15.04.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
06.04.02 / Gedanken zur Zeit: Hamburger Köpenickiade

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. April 2002


Gedanken zur Zeit: Hamburger Köpenickiade
von Hans-Joachim v. Leesen

Bald ist es 96 Jahre her, seitdem sich der arbeitslose und mehrfach vorbestrafte Schuster Wilhelm Voigt beim Trödler eine alte preußische Hauptmannsuniform kaufte, eine Handvoll Soldaten unter sein Kommando brachte und mit ihnen das Köpenicker Rathaus besetzte. Er verhaftete den Bürgermeister der Stadt Köpenick und ließ sich die Stadtkasse übergeben. Alle erstarrten vor Ehrfurcht vor der Uniform, niemand prüfte die Echtheit des Hauptmanns, und die Welt lachte.

Carl Zuckmayer schrieb über den Hauptmann von Köpenick ein "Deutsches Märchen". Aus dem Kriminellen, dem es um den Griff in die Kasse ging, machte er ein Opfer der sozialen Verhältnisse, dem es lediglich um die Ausstellung eines Passes gegangen sein soll. Schuster Voigt hatte begriffen, daß Kleider Leute machen - keine ganz neue Erkenntnis. Bei Zuckmayer formulierte es der Trödler Krakauer so: "Wenn die Uniform kennt allein spazierengehen, ohne daß einer drinsteckt - ich sag Ihnen, jeder wird Se grießen."

Als der falsche Hauptmann ins Köpenicker Rathaus eindringt und unter Hinweis auf seinen Dienstgrad die Kasse verlangt, fragt die Frau des Bürgermeisters Obermüller: "Was ist denn das für ein Hauptmann?" Darauf einer der begleitenden Soldaten: "Weiß ich nich." Frau Obermüller: "Ja, was hat er denn für eine Legitimation vorgezeigt?" Der Bürgermeister Obermüller: "Legitimation? Ja, gar keine. Er ist doch Hauptmann."

Und Wilhelm Voigt, als er sich der Polizei gestellt hat: "Ick hab mir de Uniform angezogen - und denn hab ick mir 'n Befehl jegeben - und denn bin ick losjezogen und hab'n ausjeführt ... Na, det weiß doch 'n Kind, daß man bei uns mit'n Militär allens machen kann. Det hab ick immer jewußt."

Die Schüler lernen bis heute in den Gymnasien, daß bei Preußens nicht der Mensch galt, sondern sein durch die Uniform ausgewiesenes Amt. So wie damals 1906 das Berliner Tageblatt unter der Überschrift "Fetischuniform" schrieb: "Vor der Uniform liegen alle auf dem Bauch, die sogenannte ‚Gesellschaft', das Bürgertum und die Masse des Volkes auch ... Wer die Uniform trägt, der siegt, nicht weil er besser oder klüger oder weitsichtiger wäre als die anderen, sondern weil er uniformiert ist."

Und Schüler samt Lehrer, ja alle Ewigheutigen werfen sich in die Brust und sind stolz darauf, wie weit wir mündigen demokratischen Bürger es gebracht haben. Heute könnte dergleichen doch nicht geschehen!

Wirklich nicht?

Da tauchte in Hamburg ein stattlicher älterer Herr auf, der gelegentlich auch die Uniform eines Obersts der US-Army trug, stets aber, ob in Zivil oder Uniform, mit zahlreichen amerikanischen Orden behängt war. Henry C. Randmark nannte er sich und gab vor, er sei Absolvent der amerikanischen Elite-Militärakademie Westpoint, habe in Vietnam gedient und sei mit vielen US-Tapferkeitsauszeichnungen dekoriert. Die Schickeria, die über deutsche Tapferkeitsauszeichnungen nur die Nase rümpft, öffnete dem tapferen US-Offizier ihre Türen. Er avancierte zum Präsidenten der Hamburg-Sektion des American-German Business Clubs, wurde auf Partys herumgereicht, sogar eingeladen zu einer Veranstaltung des US-Konsulats in der Hansestadt, und selbst beim Festessen des Hamburger Senats, dem mehr als 700 Jahre alten Matthiae-Mal, im Rathaus, imponierte er mit seinen amerikanischen Orden am Revers. Auch daß er der Sohn einer Gräfin Porohoff sei, wurde ihm, dem smarten amerikanischen Offizier, abgenommen, obwohl kein einziges einschlägiges Werk eine solche Adelsfamilie ausweist. Der Glanz der US-Uniform hatte alle geblendet.

Das ging so lange gut, bis es einem cleveren Redakteur einer Hamburger Boulevardzeitung spanisch vorkam. Seine Rückfrage im amerikanischen Verteidigungsministerium ergab, daß es einen US-Obersten Randmark nicht gibt. Auch die Orden waren dem falschen Obersten nie verliehen worden, und in der Militärakademie Westpoint war er auch nicht gewesen.

In die Enge getrieben, gab Randmark zu, er besitze eine Gebäudereinigungsfirma, aber damit habe er bei der Hamburger feinen Gesellschaft keinen Eindruck machen können. Was lag da näher, als sich in eine amerikanische Uniform zu kleiden, vor der in Deutschland jedermann stramm steht? So wurde der "Oberst von Hamburg" geboren.

Ganz schnell ist Carl Zuckmayers "Deutsches Märchen" zu aktualisieren. Lasse man doch Wilhelm Voigt einfach sagen: Na, det weiß doch'n Kind, daß man bei uns in Deutschland mitn amerikanischen Militär allens machen kann." Und Bürgermeister Obermüller würde jetzt sagen: "So ne amerikanische Uniform hebt entschieden - es geht ein gewisser Zauber von ihr aus." Der Gardehauptmann von Schlettow: "In ner amerikanischen Uniform, da macht man Figur, das gibt'n kolossalen Halt, da ist man 'n ganz anderer Kerl."

Kaum zu verändern ist, was im dritten Akt von Zuckmayers Stück ein Chauffeur sagt: "Der US-Oberst von Hamburg, des ist noch nicht dajewesen, da platzt dich der Kragen mitsamt de Krawatte, da laust dir der Affe, Mensch, bis de Haare wech sind! Nee, nee, ick hab in Leben nicht mehr so jelacht!"

Ob es allerdings ein Fortschritt ist, daß die Deutschen nun nicht mehr wie zu Kaisers Zeiten vor einer deutschen Uniform erstarren, sondern vor einer amerikanischen, das müßte noch geklärt werden.