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16.03.02 EU-Osterweiterung: »Hyperpatriotisches Getöse«

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 16. März 2002


EU-Osterweiterung: »Hyperpatriotisches Getöse«
Deutschfeindliche Töne nicht nur aus Prag, sondern auch aus Warschau

Zur Zeit diskutiert man heftig über die deutschfeindlichen Aussagen des tschechischen Ministerpräsidenten Zeman, der unlängst die Vertreibung rechtfertigte, und attestiert den Tschechen in diesem Zusammenhang mentale Unreife für einen Beitritt in die EU. Sehr zu recht.

Man sollte auf der Aufhebung der nationalegoistischen Benesch- Dekrete bestehen. Vertreibungen sind mit europäischen Normen nicht vereinbar. Doch einem ähnlichen Ansinnen Polens, nach dem EU-Beitritt Ausländern den Bodenerwerb, also auch eine Ansiedlung zu untersagen, mit dem klaren Beisatz, man befürchte, die Deutschen könnten ihr Eigentum zurückkaufen, mißt man viel weniger Beachtung bei. Dabei entspringt diese Forderung dem gleichen nationalistischen Ungeist.

In Polen kam leider, nachdem die rote Tünche verschwunden war, der altbewährte polnische Patriotismus zum Vorschein, den Jan Josef Lipski als polnische Megalomanie geißelte. Seine prägnanteste Ausformulierung ist vom National-Demokraten Roman Dmowski bekannt, der Anfang des 20. Jahrhunderts ein „Polen von Meer zu Meer“ forderte, von Lübeck bis Odessa.

Jeder an der Einigung Europas interessierte Europäer sollte sich jedoch fragen: Wie kann man völlige Gleichstellung bei Zahlungen fordern und gleichzeitig Ausnahmeregelungen für sich beantragen, die Ausländern den Zugang ins Land versperren. Und: Wäre es nicht an der Zeit, insgesamt mit den alten National-Mythen aufzuräumen und an ein europäisches Gerechtigkeitsgefühl zu appellieren? Sollten die Polen nicht eher insbesondere die Vertriebenen ins Land rufen und ihnen Grunderwerb zu Sonderkonditionen anbieten? Denn nur das könnte sich mit dem „noblen Verzicht“ der Deutschen auf ihre ihnen siebenhundert Jahre gehörenden Gebiete vergleichen lassen, die Stalin den Polen zukommen ließ.

Und nur so wäre es wirklich europäisch gedacht. Wie kann man alles bekommen und nichts geben wollen. Da sollten sich wohl die Polen an ihren sprichwörtlichen Kali aus Henryk Sienkiewiczs berühmtem Jugendbuch „In Wüste und Wildnis“ erinnert fühlen.

Da erklärt nämlich der kleine Afrikaner Kali seinem weißen Freund, was gut und was böse ist. Er bekundet: Wenn jemand Kali etwas wegnimmt, ist böse. Wenn Kali für sich nimmt, ist gut. Man sollte ebenso strikt gegen ein europafeindliches Verbot des Landerwerbs auftreten wie gegen die Benesch-Dekrete.

Es geht durchaus nicht darum, den Beitritt Polens zur europäischen Gemeinschaft behindern zu wollen, sondern darum, diesen Beitritt nicht mißglücken zu lassen. Dazu müßten sich die Gesprächspartner aber ein realistisches Bild von ihrem Gegenüber verschaffen, damit dieses Jahrhundertprojekt allen gleichermaßen dienen würde.

Dazu aber gehörte auch ein normales Selbstbewußtsein der Deutschen. Denn die Deutschen sind an dem Verlauf der Dinge, wie wir ihn heute betrachten, selber schuld. Noch kurz nach der Wende konnte man in einflußreichen polnischen Zeitungen lesen, man betrachte die sogenannten wiedergewonnenen Gebiete als Danaer-Geschenk, das die Beziehungen zum Nachbarland erschwere. Auch von der Einsicht, die Vertreibung sei ein stalinistisches Unrecht, das man wiedergutmachen könne, war zu lesen.

Doch diese Stimmen gingen bald unter im allgemeinen neuen hyperpatriotischen Getöse. Der Wandel vollzog sich auch, oder von allein, beim Anblick der Deutschen, die ohne Tränen, ja, nahezu euphorisch auf ihre jahrhundertealten Kulturlandschaften verzichteten.

Die übertrieben bußfertige Haltung der Deutschen, die auch auf europäisch denkende Polen befremdend wirkte, hat den heutigen Nationalismus der Nachbarvölker geradezu herausgefordert. Europäisch gesinnte Polen fragten, was denn mit den Deutschen los sei, denn den Deutschenfeinden in Polen genüge es, deutsche Autoren und Politiker zu zitieren.

So wundert man sich erst heute in Deutschland, daß polnische Politiker versprechen, an der Nationalhymne „Rota“ festzuhalten, einer Kampfansage an die Deutschen, in der vor allem von der Verteidigung des vaterländischen Bodens und dem Widerstand gegen die Germanisierung die Rede ist. Wörtlich übersetzt heißt es in der dritten Strophe: „Der Deutsche hat uns nicht ins Gesicht zu spucken und unsere Kinder zu germanisieren.“ Diese Nationalhymne singen Rekruten der polnischen Truppen, die der Nato angehören (!), zu ihrer Vereidigung. Hat das bisher niemand in Europa bemerkt oder sich darüber Gedanken gemacht?

In der heutigen Diskussion liegt es an der jeweils anderen Seite, die Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, ehe es zu irreparablen Schäden kommt. Man sollte endlich das Wunschdenken aufgeben und die Realitäten aufmerksam betrachten. Es kann nicht nur um wirtschaftliche Hilfe gehen. Ehe sich nicht ein tiefer greifender Mentalitätswandel bei den Nachbarvölkern vollzieht, werden alle finanziellen Hilfen der europäischen Gemeinschaft in den Wind gestreut sein. Renata Schumann (DOD)