26.01.2022

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30.03.02 / Die magische Stadt an der Moldau bietet Mitteleuropa pur

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 30. März 2002


Bummeleien durch Prag: Von der Politik verfolgt
Die magische Stadt an der Moldau bietet Mitteleuropa pur
von Thorsten Hinz

Ende Februar nach Prag zu fahren bedeutet, in eine metereologisch trübe Phase zu geraten. Hinzu kamen die Äußerungen des Ministerpräsidenten Zeman über die Sudetendeutschen. Passend dazu stellten wir beim Streifzug durch die Stadt fest, daß das Regierungsamt sich ausgerechnet in der "Edvard-Benes-Straße" befindet.

Zum Glück hatten wir zuvor schon andere Gegenden der Stadt, darunter die tausendjährige Burg, den Hradschin, besichtigt. Das Erlebnis der dort versammelten Geschichte und Kultur relativierte die aktuellen Emotionen.

Angesehen hatten wir uns auch das Palais Lobkowitz in der Vlasska Nr. 19 auf der Kleinseite: einen prachtvollen Barockbau, in dem die deutsche Botschaft residiert. Im Sommer und Herbst 1989 wurde hier deutsche Geschichte - Erfolgsgeschichte - geschrieben: Auf dem Botschaftsgelände kampierten Tausende DDR-Flüchtlinge, die von Hans-Dietrich Genscher in der "Nacht von Prag" vom 2. zum 3. Oktober erlöst wurden.

Das Areal ist vom Hradschin, einer der meistbesuchten touristischen Stätten Mitteleuropas, gut einzusehen. Die Agonie der DDR vollzog sich damit buchstäblich vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Zur Erinnerung ist im Botschaftsgarten ein goldgelackter Trabant aufgestellt.

Der tschechische Schriftsteller Vitezlav Nezval (1900-1958), der surrealistische "Prager Spaziergänger", schrieb von der "unaussprechlichen Magie" Prags, die von "der besonderen Verschmelzung äußerst archaischer Reize mit dem modernen Geist" herrühre.

Prag ist bei deutschen Reisenden auch deshalb so beliebt, weil man seit den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges in Deutschland nichts Vergleichbares - sprich: das organische In- und Nebeneinander von Romanik, Renaissance, Barock, von Jugendstil und Neuer Sachlichkeit - vorfindet. Der interessanteste Bau der neuesten Generation steht am Masarykkai: das "Tanzende Haus" ("Ginger und Fred"), das Frank O. Gehry 1996 errichtet hat.

Ältester Punkt der Stadt ist der Visherad-Hügel, auf dem sich schon für das 8. Jahrhundert eine slawische Befestigung nachweisen läßt. Bis ins 12. Jahrhundert befand sich hier das Machtzentrum Prags.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde ein nationaler Ehrenfriedhof angelegt, auf dem unter anderem die Komponisten Anton Dvorak und Bedrich Smetana, die Schriftsteller Jan Neruda, Karel Capek und auch Vitezlav Nezval die letzte Ruhe gefunden haben.

Statt von der Archaik sollte man lieber von der Kultur und Geschichte Prags reden. Was aber ist der neue, aktuelle Geist? - Der wichtigste akustische Reiz ist das Geräusch von Polizei- und Rettungswagensirenen. Das Leben in Prag ist hektisch geworden und, wenn man die vielen gestreßten Menschen sieht, nicht gerade einfach. Andererseits ist ihr Verhalten viel weniger aggressiv das als in deutschen Großstädten.

Man sieht zahlreiche Bettler auf den Bürgersteigen knien, den Oberkörper nach vorn gebeugt, mit der Stirn beinahe die Erde berührend. Doch irgendwann war unser Mitleid aufgebraucht. Nicht zuletzt, weil zu jedem Bettler ein junger Mann südländischen Zuschnitts gehört, der aufmerksam das Terrain sondiert und offensichtlich eine Art Zuhälterfunk-tion innehat.

Viele Häuser sind inzwischen frisch verputzt. Die baulichen Schönheiten Prags wirken in bezug auf die sozialen Verhältnisse wie ein allzu luxuriös geratenes Kleidungsstück, das sich um einen noch nicht gänzlich zu Kräften gekommenen Körper legt.

Nehmen wir das Repräsentationshaus in der Altstadt, ein von 1905 bis 1911 errichtetes Prunkgebäude, das Cafés und Restaurants enthält, die selbst für deutsche Maßstäbe teuer sind. Die Fenster sind hell erleuchtet, die Tische locken mit weißem Damast und blitzendem Kristall, doch obwohl der Abend kalt und regnerisch war, blieben sie leer.

Anders sah es am Wenzelsplatz aus, wo sich in den Gründerzeitbauten diverse Fastfoodketten niedergelassen haben. Auch im Veitsdom herrschte dichtes Gedränge. Uns fiel eine türkische Reisegruppe auf. Ihr Leiter reckte einen Stock in die Höhe, an dem ein rotes Fähnchen mit dem Halbmond befestigt war. Hier erlebte man bereits im Februar, was Prag im Sommer flächendeckend blüht.

Ebenfalls immer gut besucht ist das oberhalb der Kleinseite gelegene Kloster Strahov, in dem sich der berühmte, von Ignaz Palliardi erbaute und vom Rokokomaler Franz Anton Maulpertsch mit allegorischen Deckenfresken versehenene Philosophische Bibliothekssaal befindet.

In der Klosterkirche fand gerade eine Familientaufe statt. Unter den Gästen entdeckten wir den Fürsten Schwarzenberg, Nachkomme einer alten Prager Familie und ehemals Chef der Präsidialkanzlei Václav Havels.

Ein weiteres Palais Lobkowitz gehört zum Areal des Hradschin. Darin ist eine - leicht angestaubte - Ausstellung zur Geschichte Böhmens von den Anfängen bis zum 19. Jahrhundert untergebracht.

Dem Besucher wird vor Augen geführt, welch ein Trauma das Jahr 1620, in dem die Habsburger und ihr Feldherr Wallenstein in der Schlacht am Weißen Berg die böhmischen Stände besiegten und eine katholische Restauration einleiteten, für die Tschechen bedeutet. Am 21. Juni 1621 wurden 27 Männer, Adlige und Bürger, aus Böhmen vor dem Altstädter Rathaus hingerichtet.

Ein Trauma ist auch die Verbrennung des Kirchenkritikers Jan Hus 1415 auf dem Konstanzer Konzil. Die Ereignisse sind bis heute lebendig. 1915 wurde auf dem Altstädter Ring ein künstlerisch anspruchsvolles Jan-Hus-Denkmal aufgestellt, und vor dem Rathaus ist für jeden der Hingerichteten von 1621 ein Kreuz in das Pflaster eingelassen.

Das Palais Waldstein, jene monumentale Schloßanlage, die Albrecht von Wallenstein für sich errichten ließ, ist heute Sitz des tschechischen Senats. Gerade wird es renoviert und kann teilweise besichtigt werden.

Die Museen mit alter böhmischer Kunst wurden nach 1989 aufwendig modernisiert. Am Geburtshaus von Franz Kafka in der Uradnice 5 befindet sich eine Ausstellung über den Dichter, außen ist eine Tafel angebracht.

Nach 1989 waren viele junge Amerikaner in die Stadt gekommen, wo sie eine wahre Kafkamanie auslösten. Viele wußten nicht einmal, daß Kafkas Muttersprache Deutsch war.

Es gibt ein reges, auf Touristen zugeschnittenes Konzertangebot. Auf dem Programm stehen allerdings immer dieselben mundgerechten Häppchen: ein wenig Bach, Händel und Smetana, in jedem Fall Vivaldis "Jahreszeiten" und schließlich das "Ave Maria" von Franz Schubert.

Lohnender ist der Besuch des Nationaltheaters, das Ende des 19. Jahrhunderts am Moldauufer in der zeittypischeen, pathetischen Grandhotel-Architektur jener Zeit errichtet wurde. Zwar wirkt die "La Traviata"-Inszenierung konventionell, aber wer solides Opern-Handwerk will, wird gut bedient.

Dem Nationaltheater gegenüber liegt das "Cafe Slavia", dem nahezu jeder bedeutende tschechische Schriftsteller seine Referenz erwiesen hat. Der Lyriker Jaroslav Seifert, Literaturnobelpreisträger von 1984, Karel Capek, Vitzelav Nezval, eindeutige Regimegegner und Exilanten wie Ota Filip und Jiri Grusa (der heute tschechischer Botschafter in Wien ist), haben hier verkehrt. Auch Rainer Maria Rilke, der gebürtige Prager, verarbeitete Eindrücke aus dem "Slavia", doch erst Reiner Kunze hat es in seinen "Wunderbaren Jahren" in die deutsche Literatur geholt: als Symbol des Widerstands. Mit dem Manifest "2000 Worte" nämlich hatten tschechische und slowakische Schriftsteller den legendären "Prager Frühling" beflügelt.

Nach 1989 war das Café von der Schließung bedroht, erst 1997 wurde es wiedereröffnet. Die Renovierung orientierte sich am Ideal des Art Deco, der Sachlichkeit mit ausladener Gediegenheit kombiniert. Ein bißchen geistig-kulturelle Atmosphäre soll ebenfalls sein. An den Wänden hängen Fotos von prominenten Gästen, mindestens auf jedem zweiten ist Václav Havel zu sehen. Doch hat das Café nichts Verschwörerisches, Avantgardistisches oder gar Verruchtes mehr.

Wir ergatterten für uns den besten Tisch, genau im Schnittpunkt der beiden Eckfenster. Nebenan schlürften zwei Amerikanerinnen der "Generation Zahnspange" ihre Coca Cola. In ihren ahnungslosen Gesichtern spiegelte sich Entsetzen über den Umfang der ihnen vorgesetzten Mittagsportionen.

An einem anderen Tisch saßen drei stiernackige Männer um die 60. Sie trugen teure Uhren, die mit ihren schlechtsitzenden Anzügen merkwürdig kontrastierten. Sie redeten tschechisch, starrten böse ins Bier und auf unseren Tisch, als erwarteten sie einen imperialistischen Terrorangriff.

Hinter uns hatten zwei Business-Weibchen Platz genommen, in gut geschnittenen Kostümen und mit extravagantem Schmuck. Gleich neben den Cocktailgläsern waren ihre Handys positioniert.

Der Kellner gab uns unmißverständlich zu verstehen, daß er eigentlich zu Höherem berufen ist. Wir dachten daher weder an Benesch noch an Zeman, als wir uns entschlossen, beim Zahlen den fiesen deutschen Touri zu mimen.

Die Rechnung betrug 105 Kronen. Wir zahlten 120 und ließen den Kellner, der ein "Stimmt so!" erwartete, endlos zappeln. Verächtlich knallte er uns die Restsumme in kleinen Münzen auf den Tisch. Wir nahmen eine Krone und schoben ihm die übrigen 14 genauso verächtlich zurück. Wir hatten uns noch nicht ganz erhoben, da zog eine Horde Österreicher uns schon die Stühle weg.

Als wir das Café verließen, waren wir wieder in der schönsten Stadt Mitteleuropas.

 

Munteres Treiben an der Karlsbrücke: Der Kontrast zwischen den herrlichen alten Bauten und den eher dürftigen Lebensumständen vieler Prager ist unübersehbar