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30.03.02 / Serie: Preußen und Polen (I)

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 30. März 2002


Serie: Preußen und Polen (I)
Von den polnischen Teilungen bis zum Höhepunkt der napoleonischen Macht
von Rüdiger Ruhnau

Polens Aufteilung im 18. Jahrhundert erfolgte, weil das Land nicht mehr in der Lage war, sich selbst zu regieren. Die bestehende Magnatenoligarchie (Großadel) artete in Willkür aus und verfiel immer mehr der Sta-gnation. Eine überwiegende Agrarwirtschaft bewirkte Unterdrückung der Bauern, sie festigte die Rolle der feudalen Latifundienbesitzer bei einem gleichzeitigen Verfall der Städte. Während in den absolutistisch regierten Nachbarstaaten Preußen, Österreich und Rußland die Macht des Staates wuchs, begann Polen in Einflußsphären der einzelnen Magnatenfamilien zu zerfallen. Ende des 18. Jahrhunderts machte die Schlachta (Kleinadel) zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus, dagegen fehlte ein zahlenmäßig großer, starker Bürgerstand. Die polnische Oberschicht sah ihre Aufgabe nicht in der Führung und Mehrung des Staates, sondern in einem schrankenlosen Egoismus, der sich immer mehr Privilegien auf Kosten der Krone zu sichern trachtete.

Die Wahl des Königs war nicht mehr eine Sache des Adels, sondern ein Interessenspiel ausländischer Mächte. So gelang es dem Kurfürsten August von Sachsen, sich in Krakau die alte Piastenkrone aufs Haupt zu setzen. Er schlug die anderen Bewerber aus dem Felde, weil seine Agenten die meisten Bestechungsgelder zahlen konnten, vor der Krönung trat er noch schnell zum Katholizismus über. Naturgemäß erfuhr das Deutschtum in Polen durch den sächsischen Hof eine Stärkung. Wie Dresden wurde auch der Glanz Warschaus durch deutsche Baumeister vermehrt. Schuf Ende des 17. Jahrhunderts der Danziger Bildhauer und Baumeister Andreas Schlüter die Reliefausschmückung am Palast Krasinski, so waren es nun Naumann mit der Erweiterung des Schlosses Willanow und Knöbel mit dem Palast Brühl.

Auch August III., der zweite Sachse auf dem Königsthron, konnte die zunehmende politische Bedeutungslosigkeit Polens nicht verhindern, das die Formen einer russischen Provinz annahm. Einen weiteren Hinderungsgrund für die Befriedung des Landes bildeten die religiösen Spannungen. Der ukrainische Teil Polens hatte in der überwiegenden Mehrzahl Einwohner des orthodoxen Glaubens, deren weltliches Oberhaupt der Zar war. Der Zar fühlte sich für alle seine Glaubensgenossen verantwortlich, auch wenn diese außerhalb seiner Reichsgrenzen lagen. Noch größer waren die katholisch-protestantischen Gegensätze, verstärkt dadurch, daß deutsch-protestantisch weitgehend polnisch-katholisch entsprach. Seit der Gegenreformation verschärften sich die Gegensätze, Protestanten und auch Orthodoxe wurden von allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Der aufgestaute Haß entlud sich im Thorner Blutgericht 1724. In Thorn war es anläßlich einer Prozession zu Streitigkeiten zwischen Katholiken und Protestanten gekommen, worauf polnische Truppen in die Stadt einrückten und die führenden Männer vor ein Gericht stellten. Der Stadtpräsident und mit ihm neun weitere protestantische Bürger wurden öffentlich enthauptet, dem Deutschtum ein schwerer Schlag versetzt.

Aufs neue durchtobten Thronwirren das Land, als August III. starb. Zarin Katharina II. setzte die Wahl Stanislaus August Poniatowskis zum König von Polen durch, er war in jüngeren Jahren ihr Liebhaber gewesen. Nun stand dem russischen Einfluß vollends Tür und Tor offen. Gegen den übermächtigen Druck der Russen und damit der mächtigen Magnatenfamilie Czartoryski, der Poniatowski entstammte, schlossen sich die Opponenten in der Konföderation von Bar zusammen. Wieder war das Land in zwei Fronten gespalten, der polnische Staat, in seinen Grundfesten erschüttert, nur noch ein Spielball in der Politik der euro- päischen Mächte.

Neben Rußland waren die beiden westlichen Nachbarn, Preußen und Österreich, an einer Stabilisierung ihrer Grenzen am stärksten interessiert. In dem tiefen Eindringen Rußlands nach Mitteleuropa erblickten sie eine dauernde Gefahr. Im Falle Preußens spielten daneben ganz reale Gründe eine Rolle. Mit der Wiedergewinnung des ehemaligen Deutschordensgebietes Westpreußen besaß man die fehlende Landbrücke zwischen Pommern und Ostpreußen. Es kam, wie es kommen mußte. Den Anstoß zur polnischen Teilung gab Österreich, das die seit langem von Ungarn an Polen verpfändeten 13 Städte der Zips und im Sommer 1770 Teile des Karpatenlandes besetzte. Als Katharina II. mit dem Prinzen Heinrich von Preußen, der in diplomatischer Mission in Petersburg weilte, die Frage eines preußischen Gebietserwerbs erörterte, kam es schließlich zum ersten polnischen Teilungsvertrag von 1772 zwischen Rußland, Österreich und Preußen. Polen verlor durch die Teilung fast 30 Prozent seines Landes. Preußen erwarb mit Westpreußen (ohne Danzig und Thorn), Ermland und dem Kulmerland im wesentlichen Gebiete, die der Deutsche Orden im Zweiten Thorner Frieden an Polen abtreten mußte. An Österreich fiel mit dem Süden Kleinpolens das volkreichste Gebiet. Rußland schließlich annektierte mit rund 110.000 Quadratkilometern den größten Teil des Landes. Die Bevölkerung dieser ostwärts von Düna und Dnjepr gelegenen Gebiete war weder katholisch noch polnisch.

Die politische Ohnmacht des Staates wirkte auf die polnische Elite wie ein Schock. Die Hoffnung war jedoch da, daß es bei der Zusammenfassung aller patriotischen Kräfte gelingen könnte, die Selbständigkeit der Nation zu wahren, denn der Kern des Landes befand sich noch in eigener Hand. Die Reformbestrebungen gipfelten in der Verfassung vom 3. Mai 1791. Sie stellte den Polenstaat auf eine neue Grundlage, verwirklichte mindestens teilweise die Ideen der Aufklärung und schaffte vor allem das Liberum veto ab, das Einspruchsrecht einzelner gegen die Beschlüsse der Mehrheit des Abgeordnetenhauses. So lange Rußland infolge der Türkenkriege seine Truppen im Westen reduziert hatte, konnten die Reformen vorgenommen werden. Damit war es aber vorbei, als mit der Einschränkung ihrer Rechte unzufriedene Adelskreise sich an Rußland um Hilfe wandten. Preußens monarchisch-absolutistische Struktur gewann den polnischen Liberalisierungstendenzen ebenfalls keinen Gefallen ab. Beide Mächte schlossen 1793 einen Vertrag über die zweite Teilung Polens, das sonst vollständig den Russen zugefallen wäre.

Während Rußland den Rest von Weißrußland und der Ukraine erwarb, erhielt Preußen außer den beiden deutschen Städten Danzig und Thorn einen beträchtlichen Teil Großpolens mit Posen, Gnesen, Lodsch, Plock, Kujawien und einen Teil von Masowien, rund 60.000 Quadratkilometer mit 1,1 Millionen Einwohnern. Der polnische Reichstag (Sejm) ratifizierte unter dem Druck russischer Bajonette diese zweite Teilung. Dagegen opponierten die Patrioten unter Tadeus Kosciuszko, der am amerikanischen Befreiungskrieg teilgenommen und es dort bis zum General gebracht hatte. Gegen die verei-nigten Preußen und Russen hatte Kosciuszko aber keine Chance, die Polen mußten sich ergeben. Die drei Teilungsmächte beschlossen 1795 die endgültige Auflösung Polens, das für die nächsten 120 Jahre von der Landkarte verschwand. Zwei Drittel erhielt Rußland, das restliche Drittel teilten sich Preußen und Österreich.

Preußens Erwerb polnischen Gebiets - auch Warschau wurde preußisch - kann nur als ein Danaergeschenk betrachtet werden. Wenn jeder vierte Einwohner Pole war und Preußen zu 46 Prozent aus Neuerwerbungen bestand, lief das Königreich Gefahr, seinen deutschen Charakter zu verlieren. Die Erwerbung Kernpolens war sicher nicht das Ergebnis einer weitsichtigen Ostpolitik und ist wohl nur - sieht man von der damals noch vergleichsweise geringen Bedeutung, die der Nationalität und dem Nationalismus beigemessen wurde, ab - aus dem Zwang heraus zu verstehen, den russischen Westimperialismus zu stoppen. Besser wäre es gewesen, man hätte sein Augenmerk auf das Herzogtum Kurland gerichtet. Trotzdem ging man mit bewundernswürdigem Elan daran, das fremdstrukturierte Land der eigenen Verwaltung anzugliedern. Die preußische Regierung bildete aus den neuerworbenen Gebieten die Provinzen Südpreußen und Neuostpreußen. Man trieb keine Assimilierungspolitik, Fürsorge und Besserung der Lebensbedingungen hieß das vorrangige Ziel. Das preußische "Allgemeine Landrecht", basierend auf den natürlichen Grundrechten des Menschen, brachte den zum größten Teil noch leibeigenen Bauern ein Maß an Freiheit, wie sie es früher nicht kannten. Was an sozialen und kulturellen Fortschritten in den neuerworbenen Provinzen erzielt wurde, stellt ein Ruhmesblatt der preußischen Verwaltung dar.

Wenn auch die große Masse der polnischen Bevölkerung dem Verlust des Staates ziemlich gleichgültig gegenüberstand, so fand sich doch im Adel und in der Geistlichkeit eine nationale Elite, die zäh und kompromißlos an der Wiedergeburt Polens arbeitete. Überhaupt konnte nur dann mit einem Erfolg gerechnet werden, wenn die festgefügten Monarchien der Teilungsmächte ins Wanken gerieten. Dieser Zeitpunkt schien mit Napoleon Bonaparte heranzunahen. Das Jahr 1806 sah ihn auf der Höhe seiner Macht: Österreich war besiegt, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation aufgelöst, Preußen militärisch und politisch zusammengebrochen. Der Korse erklärte, die polnische Teilung nie anerkannt zu haben. Er rief zur Bildung von polnischen Freiwilligenverbänden auf, die er rück-sichtslos für seine Zwecke ausnützte. Polnische Legionäre kämpften auf vielen europäischen Kriegsschauplätzen an Frankreichs Seite. Einer ihrer Führer war Henryk Dabrowski, Sohn einer deutschen Mutter und zuvor Offizier in sächsischen Diensten. Napoleon soll zu ihm gesagt haben: "Ich werde zusehen, ob ihr es wert seid, eine Nation zu bilden." Die Legionäre, in deren Reihen das spätere Nationallied "Noch ist Polen nicht verloren" entstand, beteiligten sich auch an der französischen Belagerung Danzigs.

Der 1807 geschlossene Frieden von Tilsit vernichtete fast vollständig das Werk Friedrichs des Großen. Preußen verlor die neu erworbenen polnischen Gebiete mitsamt Warschau, behielt jedoch Westpreußen mit Ausnahme Thorns. Danzig wurde "Freistaat" unter starkem französischem Einfluß. Natürlich konnte der Franzosenkaiser alle polnischen Sympathien für sich buchen, besonders als er in Warschau die schöne Gräfin Maria Walewska kennenlernte. Beide wählten das Dohnasche Schloß zu Finckenstein in Westpreußen für einen mehrwöchigen Aufenthalt. Die Polen haben sich wohl mehr politische Erfolge von dieser Liaison erwartet; sie sahen sich getäuscht.

Napoleon, der zunächst einen friedlichen Ausgleich mit Rußland anstrebte und die Verhandlungen nicht mit der polnischen Frage belasten wollte, setzte auf der Basis der Tilsiter Verträge einen französisch-russischen Kompromiß durch. Ohne Hinzuziehung polnischer Vertreter bildete er aus den bisher preußischen Teilen das (Groß-)Herzogtum Warschau, sorgfältig vermied man hierbei den Namen "Polen".

Der Rheinbundfürst Friedrich August von Sachsen, erst vor einem Jahr von Napoleons Gnade zum König erhoben, wurde nun zum (Groß-)Herzog von Warschau bestellt. Nach französischem Vorbild schuf man eine neue Verfassung und verdoppelte das Heer. Doch die Zeiten waren zu unruhig, als daß sich ein (Groß-)Herzogtum Warschau ungestört hätte behaupten können. Polen setzte zu einseitig seine Hoffnungen auf Frankreich. Sank Napoleons Stern, dann mußte auch Polen in den Niedergang mit hineingerissen werden.

Fünf Jahre später war es soweit, 1812 brach der französisch-russische Gegensatz offen aus. In Warschau hatte inzwischen Fürst Poniatowski die Führung der Truppen übernommen, er konnte 120.000 polnische Soldaten in Napoleons Große Armee einbringen.

Letzten Endes entzündete sich an der Person des Korsen der deutsch-polnische Gegensatz. Sahen die Preußen in Napoleon ihren Verderber, den Mann, der Europa ins Unglück stürzte, und für dessen Fall sie ihre ganze Kraft einsetzten, dann meinten die Polen in ihm den Garanten einer ersehnten Unabhängigkeit zu erkennen. n

Der Verfasser, in Danzig geboren, ist emeritierter Universitätsprofessor der Chemie.

 

Trauma Polens: Die Aufteilung unter seinen Nachbarn (wie in dem hier von F. L. Nilson dargestellten Falle aus dem Jahre 1772 zwischen der russischen Zarin Katharina II. (links), dem preußischen König Friedrich dem Großen (rechts) und dem Kaiser aus dem Hause Habsburg Josef II. (Mitte rechts)