verwandten und Bekannten.

Dieses Netz ist weitgehend verlorengegangen, die Kleinfamilie lebt heute, wie die Soziologen sagen, in einer insulären Situation. In dieser Situation ist sie einer scharfen Konkurrenz ausgesetzt. Das sind nicht nur die Medien. Das sind auch die neuen Freunde von Pokemon, die versprechen, daß sie das Kind nie verlassen werden, bezeichnenderweise sind solche Versprechungen auf Fast-Food-Packungen zu lesen. Oder die Tamagotschis, Diddl und etliche andere „Freunde“ mehr. Diese ständigen Begleiter erziehen freilich nicht. Sie befriedigen momentan, sie besänftigen die Sehnsucht nach personaler Beziehung. Indem sie das Kind aber de facto auf sich selbst zurückwerfen, tragen sie dazu bei, die Bindungsfähigkeit und damit auch die soziale Kompetenz des Kindes zu schwächen.

Erziehung geschieht zu großen und guten Teilen spontan. Natürlich sollte man ein pädagogisches Konzept, besser noch eine Lebensphilosophie haben, um die Spontaneität richtig kanalisieren zu können. Aber zunächst muß man überhaupt präsent sein. Ohne physische Präsenz läuft die Spontaneität ins Leere. Wenn der vier- oder fünfjährigen Tochter beim Spielen eine Frage in den Sinn kommt, wird sie diese Frage stellen wollen, und zwar in der Regel der ersten Bezugsperson, der Mutter. Ist die Mutter nicht da, wird das Kind kaum auf die Idee kommen, die Frage aufzuschreiben oder abzuspeichern, um sie erst am Abend zu stellen. Kinder stellen ihre Fragen aus der Situation heraus. Das können auch Bemerkungen oder Behauptungen oder auch Beschreibungen sein, die sie mitteilen wollen. Um diese Mitteilungen zu bestätigen, zu korrigieren oder auch zu kommentieren, müssen sie erst einmal wahrgenommen werden. Damit ist nicht nur die physische Präsenz gemeint, sondern auch die innere Hinwendung oder Präsenz des Herzens. Eine Tochter des Autors hat das mal einer Journalistin so gesagt: „Mama ist nicht da, wenn sie Zeit hat, sondern wenn ich sie brauche.“ Aus diesem Dialog, aus diesem ersten sozialen Umgang zu Hause erwachsen mit den Jahren für das Kind die innere Selbstsicherheit und das Selbstbewußtsein, die es für die Fähigkeit zu sozialem Verhalten mit anderen Personen außer Haus braucht.

Ross Campbell konkretisiert das in seinem Bestseller mit dem Titel „Kinder sind wie ein Spiegel“ am Augenkontakt. Er schreibt: „Wenn wir uns mit Kindern beziehungsweise mit dem Eltern-Kind-Verhältnis beschäftigen oder einschlägige Untersuchungen studieren, wird uns klar, wie wesentlich der Augenkontakt ist. Er fördert nicht nur die Kommunikation mit dem Kind, sondern trägt auch zur Erfüllung seiner emotionellen Bedürfnisse bei. Ohne daß wir es selbst merken, ist der Augenkontakt das wichtigste Mittel, unser Kind unsere Liebe spüren zu lassen. Ein Kind braucht den Blickkontakt mit den Eltern, um emotionell versorgt zu sein. Je häufiger Eltern ihre Liebe durch Blickkontakt ausdrücken können, um so zufriedener wird ein Kind sein und um so voller ist sein emotioneller Tank.“ Und in einem anderen Buch, mit dem Titel „Teenager brauchen mehr Liebe“, ergänzt er: „Angemessener und häufiger Augen- und Körperkontakt sind zwei der wertvollsten Gaben, die Sie Ihrem Kind schenken können. Sie sind, zusammen mit gezielter Aufmerksamkeit, die wirksamsten Mittel zum Aufladen der Seelenbatterie Ihres Teenagers, und sie machen ihn fähig, sein Bestes zu tun.“

Die Industriestaaten brauchen zunehmend flexible, gut ausgebildete Arbeitskräfte. Dazu ist Sozialkompetenz nötig. Diese erhalten Kinder insbesondere durch eine individuelle, kontinuierliche und angemessene Erziehung der Eltern. Wirtschaftliche Kurzzeitinteressen, die den Kindern ihre Eltern rauben, untergraben damit nachhaltig ihre eigene Zukunft. Ein Blick auf die Produktivität der neuen Länder sollte genügen. Leistungsfähige Arbeits- kräfte kann der Markt nur durch funktionierende Familien erhalten. Das Defizit an sozialer Kompetenz kann keine staatliche Institution auffüllen.

Die Familie als tragende Institution jeder Gesellschaft ist unumstritten. Wenn sie allerdings nicht mehr erlebbar ist, stirbt sie. Familie ist keine Selbstverständlichkeit, auch wenn mehr als 80 Prozent der Deutschen sich ein Leben in einer Familie wünschen. Eine Subjektförderung und - vorher noch - ein Stück Leistungsgerechtigkeit, wie es das Bundesverfassungsgericht fordert, wür- de die Eltern nicht entmündigen, sondern in ihrer Erziehungsverantwortung stützen. Eltern hätten die Wahlfreiheit, ob sie selber betreuen und erziehen oder betreuen lassen. Und es hätte den großen Vorteil, daß man damit auch mal auf der Linie des Bundesverfassungsgerichts läge. Das ist mit der Forderung nach mehr staatlicher Kinderbetreuung nicht der Fall. Daß diese kurzsichtige Forderung mittlerweile auch von der Union und ihrem Kanzlerkandidaten erhoben wird, macht die Sache nicht besser. Denn die Karlsruher Richter haben in ihrem Kinderbetreuungsurteil vom 19. Januar 1999 eindeutig diese Wahlfreiheit, also das „gleichwertige“ Nebeneinander von Erwerbsarbeit und Erziehungsarbeit, gefordert. Mit mehr Staat wird man die erneut dokumentierte Misere der Kinder und Jugendlichen in Deutschland jedenfalls nicht beheben. Zu dieser Misere gehört auch die knappe Zeit, die Eltern ihren Kindern widmen können. Der größte Wunsch der Kinder ist nachweislich und anhaltend eben diese Zeit mit Eltern. Hier erfahren sie Zuwendung und Liebe. Entwick-lungspsychologische Studien zeigen eindeutig, daß die Beziehung der Kinder zu den Eltern durch niemanden ersetzt werden kann. Jedes Kind, das die Wahl zwischen einer Institution und einem normalen Elternhaus hat, bevorzugt die elterliche Betreuung, selbst wenn diese nicht optimal ist. Kinder wollen und brauchen Beziehung und Zeit der Eltern. Aber damit können marxistisch sozialisierte Ideologen auch heute immer noch nichts anfangen.