15.04.2024

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06.04.02 / Zum 85. Geburtstag von Johannes Bobrowski aus Tilsit

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. April 2002


Höchste Lieb - tiefstes Leid
Zum 85. Geburtstag von Johannes Bobrowski aus Tilsit

Durch den Krieg begegneten wir uns. Wir waren betroffen von den Zerstörungen und dem Leid, der Vernichtung, der wir gegenüberstanden. Als junger Reserveoffizier wurde ich im Fernmeldedienst des Stabes der 16. Armee im Ilmenseegebiet südlich des heutigen Petersburg eingesetzt. Dort arbeitete als Stabsgefreiter im Fernsprech-/Fernmeldedienst Johannes Bobrowski, geboren am 9. April 1917 in Tilsit. Er wirkte unauffällig, pflichtgemäß, ohne militärischen Ehrgeiz und als guter Kamerad. Die Front lag nicht in unmittelbarer Nähe. So merkte ich bald, daß er in knappen Freistunden einen kleinen Kameradenkreis um sich sammelte, denen er dann seine neuesten Gedichte vortrug. Wenn es ging, gesellte ich mich zu ihnen. Das weite russische Land, die ehrwürdigen Kirchen, die weithin klassizistisch beeinflußten Holzhäuser beeindruckten uns wie die dortige, eigenartige Kultur.

Jetzt schauten wir gebannt auf die uralte Stadt Nowgorod am Ilmensee mit ihrem Kreml, Kirchen, Klöstern und Mauern, die, 1941 noch einigermaßen erhalten, nach und nach in Trümmer fielen. Johannes Bobrowski schrieb zwei Nowgorod-Zyklen 1941 und 1943 - (Reclam): "Anruf ... Hoch überm See die schweigende Nowgorod ... und doch ist ein Frieden bereitet in der Zerstörung. - Den aber nennen! ... Noch stehen Türme, die ihrer Kuppeln Last, zerbrochenen Kronen gleich, aus der Trümmer Leid aufheben, doch fügt der Himmel nur das zertretene Bild zusammen." Als dichterisches Zeugnis liest man in "Johannes Bobrowski. Gesammelte Werke" (Bd. I, DVA, Hrsg. Eberhard Haufe) "Kreml": "Kein Weg des Todes, den du geschritten nicht ... Doch wer die tausend Tode wie du empfing und nicht in Klag auftönt aus geborstnem Mund, der kann nicht sterblich sein, der hält noch in einem Mauerstück hoch das Große." Und als weiterer Trost, wie er über ein Kruzifix meditiert (Fassung in einer Komposition 1962): "Steinkreuz: Dem, den Du trägst sind Erd und Himmel klein. ER reißt sie sterbend in SEIN Herz hinein. - Und ich erfahr im Anblick eines Steines, wie höchste Lieb und tiefstes Leid sind eines!"

Diese Hinwendungen zu dem unendlichen Gott werden verständlicher, wenn man bedenkt, daß Johannes Bobrowski in Schülerbibelkreisen der "Bekennenden Kirche" Königsberg aktiv war. Über Königsberg schickte er mir einen handschriftlichen Zyklus aus seiner Jugend: "Der Dom". "Die deinen Grund ausmaßen und den Stein bereiteten, die dachten steile Bögen und starke Mauern und der Säulen Reih'n, darüber die Gewölbe, so als flögen sie auf, Gesängen gleich, der Fenster Schein aus Rot und Gold und einsamer, allein den Turm sehr hoch ..." Man merkte schon hier sein fundiertes Wissen und besonders sein künstlerisches Einfühlungsvermögen! Er studierte 1941/42 - mehr war im Krieg nicht möglich - Kunstgeschichte in Berlin und bildete sich mit großer innerer Beteiligung laufend weiter, las ungeheuer viel und gezielt!

Sein Freundeskreis am Ilmensee hatte offensichtlich seine hohen schöpferischen Gaben erkannt. Ich erinnere mich an den katholischen Theologiestudenten Meinhard, den Buchhändler Alfons Monecke aus Ruhmspringe, der nach dem Krieg einmal mit mir Familie Bobrowski in Berlin besuchen konnte, und den Juristen Dr. Scheiff aus Köln. Wir konnten sogar in ruhiger Zeit im Sinn der Truppenbetreuung einen literarischen Nachmittag für die Dienstfreien der Armeefunk-Kompanie, die ich gerade zu leiten hatte, durchführen. Wir waren begeistert, daß anscheinend auch die damals sehr geschätzte Dichterin Ina Seidel so von Bobrowski angesprochen war, daß sie den Nowgorod-Zyklus veröffentlichte! Es kamen dann die anstrengenden, zum Teil kritischen Rück-züge bis ins Baltikum, die dortigen Soldatenfriedhöfe zeugen von den Opfern! Als ich Bobrow-ski einmal total übermüdet und verlaust wiedertraf, war ich erstaunt, daß er selbst da - vielleicht ein Vorgang zur inneren Erholung - den Blick für ver- bliebene Schönheiten und Besonderheiten nicht verloren hatte.

Da ich dann als Nachrichtenverbindungsoffizier zu einem Infanterieregiment verwendet wurde, wo ich auch verwundet wur- de, trafen wir uns erst lange nach dem Krieg wieder, nachdem wir ziemlich schwach aus sowje-tischer Gefangenschaft zurück-kehren konnten.

Wie die Verbindung mit ihm und seiner Familie in Berlin-Fried- richshagen zustandekam, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls schick-te er mir wertvolle handschriftliche Gedichtsammlungen von sich, wenn wir auch wenig Zeit hatten. So schrieb er mir mal: "Hab von Herzen Dank für Deinen Brief und für die guten Gedanken, mit denen Du unsere Freundschaft, aus der ja meine Poeterei nicht herauslösbar wäre, seit je getragen hast ... und es ist noch immer so in Deinen Briefen: direkt, ohne Umschweife ..."

Es war wie ein großes Geschenk, daß er sich als Verlagslektor in Ost-Berlin weithin unbelästigt einrichten konnte, sich politisch kaum vereinnahmen ließ und trotz seiner vielen Arbeit sein großes literarisches Werk voranbringen konnte. Bei Gelegenheit einer Komponistentagung (Jugendmusik) in West-Berlin fuhren wir über die Grenze. Die Kolleginnen und Kollegen wollten Jugendmusikkomponisten in der DDR illegal treffen. Ich hatte im Mantel eine Einladung zur Komponistentagung vergessen, die mir bei der Grenzkontrolle die Verhaftung, den Abtransport durch drei Grenzer und viele Verhöre einbrachte: "Was wollen Sie hier?" Ich wies auf das reiche kulturelle Angebot in der DDR ständig neu hin und daß ich Johannes Bobrowski und seine Familie besuchen wolle. Nach Stunden kam ich in Friedrichshagen an. Groß war die Freude auch in der Familie, die ich erst da kennenlernte. Ich war tief beeindruckt von dem Wiedersehen, dem Dichterzimmer und dem Gedankenaustausch, aber noch so geduckt von den Verhören, daß ich nicht mehr viel auf seinem schönen Klavichord im Bach-Stil spielen mochte. Bobrowski brachte mich - natürlich zu Fuß - zum Bahnhof, damit ich fristgerecht die DDR verlassen konnte.

Es begannen für ihn die internationalen Literaturpreisverleihungen, etwa in Österreich. Zur Versuchung, bei solcher Gelegenheit im Westen zu bleiben, meinte er: "Hier bin ich hingestellt, hier bleibe und wirke ich!" In diesem Sinn auch sein Gedicht: "Sprache ... Der Baum größer als die Nacht mit dem Atem der Talseen mit dem Geflüster über der Stille. Die Steine unter dem Fuß die leuchtenden Adern lange im Staub für ewig Sprache, abgehetzt mit dem müden Mund auf dem endlosen Weg zum Hause des Nachbarn." (Reclam, Gedichte, S. 98). - Erschüttert waren wir von seinem frühen Tod am 2. September 1965 in Berlin. Noch nicht lange waren seine tiefsinnigen Romane "Levins Mühle" und "Litauische Claviere" erschienen. Literaten, Historiker, Jugend, aufgeschlossene Mitmenschen erleben sein Werk als dichterisches Zeitzeugnis aus jenem Grenzgebiet Ostpreußen, Litauen, Polen im Zusammenleben auch mit der Judenheit, dem vergehenden Wesen jener Landschaften, Dörfer, Kulturen, Menschen, Schicksale. In diesem Sinn hat das Werk Bobrowskis Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung auch für die Jugend. Zusammenhänge werden deutlich! Darum erscheint es als gut und folgerichtig, daß im Jahr 2000 in Berlin eine Johannes Bobrowski-Gesellschaft gegründet wurde und daß weit verstreut - besonders erfreulich auch in Schulen - seine Werke gelesen, bedacht, diskutiert werden! Ebenso, daß seine Werke erschienen sind, so die Gesamtausgabe in der Deutschen Verlagsanstalt, Herausgeber Dr. Eberhard Haufe. "Levins Mühle" erlebte ich auch genial verfilmt. Auf Schallplatten und Kassetten hört man seine Stimme. Viele Texte sind sensibel vertont, etwa von Bräutigam, Deckner, Jäger, Graap, Volkonsky und anderen. Sie werden dadurch auch uns Heutigen nahegebracht! Eberhard Jäger