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06.04.02 / Orient und Abendland

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. April 2002


Orient und Abendland
Vom zwiespältigen Verhältnis zweier Kulturen

Der ominöse "11. September" wirft die Frage, ob der Islam die westliche Kultur bedroht, erneut in ganzer Schärfe auf. Dieses Problem bewegt Europa, wenn auch in unterschiedlich starker Ausprägung, bereits seit etwa 1200 Jahren. Wer die Zukunft bewältigen möchte, kommt an der Vergangenheit nicht vorbei.

Hans Leicht, Orientalist und Historiker, beschreibt in "Sturmwind über dem Abendland" das Geflecht der Beziehungen zwischen Europa und dem Islam im Mittelalter: Sein gut geschriebenes Buch ist primär an historisch interessierte Laien gerichtet und soll, wie es in "1001 Nacht" heißt, "die Geschichte der Alten zum warnenden Beispiel für die späteren Geschlechter" machen.

Der Autor erörtert den Zeit-raum zwischen dem 7. und 13. Jahrhundert, also jene Epoche, in der beide Kulturen massiv zusammenprallten. Die hoch entwickelten Araber hat der Westen oft unterschätzt. "Ex oriente lux" - schon das klassische Griechenland setzte fundamentale Kulturwerke des alten Orients fort, und die frühmittelalterliche arabische Welt, weit fortgeschrittener als das Frankenreich, versorgte Europa mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, welche die Basis späterer technischer Revolutionen legten. Gleichzeitig wollten jedoch die Araber das gesamte Abendland der Herrschaft des Kalifats unterwerfen.

Nach dem Tode Mohammeds im Jahre 632 stießen arabische Nomaden und Wüstenbewohner explosionsartig in alle Himmelsrichtungen vor, so daß der Terminus "Sturmwind" ohne weiteres zutrifft. Angefeuert durch religiöse Inbrunst, Macht und Raubgier, eroberten sie binnen weniger Generationen ein Imperium, das vom Atlantik bis Indien reichte. Ihr Hauptgegner war zunächst das byzantinische Reich, das den christlichen Glauben nicht aufgab, und dann Spanien, wo sie im 8. Jahrhundert triumphierten. Moslemische Truppen marschierten ins Herz des Frankenreiches; erst Karl Martell schlug sie 732 bei Tours und Poitiers. Dennoch beschattete die grüne Fahne des Propheten das Mittelmeer und Süditalien.

Der Kalif Harun al Raschid, ein Zeitgenosse Karls des Großen, brachte letzten Glanz. Bald traf die Araber das gleiche harte Schicksal wie viele andere Großreiche, denn Teilgebiete sonderten sich ab, die Invasoren zum Opfer fielen.

Im mittelalterlichen Spanien, das die Christen langsam zurückeroberten, verquickten sich Abendland und Orient besonders eng. Viele arabische Texte, vor allem astronomische, wurden übersetzt. Noch Kepler und Galilei nutzten sie. Allerdings zerstörten spanische Christen seit dem 15. Jahrhundert unzählige moslemische Kulturgüter, und die Kreuzzüge endeten in einem Meer von Blut und Elend.

Obwohl Leicht islamische und europäische Denkweisen, etwa bezüglich des Verhältnisses politischer Herrschaft zur Religion, nicht systematisch analysiert, erhält der Leser wichtige Informationen. Solange der Islam und Europa friedlich miteinander verkehrten und fremde Kulturwerte respektierten, bereicherten sie sich wechselseitig. Rolf Helfert

Hans Leicht, "Sturmwind über dem Abendland. Europa und der Islam im Mittelalter", VMA-Verlag, Wiesbaden 2002, 269 Seiten, 12 Euro

Granada: Mitten im christlichen Spanien steht einer der bedeutendsten und prächtigsten islamischen Schloßbauten. Die Alhambra wurde im 13. und 14. Jahrhunderts errichtet und ist ein Symbol für die Herrschaft der Nasriden in Europa.