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06.04.02 / Der "Krebsgang" - Seelenschau eines zerrissenen Volkes

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. April 2002


Deutsche Tragödien: "Ist es möglich?"
Der "Krebsgang" - Seelenschau eines zerrissenen Volkes
Günter Grass' Gustloff-Roman "Im Krebsgang" wurde auf

Anhieb zum Bestseller. Das Trauma Vertreibung dringt durch die Medien wie seit Jahrzehnten nicht. Unser Autor geleitet durch die aufsehenerregende Novelle und findet bedrückende, zugleich jedoch entlarvende Blicke in den Abgrund eines verkrüppelten Zeitgeistes. Wir durchfahren das Schicksal von Menschen, die wie maskenhafte Prototypen den gescheiterten Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte verkörpern.

 

Nachdem der Fernseh-Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki das neue Buch von Günter Grass so überschwenglich gelobt hat und als Qualitätsbeweis anführte, daß sich bei der Lektüre sogar einige Tränen in sein Auge stahlen, geht man befangen an Günter Grass' Buch "Im Krebsgang" heran. Noch hat man den Widerhall des eher politisch zu wertenden Getöses im Ohr: Es sei eine Sensation, daß sich ein erklärtermaßen linker Schriftsteller mit einem Kapitel aus der schrecklichen Geschichte von Flucht und Ver- treibung der Deutschen aus dem Osten befaßt, und das nicht einmal in der ansonsten typischen Häme und Ihr-habt-selber-schuld-Attitüde, die ansonsten den Spätsiegern eigen ist, sondern sachlich und nicht ohne Mitgefühl.

Nun ist diese Betrachtungsweise kein Kriterium für die literarische Würdigung eines Autors, der zwar, seitdem er sich schriftstellerisch betätigt, kaum jemals unpolitisch war, und das stets parteilich. Eines Autors, der aber doch in erster Linie gewürdigt wurde, und das nicht nur durch die Verleihung des Literatur-Nobel-Preises, weil er die deutsche und damit die europäische Literatur bereichert hat.

Inzwischen weiß auch der literarisch Desinteressierte, daß Günter Grass in seiner Novelle "Im Krebsgang" den Untergang des KdF-Schiffes Wilhelm Gustloff am 30. Januar 1945 abhandelt. Tatsächlich stehen das Schiff und sein Untergang im Zentrum; die drum herum gruppierten Personen sind weitgehend Kunstfiguren, die kein Leben gewinnen wollen. Da ist der Erzähler Konrad Pokriefke, dessen Mutter als Hochschwangere auf der Wilhelm Gustloff war und genau zu der Stunde, als das mit Flüchtlingen, schwerverwundeten Soldaten, Nachrichtenhelferinnen und U-Boot-Fahrern vollbeladene Schiff, von drei sowjetischen Torpedos getroffen, kenterte und unterging, ihren Sohn gebar. Da ist eben diese Mutter, der der Autor zwar allerlei skurrile Züge zuschrieb, die aber trotzdem keine runde Figur abgeben will, weil alles etwas krampfig wirkt. Wie auch schon in anderen Büchern schreibt Grass seiner Tulla Pokriefke koboldhafte Charakterzüge zu und läßt sie zu einer Art kaschubischem Kauz werden, aber das genügt alles nicht. Es bleibt Papier.

Schließlich spielt da der Sohn des Konrad, also der Enkel der Tulla, eine entscheidende Rolle. Ein junger Mann, der unter dem Einfluß der Großmutter, die ihm immer wieder die Geschichte des Untergangs der Wilhelm Gustloff erzählt, zum Neonazi geworden ist. Der als hochintelligent bezeichnet wird und dem Grass trotzdem albernste und platteste Neonazisprüche in den Mund legt, die der ins Internet stellt - eben genau so, wie sich ein Linker einen Neonazi vorstellt.

Dieser durch seine Großmutter mit der Untergangsgeschichte Infizierte hat das Schiff und seinen Namensgeber, den in der Auslandsorganisation der NSDAP in der Schweiz tätig gewesene Wilhelm Gustloff, zu seiner fixen Idee gemacht. Der nun hat die ganze Geschichte ins Internet gestellt. Dort kommt ihm ein angeblicher Jude in die Quere, der ihn - wiederum im Internet - beschimpft, woraufhin er ihn erschießt. Dann stellt sich heraus, daß dieser angebliche Jude gar keiner ist, sondern der Sohn braver deutscher Eltern, der sich in die Judenrolle hineingesteigert hat. Wenn das nicht wie im richtigen Leben ist!

Dann versucht der Autor, die Lebensläufe des Gustloff-Attentäters namens David Frankfurter und des sowjetischen U-Boot-Kommandanten Marinesko, der die Gustloff versenkt hat, mit in die Handlung zu verweben. Aber auch das bringt nicht viel, weil Grass von ihnen offenbar wenig weiß. Ähnlich ergeht es dem in Schwerin geborenen Wilhelm Gustloff in Grass' "Krebsgang".

Die von Grass geschilderten Fakten über das Schiff und dessen Untergang übernimmt er ganz und gar aus den Büchern von Heinz Schön. Schön war als junger Zahlmeister an Bord der Gustloff und gehört zu den wenigen Überlebenden. Das Ereignis ließ ihn nicht los. Jahrzehntelang hat er Material über den Untergang gesammelt und mehrere Bücher darüber geschrieben, die für jenen, der sich über die damaligen Geschehnisse informieren will, ergiebiger sind als die Grass-Novelle. Schön ist der wirkliche Chronist.

Für Leser des Ostpreußenblattes ist das von Grass geschilderte Schicksal der Gustloff und der Flüchtlinge nicht neu. Nur Linke, die genau so gut hätten Bescheid wissen können, sich aber der Information verweigerten (wie sie es vielen historischen Ereignissen gegenüber tun), dürften überrascht sein über das, was sie aus Grass' Feder auf den Seiten seiner Novelle lesen.

Der Literaturbeflissene sucht in dem Buch vergebens nach einer Weiterentwicklung des Schriftstellers Grass. Ihre Bedeutung bezieht die Novelle allein aus der Tatsache, daß sich jemand aus der Clique der linken marktbeherrschenden Autoren des Themas der deutschen Flüchtlinge aus dem Osten annimmt. Wenn das Volk der Deutschen psychisch gesund wäre, müßte das, was den Deutschen im und nach dem Kriege widerfahren ist und was man sicherlich als singulär im Schicksal eines Volkes bezeichnen kann, schon längst im Mittelpunkt des schriftstellerischen Schaffens ernsthafter deutscher Autoren stehen. Fast alle Tonangebenden sind jedoch der Thematik sorgsam aus dem Wege gegangen und haben sich in ihrer Themenwahl angepaßt an das, was die Sieger und ihre Nachfahren wünschten. Und die Mediengewaltigen, die aus derselben Schule stammen, jubelten sie hoch.

So blieben denn die gewaltigen, traurigen, aber auch tragischen Ereignisse, die die Deutschen trafen, literarisch weitgehend unbearbeitet - etwa der Bombenkrieg oder Flucht und Vertreibung, aber in erster Linie das Erlebnis unserer Soldaten.

Es kommen in der Grass'schen Novelle einige verstreute interessante Bemerkungen vor. So läßt er jene skurrile Mutter Pokriefke sagen, sie werde eines Tages ihrem Enkel alles das erzählen, was sie beim Untergang der Wilhelm Gustloff erlebt hat. Und dann soll er es aufschreiben.

Grass weiter: "Aber ich wollte nicht. Mochte doch keiner was davon hören, hier im Westen nicht und im Osten schon gar nicht. Die Gustloff und ihre verfluchte Geschichte waren jahrzehntelang tabu, gesamtdeutsch sozusagen." Das ist nur zum Teil wahr. Tabu war die "verfluchte Geschichte" ausschließlich für die Linken, aber für den Autor gelten die Linken als das Ganze.

Als sich herausstellt, daß sich der Sohn des Erzählers immer weiter politisch nach rechts orientiert, heißt es in der Novelle: "Ist es möglich, daß sich jemand, der halbwegs linksliberal erzogen wurde, so weit nach rechts hin verirren kann?" Er gibt selbst die Antwort, als er von der fiktiven Mutter des angehenden Neonazis berichtet, sie sei ihrem Sohn mit "ihrem dauernden Auschwitz-Gerede auf die Nerven gegangen." Daß der Junge sich so geklammert hat an das Schicksal der Wilhelm Gustloff und der mit ihnen untergegangenen Flüchtlinge, deutet Grass als Vaterersatz. Eine bemerkenswerte Randnotiz! Will er damit sagen, daß die jahrzehntelange Unterdrückung der Verarbeitung deutschen Schicksals eines Tages zur Explosion führen könnte?

Die gewollte Blindheit vor dem grauenhaften Schicksal, das die Sieger den Deutschen bereiteten, läßt Grass deutlich werden in einem Satz, den er den Eltern jenes jungen Deutschen in den Mund legt, der sich "derart in den Sühnegedanken gesteigert hat, daß ihm schließlich alles Jüdische irgendwie heilig gewesen sei" und der daher vom Sohn des Erzählers als vorgeblicher Jude erschossen worden ist. Die Mutter des Jungen, der im Prozeß gegen den Mörder ihres Sohnes von der Gustloff und den Flüchtlingen zum ersten Mal erfährt, sagt: "Man wußte davon rein gar nichts. Selbst mein Mann nicht, dessen Hobby die Erforschung der jüngsten deutschen Geschichte ist. Auch ihm hat es an Wissen, was den Fall Gustloff betrifft, leider gefehlt, bis schließlich ..." Und der Leser ist geneigt, selber fortzufahren: "... bis schließlich die Deutschen die Fesseln verloren haben und sie endlich frei über alles reden konnten, was ihnen in der jüngsten Geschichte geschehen ist." Ob man das als Warnung von Günter Grass deuten soll an die politisch Korrekten, die die Deutschen systematisch dumm halten? Einige Sätze kann man als Bekenntnisse von Grass deuten, so wenn er den Erzähler, einen Journalisten, sagen läßt: "Ob in Springers Zeitungen oder bei der ‚taz' - stets habe ich nach vorgegebenem Text gesungen."

Günter Grass, diese Symbolfigur linker Literatur, hat als erster unter seinesgleichen das Tabu gebrochen, das über das Schicksal der Deutschen im und nach dem Zweiten Weltkrieg verhängt worden war. Ob dadurch die Schleusen geöffnet werden, um die ganze Geschichte der Deutschen zum Gegenstand unserer Literatur zu machen? Der Rezensent ist skeptisch. Die Fesseln, in die wir geschlagen sind, sind stark. Ein Nobelpreisträger kann sich den Tabubruch leisten. Die anderen könnten es zwar auch, aber der Preis, den sie dafür zu zahlen hätten, wäre hoch.

Einige Autoren haben es trotzdem bereits getan. Man denke an Walter Kempowski oder Arno Surminski. Ihnen gebührt in erster Linie die Anerkennung. n

Günter Grass, Im Krebsgang, 216 S., geb., Steidl Verlag, Göttingen 2002, 18 Euro

 

"Man wußte davon rein gar nichts" - aber wollte man denn überhaupt? Verstörte Jungnazis, falsche Juden oder ahnungslose Vergangenheitsbewältiger. Grass läßt kein Klischee aus Bild: Steidl Verlag