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09.03.02 Leben am Bahnhof

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 09. März 2002


Leben am Bahnhof
von Esther Knorr-Anders

Die Idee, mit Menschen, die am Bahnhof wohnen, über ihre spezielle Erlebniswelt zu sprechen, kam mir auf IC-Bahnsteig 5, von dem ich häufig abreise. Was tut man während des Wartens? Man schaut in der Gegend umher. Zwangsläufig fällt der Blick auf die jenseits des Bahnkörpers stehenden Häuser. Ein altersgraues Gebäude mit tiefen Loggien und Mauerschnörkeln hat es mir angetan. Wenn ich gegen 8.30 Uhr abfahre, spielt sich in jenem Haus oft ein gleiches Geschehen ab. In der Loggia des 3. Stocks erscheint eine hagere, ältere Frau mit Frühstückstablett. Sie setzt sich, schaut unentwegt zu den Gleisen herüber. In absehbarer Zeit wird sie winken. Das tut sie auch. Jedesmal meine ich, das Winken könnte mir gelten. Das ist natürlich Blödsinn - und doch bin ich versucht zurückzuwinken ...

Was empfinden wohl am Bahnhof wohnende Menschen? Ein Fernzug nach dem anderen jagt vorbei. Bremsen quietschen, Lautsprecher schallen. Wer hält den Krach auf Dauer aus? Viele, wie sich bei Gesprächen herausstellte. Und manche sogar mit eigentümlicher Lust.

Die burschikose Inge war die erste, die mir Auskunft gab. Kurzerhand grenzte sie die Menschheit auf Bahnhofsfans und Bahnhofsfeinde ein. „Viele Fans haben schon als Kinder an der Bahn gewohnt und kommen von der Erinnerung nicht los. Es ist wie eine Droge, Hasch oder so, jedenfalls mit Langzeitwirkung. Diese Leute geben immer wieder einer Wohnung in Bahnhofsnähe den Vorzug. Die anderen nehmen mit Sack und Pack Reißaus, sobald das Wort Bahnhof fällt. Wissen Sie, das sind Menschen, die zittern bei jedem Geräusch, das sie nicht selbst verursachen. Angeblich hören sie die Schienen vibrieren. Ist ein Zug im Anrollen, meinen sie, er nimmt Kurs aufs Schlafzimmer. Fans hören gar nichts oder nur, was sie hören wollen. Hören Sie denn was?“

Ein EC donnerte unweit des Hauses seines Wegs. Unbeeindruckt schaute Inge auf die Uhr. „Das war ,Heinrich der Löwe‘. Ich muß die Kartoffeln aufsetzen, es ist ja Essenszeit.“ Sieh mal an, sann ich, was Fans sich so alles zunutze machen. „Heinrich der Löwe“ dient also nicht nur der Fahrgastbeförderung, sondern findet darüber hinaus als Orientierungsmittel für die Familienfütterung Verwendung. Ebensogut kann man - in Erweiterung des privaten Nutzungsprogramms - beim vorbeirauschenden „Wörthersee“ das Badewasser einlaufen lassen, mit „Gorch Fock“ zu einem Urlaub auf See angeregt werden. Läuft der „Blaue Enzian“ ein, ist es dringend geboten, einen zu kümmeln und mit „Bacchus“ eine Flasche zu köpfen ...

Fraglos ist die Behauptung richtig, daß Kindheitserlebnisse, die guten wie die bösen, uns als unauslöschliche Gravur durchs Leben begleiten. Manche spätere Entscheidung ist auf Erinnerung zurückzuführen.

Wolfgang, aus traditionsreicher Eisenbahnerfamilie stammend, hatte nie den Wunsch verspürt, bei der Bahn zu arbeiten. „Bloß das nicht“, schwor er als junger Mann. Doch er hatte als Knirps zwei Kriegsjahre lang an einem Bahndamm mit Lokwechselgleis gelebt. Großvater wohnte dort in einem ehemaligen Hotel, das Bahnbeamten zur Verfügung stand. Die Terrasse endete direkt am Wechselgleis; ein Maschenzaun sicherte es vor „unbefug-tem Betreten“. An diesem Gleis hockte der Knirps stundenlang. „Herrlich war es. Die Loks ließen Dampf ab. Es fauchte, zischte, wallte. Im Nu war ich kohlrabenschwarz. Der Sand übrigens auch. Eines Tages verbuddelte ich dort Kastanien ...“

Mit Kriegsschluß nahm die Kinderherrlichkeit ihr Ende. Jahre später kam Wolfgang noch einmal in das längst unbewohnte Haus. Das Rangiergleis war ausgehoben, der Zaun abgebrochen worden. Doch das verwitterte Stellwerkhaus und die Terrasse gab es noch, auch den ver- dreckten Sand. Er traute seinen Augen nicht. Die einst vergrabenen Kastanien hatten getrieben. „Während ich mir das ansah, dachte ich ...“ Nun, was wohl? Er wurde Eisenbahner.

Auch meine Vorliebe für Bahnhöfe und Bahndämme hat ihren frühen Grund. Bevorzugter Abenteuerspielplatz war eine wenig befahrene Nebenlinie der Strecke Königsberg-Cranz. In einer windschiefen Bude arbeitete - wenn er arbeitete - der Streckenwärter. Er verabreichte mir die einzige und deshalb unvergessene Tracht Prügel meines Lebens.

Bekanntlich hören Eisenbahnfans nichts, schon gar nicht, wenn entlang des Bahndamms Kornblumen, Mohn und Kletten wachsen. Stillvergnügt am Gleis kauernd, flocht ich einen Kranz. Jählings wurde ich hochgerissen, gepackt und im gleichen Arbeitsgang verdroschen. Schrill pfeifend schoß eine Lok vorüber. „Du Teufelsbalg“, zeterte der Streckenwärter. Doch den ganzen Sommer lang verband ihn und das Kind abenteuervolle Freundschaft, gekrönt durch eine Mitfahrt auf eine rußigen, stinkenden Lok ...

Im Reigen der Bahnhofsfans darf die Gegenstimme nicht fehlen. Dem von Erinnerungen unbeeinflußten Studenten Gerd wurde eine kleine Mansardenwohnung an einem Kopfbahnhof angeboten. Der Ausblick auf die verglaste Bahnhofshalle gefiel ihm. Von weitem sah er die Züge anrollen und sich einschlängeln. Er griff zu. „So ohrenbetäubend hatte ich mir den Lärm nicht vorgestellt. Dies ekelhafte Abbremsquietschen, das Zischen der niederklappenden Lok-Elektrobügel beim Umspannen. Ich hoffte, nachts würde es ruhiger sein. Falsch gedacht! Nach dem Personenverkehr beginnt der Güterverkehr. Die Saubermänner schwirren aus, räumen mit Radau tonnenweise Müll weg. Sie werden es nicht glauben, sobald wirklich mal Ruhe herrscht, schlafe ich erst recht nicht ein.“ Doch, das glaubte ich ihm. Da er aber nicht geflüchtet war, fragte ich, wie er trotz allem zurechtkäme. „Ein Apotheker empfahl mir ,Lärmstop‘, einen besonderen Gehörgangschutz. Und: die Wohnung ist billig; außerdem hält die S-Bahn fast vor der Tür. In zehn Minuten bin ich an der Uni. Aber später ziehe ich nie wieder an einen Bahnhof.“

Die Dolmetscherin Jacqueline würde stets ihr Domizil an einem „großen Bahnhof“ wählen. „Ich brauche diese bestimmten, mir seit Jahren vertrauten Geräusche und all die Lichter und Blinkanlagen in der Dunkelheit. Schalte ich die Lampe aus, huscht es grün, rot, gelb über die Tapete. Wie verzaubert schläft man ein.“

Sie trat mit mir ans Fenster ihrer Wohnung. In der Tiefe erstreckte sich das Bahnhofsgelände. An hoher Gebäudefront flammte der Name des Hotels, in dem sie arbeitete. Strahlend erhellte Züge, Riesenraupen ähnlich, glitten über pechig glänzende Schienenstränge. Diese schillernde Welt wirkte um so faszinierender, weil die Stabiloscheiben kaum einen Laut durchdringen ließen. Nur ein fernes Sirren blieb hörbar. Ob sie darunter das „vertrau- te Geräusch“ verstand? Sie nick- te ...

Ein junges Ehepaar, aus Sachsen nach Westdeutschland übergesiedelt, erzählte mir, daß es an Wochenenden hin und wieder zum Frankfurter Hauptbahnhof hinüberschlendere, um auf die Ankunft des „Johann Sebastian Bach“ zu warten. Im Mai 1990 war dieser IC als erstes Produkt gesamtdeutscher Eintracht aus der Taufe gehoben worden. „Er weht uns ,Leipziger Allerlei‘ um die Nase“, versicherten beide. „Aber allein deswegen gehen wir nicht zum Bahnsteig.“

Eine Pause trat ein. Die Begründung für das nostalgische Verhalten fehlte noch. Sie kam. „Wir denken daran, daß wir jederzeit mit diesem Zug zurückfahren könnten - und ungehindert wiederkehren. Man vergißt sehr schnell, wie es vorher war. Für viele wurde es Gewohnheit, eine Sache ohne Wert.“ Es bedurfte keiner Antwort ...“

Doch nicht nur Bürger aus der ehemaligen DDR harren auf einem Bahnsteig aus, um einen bestimmten Zug ankommen zu sehen. Als Nostalgiker gab sich ein weiteres Paar zu erkennen. Ich saß im Düsseldorfer Bahnhofsrestaurant. Mangels freier Plätze gesellten sich die beiden zu mir. Zeitweilig schauten sie auf die Uhr. Heiter zog mich die Dame ins Gespräch. „Wir verpassen keinen Zug, aber wir wollen den ,Leonardo da Vinci‘ aus Mailand begrüßen. Heute ist es ein Jahr her, daß wir uns dort auf dem Cimitero Monumentale, das ist der riesige Friedhof, beim Verdi-Sarkophag kennenlernten und gemein- sam mit diesem Zug zurückfuhren. Eine ganz persönliche Erinnerung. Wir werden nämlich heiraten ...“

Wieder einmal wartete ich auf Bahnsteig 5. Selbstverständlich blickte ich zu jenem Haus hinüber. Ob die Seniorin in der obersten Loggia erscheinen und winken würde? Sie tat es, gerade als mein Zug zum Halten kam. Ich griff zum Koffer und stieß beim Umdrehen mit einer Frau in der Uniform des IC-Begleitpersonals zusammen. Hastig sprudelte sie heraus: „Ich helfe Ihnen gleich. Will nur meiner Mutter auf Wiedersehen winken.“ So simpel war des Winkrätsels Lösung. Aber einfach waren schließlich alle Lösungen der Rätselfrage, warum Menschen gern am Bahnhof wohnen oder ihn, auch ohne Reiseziel, aufsuchen.