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09.03.02 Lienhardt Schmidt über die Notwendigkeit einer Balance von Individuum und Gemeinschaft

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 09. März 2002


Gedanken zur Zeit: Zwischen Rechten und Pflichten
Lienhardt Schmidt über die Notwendigkeit einer Balance von Individuum und Gemeinschaft

Freiheitliche Demokratie und mündige Bürger bedingen einander. Doch wird die beste Verfassung zur leeren Hülse, wenn die Menschen deren Rahmenbedingungen in Verantwortung für den eigenen Lebensplan, aber auch für das Gemeinwohl nicht mit Leben erfüllen, wenn sie nicht erkennen, daß diese Balance zwischen Individuum und Gemeinschaft optimale Voraussetzungen schafft für Frieden, Freiheit und Wohlstand.

Regime, die diese Balance nicht kennen, die dem einzelnen bis ins letzte vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat, die alles zum vermeintlichen Vorteil der Menschen planen und regeln, solche Regime zerbrechen früher oder später, wie das vergangene Jahrhundert bewies. Doch wie lange wirken solche Menetekel, die nicht nur grenzenloses Elend für die Überlebenden brachten, sondern auch Millionen das Leben kosteten? Wie nachhaltig ist ein solcher Schock, um Wiederholungen rechtzeitig vorzubeugen?

Und birgt nicht die totale Freiheit, die Freiheit ohne Verantwortung, der Verzicht auf ordnende Rahmenbedingungen, die dem Mißbrauch der Freiheit Einhalt gebieten, ähnliche Wurzeln des Unheils? Wenn jeder tut, was er will, niemandem als dem eigenen Vorteil verpflichtet, wird der Schwächere vom Stärkeren „plattgemacht“, bis die Brutalsten ganz oben sind. Wiederum wären die Voraussetzungen für Frieden, Freiheit und Wohlstand für die Gesellschaft zerstört. Gravierenden Fehlentwicklungen politisch-gesellschaftlicher Strukturen gehen, wie die Geschichte zeigt, meist subtile Vorstufen geschickt getarnter Einstiege in die „Befreiung von der Freiheit“ voraus, bevor solche „Bewegungen“ Formen annehmen, die zur tödlichen Bedrohung für die freiheitlich-demokratische Ordnung werden.

Der Erfahrungsschatz des 20. Jahrhunderts sollte eigentlich ausreichen, mündigen Bürgern jenen Grad an Wachsamkeit und Bereitschaft zum persönlichen Engagement zu verleihen, die zur Verteidigung der Grundlagen unserer Freiheit gefordert sind. Ist vielleicht aber das Verfallsdatum dieser „Medizin“ gegen die Aushöhlung unseres Grundgesetzes schon überschritten? Haben Jahrzehnte eines relativ sorgenfreien Lebens aus dem politisch wachen, mündigen Bürger einen bequemen Spießer gemacht, dem zeitgeistgerechter Konformismus gerade recht ist, weil das Anpassen im Gegensatz zum Entwickeln einer fundierten eigenen Meinung keiner besonderen Anstrengung bedarf?

Nachdenklich stimmen sollte hier auch die von intellektuellen Lehrmeistern, der neuen Priesterkaste, wie Helmut Schelsky sie nannte, sehr einseitig betriebene Propagierung von Rechten - von den Pflichten hört man wenig.

Eine Gesellschaft kann aber nicht nur fordern, sie muß auch zur Leistung bereit sein. Mündige Bürger wissen das. Sie werden den Versuchungen des konformistischen Anpassens ebenso wi- derstehen wie den Schalmeientönen intellektueller Besserwisserei.

Wie sagte schon Schiller: „Nur der gewinnt Freiheit und das Leben, der täglich sie erkämpfen muß!“