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06.04.02 / Mit der Eisenbahn durchs nördliche Ostpreußen - einmal von Königsberg nach Tilsit und zurück

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. April 2002


Mit der Eisenbahn durchs nördliche Ostpreußen - einmal von Königsberg nach Tilsit und zurück
Abenteuer auf Schienen

Peer Schmidt-Walther, Chefredakteur der Zeitschrift "kreuzfahrt magazin", beschreibt in seinem Gastbeitrag die Überraschungen, die er bei einer Fahrt von Königsberg nach Tilsit und retour als "normaler" Reisender auf der Hinfahrt und als Gast des Lokomotiv-Führers auf dem Führerstand der abgebildeten Diesel-Lok "2 M 62" (rechts) während der Rückfahrt erlebte ...

 Was, ihr wollt auf eigene Faust per Bahn quer durch Ostpreußen bis an die litauische Grenze und zurück, und das an einem Tag? Na, da könnt ihr Euch auf was gefaßt machen", versuchen uns die meist schon älteren Mitreisenden bange zu machen. Mitleidige Blicke begleiten uns, als wir am Königsberger Hauptbahnhof den bequemen Rundfahrtbus verlassen.

Also hinein ins quirlige Bahnhofsleben! Zig Tafeln in Kyril-lisch an den Wänden, zig Schalter ringsum. Da stehen wir inmitten der Menschenbrandung und sind etwas ratlos. Bis ein junger Russe sich unser annimmt. Mit ein paar Brocken Russisch machen wir ihm klar, daß wir nach Insterburg (Tschernachowsk) wollen. Die Dame hinter dem Schalter zuckt gelangweilt mit den Schultern und zeigt per Daumen zur Kollegin nebenan. Die reagiert normal und verkauft uns zwei Pappkärtchen.

Schon eine hal- be Stunde vor der fahrplanmäßigen Abfahrt füllt sich der Bahnsteig 4. Die Hallenuhr rückt unaufhaltsam weiter. "Verdächtig", daß es sich manche Reisenden auf ihrem Gepäck bequem machen, ja sogar die Schuhe ausziehen. Auf den Nebengleisen rollen Vorortzüge herein und heraus. Der 22-Wagen-Expreß nach Charkow in der Ukraine ist gerammelt voll.

11.25 Uhr durch, doch kein Zug in Sicht. Eine einsame Lok dröhnt durch die Halle. Nirgends eine Bank, so daß man sich die Beine in den Bauch steht. Unter den Reisenden keinerlei Anzeichen von Unmut oder Unruhe, selbst nach einer weiteren halben Stunde nicht. Endlich, um 12.15 Uhr schaukelt ein ehemals roter Dieseltriebwagen heran. Die Fenster dermaßen verdreckt, beschmiert und zerkratzt, daß unsere Ausblickshoffnungen dahinschwinden. Wir ergattern gerade noch zwei Plätze - in der Holzklasse. Es gibt auch nichts anderes. Machorka-Wolken nebeln uns ein. Beängstigend schlingernd setzt sich der Zug in Bewegung. Draußen bis jetzt noch grau in grau: abgestellte Güterwaggons, heruntergewirtschaftete Industrieanlagen, Schrottberge - wir verpassen nicht viel. Zum Stadtrand hin gewinnt Grün die Oberhand. Schier endlose Weiden mit wenig Vieh, dazwischen Mischwald, ein paar Felder.

Alle paar Kilometer Halt. Bei Tapiau (Gvardejsk) schlängelt sich der Pregel links von uns durch die satte Niederung. Die Aussteigenden sind mit Taschen und Netzen behängt: "Jagdbeute" aus langem Schlangestehen in Königsberg. Hier auf dem flachen Land kann man erst recht nichts kaufen. Die Bahn als Überlebenshilfe.

In Wellen zeigen viele Gebäude noch ihr deutsches Gesicht, auch die Gutshöfe an der Strecke mit ihren typischen Herrenhäusern. Ihr Zustand allerdings ist erbärmlich. Viele Menschen seien zwangsweise aus Rußland hierher umgesiedelt worden und hätten daher auch kein Interesse an dem für sie fremden Land, das nicht ihre Heimat sei, erklärt später jemand diese Zustände.

Der hintere Maschinenraum ist zugänglich. Wir sehen uns darin um, treten aber bald den Rück-zug an. Alle Armaturen und Hebel sind ölverklebt. Als ich ein menschliches Bedürfnis verspüre, suche ich vergebens die Toilette. Nirgendwo in diesem Zug ist eine ausfindig zu machen. Die Rettung naht in Gestalt einer schief in den Angeln hängenden Eingangstür. Sie läßt einen breiten Spalt frei. Was bleibt mir anderes übrig, als "hindurchzuzielen". Der Strahl knickt fahrtwindbedingt ab - und ich bin erleichtert. Eine völlig neue Bahn-Abort-Erfahrung. Man muß sich nur zu helfen wissen.

Nach über drei Stunden kommt Insterburg in Sicht: die alte Back-steinkirche mit dem schlanken Turm, der Bahnhof aus Reichsbahn-Zeiten.

Hier beschäftigt uns nur eine einzige Frage: Wann ist Anschluß nach Tilsit? In zehn Minuten soll's sein, wenn man dem Mann Glauben schenken kann, der mit dem Zeigefinger auf seiner Armbanduhr kreist und uns dabei Wodkadünste ins Gesicht haucht. Diese Zeitspanne reicht gerade zum Fahrkartenkauf. Das klappt hier auf Anhieb. Also bleiben wir, egal was kommt. Außerdem ist der abfahrbereite Zug zurück nach Königsberg bereits proppenvoll. Alkoholisierte Soldaten besetzen einen ganzen Waggon und krakeelen dazu lauthals. Nicht sehr einladend.

Wieder verstreichen die Minuten zuglos. Dafür bullern um so mehr alleinfahrende Dieselloks durch den Bahnhof, untermalt vom Düsenlärm modernster Schwenkflügelbomber, deren Flugplatz in der Nähe liegt. Aber dann staunen wir wirklich: Vom Führerstand klettert eine Frau mit prall gefüllten Taschen herunter. Per Küßchen verabschiedet sie sich vom jungen Maschinisten. Unglaublich, aber wahr: Eine Einkaufsfahrt per Lok!

Gegenüber schwingt sich eine "Babuschka" über das Absperrgitter zwischen Empfangsgebäude und Bahnsteigunterführung. Ihre "Kugel-Akrobatik" und entblößte rosa Unterhosen reizen die Umstehenden zum Lachen. Mit einem Strauß Gladiolen stürmt sie über die Schienen hin zu einer Lok. Der Meister nimmt sie lachend entgegen, quittiert von einem kurzen Signalton. Nicht genug damit. Die Alte lacht, singt und tanzt barfuß auf dem Bahnsteig - wie ein Derwisch. Wodka trinkende junge Burschen umringen sie und klatschen rhythmisch dazu.

Langsam befallen uns Zweifel, ob denn überhaupt noch ein Zug nach Tilsit fährt. Wir haben Glück, denn im Bahnpostamt sitzt eine freundliche Dame, die des Deutschen mächtig und anscheinend zuverlässig ist. Um 16.35 Uhr soll's soweit sein. Wir atmen erleichtert auf. Es reicht noch für einen kurzen Gang in die Stadt, um Reiseproviant einzukaufen. Im "Produkti-Magasin" erstehen wir ein paar trockene Kuchenkringel. Um zu zeigen, wie hart sie sind, schleudert die Verkäuferin sie samt Tüte mehrfach auf den Tresen. Egal, wir sind hungrig.

Am Bahnsteig jetzt ein Sieben-Wagen-Zug, Farbe dunkelgrün mit gelben Streifen. Hersteller: VEB Waggonbau Ammendorf bei Halle. "Unser" Zug! Transsib-Erinnerungen werden wach beim Anblick der kombinierten Sitz- und Liegeabteile. Es stinkt ätzend nach Urin, anscheinend aus der undichten Toilette hinter uns (deshalb ist das Abteil wohl auch frei geblieben). Der Appetit auf russischen Trockenkuchen vergeht uns schlagartig. Ein paar Kilometer verläuft die Strecke nach Osten auf Gumbinnen (Gusev) zu, dann schwenkt sie nach Norden. Eingleisig schaukeln wir durch die fast menschenleere Landschaft, die von Grün in allen Schattierungen beherrscht wird. Immer wieder quietschen die Bremsen mitten im tiefsten Wald. Gerade mal ein Wagen hält vor den 25-Meter-Mini-Bahnsteigen aus Holz, der "Rest-Zug" steht auf freier Strecke. Dichtgedrängt warten Menschen mit Eimern, Körben und umgeschnallten Rucksäcken. Allesamt Pilzsammler. Die Ernährungslage zwingt sie dazu, natürlich auch die Hoffnung auf einen bescheidenen Verdienst. Wir sehen Steinpilze in Rekordgröße, Pfifferlinge, Maronen und Butterpilze in rauhen Mengen.

Nach eineinhalb Stunden Fahrtzeit und etwa 55 Kilometern Strecke läuft der Zug in Tilsit ein. Der alte deutsche Bahnhof ist noch intakt und in gutem Zustand. Ein paar hundert Meter weiter fließt die Memel, der Grenzfluß zum litauisch verwalteten Memelland. Und wieder haben wir Fahrplan-Glück, denn unser Zug soll uns weiter nach Königsberg bringen.

In Bahnhofsnähe leuchtet Backsteinrot: preußische Kasernen lassen grüßen. Auf dem Markt kein "Tilsiter Käse", sondern nur Gemüse zu horrenden Preisen. Wir gönnen uns ein Kilochen Tomaten.

Um 18.15 Uhr soll laut Fahrplan Abfahrt sein. Mal sehen ...

Wieder ist der Zug gerammelt voll - Deutsche-Bahn-Träume könnten hier wahr werden. Für uns allerdings nicht gerade ein Grund zur Freude. Doch Ideen muß man haben. Es lockt die Lok, und schon lachen uns Meister und Beimann einladend an. "Kaliningrad?" frage ich und zeige abwechselnd auf uns und den Führerstand. "Da, da, pascholsta", heißt "ja, bitte". Wolodja, so stellt sich der Lokführer vor, und sein "Heizer" Andrej räumen schnell ihren Arbeitsplatz auf, um für uns Platz zu schaffen. Dann stehen wir oben auf dem Führerstand der mächtigen Doppelmaschine. Begrüßung per Handschlag: "Strastwuitje, dobro poschalowatij!" "Hallo und willkommen!". Daß die Armaturen abgegriffen sind und fast provisorisch aussehen, gar aus ihrer Halterung nach unten gerutscht sind, stört uns wenig, auch nicht der zerfetzte Sitz mit defekter Rückenlehne. Allerdings wäre ein "Blaumann" die passendere Bekleidung gewesen, denn Öl- flecken lauern überall.

Die Ausfahrt "steht". Pünktlich wie schon in Insterburg zieht die schwere 2 M 62-Lok an. Der gelbgestrichene Bahnhof verschwindet in schwarzen Dieselwolken - eine Dampflok hätte es sicher ebenso gemacht. Über zig Weichen schlängeln wir uns aus Tilsit, wiederum auf historischen Gleisen. Es ist schon seltsam, dieses Gefühlsgemisch, das uns dabei beschleicht.

Auf gerader Strecke holt Wolodja alles aus den Dieseln raus. Der Tacho pendelt bis 115 Stundenkilometer, und die Lok fängt beängstigend zu schlingern an. Seefahrt zu Lande ... Des Meisters Augen leuchten bei dieser "Testfahrt". Zwischendurch immer wieder Abbremsen mitten im Wald. Pilzsammler entern auch hier den Zug.

Bei Heinrichswalde eine Schafherde auf den Gleisen. Das trompetengroße Horn dröhnt zur Warnung. Runter mit der Fahrt!

An den Fassaden mancher verschlafener Landbahnhöfe schimmern zu unserem Erstaunen noch die deutschen Stationsnamen durch wie: Wilhelmsbruch, Kreuzingen, Neuendorf.

Bei Friedrichsmühle und Labiau kreuzen sich Bahnstrecke und Reichsstraße 126. Kurz ist der Blick in den Alleetunnel auf die schicksalsträchtige Treckroute nach Süden.

Beim Überqueren der Deime nähern wir uns bis auf ein paar Kilometer dem Kurischen Haff.

Schier endlos und menschenleer erscheint auch hier das Ostpreußen-Land. Regen peitscht gegen die Stirn der Lok, die unermüdlich Kurs auf Königsberg hält. Das sich verdichtende Vorsignalsystem zeigt die näherkommende Oblast-Hauptstadt an. Wolodja quittiert das jedes-mal durch einen mechanischen Leuchtknopf.

In den Vorortbahnhöfen strömen die Menschen aus dem Zug, beladen mit Hamster- und Sammelgut aus der Umgebung. Nachkriegsassoziationen werden wach.

Der große Stirnscheinwerfer beleuchtet die Strecke ein paar hundert Meter voraus. So bleibt immer noch eine gewisse Bremsfrist bei unerwartet auftauchenden Hindernissen.

Der Zug poltert auf der alten Reichsbahnbrücke über den Pregel: links weiße Binnenfahrgastschiffe, zu Hotels umfunktioniert, rechts rostende Fischfabrikschiffe, alle noch aus DDR-Werften. Der Dom mit dem Grab des Philosophen Immanuel Kant läßt sich im Dunkeln nur erahnen.

Nach etwa 150 Kilometern und zweieinhalb Stunden Fahrtzeit rollt unser "Tilsit-Express" in den Hauptbahnhof ein. Die beiden freundlichen russischen Eisenbahner werden für ihr unbürokratisches Entgegenkommen mit je einem 10-Euro-Schein belohnt.

Die Lok koppelt ab, und bald sehen wir ihre roten Schlußleuchten im Lichtergewirr des Bahnhofvorfeldes verschwinden. 300 erlebnisreiche Eisenbahnkilometer auf geschichtsträchtigen Strecken liegen hinter uns. Der Signalhorn-Abschiedsgruß für uns dröhnt langgezogen über Stadt und Hafen.